23.04.2026

Film und Gespenster – oder: Warum Kunst das Gegenteil von Kultur ist

Lichter Filmfest

Das Schlechte der guten Absichten: Die Kulinarisierung des Films und der Kulturalismus der Gegenwart – zum Frankfurter Kongress »Zukunft Deutscher Film« in der kommenden Woche

Von Rüdiger Suchsland

»Gespenster und Dämonen fehlen uns gerade.«
– Alexander Kluge

Gibt es auch einen Safe Space für Ästhetik? Einen freien Spielraum für Filme­ma­cher? Das wäre schön – eine Trig­ger­war­nung vor Moral­zu­mu­tungen als Zutat ist gar nicht mal nötig. Nur einfach Ruhe vor dem Dauer­alarm, der die Welt der Filmkunst und der übrigen Künste gerade einschnürt.
Denn für alles gibt es Listen zum Abhaken und Vorschriften in der deutschen Film­büro­kratie: Green­shoo­ting, Gleich­stel­lung und Diver­sität. Aber von Ästhetik redet fast niemand. Denn sie ist am schwersten zu fassen und lässt sich nicht in Listen und Regu­la­rien objektiv fest­halten.
Der Verdacht drängt sich auf, dass diese Bedrän­gung, unter der sich die Künste gerade wieder­finden, auch etwas mit der Neoli­be­ra­li­sie­rung und gegen­wär­tigen Mili­ta­ri­sie­rung in der west­li­chen Gesell­schaft zu tun hat, damit, dass Effi­zi­enz­stei­ge­rung gefragt ist, Spardruck das Handeln diktiert, außer es geht um »Sicher­heit«, und die Zumu­tungen für Filme­ma­cher darum immer stärker werden.

Wenn die Kunst verschluckt wird

Davon erzählt zum Beispiel Bazon Brock. Seit langem formu­liert der Kunst-Vordenker und Beuys-Wegge­fährte (geboren 1936) eine grund­sätz­liche kultur­kri­ti­sche Diagnose: »Wenn alles Kultur ist, ist nichts mehr Kunst.« Kunst werde zunehmend durch einen allge­meinen Kultur­be­griff ersetzt. In diesem neuen »Kultu­ra­lismus« gehen aber Eigensinn und die eigent­liche gesell­schaft­liche Funktion der Kunst verloren. Die Idee von Kunst als Kritik und Heraus­for­de­rung schlägt um in Konfor­mismus, Lifestyle und Wellness. Damit verschwindet die Möglich­keit, das Leben durch Kunst zu kriti­sieren, und ein besseres Leben auf der Leinwand zu entwerfen.

Zum Auftakt der dies­jäh­rigen Konferenz »Zukunft deutscher Film«, die kommende Woche im Rahmen des »Lichter Filmfest« statt­findet, spricht dieser »Künstler ohne Werk« und Solitär des Kunst- und Denk­be­triebs darüber, was dies für die Gegenwart und für das Kino bedeutet, und über die Zukunft der Kunst.

Auf der Basis seines Vortrags disku­tiert Bazon Brock dann mit Filme­ma­chern über die Folgen der Kultu­ra­li­sie­rung für das Kino. Was passiert, wenn Filme das Gute befördern müssen, die Umwelt schützen und die Demo­kratie retten? Welche Filme werden in Zukunft noch gemacht? Und welche Filme finden dann nicht mehr statt – weil sie gar nicht gedacht werden können?
Oder sollte Kunst im 21. Jahr­hun­dert gesell­schaft­lich nützlich sein? Viel­leicht müssen wir ja das Unnütze vergessen.

Das »Sturm­ge­schütz der Demo­kratie« als klapp­riger Boller­wagen

Als Anfang der 80er Jahre das Privat­fern­sehen geplant wurde, war Bazon Brock auch dabei. Am Ende aber machte vor allem Alexander Kluge sein Ding alleine und aus der Kollektiv-Utopie des »Dritten Fern­se­hens« wurden jene Kultur­pro­gramme, die schon seit langem öde sind und jetzt auch im öffent­lich-recht­li­chen Rundfunk zunehmend abge­wi­ckelt werden.

