Die Familienbande zerschlagen! |
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| Die Mythen der Okzitaner: Die im Schnee Versunkene (L’engloutie) | ||
| (Foto: Take Shelter · Louise Hémon) | ||
Von Dunja Bialas
Quer durch Europa führt das Programm des Festivals Crossing Europe in Linz. Die Öffnung der beschaulichen Keplerstadt an der Donau auf den großen europäischen Raum fühlt sich in dieser kleinen, zufriedenen Stadt tatsächlich ungewohnt an. In den Metropolen, in Wien, Berlin, Paris, würden die Filme aus ganz Europa kaum auffallen. Wenige Wochen nach der Diagonale in Graz, dem Festival für den österreichischen Film, erhalten in Linz internationale Produktionen, die in den beiden Wettbewerben in Österreich-Premiere zu sehen sind, mit 14.000 Besuchern große Aufmerksamkeit. Crossing Europe ist damit ein wichtiger Termin für alle Filmschaffenden und Kinointeressierten im Frühjahr, bevor im Herbst die Viennale mit den aktuellen Filmen der großen A-Festivals einlädt.
In zwei unterschiedlich konzipierten Wettbewerben – in »Fiction« laufen ausschließlich erste und zweite Filme, in »Documentary« Filme mit herausragender gesellschaftlicher Relevanz – blickte man dieses Jahr unter dem Motto »Family Ties« auf das europäische Filmschaffen. Auch die Jugend war vertreten (mit dem Wettbewerb YAAS!) und die »Local Artists« mit Filmen von Menschen aus der Linzer Region. Siegfried A. Fruhauf, Norbert Pfaffenbichler, Lukas Marxt, Katharina Pichler und Bernhard Sallmann gehören zu ihnen.
Der seit Jahren in Berlin lebende Sallmann zeigte mit Das Kino eine umfassende Bestandsaufnahme österreichischer und deutscher Cinephiler. Befragt wurden Filmemacher, Kuratoren, Dozenten und Autoren zu ihrem Verhältnis zu Film und Kino. Die Anordnung, die Sallmann seinem Film gegeben hat, ist minimalistisch: Ein Stuhl in einem dunkel gefassten Raum reicht ihm als Setting, darin eine Projektionsfläche, auf die Bilder projiziert werden – fertig ist das Kinodispositiv, in dem 198 Minuten lang elf Menschen zum Kino sprechen. Das ist maximal minimalistisch und konzentriert, verlangt aber auch einiges an Sitzfleisch ab.
Die Radikalität der Filmsprache, wie sie sich hier in der Reduktion andeutet, wird von einigen oberösterreichischen Local Artists auch ganz bewusst gepflegt, als ein konstant experimentelles Filmschaffen. Siegfried A. Fruhauf ist ein Meister der kurzen Form. Sein 15-minütiger Flim Flam ist benannt nach einem alten Ausdruck für Täuschung und Trickserei und arbeitet mit schwindelerregenden Kreis- und Stroboskop-Effekten. Das wirkt hypnotisierend und entfaltet einen schier bedrohlichen Sog.
Auch die Hauptwettbewerbe, seit 2021 von Sabine Gebetsroither und Katharina Riedler gemeinsam kuratiert, zeigten Filme mit einer starken Handschrift. Besonders eindrucksvoll war Louise Hémons Debütfilm L’engloutie (The Girl in the Snow). Die in der Bretagne lebende Künstlerin hatte schon mit ihrem dokumentarischen Kurzfilm The documentary journey of Madame Anita Conti (2024) einen großen Festivalerfolg gefeiert, in dem sie originales 16mm-Archivmaterial der Ozeanographin Anita Conti aus den 1950er Jahren zu einer faszinierenden Reiseerzählung auf der hohen See montierte.
In ihrem ersten Spielfilm, ausgewählt von der Quinzaine des Cinéastes und mit dem Prix Jean Vigo ausgezeichnet, bleibt Hémon dem dokumentarischen Period Picture treu. Ihre Hauptfigur, die junge Aimée Lazare, kommt 1899 als Lehrerin in ein abgeschiedenes Dorf in den französischen Alpen. Es herrscht schon Winter, als sie im Dorf ankommt, und doch brechen jetzt erst die harten Monate an, in denen die Einheimischen zur Untätigkeit und Häuslichkeit verdammt sind. Die Landwirtschaft ist wie eingefroren; nun wird die Kleidung ausgebessert, Korn gemahlen und die Kinder in der kleinen Dorfschule unterrichtet.
