Kino, wohin gehst du? |
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| Eingeladen zum Filmgipfel haben: die Filmstadt, dessen größtes Mitglied DOK.fest und das Filmfest. Alle München. | ||
| (Foto: Dunja Bialas) | ||
Von Dunja Bialas
Immer wieder muss man sich die Überschrift vergegenwärtigen, unter der an diesem frühen Morgen in der HFF der 2. Münchner Filmgipfel abgehalten wird: »Outside the Box: Neue Denkräume der Filmkultur.« Es geht, wohlgemerkt, diesmal nicht um den Zustand der Münchner Kinolandschaft – oder nur indirekt. Man könnte die Fragestellung des Filmgipfels auch umformulieren in: Wie noch ein Kino machen, wenn es immer weniger Orte des Kinos gibt?
Ein immenser Immobiliendruck lastet auf der einstigen Kino-Metropole München, daran erinnert Kulturreferent Marek Wiechers in seiner Begrüßung. Die auf vier Jahre anberaumte Schließung des Filmmuseums München im Juni 2027 steht unmittelbar bevor, ohne dass bislang ein Ausweichquartier oder ein Spielkonzept für die Interimszeit gefunden wurde. Das Filmtheater Sendlinger Tor liegt, erwirkt durch eine gerichtlich stattgegebene Räumung, seit Januar 2025 brach. Die Zwischennutzung durch das »Dings« brachte zutage, dass das Kino zwar als Mehrzweckraum denkbar ist, Filme dort aber keine wesentliche Rolle mehr spielen sollen. Dabei wäre es eine historische Chance, das älteste Kino Münchens für das Filmmuseum zu öffnen.
Gesprochen wurde beim Filmgipfel auf zwei Podien. Für die erste Runde versammelten sich auf dem langen Sofa in einer Reihe: Markus Speidel, als Direktor des Stadtmuseums für das Filmmuseum München zuständig. Tobias Bartelmus, als Leiter des Geschäftsbereichs Veranstaltungsmanagement für den Spielbetrieb des Gasteigs verantwortlich. Und Marina May, die Programmdirektorin der Münchner Volkshochschule (MVHS). Die Beteiligten trugen kurze Statements vor, ein Think Tank ergab sich trotz des illustren Beisammenseins nicht, der Ton wurde bestimmt vom Festhalten der Zustände. Regungen gab es eher vom Publikum.
So versprach Bartelmus, dass im neuen Gasteig (anvisierte Eröffnung: 2033/34) sowohl im Carl-Amery-Saal als auch im Carl- Orff-Saal standardmäßig Kinotechnik eingebaut werde, ebenso in der Philharmonie. Niemand aber widersprach, um darauf hinzuweisen, dass ein Kinosaal andere bauliche Anforderungen haben müsse als ein Konzertsaal; dass sie vielmehr in der erforderlichen Akustik geradezu als Kontrahenten gelten. Während im Konzert auch das Pizzicato hörbar sein muss, verlangt das Kino nach einer trockenen, schallschluckenden Akustik. Unser Vorschlag: Man könnte sich mit dem Akustiker der Philharmonie zusammensetzen, der auch die Holzvertäfelung im Münchner Cinema bauen ließ, und sich die bauakustischen Unterschiede aufzeigen lassen. Wie sie uns einst Dieter Buchwald, der legendäre Kino-Pionier der Imax-Kinos (später Kinobetreiber des Cinema), erklärt hatte.
Markus Speidel sagte zur nahenden Schließung des Filmmuseums: »Das ist eine der meistgestellten Fragen, die ich bekomme. Wir werden ein Interimsprogramm haben, ich kann aber noch nicht sagen, wie es aussieht.« Speidel benannte den Umbruch als Chance, Neues auszuprobieren, Dinge anders zu denken. »Jetzt wird uns am meisten vergeben, wenn mal etwas nicht klappt.« Vor allem sehe er eine Chance darin, dass das Filmmuseum Teil des Stadtmuseums ist. »Wir haben viele Kompetenzen im Stadtmuseum, die wir teilen können: kulturelle Teilhabe, Öffnung für marginalisierte Gruppen. Künstlerische und wissenschaftliche Arbeit, die sich verbindet.« Das sei auch aufs Filmmuseum übertragbar. Ab 2030 soll das Filmmuseum nicht nur Kino sein, sondern auch andere Räume bespielen. »Das Filmmuseum muss viel stärker sichtbar werden als integrativer Bestandteil des Stadtmuseums.«
Man möchte einwenden: Ist nicht das Credo des Filmmuseums, dass sein musealer Zweck gerade darin besteht, Filme auszustellen, indem man sie zeigt? Und dies natürlich auf einer Leinwand in einem Kinosaal? 1977 eröffnete das Filmmuseum im restaurierten Marstalltrakt des Stadtmuseums als »unsichtbares Kino« – Leinwand ohne Vorhang, schwarz ausgekleideter Saal – einen Traumort für die Cineasten der Stadt.