Eine über Jahr­hun­derte gewach­sene Medi­en­land­schaft und -Tradition des öffent­li­chen Diskurses scheint gerade ersatzlos an ihr Ende zu kommen. Mit der gegen­wär­tigen Medi­en­krise verschwindet die »Vierte Gewalt« als Gegen­macht und Kontroll­in­stanz der Mächtigen, aus dem »Sturm­ge­schütz der Demo­kratie« (Rudolf Augstein über den »Spiegel«) ist ein klapp­riger Boller­wagen geworden.

Wie verändern sich die Diskurse in den Medien? Wo können sich Bürger noch verläss­lich infor­mieren, wenn mit der Medi­en­kon­kur­renz die Kriterien und das Vertrauen abhanden kommen, wenn Medien auch in der Demo­kratie so eng mit den Herr­schenden verbunden sind, dass Infor­ma­tion vor allem der Macht in die Hände spielt? Welche Rolle spielen hier Kunst und Kultur? Was sind die Folgen für die Demo­kratie?

Dazu entwi­ckelt in Frankfurt der Soziologe Harald Welzer ein paar Thesen. Wenn die weißen Flecken in der Kultur­be­richt­erstat­tung der klas­si­schen Medien und der Medi­en­land­schaft zunehmen, herrschen mehr und mehr Mono­kultur und zu wenig Problem­be­wusst­sein. Der freie Markt »reguliert« offen­sicht­lich gar nichts: Im Verdrän­gungs­wett­be­werb fressen die Großen die Kleinen, bevor sie von noch Größeren verschluckt werden; die einzige erkenn­bare Tendenz dabei ist konse­quentes Kaputt­sparen und Down­si­zing der Qualität. Das zeigt sich besonders an der Bericht­erstat­tung zu Kunst und Kultur: Was vor 25 Jahren im Print­be­reich begann, setzt nun auch erkennbar im öffent­lich-recht­li­chen Rundfunk ein: Kultur­ma­ga­zine werden einge­stellt und zusam­men­ge­legt, ganze Kultur­stre­cken gestri­chen; der DLF schafft den Deutsch­land­funk Kultur nur dem Namen nach nicht ab; was die Mantel­zei­tungen bei Regio­nal­blät­tern sind, sind ARD-Pools und zusam­men­ge­legte Redak­tionen. Muss das eigent­lich sein? Ist dieser Prozess unum­kehrbar?

Immer weniger Kultur, immer weniger Demo­kratie?

Auch in digitalen Medien ist der Ort der Kunst zwischen Künstlern, PR und Platt­form­logik zunehmend frag­würdig.

Die digitale Revo­lu­tion hat Künstlern zwar einer­seits viele Möglich­keiten zur Präsen­ta­tion, Selbst­dar­stel­lung und Vermark­tung eröffnet. Zugleich entstanden Neue Medien, die sich der Kunst­be­richt­erstat­tung in anderer, unab­hän­giger und oft viel mutigerer Weise gewidmet haben. 30 Jahre nach Beginn des Inter­net­booms sind aller­dings die Träume von zuneh­menden Chancen und mehr Demo­kratie im Netz geschwunden. Die neuen Herren sind die alten: Klas­si­sche Medi­en­kon­zerne und Tech Bros der New Economy und des Silicon Valley.
Die Inflation kosten­loser Inhalte führt zu einer Entwer­tung von Leis­tungen. Zudem verwi­schen sich die einst viel klarer gezogenen Grenzen zwischen unab­hän­giger Kritik und abhän­giger PR.

Gemeinsam mit Medi­en­ex­perten fragt der Frank­furter Kongress: Wie funk­tio­niert Kultur­jour­na­lismus in den digitalen Medien? Welche Möglich­keiten und welche Risiken eröffnen sich auf den neuen Platt­formen? Welche Chancen hat die im Koali­ti­ons­ver­trag fixierte Absicht, eine »Europäi­sche Medi­en­platt­form« ins Leben zu rufen?

