14.05.2026

Die Familienbande zerschlagen!

The Girl in the Snow
Die Mythen der Okzitaner: Die im Schnee Versunkene (L’engloutie)
(Foto: Take Shelter · Louise Hémon)

Das 23. Crossing Europe versammelte unter dem Motto »Family Ties« intensive europäische Spiel- und Dokumentarfilme, die auf das weibliche Erleben perspektivierten

Von Dunja Bialas

Quer durch Europa führt das Programm des Festivals Crossing Europe in Linz. Die Öffnung der beschau­li­chen Kepler­stadt an der Donau auf den großen europäi­schen Raum fühlt sich in dieser kleinen, zufrie­denen Stadt tatsäch­lich ungewohnt an. In den Metro­polen, in Wien, Berlin, Paris, würden die Filme aus ganz Europa kaum auffallen. Wenige Wochen nach der Diagonale in Graz, dem Festival für den öster­rei­chi­schen Film, erhalten in Linz inter­na­tio­nale Produk­tionen, die in den beiden Wett­be­werben in Öster­reich-Premiere zu sehen sind, mit 14.000 Besuchern große Aufmerk­sam­keit. Crossing Europe ist damit ein wichtiger Termin für alle Film­schaf­fenden und Kino­in­ter­es­sierten im Frühjahr, bevor im Herbst die Viennale mit den aktuellen Filmen der großen A-Festivals einlädt.

In zwei unter­schied­lich konzi­pierten Wett­be­werben – in »Fiction« laufen ausschließ­lich erste und zweite Filme, in »Docu­men­tary« Filme mit heraus­ra­gender gesell­schaft­li­cher Relevanz – blickte man dieses Jahr unter dem Motto »Family Ties« auf das europäi­sche Film­schaffen. Auch die Jugend war vertreten (mit dem Wett­be­werb YAAS!) und die »Local Artists« mit Filmen von Menschen aus der Linzer Region. Siegfried A. Fruhauf, Norbert Pfaf­fen­bichler, Lukas Marxt, Katharina Pichler und Bernhard Sallmann gehören zu ihnen.

Thema der Local Artists: Das Kino

Der seit Jahren in Berlin lebende Sallmann zeigte mit Das Kino eine umfas­sende Bestands­auf­nahme öster­rei­chi­scher und deutscher Cine­philer. Befragt wurden Filme­ma­cher, Kuratoren, Dozenten und Autoren zu ihrem Verhältnis zu Film und Kino. Die Anordnung, die Sallmann seinem Film gegeben hat, ist mini­ma­lis­tisch: Ein Stuhl in einem dunkel gefassten Raum reicht ihm als Setting, darin eine Projek­ti­ons­fläche, auf die Bilder proji­ziert werden – fertig ist das Kino­dis­po­sitiv, in dem 198 Minuten lang elf Menschen zum Kino sprechen. Das ist maximal mini­ma­lis­tisch und konzen­triert, verlangt aber auch einiges an Sitz­fleisch ab.

Die Radi­ka­lität der Film­sprache, wie sie sich hier in der Reduktion andeutet, wird von einigen oberös­ter­rei­chi­schen Local Artists auch ganz bewusst gepflegt, als ein konstant expe­ri­men­telles Film­schaffen. Siegfried A. Fruhauf ist ein Meister der kurzen Form. Sein 15-minütiger Flim Flam ist benannt nach einem alten Ausdruck für Täuschung und Trick­serei und arbeitet mit schwin­del­erre­genden Kreis- und Stro­bo­skop-Effekten. Das wirkt hypno­ti­sie­rend und entfaltet einen schier bedroh­li­chen Sog.