Dort wird Aimée untergebracht, im angegliederten Bauernhof darf sie sich nach anfänglichem Misstrauen abends der Gemeinschaft der Einheimischen anschließen. Mit Aimée blicken wir auf die okzitanische Tradition; hören erstmals die fremden Lautungen der Sprache – die bis in die Onomatopoesie der Leute hineinreicht, in der die Kühe »breuh-breuh« machen und nicht »muh«. Die Kinder dürfen nicht baden, die Kruste auf ihrer Kopfhaut soll im Glauben der Dorfbewohner vor Krankheiten schützen. Revolutionär wirkt so jeder Eingriff der jungen Aimée, den sie in ihrer rationalistisch-republikanischen Überzeugung vornimmt. Sie führt die dörfliche Gemeinschaft an die Erkenntnisse der Naturwissenschaft heran, unterrichtet sie in Geographie und bringt ihnen das Lesen, Schreiben und Französisch bei. Aimées Freigeist entfesselt nach und nach die bösen Geister des Dorfes, bis sie in ihr Schulhaus verbannt wird – und auf die Rückkehr des Frühlings warten muss, um das Dorf wieder verlassen zu können.
Die titelgebende Versunkenheit lässt den Film in sich ruhen, die mythengesättigte Erzählung wirkt selbst wie abgeschieden von einem rationalen Bewusstsein. Ganz allmählich erst schälen sich aus den Beobachtungen des mühevollen, körperlichen Alltags Stränge eines möglichen Plots; Hémon ist das quasi-dokumentarische Nachzeichnen der vergangenen okzitanischen Sprache und Mythen wichtiger. Sie arbeitete überwiegend mit Laiendarstellern; Galatéa Bellugi verkörpert Aimée Lazare in ihrer ersten Hauptrolle. Das Heraustreten aus der Volkstümlichkeit in die Rationalität bindet Hémon stets zurück an die Bräuche und den Glauben der okzitanischen Gemeinschaft. Als Aimée beginnt, die Geschichten der Dorfbewohner aufzuschreiben, die sie sich in den langen Wintermonaten abends an der Feuerstelle erzählen, wird sie von den alten Frauen beschuldigt, ihre Geschichten zu töten. Der Glaube verbietet die Schrift; die Lebendigkeit braucht die Oralität und das Gedächtnis. Das ist magisches Denken und Aberglaube. Das aufklärerische Bemühen um die Volkskultur kann so auch als Akt der Übergriffigkeit verstanden werden, wenn die Geschichten der Völker gesammelt, festgeschrieben – und ihnen damit entrissen werden.
Daniela Magnani Hüllers zeigte im dokumentarischen Wettbewerb ihren Abschlussfilm an der HFF München Was an Empfindsamkeit bleibt. In ihm verarbeitet sie 14 Jahre nach der Tat den Mordanschlag eines Mitschülers auf sie, indem sie sich in die Rolle der Untersucherin begibt. Magnani Hüller schält sich aus ihrer Opferrolle heraus und schafft es, selbst wieder zum Subjekt ihrer Erzählung zu werden, befragt die systemischen Ankerpunkte ihres Falls – die Lehrerin, den Arzt, die Kommissarin, den Rechtsanwalt –, bis sie die Ereignisse wieder einholen. Was an Empfindsamkeit bleibt ist ein sorgfältig kadrierter und auch kontrolliert wirkender Film, in den das Unverarbeitete, Emotionale als Super-8-Impressionen hereinbrechen – und alles unter die Haut geht.
Im European Panorama fiel besonders der griechische Bearcave von Stergios Dinopoulos und Krysianna B. Papadakis auf, der die Mythen- und Märchenthematik von L’engloutie fortführte. Es geht um die Freundinnen Anneta und Argyro, die getrennt werden, als Anneta (Pamela Oikonomaki) von ihrem Freund schwanger wird und in die Stadt ziehen soll. Dort wartet auf sie die böse Schwiegermutter, während Argyro (Hara Kyriazi) im Dorf in den Bergen von Tyrnavos bleibt, die Kühe hütet und sich immer mehr mit der Natur verbindet – in der Bärenhöhle hoch in den Bergen macht sie eine unaussprechliche Erfahrung. Ein Brennnesselauflauf wird zum Leitmotiv – nach Ansicht der sage femme, der Großmutter, bei der die mutterlose Anneta aufwächst, kann er die Mutterschaft beenden. Das geht in Bearcave auch soziologisch, nicht nur biologisch.