Die Kunst zu streiten

Was wir statt­dessen brauchen: Streit­kultur. Die Poli­tik­wis­sen­schaft­lerin Gesine Schwan möchte sich tatsäch­lich mehr streiten. Aber nicht persön­lich und destruktiv, sondern um die gemein­same Sache. Streit macht dann Sinn, sagt sie, wenn er auf Vers­tän­di­gung zielt. Aber dieser gute Streit, »Streit­kultur« war gestern: Die Debatten in der heutigen Öffent­lich­keit wandeln sich zum Schlech­teren. Auf Konfron­ta­tion gerich­tete Talkshows ersetzen längst das Parlament als zentralen Ort des Poli­ti­schen. Selten gibt es dort ein wirk­li­ches Gespräch, gar einen Konsens, der in die Zukunft weist.
Bemer­kens­wert ist, dass das Kino heute kaum vom Fernsehen und der Realität der Medi­en­welten und kaum von Innen­an­sichten des Poli­ti­schen erzählt. Überhaupt finden gesell­schaft­liche Konflikte und Medien im deutschen Film selten statt, und private Konflikte sind immer schon im Rahmen einer bürger­li­chen Ästhetik abge­dämpft.

Die Bedin­gungen öffent­li­cher Diskus­sionen haben sich grund­le­gend verändert. Wie ist Vers­tän­di­gung in unver­s­tän­digen Zeiten noch möglich? Während Streit­kultur früher vor allem im Parlament, Zeitungen oder auf öffent­li­chen Veran­stal­tungen stattfand, verlagert sich ein großer Teil gesell­schaft­li­cher Ausein­an­der­set­zung heute in soziale Netzwerke, Online-Foren und Kommen­tar­spalten. Diese neuen Kommu­ni­ka­ti­ons­räume haben sowohl das Potenzial, demo­kra­ti­sche Streit­kultur zu erweitern, sie erzeugen aber auch neue Risiken.
Statt Argu­menten zählen in der digitalen Arena Emotionen und Zuspit­zung. Oder ist unsere Sehnsucht nach vernünf­tiger Vers­tän­di­gung mögli­cher­weise einfach über­trieben? Viel­leicht brauchen erwach­sene Bürger keine Benimm­re­geln und keine gesell­schaft­li­chen Nannys, die ihre Streit­ge­spräche normieren und mode­rieren. Viel­leicht wäre gerade die Fähigkeit, Dissens und auch destruk­tive Zumu­tungen auszu­halten, ja die viel­be­schwo­rene »Streit­kultur«.

Wie könnte also eine solche Kunst des Dialogs aussehen?

Radi­ka­lität oder Berliner Lehrer­zimmer?

Das stellt auch Fragen an den deutschen Film: Wo ist noch Ästhe­ti­sche Radi­ka­lität im Kino zwischen Nostalgie und Trig­ger­war­nung, in Zeiten, in denen aus dem Aufbruch der Berliner Schule vor 25 Jahren längst die Routine eines Berliner Lehrer­zim­mers geworden ist, das zudem noch weniger Zuschauer anspricht als die übrigen, immer schon main­strea­m­i­geren Filme­ma­cher?

In den 60er Jahren war das Kino Bilder­sturm. Aber von der befrei­enden Kraft des Regel­bruchs ist heute nicht viel geblieben.
In einer Zeit, in der auf den ersten Blick der Kunst alles erlaubt zu sein scheint, müssen wir fragen, ob und wo im Kino die Radi­ka­lität und Provo­ka­ti­ons­kraft eines Fass­binder oder Schlin­gen­sief überhaupt noch möglich ist. Oder sind ihr die Gegner ausge­gangen?
Zu debat­tieren ist auch, was Kunst heute im Kino überhaupt heißt. Viel­leicht kann man die wilden Gesten der Vergan­gen­heit ja nicht endlos weiter­führen; viel­leicht liegt Radi­ka­lität heute im Bewahren und sanfter Zivilität.
Schließ­lich ist da die These, dass Radi­ka­lität und Provo­ka­tion in den neuen Safe Spaces der Gegenwart nicht mehr gewollt, und unter Beachtung aller Acht­sam­keits­re­geln nicht mehr möglich sind.
Oder ist alles ganz anders, und es gibt heute längst neue Regeln und Verbote, die wir nur erkennen müssen, um sie zu brechen?
Sind Filme kommer­zi­eller als Bildende Kunst und Musik – oder ist das ein Trug­schluss?

Lichter Filmfest – 6. Kongress Zukunft Deutscher Film

29.04.-05.02.2026, Frankfurt am Main

Trans­pa­renz­note: Rüdiger Suchsland moderiert die aufge­führten Panels.