Fiktio­naler Wett­be­werb: Erzäh­lungen des Doku­men­ta­ri­schen

Auch die Haupt­wett­be­werbe, seit 2021 von Sabine Gebets­roi­ther und Katharina Riedler gemeinsam kuratiert, zeigten Filme mit einer starken Hand­schrift. Besonders eindrucks­voll war Louise Hémons Debütfilm L’engloutie (The Girl in the Snow). Die in der Bretagne lebende Künst­lerin hatte schon mit ihrem doku­men­ta­ri­schen Kurzfilm The docu­men­tary journey of Madame Anita Conti (2024) einen großen Festi­val­er­folg gefeiert, in dem sie origi­nales 16mm-Archiv­ma­te­rial der Ozea­no­gra­phin Anita Conti aus den 1950er Jahren zu einer faszi­nie­renden Reise­er­zäh­lung auf der hohen See montierte.

In ihrem ersten Spielfilm, ausge­wählt von der Quinzaine des Cinéastes und mit dem Prix Jean Vigo ausge­zeichnet, bleibt Hémon dem doku­men­ta­ri­schen Period Picture treu. Ihre Haupt­figur, die junge Aimée Lazare, kommt 1899 als Lehrerin in ein abge­schie­denes Dorf in den fran­zö­si­schen Alpen. Es herrscht schon Winter, als sie im Dorf ankommt, und doch brechen jetzt erst die harten Monate an, in denen die Einhei­mi­schen zur Untä­tig­keit und Häus­lich­keit verdammt sind. Die Land­wirt­schaft ist wie einge­froren; nun wird die Kleidung ausge­bes­sert, Korn gemahlen und die Kinder in der kleinen Dorf­schule unter­richtet.

L’engloutie
(Foto: Crossing Europe · Louise Hémon)

Dort wird Aimée unter­ge­bracht, im ange­glie­derten Bauernhof darf sie sich nach anfäng­li­chem Miss­trauen abends der Gemein­schaft der Einhei­mi­schen anschließen. Mit Aimée blicken wir auf die okzita­ni­sche Tradition; hören erstmals die fremden Lautungen der Sprache – die bis in die Onoma­to­poesie der Leute hinein­reicht, in der die Kühe »breuh-breuh« machen und nicht »muh«. Die Kinder dürfen nicht baden, die Kruste auf ihrer Kopfhaut soll im Glauben der Dorf­be­wohner vor Krank­heiten schützen. Revo­lu­ti­onär wirkt so jeder Eingriff der jungen Aimée, den sie in ihrer ratio­na­lis­tisch-repu­bli­ka­ni­schen Über­zeu­gung vornimmt. Sie führt die dörfliche Gemein­schaft an die Erkennt­nisse der Natur­wis­sen­schaft heran, unter­richtet sie in Geogra­phie und bringt ihnen das Lesen, Schreiben und Fran­zö­sisch bei. Aimées Freigeist entfes­selt nach und nach die bösen Geister des Dorfes, bis sie in ihr Schulhaus verbannt wird – und auf die Rückkehr des Frühlings warten muss, um das Dorf wieder verlassen zu können.

Die titel­ge­bende Versun­ken­heit lässt den Film in sich ruhen, die mythen­ge­sät­tigte Erzählung wirkt selbst wie abge­schieden von einem ratio­nalen Bewusst­sein. Ganz allmäh­lich erst schälen sich aus den Beob­ach­tungen des mühe­vollen, körper­li­chen Alltags Stränge eines möglichen Plots; Hémon ist das quasi-doku­men­ta­ri­sche Nach­zeichnen der vergan­genen okzita­ni­schen Sprache und Mythen wichtiger. Sie arbeitete über­wie­gend mit Laien­dar­stel­lern; Galatéa Bellugi verkör­pert Aimée Lazare in ihrer ersten Haupt­rolle. Das Heraus­treten aus der Volks­tüm­lich­keit in die Ratio­na­lität bindet Hémon stets zurück an die Bräuche und den Glauben der okzita­ni­schen Gemein­schaft. Als Aimée beginnt, die Geschichten der Dorf­be­wohner aufzu­schreiben, die sie sich in den langen Winter­mo­naten abends an der Feuer­stelle erzählen, wird sie von den alten Frauen beschul­digt, ihre Geschichten zu töten. Der Glaube verbietet die Schrift; die Leben­dig­keit braucht die Oralität und das Gedächtnis. Das ist magisches Denken und Aber­glaube. Das aufklä­re­ri­sche Bemühen um die Volks­kultur kann so auch als Akt der Über­grif­fig­keit verstanden werden, wenn die Geschichten der Völker gesammelt, fest­ge­schrieben – und ihnen damit entrissen werden.