Dinopoulos und Papadakis erzählen mit einfachen dokumentarischen Mitteln, laden ihren Film durch suggestive Märchenmotive auf, die sie behutsam aktualisieren. Die Elternlosigkeit von Anneta bringt sie zum bösen Mutter-Substitut, der in der vaterlosen Familie nicht mehr die Stiefmutter sein kann – nur die Schwiegermutter. Auch Argyron ist mutterlos, hat aber für den Vater deren (nichtsexualisiertes) Erbe angetreten; die Bindung zum Vater hält sie auf dem Hof. Ein geheimer Bann liegt zudem über dem Dorf, das nicht einfach so verlassen werden kann. Dinopoulos und Papadakis haben mit Bearcave eine einfache und höchst suggestive Parabel geschaffen, über das abgehängte Land in Griechenland, die Ausweglosigkeit eines Lebens in der Stadt und die Emanzipation aus dem Zugriff des Patriarchats. Und das erzählen sie in der betörenden Sinnlichkeit ihrer natur- und sonnengetränkten Bilder. Der crowdfinanzierte Film gewann auf der Berlinale (Sektion: Panorama) den Europa Cinemas Label und gibt Hoffnung auf ein leichtes, vom Plotzwang befreites europäisches Kino.
Im Eindruck dieser Filme muss das Thema des Festivals, »Family Ties«, ergänzt werden: die Filme wussten auch vom Zerschlagen der Familienfesseln zu erzählen.
Auch der Tribute zu »European Eighties« akzentuierte spezifisch weibliche Erfahrungen in der Rollback-Phase der Geschlechterverhältnisse. Wer in den Achtzigern jung und weiblich war, hatte viel zu tun mit alten weißen Männern – der Begriff für sie war aber noch nicht gefunden. Alles war so normal.
Den Auftakt der Reihe machte Chantal Akermans Golden Eighties (1986). Die Musical-Komödie versammelt ein buntes weibliches Ensemble und darf als Antithese zu ihrem strengen und von der Nachkriegszeit gezeichneten Jeanne Dielman (1975) gelten. Hier wird der Konsum aufs Korn genommen, die Fokussierung auf die Schulterpolster, die Haarspray-Frisuren, das Sich-Zurechtmachen für die Männer. Das Setting ist passenderweise eine Shopping-Mall.
Menelik Shabazz’ Burning an Illusion (1981) verbrennt auf vielen Ebenen die Illusionen einer jungen Schwarzen Britin. Pat (Cassie McFarlane) entstammt der gehobenen Middle Class, arbeitet als Sekretärin und ist zu Beginn des Films eine typische Vertreterin des Overachievement. Äußerlich orientiert sie sich am Lifestyle unter Margaret Thatcher – sorgfältige Hochsteckfrisur, hohe Absätze, adrette Kleidchen, Handtasche, sweet and cute –, und auch innerlich verfolgt sie in romantischen Träumen die Lebensentwürfe des Mainstreams. Der Traumprinz muss her.
Sie gerät an den Draufgänger Del (Victor Romero Evans), der ihre bürgerlichen Ideale verachtet. Ein Lernprozess setzt ein, an dessen Ende Pat die Groschenhefte gegen politische Literatur und die Kleidchen gegen Jeans und Statement-T-Shirts austauscht und als Schwarze Aktivistin zum aufrechten Gang ohne Stöckelschuhe findet. Das ist holzschnittartig und auch zu breit erzählt. Aber man spürt den gesellschaftlichen Aufbruch, kann die Mode bewundern und überhaupt ins London der frühen Achtziger eintauchen – aus der Schwarzen Perspektive. Nahezu ausschließlich mit Schwarzem Cast gedreht, wird die Welt der Weißen randständig. Die filmische Darstellung ist die eigentliche aktivistische Dimension des Films – und nicht das Empowerment des Erzählten.
Es ist immer wieder erstaunlich, wie viel Gehalt und Filme, wie viel Diskursangebote und Impulsgeber in den nur fünf Tagen von Crossing Europe stecken. Man wünschte sich einen Zeitentschleuniger und viele Klone von sich selbst, um noch breiter und tiefer in das Programm eintauchen zu können: Crossing Europe sorgt verlässlich für ein intensives, immersives Festivalerlebnis.