Dass Filmvermittlung auch für eine jüngere Zielgruppe, als es die derzeitigen Stammgäste im Filmmuseum sind, einen Platz im Programm haben sollte, darüber ist man sich in der Community einig. Auch Ausstellungen können das Kinoprogramm natürlich ergänzen, vermutlich aber wird dies zulasten der teuren Retrospektiven gehen. Dabei genießt das Filmmuseum gerade wegen seiner Filme überregional einen hervorragenden Ruf. Den würde man leichtfertig aufs Spiel setzen, gäbe es hier Einschnitte – und damit auch die Bedeutung des Filmerbes als »Living Archive« indirekt in Frage stellen.
Marina May akzentuierte die Tätigkeit der VHS, Filme zu vermitteln. »Filme lesen lernen, Filme mit Zielgruppen schauen«, sei ihre Kernkompetenz in Sachen Film, aber meist geschehe dies in Seminarräumen, wo die Projektions- und Rezeptionsbedingungen suboptimal seien.
Die Öffnung des Kinos für andere Zielgruppen – im Heraustreten aus der Black Box des Kinos, die metaphorisch in viele Richtungen verstanden werden kann – scheint zwangsläufig mit einem Qualitätsverlust einherzugehen, das machte während der Veranstaltung nicht nur Mays Bericht deutlich. Auch die oben erwähnte Philharmonie, die auch Filme zeigen wolle, deutete dies an.
Auf dem zweiten Podium nahmen Daniela Bergauer und Michael Hehl Platz, die in München das ABC und die Leopold Kinos betreiben, außerdem Patrik Thomas, der mit seinem mobilen Kino »Ciné Vélo Cité« Menschen dort mit Filmen erreicht, wo es keine Kinos mehr gibt – zum Beispiel im Stadtteil Neuperlach – und die Kulturmanagerin Anne Kleeblatt. Bergauer mahnte an, dass es eine finanzielle Planungssicherheit bräuchte, den Rückhalt der Vermieter und der Stadt. Sie begrüßte Veranstaltungen wie Festivals, weil sie es schaffen, die Möglichkeit des Kinos als Ort zu akzentuieren.
Kinos seien immer weniger nur Abspielstätten für Filme, erinnerte Hehl, sondern mehr ein kuratiertes Angebot, das auch die Begegnung mit Filmemachern ermögliche, zu Diskussionsrunden und anderen Ereignissen einlade. Die große Frage sei: Wie stellt man Einzigartigkeit her? »Durch die Eventisierung des Kinos wird der Ort belebt«, davon ist Hehl überzeugt. Dass dazu auch das Strickkino bei gedimmtem Licht gehöre, ist ein Beispiel für unsere These, dass die für das Kino essenziellen Qualitäten – Licht und Ton – bereitwillig zur Disposition gestellt werden, will man kinoferne Zielgruppen erschließen. Das gilt auch fürs Babykino, bei dem der Ton heruntergefahren wird.
»Add-ons« nennt das DOK.fest die zusätzliche Eventisierung seines ohnehin Event gewordenen Filmprogramms. Anscheinend vertraut man nicht mehr darauf, das Publikum zu erreichen, wenn man »nur« Filme zeigt. Empfindlich fehlte auf dem Podium etwa Josef Loibl. Der Betreiber des Park-Kino in Bad Reichenhall hat jüngst den Spitzenpreis der bayerischen Kinoprogrammprämie erhalten und weiß: Das Kinopublikum sehnt sich auch nach einem nostalgischen Kino, nach alten Filmen und viel Feierlichkeit im Kinosaal. Ein Film sollte auch »aus sich heraus funktionieren und der Kinobesuch als solcher wieder ein Event werden«, wie er im Interview mit den »Filmnews Bayern« sagte.
Fern von solchen Überlegungen agiert das »Ciné Vélo Cité«. Es akzentuiert als mobiles Fahrradkino die sozialen Aspekte der Zusammenkunft für das Sehen eines Films, fordert den öffentlichen Raum ein (»Reclaim the Streets!«) und öffnet mit seinem Pop-up-Kino in den Straßen der Stadt auch Diskursräume.