Doku­men­ta­ri­scher Wett­be­werb: Selbstem­po­wer­ment

Daniela Magnani Hüllers zeigte im doku­men­ta­ri­schen Wett­be­werb ihren Abschluss­film an der HFF München Was an Empfind­sam­keit bleibt. In ihm verar­beitet sie 14 Jahre nach der Tat den Mord­an­schlag eines Mitschü­lers auf sie, indem sie sich in die Rolle der Unter­su­cherin begibt. Magnani Hüller schält sich aus ihrer Opfer­rolle heraus und schafft es, selbst wieder zum Subjekt ihrer Erzählung zu werden, befragt die syste­mi­schen Anker­punkte ihres Falls – die Lehrerin, den Arzt, die Kommis­sarin, den Rechts­an­walt –, bis sie die Ereig­nisse wieder einholen. Was an Empfind­sam­keit bleibt ist ein sorg­fältig kadrierter und auch kontrol­liert wirkender Film, in den das Unver­ar­bei­tete, Emotio­nale als Super-8-Impres­sionen herein­bre­chen – und alles unter die Haut geht.

European Panorama: Märchen­hafte Eman­zi­pa­tion

Im European Panorama fiel besonders der grie­chi­sche Bearcave von Stergios Dino­poulos und Krysianna B. Papadakis auf, der die Mythen- und Märchen­the­matik von L’engloutie fort­führte. Es geht um die Freun­dinnen Anneta und Argyro, die getrennt werden, als Anneta (Pamela Oiko­no­maki) von ihrem Freund schwanger wird und in die Stadt ziehen soll. Dort wartet auf sie die böse Schwie­ger­mutter, während Argyro (Hara Kyriazi) im Dorf in den Bergen von Tyrnavos bleibt, die Kühe hütet und sich immer mehr mit der Natur verbindet – in der Bären­höhle hoch in den Bergen macht sie eine unaus­sprech­liche Erfahrung. Ein Brenn­nes­sel­auf­lauf wird zum Leitmotiv – nach Ansicht der sage femme, der Groß­mutter, bei der die mutter­lose Anneta aufwächst, kann er die Mutter­schaft beenden. Das geht in Bearcave auch sozio­lo­gisch, nicht nur biolo­gisch.

Bearcave
(Foto: Crossing Europe · Krysianna B. Papadakis, Stergios Dino­poulos)

Dino­poulos und Papadakis erzählen mit einfachen doku­men­ta­ri­schen Mitteln, laden ihren Film durch sugges­tive Märchen­mo­tive auf, die sie behutsam aktua­li­sieren. Die Eltern­lo­sig­keit von Anneta bringt sie zum bösen Mutter-Substitut, der in der vater­losen Familie nicht mehr die Stief­mutter sein kann – nur die Schwie­ger­mutter. Auch Argyron ist mutterlos, hat aber für den Vater deren (nicht­se­xua­li­siertes) Erbe ange­treten; die Bindung zum Vater hält sie auf dem Hof. Ein geheimer Bann liegt zudem über dem Dorf, das nicht einfach so verlassen werden kann. Dino­poulos und Papadakis haben mit Bearcave eine einfache und höchst sugges­tive Parabel geschaffen, über das abge­hängte Land in Grie­chen­land, die Ausweg­lo­sig­keit eines Lebens in der Stadt und die Eman­zi­pa­tion aus dem Zugriff des Patri­ar­chats. Und das erzählen sie in der betö­renden Sinn­lich­keit ihrer natur- und sonnen­ge­tränkten Bilder. Der crowd­fi­nan­zierte Film gewann auf der Berlinale (Sektion: Panorama) den Europa Cinemas Label und gibt Hoffnung auf ein leichtes, vom Plotzwang befreites europäi­sches Kino.

