14.05.2026

Europäisches Kino von den Rändern

Reisender Krieger
Im Autoscooter durch Europa: Reisender Krieger, ein Film des 80er-Schwerpunktes
(Foto: Crossing Europe · Christian Schocher)

Die 23. Ausgabe des Linzer Festivals Crossing Europe feierte auch dieses Jahr wieder kinematographische Handschriften aus Europa jenseits des kommerziellen Mainstreams

Von Wolfgang Lasinger

Das 2004 ins Leben gerufene und seit der Ausgabe 2022 unter der Leitung von Sabine Gebets­roi­ther und Katharina Riedler stehende Film­fes­tival Crossing Europe im oberös­ter­rei­chi­schen Linz zeigt sich weiter dem europäi­schen Autor*innenfilm verpflichtet, und zwar dem eher am Rande des kommer­zi­ellen Main­streams befind­li­chen. So kommen hier Filme von Kine­ma­to­gra­phien zum Zug, die aus Ländern mit nicht so produk­ti­ons­starken Struk­turen stammen. Und aus den ökono­misch stärkeren dann eben Stimmen vom Rande, die auf regio­nalen und mino­ri­tären Eigensinn setzen. Nicht dogma­tisch, aber doch nach­drück­lich spielt die Auswahl gender- und diver­si­ty­sen­sible Belange in den Vorder­grund, wobei die queere und soziale Relevanz mit huma­nis­ti­schen Akzenten einher­geht, ohne dass das Ästhe­ti­sche für thema­ti­sche Belie­big­keit preis­ge­geben würde.

Exem­pla­risch für dieses »kleine Kino« (im Sinne der Deleuze-Guattari’schen »kleinen Literatur«) können etwa die beiden litaui­schen Ex-aequo-Gewinner der Compe­ti­tion Fiction gelten, die ersten und zweiten Werken von Filme­ma­cher*innen am Anfang ihres künst­le­ri­schen Weges vorbe­halten ist.

Litauen steht geogra­phisch am Rand Europas und als ehemalige Sowjet­re­pu­blik im Einfluss­be­reich Russlands, ist über die Handels­wege der Ostsee jedoch auch von jeher geöffnet auf die nordi­schen Länder. Diese Orien­tie­rung nach Skan­di­na­vien spiegelt sich inter­es­santer Weise in den beiden Sieger­filmen wider: Sowohl in Svečias (Der Besucher) von Vytautas Katkus wie in Reno­va­cija (Reno­va­tion) von Gabrielė Urbonaitė (bei dem Vytautas Katkus wie in seinem eigenen Film auch die Kamera führte) steht eine Figur im Zentrum, die aus Norwegen bzw. Schweden nach Litauen zurück­kehrt. Ilona, die Haupt­figur aus Reno­va­cija, arbeitet als Über­set­zerin aus dem Schwe­di­schen, nach einer Zeitlang in Schweden versucht sie sich nun in der litaui­schen Haupt­stadt Vilnius in der neuen Wohnung mit ihrem Freund Matas eine Existenz aufzu­bauen, über deren Konturen sie sich noch nicht so ganz sicher ist. Ihr dreißigster Geburtstag steht bevor, das Haus, in das sie gerade einge­zogen sind, wird zu Ilonas Miss­ver­gnügen wegen Reno­vie­rung der Außen­fas­sade frisch eingerüstet, so dass sie nun am häus­li­chen Schreib­tisch mit Baulärm zu kämpfen hat. Die bedroh­liche Kulisse des russi­schen Überfalls auf die Ukraine, die in den balti­schen Staaten besonders empfunden wird, trägt überdies zur Unsi­cher­heit des Lebens­ge­fühls bei. Als dann ausge­rechnet ein sympa­thi­scher ukrai­ni­scher Bauar­beiter plötzlich auf ihrem Balkon steht, verwirren sich ihre Gefühle vollends und ihr Leben selbst wird zu einer Art Baustelle. Der vorsich­tige Alltags­rea­lismus dieses Films tastet sich mit einem Gespür für feine Poesie an eine exis­ten­ti­elle Thematik heran, ohne drama­tur­gisch etwas übers Knie zu brechen. Die spröd-zarte Erzähl­weise, die viel der behut­samen Kamera von Vytautas Katkus verdanken hat, vermag leise zu berühren und letztlich ein Lebens­ge­fühl des soli­da­ri­schen Mitein­an­ders zu vermit­teln.

