Film und Gespenster – oder: Warum Kunst das Gegenteil von Kultur ist |
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»Gespenster und Dämonen fehlen uns gerade.«
– Alexander Kluge
Gibt es auch einen Safe Space für Ästhetik? Einen freien Spielraum für Filmemacher? Das wäre schön – eine Triggerwarnung vor Moralzumutungen als Zutat ist gar nicht mal nötig. Nur einfach Ruhe vor dem Daueralarm, der die Welt der Filmkunst und der übrigen Künste gerade einschnürt.
Denn für alles gibt es Listen zum Abhaken und Vorschriften in der deutschen Filmbürokratie: Greenshooting, Gleichstellung und Diversität. Aber von Ästhetik redet fast niemand. Denn sie ist
am schwersten zu fassen und lässt sich nicht in Listen und Regularien objektiv festhalten.
Der Verdacht drängt sich auf, dass diese Bedrängung, unter der sich die Künste gerade wiederfinden, auch etwas mit der Neoliberalisierung und gegenwärtigen Militarisierung in der westlichen Gesellschaft zu tun hat, damit, dass Effizienzsteigerung gefragt ist, Spardruck das Handeln diktiert, außer es geht um »Sicherheit«, und die Zumutungen für Filmemacher darum immer stärker
werden.
Davon erzählt zum Beispiel Bazon Brock. Seit langem formuliert der Kunst-Vordenker und Beuys-Weggefährte (geboren 1936) eine grundsätzliche kulturkritische Diagnose: »Wenn alles Kultur ist, ist nichts mehr Kunst.« Kunst werde zunehmend durch einen allgemeinen Kulturbegriff ersetzt. In diesem neuen »Kulturalismus« gehen aber Eigensinn und die eigentliche gesellschaftliche Funktion der Kunst verloren. Die Idee von Kunst als Kritik und Herausforderung schlägt um in Konformismus, Lifestyle und Wellness. Damit verschwindet die Möglichkeit, das Leben durch Kunst zu kritisieren, und ein besseres Leben auf der Leinwand zu entwerfen.
Zum Auftakt der diesjährigen Konferenz »Zukunft deutscher Film«, die kommende Woche im Rahmen des »Lichter Filmfest« stattfindet, spricht dieser »Künstler ohne Werk« und Solitär des Kunst- und Denkbetriebs darüber, was dies für die Gegenwart und für das Kino bedeutet, und über die Zukunft der Kunst.
Auf der Basis seines Vortrags diskutiert Bazon Brock dann mit Filmemachern über die Folgen der Kulturalisierung für das Kino. Was passiert, wenn Filme das Gute befördern müssen, die Umwelt schützen und die Demokratie retten? Welche Filme werden in Zukunft noch gemacht? Und welche Filme finden dann nicht mehr statt – weil sie gar nicht gedacht werden können?
Oder sollte Kunst im 21. Jahrhundert gesellschaftlich nützlich sein? Vielleicht müssen wir ja das Unnütze
vergessen.
Als Anfang der 80er Jahre das Privatfernsehen geplant wurde, war Bazon Brock auch dabei. Am Ende aber machte vor allem Alexander Kluge sein Ding alleine und aus der Kollektiv-Utopie des »Dritten Fernsehens« wurden jene Kulturprogramme, die schon seit langem öde sind und jetzt auch im öffentlich-rechtlichen Rundfunk zunehmend abgewickelt werden.
Eine über Jahrhunderte gewachsene Medienlandschaft und -Tradition des öffentlichen Diskurses scheint gerade ersatzlos an ihr Ende zu kommen. Mit der gegenwärtigen Medienkrise verschwindet die »Vierte Gewalt« als Gegenmacht und Kontrollinstanz der Mächtigen, aus dem »Sturmgeschütz der Demokratie« (Rudolf Augstein über den »Spiegel«) ist ein klappriger Bollerwagen geworden.
Wie verändern sich die Diskurse in den Medien? Wo können sich Bürger noch verlässlich informieren, wenn mit der Medienkonkurrenz die Kriterien und das Vertrauen abhanden kommen, wenn Medien auch in der Demokratie so eng mit den Herrschenden verbunden sind, dass Information vor allem der Macht in die Hände spielt? Welche Rolle spielen hier Kunst und Kultur? Was sind die Folgen für die Demokratie?
Dazu entwickelt in Frankfurt der Soziologe Harald Welzer ein paar Thesen. Wenn die weißen Flecken in der Kulturberichterstattung der klassischen Medien und der Medienlandschaft zunehmen, herrschen mehr und mehr Monokultur und zu wenig Problembewusstsein. Der freie Markt »reguliert« offensichtlich gar nichts: Im Verdrängungswettbewerb fressen die Großen die Kleinen, bevor sie von noch Größeren verschluckt werden; die einzige erkennbare Tendenz dabei ist konsequentes Kaputtsparen und Downsizing der Qualität. Das zeigt sich besonders an der Berichterstattung zu Kunst und Kultur: Was vor 25 Jahren im Printbereich begann, setzt nun auch erkennbar im öffentlich-rechtlichen Rundfunk ein: Kulturmagazine werden eingestellt und zusammengelegt, ganze Kulturstrecken gestrichen; der DLF schafft den Deutschlandfunk Kultur nur dem Namen nach nicht ab; was die Mantelzeitungen bei Regionalblättern sind, sind ARD-Pools und zusammengelegte Redaktionen. Muss das eigentlich sein? Ist dieser Prozess unumkehrbar?