Im Eindruck dieser Filme muss das Thema des Festivals, »Family Ties«, ergänzt werden: die Filme wussten auch vom Zerschlagen der Fami­li­en­fes­seln zu erzählen.

European Eighties: Rollback der Geschlech­ter­ver­hält­nisse

Auch der Tribute zu »European Eighties« akzen­tu­ierte spezi­fisch weibliche Erfah­rungen in der Rollback-Phase der Geschlech­ter­ver­hält­nisse. Wer in den Acht­zi­gern jung und weiblich war, hatte viel zu tun mit alten weißen Männern – der Begriff für sie war aber noch nicht gefunden. Alles war so normal.

Den Auftakt der Reihe machte Chantal Akermans Golden Eighties (1986). Die Musical-Komödie versam­melt ein buntes weib­li­ches Ensemble und darf als Antithese zu ihrem strengen und von der Nach­kriegs­zeit gezeich­neten Jeanne Dielman (1975) gelten. Hier wird der Konsum aufs Korn genommen, die Fokus­sie­rung auf die Schul­ter­polster, die Haarspray-Frisuren, das Sich-Zurecht­ma­chen für die Männer. Das Setting ist passen­der­weise eine Shopping-Mall.

Menelik Shabazz’ Burning an Illusion (1981) verbrennt auf vielen Ebenen die Illu­sionen einer jungen Schwarzen Britin. Pat (Cassie McFarlane) entstammt der gehobenen Middle Class, arbeitet als Sekre­tärin und ist zu Beginn des Films eine typische Vertre­terin des Overachie­ve­ment. Äußerlich orien­tiert sie sich am Lifestyle unter Margaret Thatcher – sorg­fäl­tige Hoch­steck­frisur, hohe Absätze, adrette Kleidchen, Hand­ta­sche, sweet and cute –, und auch innerlich verfolgt sie in roman­ti­schen Träumen die Lebens­ent­würfe des Main­streams. Der Traum­prinz muss her.

Burning an Illusion
(Foto: Crossing Europe · BFI | Burning an Illusion)

Sie gerät an den Drauf­gänger Del (Victor Romero Evans), der ihre bürger­li­chen Ideale verachtet. Ein Lern­pro­zess setzt ein, an dessen Ende Pat die Groschen­hefte gegen poli­ti­sche Literatur und die Kleidchen gegen Jeans und Statement-T-Shirts austauscht und als Schwarze Akti­vistin zum aufrechten Gang ohne Stöckel­schuhe findet. Das ist holz­schnitt­artig und auch zu breit erzählt. Aber man spürt den gesell­schaft­li­chen Aufbruch, kann die Mode bewundern und überhaupt ins London der frühen Achtziger eintau­chen – aus der Schwarzen Perspek­tive. Nahezu ausschließ­lich mit Schwarzem Cast gedreht, wird die Welt der Weißen rand­ständig. Die filmische Darstel­lung ist die eigent­liche akti­vis­ti­sche Dimension des Films – und nicht das Empower­ment des Erzählten.

Es ist immer wieder erstaun­lich, wie viel Gehalt und Filme, wie viel Diskurs­an­ge­bote und Impuls­geber in den nur fünf Tagen von Crossing Europe stecken. Man wünschte sich einen Zeit­ent­schleu­niger und viele Klone von sich selbst, um noch breiter und tiefer in das Programm eintau­chen zu können: Crossing Europe sorgt verläss­lich für ein inten­sives, immersives Festi­val­er­lebnis.