Der Preis in der Compe­ti­tion Docu­men­tary (nicht auf erste und zweite Filme beschränkt) ist explizit als »Social Awareness Award« ausge­wiesen. Diese thema­ti­sche Ausrich­tung löst der tsche­chi­sche Gewinner-Film If Pigeons Turned to Gold von Pepa Lubojacki als empa­thi­sches und aufrüt­telndes Portrait ihres sucht­kranken Bruders und der ebenfalls sucht­kranken Cousins auf exem­pla­ri­sche Weise ein, zumal er auch noch in der essay­is­ti­schen Gestal­tung eine nicht nur formale, sondern auch eine mensch­liche Offenheit findet.

Filmi­sches Nature Writing, aber nicht posthuman

Neben dem Geschichte konse­quent und radikal über Archiv­ma­te­rial aufar­bei­tenden kroa­ti­schen Peace­maker von Ivan Ramljak über den Beginn des Zerfalls Jugo­sla­wiens ragte ein nieder­län­disch-spani­scher Brücken­schlag im Doku­men­tar­wett­be­werb heraus.

Level von Anna Berkhof und Carlos Mora Fuentes ist filmi­sches Nature Writing, das zwei europäi­sche Land­schaften in Dialog treten lässt. Zwischen Tagebuch, Essay und Expe­ri­ment oszil­lie­rend, lassen die beiden Filme­ma­cher*innen ein poeti­sches Dokument entstehen, in dem Usquert im Norden der Nieder­lande mit Miera im kantabri­schen Gebirge im Norden Spaniens in Dialog tritt. Die beiden Land­schaften sind jeweils mit den Biogra­fien des Paares verbunden. Diese werden in eine Erkundung des mensch­li­chen Verhält­nisses zur Natur verwoben. Der Tod des Vaters von Anna Berkhof und die Geburt des Sohns der beiden Filme­ma­cher*innen stecken den Rahmen für eine medi­ta­tive Erkundung ab, die das Private im Exis­ten­ti­ellen aufgehen lässt. Dabei bleibt der Film ganz der konkreten Erfahrung des Alltäg­li­chen verhaftet. Der Vater der Filme­ma­cherin war in den 80er und 90er Jahren ökolo­gisch und natur­kund­lich engagiert und hielt etliche seiner Explo­ra­tionen auf Video­ma­te­rial fest. Die Gegenü­ber­stel­lung seiner milchig-weichen Aufnahmen mit den heutigen gestochen klaren digitalen Bildern derselben Land­schaft ergibt eine wunder­bare Textur, in der sich Reflexion als sinn­li­ches Begreifen nieder­schlägt. Stel­len­weise inten­si­viert das kraft­volle Voice-Over der nieder­län­di­schen Dichterin Marie Claus die Eindrücke, fügt eine imaginäre Über­for­mung hinzu, setzt ökokri­ti­sche Akzente. Insgesamt schafft der harte Kontrast zwischen der nieder­län­di­schen Flach­land­schaft hinterm Deich und den schroffen kantabri­schen Bergen in der Heimat Carlos' einen visuell domi­nanten Span­nungs­bogen, der aber die mensch­liche Einschrei­bung in die Natur nicht hinter sich zu lassen versucht. Das filmische Nature Writing von Berkhof und Mora Fuentes versagt sich entschieden jüngsten post­hu­manen Tendenzen, bleibt sozial-indi­vi­du­eller Acht­sam­keit aufs Tiefste verpflichtet.

Viele Filme in den flan­kie­renden Sektionen European Panorama Fiction und European Panorama Docu­men­tary ergänzen und erweitern das Spektrum der Wett­be­werbe, indem sie zahl­rei­chen weiteren europäi­schen Stimmen aus dem inter­na­tio­nalen Festi­val­ge­schehen Aufmerk­sam­keit zuwenden, Stimmen von Portugal über Maze­do­nien bis Grie­chen­land, von Norwegen über die Nieder­lande und Belgien bis Spanien, die sich eher durch ästhe­ti­schen Eigensinn auszeichnen, ohne jedoch soziale Relevanz preis­zu­geben.

