Europäisches Kino von den Rändern |
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| Im Autoscooter durch Europa: Reisender Krieger, ein Film des 80er-Schwerpunktes | ||
| (Foto: Crossing Europe · Christian Schocher) | ||
Das 2004 ins Leben gerufene und seit der Ausgabe 2022 unter der Leitung von Sabine Gebetsroither und Katharina Riedler stehende Filmfestival Crossing Europe im oberösterreichischen Linz zeigt sich weiter dem europäischen Autor*innenfilm verpflichtet, und zwar dem eher am Rande des kommerziellen Mainstreams befindlichen. So kommen hier Filme von Kinematographien zum Zug, die aus Ländern mit nicht so produktionsstarken Strukturen stammen. Und aus den ökonomisch stärkeren dann eben Stimmen vom Rande, die auf regionalen und minoritären Eigensinn setzen. Nicht dogmatisch, aber doch nachdrücklich spielt die Auswahl gender- und diversitysensible Belange in den Vordergrund, wobei die queere und soziale Relevanz mit humanistischen Akzenten einhergeht, ohne dass das Ästhetische für thematische Beliebigkeit preisgegeben würde.
Exemplarisch für dieses »kleine Kino« (im Sinne der Deleuze-Guattari’schen »kleinen Literatur«) können etwa die beiden litauischen Ex-aequo-Gewinner der Competition Fiction gelten, die ersten und zweiten Werken von Filmemacher*innen am Anfang ihres künstlerischen Weges vorbehalten ist.
Litauen steht geographisch am Rand Europas und als ehemalige Sowjetrepublik im Einflussbereich Russlands, ist über die Handelswege der Ostsee jedoch auch von jeher geöffnet auf die nordischen Länder. Diese Orientierung nach Skandinavien spiegelt sich interessanter Weise in den beiden Siegerfilmen wider: Sowohl in Svečias (Der Besucher) von Vytautas Katkus wie in Renovacija (Renovation) von Gabrielė Urbonaitė (bei dem Vytautas Katkus wie in seinem eigenen Film auch die Kamera führte) steht eine Figur im Zentrum, die aus Norwegen bzw. Schweden nach Litauen zurückkehrt. Ilona, die Hauptfigur aus Renovacija, arbeitet als Übersetzerin aus dem Schwedischen, nach einer Zeitlang in Schweden versucht sie sich nun in der litauischen Hauptstadt Vilnius in der neuen Wohnung mit ihrem Freund Matas eine Existenz aufzubauen, über deren Konturen sie sich noch nicht so ganz sicher ist. Ihr dreißigster Geburtstag steht bevor, das Haus, in das sie gerade eingezogen sind, wird zu Ilonas Missvergnügen wegen Renovierung der Außenfassade frisch eingerüstet, so dass sie nun am häuslichen Schreibtisch mit Baulärm zu kämpfen hat. Die bedrohliche Kulisse des russischen Überfalls auf die Ukraine, die in den baltischen Staaten besonders empfunden wird, trägt überdies zur Unsicherheit des Lebensgefühls bei. Als dann ausgerechnet ein sympathischer ukrainischer Bauarbeiter plötzlich auf ihrem Balkon steht, verwirren sich ihre Gefühle vollends und ihr Leben selbst wird zu einer Art Baustelle. Der vorsichtige Alltagsrealismus dieses Films tastet sich mit einem Gespür für feine Poesie an eine existentielle Thematik heran, ohne dramaturgisch etwas übers Knie zu brechen. Die spröd-zarte Erzählweise, die viel der behutsamen Kamera von Vytautas Katkus verdanken hat, vermag leise zu berühren und letztlich ein Lebensgefühl des solidarischen Miteinanders zu vermitteln.
Der Preis in der Competition Documentary (nicht auf erste und zweite Filme beschränkt) ist explizit als »Social Awareness Award« ausgewiesen. Diese thematische Ausrichtung löst der tschechische Gewinner-Film If Pigeons Turned to Gold von Pepa Lubojacki als empathisches und aufrüttelndes Portrait ihres suchtkranken Bruders und der ebenfalls suchtkranken Cousins auf exemplarische Weise ein, zumal er auch noch in der essayistischen Gestaltung eine nicht nur formale, sondern auch eine menschliche Offenheit findet.
Neben dem Geschichte konsequent und radikal über Archivmaterial aufarbeitenden kroatischen Peacemaker von Ivan Ramljak über den Beginn des Zerfalls Jugoslawiens ragte ein niederländisch-spanischer Brückenschlag im Dokumentarwettbewerb heraus.
Level von Anna Berkhof und Carlos Mora Fuentes ist filmisches Nature Writing, das zwei europäische Landschaften in Dialog treten lässt. Zwischen Tagebuch, Essay und Experiment oszillierend, lassen die beiden Filmemacher*innen ein poetisches Dokument entstehen, in dem Usquert im Norden der Niederlande mit Miera im kantabrischen Gebirge im Norden Spaniens in Dialog tritt. Die beiden Landschaften sind jeweils mit den Biografien des Paares verbunden. Diese werden in eine Erkundung des menschlichen Verhältnisses zur Natur verwoben. Der Tod des Vaters von Anna Berkhof und die Geburt des Sohns der beiden Filmemacher*innen stecken den Rahmen für eine meditative Erkundung ab, die das Private im Existentiellen aufgehen lässt. Dabei bleibt der Film ganz der konkreten Erfahrung des Alltäglichen verhaftet. Der Vater der Filmemacherin war in den 80er und 90er Jahren ökologisch und naturkundlich engagiert und hielt etliche seiner Explorationen auf Videomaterial fest. Die Gegenüberstellung seiner milchig-weichen Aufnahmen mit den heutigen gestochen klaren digitalen Bildern derselben Landschaft ergibt eine wunderbare Textur, in der sich Reflexion als sinnliches Begreifen niederschlägt. Stellenweise intensiviert das kraftvolle Voice-Over der niederländischen Dichterin Marie Claus die Eindrücke, fügt eine imaginäre Überformung hinzu, setzt ökokritische Akzente. Insgesamt schafft der harte Kontrast zwischen der niederländischen Flachlandschaft hinterm Deich und den schroffen kantabrischen Bergen in der Heimat Carlos' einen visuell dominanten Spannungsbogen, der aber die menschliche Einschreibung in die Natur nicht hinter sich zu lassen versucht. Das filmische Nature Writing von Berkhof und Mora Fuentes versagt sich entschieden jüngsten posthumanen Tendenzen, bleibt sozial-individueller Achtsamkeit aufs Tiefste verpflichtet.