Auch in digitalen Medien ist der Ort der Kunst zwischen Künstlern, PR und Plattformlogik zunehmend fragwürdig.
Die digitale Revolution hat Künstlern zwar einerseits viele Möglichkeiten zur Präsentation, Selbstdarstellung und Vermarktung eröffnet. Zugleich entstanden Neue Medien, die sich der Kunstberichterstattung in anderer, unabhängiger und oft viel mutigerer Weise gewidmet haben. 30 Jahre nach Beginn des Internetbooms sind allerdings die Träume von zunehmenden Chancen und mehr Demokratie im Netz geschwunden. Die neuen Herren sind die alten: Klassische Medienkonzerne und
Tech Bros der New Economy und des Silicon Valley.
Die Inflation kostenloser Inhalte führt zu einer Entwertung von Leistungen. Zudem verwischen sich die einst viel klarer gezogenen Grenzen zwischen unabhängiger Kritik und abhängiger PR.
Gemeinsam mit Medienexperten fragt der Frankfurter Kongress: Wie funktioniert Kulturjournalismus in den digitalen Medien? Welche Möglichkeiten und welche Risiken eröffnen sich auf den neuen Plattformen? Welche Chancen hat die im Koalitionsvertrag fixierte Absicht, eine »Europäische Medienplattform« ins Leben zu rufen?
Was wir stattdessen brauchen: Streitkultur. Die Politikwissenschaftlerin Gesine Schwan möchte sich tatsächlich mehr streiten. Aber nicht persönlich und destruktiv, sondern um die gemeinsame Sache. Streit macht dann Sinn, sagt sie, wenn er auf Verständigung zielt. Aber dieser gute Streit, »Streitkultur« war gestern: Die Debatten in der heutigen Öffentlichkeit wandeln sich zum Schlechteren. Auf Konfrontation gerichtete Talkshows ersetzen längst das Parlament als zentralen
Ort des Politischen. Selten gibt es dort ein wirkliches Gespräch, gar einen Konsens, der in die Zukunft weist.
Bemerkenswert ist, dass das Kino heute kaum vom Fernsehen und der Realität der Medienwelten und kaum von Innenansichten des Politischen erzählt. Überhaupt finden gesellschaftliche Konflikte und Medien im deutschen Film selten statt, und private Konflikte sind immer schon im Rahmen einer bürgerlichen Ästhetik abgedämpft.
Die Bedingungen öffentlicher Diskussionen haben sich grundlegend verändert. Wie ist Verständigung in unverständigen Zeiten noch möglich? Während Streitkultur früher vor allem im Parlament, Zeitungen oder auf öffentlichen Veranstaltungen stattfand, verlagert sich ein großer Teil gesellschaftlicher Auseinandersetzung heute in soziale Netzwerke, Online-Foren und Kommentarspalten. Diese neuen Kommunikationsräume haben sowohl das Potenzial, demokratische
Streitkultur zu erweitern, sie erzeugen aber auch neue Risiken.
Statt Argumenten zählen in der digitalen Arena Emotionen und Zuspitzung. Oder ist unsere Sehnsucht nach vernünftiger Verständigung möglicherweise einfach übertrieben? Vielleicht brauchen erwachsene Bürger keine Benimmregeln und keine gesellschaftlichen Nannys, die ihre Streitgespräche normieren und moderieren. Vielleicht wäre gerade die Fähigkeit, Dissens und auch destruktive Zumutungen auszuhalten, ja
die vielbeschworene »Streitkultur«.
Wie könnte also eine solche Kunst des Dialogs aussehen?
Das stellt auch Fragen an den deutschen Film: Wo ist noch Ästhetische Radikalität im Kino zwischen Nostalgie und Triggerwarnung, in Zeiten, in denen aus dem Aufbruch der Berliner Schule vor 25 Jahren längst die Routine eines Berliner Lehrerzimmers geworden ist, das zudem noch weniger Zuschauer anspricht als die übrigen, immer schon mainstreamigeren Filmemacher?
In den 60er Jahren war das Kino Bildersturm. Aber von der befreienden Kraft des Regelbruchs ist heute nicht viel geblieben.
In einer Zeit, in der auf den ersten Blick der Kunst alles erlaubt zu sein scheint, müssen wir fragen, ob und wo im Kino die Radikalität und Provokationskraft eines Fassbinder oder Schlingensief überhaupt noch möglich ist. Oder sind ihr die Gegner ausgegangen?
Zu debattieren ist auch, was Kunst heute im Kino überhaupt heißt. Vielleicht kann man die
wilden Gesten der Vergangenheit ja nicht endlos weiterführen; vielleicht liegt Radikalität heute im Bewahren und sanfter Zivilität.
Schließlich ist da die These, dass Radikalität und Provokation in den neuen Safe Spaces der Gegenwart nicht mehr gewollt, und unter Beachtung aller Achtsamkeitsregeln nicht mehr möglich sind.
Oder ist alles ganz anders, und es gibt heute längst neue Regeln und Verbote, die wir nur erkennen müssen, um sie zu brechen?
Sind Filme
kommerzieller als Bildende Kunst und Musik – oder ist das ein Trugschluss?
Transparenznote: Rüdiger Suchsland moderiert die aufgeführten Panels.