Konstruk­ti­vis­ti­scher Doku­men­ta­rismus

Eine in diesem Sinn eigen­sin­nige Stimme des Doku­men­tar­films stellt Active Voca­bu­lary von Yulia Lokshina dar. Sie geht aus vom Fall einer russi­schen Lehrerin, die im Unter­richt den russi­schen Angriffs­krieg auf die Ukraine kritisch hinter­fragte und sich nach der Denun­zia­tion durch eine Schülerin Repres­sionen durch die Schul­lei­tung und staat­liche Stellen ausge­setzt sah. Sie verließ Russland und kam nach Berlin, wo sie an einer Schule in Moabit unter­richtet. Im Film wird ihre Geschichte von den Berliner Schüler*innen in unter­schied­li­chen Konstel­la­tionen und Rollen­ver­tei­lungen nach­ge­stellt, es wird eine Art Labor­si­tua­tion im realen Raum erzeugt, der die Parameter mensch­li­cher Reak­tionen auslotet.

In einer Art doku­men­ta­ri­schem Konstruk­ti­vismus ordnet Lokshina verschie­dene Mate­ria­lien zu einem Netz aus Bezügen an, die von den Zuschauer*innen zusam­men­ge­dacht werden können. So werden immer wieder Szenen zwischen­mon­tiert, in denen russische Frauen eine Protest­ak­tion gegen die Rodung eines Waldes bei Moskau durch­führen, um ein Groß­bau­pro­jekt dort zu verhin­dern. Die Proteste gegen die jungen Arbeiter aus nicht­rus­si­schen Repu­bliken nehmen teilweise sehr persön­liche und belei­di­gende Gestalt an, mit natio­na­lis­tisch-chau­vi­nis­ti­schen Zügen, so dass in einer höchst ambi­va­lenten Gemenge­lage der ursprüng­lich Sympathie erzeu­gende akti­vis­ti­sche Protest gegen Bäum­e­fällen in Schutz­ge­bieten etwas zwei­fel­hafte Züge annimmt.

Ähnlich verun­si­chernd wirkt die Debatte über das soge­nannte »Über­wäl­ti­gungs­verbot«, die im Film aufge­bracht wird. Dabei handelt es sich um ein Prinzip, das in Deutsch­land für die poli­ti­sche Bildung im Unter­richt gilt und das verhin­dern soll, dass Schüler*innen eine bestimmte Meinung oder ein bestimmter Stand­punkt aufgenö­tigt wird oder dass sie damit »über­rum­pelt« werden. Man ertappt sich unwill­kür­lich bei der Frage, ob die russische Lehrerin dagegen verstoßen haben könnte, als sie ihre Meinung über den russi­schen Überfall in der Schul­stunde lancierte… Lokshinas tentative Art erzeugt immer wieder solche Kipp­mo­mente, die den Zuschau­enden die Bereit­schaft abver­langen, ihre eigene Sicht noch während des Sehens zu revi­dieren.

Darü­ber­hinaus boten weitere Sektionen immer wieder Erhel­lendes und Über­ra­schendes, ob es die Reihe mit den Local Artists ist, die unter anderem Expe­ri­men­telles von oberös­ter­rei­chi­schen Film­schaf­fenden wie Siegfried A. Fruhauf oder Lukas Marxt zeigt. Oder die kompakten und sorg­fältig kura­tierten Programme wie »Arbeits­welten«, diesmal unter dem Motto »Am Limit und kein Ende« in Zusam­men­ar­beit mit DOK Leipzig. Oder die Tribute-Reihe, die den »European Eighties« galt und Wieder­ent­de­ckungen zeigte wie den fulmi­nanten und wahrlich exzep­tio­nellen Film Reisender Krieger (1981) von Christian Schocher im Director’s Cut von 2008, der den Schweizer reisenden Handels­ver­treter Krieger (gespielt vom Laien­dar­steller Willy Ziegler) mit seinen Pfle­ge­pro­dukten durch Friseur­läden und Kosme­tik­sa­lons, aber auch durch Bars und Kaschemmen im freien Absturz begleitet. Der semi­do­ku­men­ta­ri­sche Film mit der unglaub­lich inten­siven Kame­ra­ar­beit von Clemens Klop­fen­stein bietet einen ebenso Augen öffnenden Blick auf die Achtziger-Jahre jenseits jeder Nost­al­gie­se­lig­keit wie der Black British Cinema-Klassiker Burning an Illusion (1981) von Menelik Shabazz mit seinem Empower­ment- und Bewusst­wer­dungs­nar­rativ.

Und so konnte man in Linz ein in allen Bereichen rundum gelun­genes Programm erkunden, das bei aller­schönstem (Früh-)Sommer­wetter auch dieses Jahr wieder 14.000 Zuschauer*innen ins Kino locken konnte. Nun, das Kino weist immerhin, so einer der Mode­ra­toren, den größten Licht­schutz­faktor auf.