Viele Filme in den flankierenden Sektionen European Panorama Fiction und European Panorama Documentary ergänzen und erweitern das Spektrum der Wettbewerbe, indem sie zahlreichen weiteren europäischen Stimmen aus dem internationalen Festivalgeschehen Aufmerksamkeit zuwenden, Stimmen von Portugal über Mazedonien bis Griechenland, von Norwegen über die Niederlande und Belgien bis Spanien, die sich eher durch ästhetischen Eigensinn auszeichnen, ohne jedoch soziale Relevanz preiszugeben.
Eine in diesem Sinn eigensinnige Stimme des Dokumentarfilms stellt Active Vocabulary von Yulia Lokshina dar. Sie geht aus vom Fall einer russischen Lehrerin, die im Unterricht den russischen Angriffskrieg auf die Ukraine kritisch hinterfragte und sich nach der Denunziation durch eine Schülerin Repressionen durch die Schulleitung und staatliche Stellen ausgesetzt sah. Sie verließ Russland und kam nach Berlin, wo sie an einer Schule in Moabit unterrichtet. Im Film wird ihre Geschichte von den Berliner Schüler*innen in unterschiedlichen Konstellationen und Rollenverteilungen nachgestellt, es wird eine Art Laborsituation im realen Raum erzeugt, der die Parameter menschlicher Reaktionen auslotet.
In einer Art dokumentarischem Konstruktivismus ordnet Lokshina verschiedene Materialien zu einem Netz aus Bezügen an, die von den Zuschauer*innen zusammengedacht werden können. So werden immer wieder Szenen zwischenmontiert, in denen russische Frauen eine Protestaktion gegen die Rodung eines Waldes bei Moskau durchführen, um ein Großbauprojekt dort zu verhindern. Die Proteste gegen die jungen Arbeiter aus nichtrussischen Republiken nehmen teilweise sehr persönliche und beleidigende Gestalt an, mit nationalistisch-chauvinistischen Zügen, so dass in einer höchst ambivalenten Gemengelage der ursprünglich Sympathie erzeugende aktivistische Protest gegen Bäumefällen in Schutzgebieten etwas zweifelhafte Züge annimmt.
Ähnlich verunsichernd wirkt die Debatte über das sogenannte »Überwältigungsverbot«, die im Film aufgebracht wird. Dabei handelt es sich um ein Prinzip, das in Deutschland für die politische Bildung im Unterricht gilt und das verhindern soll, dass Schüler*innen eine bestimmte Meinung oder ein bestimmter Standpunkt aufgenötigt wird oder dass sie damit »überrumpelt« werden. Man ertappt sich unwillkürlich bei der Frage, ob die russische Lehrerin dagegen verstoßen haben könnte, als sie ihre Meinung über den russischen Überfall in der Schulstunde lancierte… Lokshinas tentative Art erzeugt immer wieder solche Kippmomente, die den Zuschauenden die Bereitschaft abverlangen, ihre eigene Sicht noch während des Sehens zu revidieren.
Darüberhinaus boten weitere Sektionen immer wieder Erhellendes und Überraschendes, ob es die Reihe mit den Local Artists ist, die unter anderem Experimentelles von oberösterreichischen Filmschaffenden wie Siegfried A. Fruhauf oder Lukas Marxt zeigt. Oder die kompakten und sorgfältig kuratierten Programme wie »Arbeitswelten«, diesmal unter dem Motto »Am Limit und kein Ende« in Zusammenarbeit mit DOK Leipzig. Oder die Tribute-Reihe, die den »European Eighties« galt und Wiederentdeckungen zeigte wie den fulminanten und wahrlich exzeptionellen Film Reisender Krieger (1981) von Christian Schocher im Director’s Cut von 2008, der den Schweizer reisenden Handelsvertreter Krieger (gespielt vom Laiendarsteller Willy Ziegler) mit seinen Pflegeprodukten durch Friseurläden und Kosmetiksalons, aber auch durch Bars und Kaschemmen im freien Absturz begleitet. Der semidokumentarische Film mit der unglaublich intensiven Kameraarbeit von Clemens Klopfenstein bietet einen ebenso Augen öffnenden Blick auf die Achtziger-Jahre jenseits jeder Nostalgieseligkeit wie der Black British Cinema-Klassiker Burning an Illusion (1981) von Menelik Shabazz mit seinem Empowerment- und Bewusstwerdungsnarrativ.
Und so konnte man in Linz ein in allen Bereichen rundum gelungenes Programm erkunden, das bei allerschönstem (Früh-)Sommerwetter auch dieses Jahr wieder 14.000 Zuschauer*innen ins Kino locken konnte. Nun, das Kino weist immerhin, so einer der Moderatoren, den größten Lichtschutzfaktor auf.