Die Kulturmanagerin Anna Kleeblatt befand: »Jeder Ort ist für Film und Filmkultur erschließbar.« Film habe den Vorteil, dass er an ganz vielen Orten erlebbar wird, auch könne man den Kinoraum öffnen und andere Veranstaltungen anbieten. »Die es wert sind, erlebt zu werden.« Wir hoffen nicht, dass das gegen das Kino gerichtet war. Stricken im Kino findet sie auf jeden Fall gut. Ihr sei aber mehr an der Multifunktionalität von Räumen gelegen, auch im Sinne des Dritten Ortes.
In einem spontanen Kurzreferat erläuterte sie rasch die Idee dieses Konzeptes, das sich bereits durch die ganze Veranstaltung gezogen hatte. Die Idee des »Dritten Ortes« geht auf das Buch »Celebrating the Third Place« von 2001 zurück. Neben dem First Place, dem Zuhause, und dem Second Place, der Arbeit, gibt es noch die Third Places, (halb-)öffentliche Orte, an denen Menschen sich begegnen, Beziehungen aufbauen, Ideen austauschen und ihr Gemeinschaftsgefühl stärken. Klassische Beispiele sind Cafés, Museen, Parks oder Bibliotheken.
Akzentuiert wird mittlerweile zusätzlich, und daher kommt der Gebrauch des »Dritten Ortes« beim Filmgipfel, die Öffnung auch für Veranstaltungen, die nichts kosten und vor allem die multifunktionale Nutzung. Peter Richter schrieb wenige Tage vor dem Filmgipfel in der »Süddeutschen Zeitung«:
»Der Ruf nach Dritten Orten meint bei ihnen aber inzwischen etwas komplett anderes. Da geht es in der Regel um eine Öffnung von spezialisierten Kultureinrichtungen. Da ist ein von Konsumzwängen befreites Angebot an Aufenthaltsraum zentral. Wo der Begriff vom Dritten Ort fällt, folgt in der Regel der von der Niedrigschwelligkeit auf dem Fuß. Dieser ist nun wiederum aus der Sprache der akzeptierenden Sozialarbeit in die Kultur eingewandert; niedrigschwellig waren zunächst die Angebote der Drogenhilfe. Jetzt haben es Museen und Opernhäuser zu sein.«
In der Ausgabe der »SZ« vom gestrigen Mittwoch war über den Koalitionsvertrag der neuen Mango-München-Regierung unter dem Stichwort »Kultur« zu lesen:
»Die Koalition verspricht München einen 'Kulturentwicklungsplan'. Die Popkultur soll 'Impulsgeberin und Experimentierfeld' sein. 'Bibliotheken und ähnliche Einrichtungen' sollen zu 'Dritten Orten' gewandelt werden. Altgedienten Kulturinstitutionen kündigt der Vertrag 'Effizienzsteigerungen', 'Synergien' und den 'Abbau von Parallelstrukturen' an.«
Dem Dritten Ort sollte zwingend ein weiterer Begriff zur Seite gestellt werden: die Heterotopie, wie sie der französische Wissenshistoriker Michel Foucault definierte. Bibliotheken und Clubs, auch »altgediente Kulturinstitutionen« und natürlich Kinos sind Heterotopien. Also nach Foucault:
»Wirkliche Orte, wirksame Orte, die in die Einrichtung der Gesellschaft hineingezeichnet sind, sozusagen Gegenplatzierungen oder Widerlager, tatsächlich realisierte Utopien, in denen die wirklichen Plätze innerhalb der Kultur gleichzeitig repräsentiert, bestritten und gewendet sind, gewissermaßen Orte außerhalb aller Orte, wiewohl sie tatsächlich geortet werden können.«
Die Heterotopie weiß von der Andersartigkeit des kulturellen Ortes Bescheid, ohne sie mit der Gesellschaft gleichmachen zu wollen, und lässt zu, dass hier genau zum Tragen kommt, worum es den Orten eigentlich geht. Die Kultur zu repräsentieren und zugleich anzufechten, einen Diskursraum über den Gegenstand, den sie selbst verhandelt, zu öffnen, das wäre wirklich heterotopisch und keine »Parallelstruktur«, die man sonst Sekten oder undurchschaubaren Clanstrukturen zuschreibt. So betrachtet, stünde der Dritte Ort dem Erleben von Kunst und Kultur sogar entgegen.
Es lohnt sich, noch einmal an den Anfang des Filmgipfels zurückzukehren. Malve Lippmann vom Berliner Sinema Transtopia erklärte in einer Keynote das Erfolgsrezept ihres Kinos. Es untersuche das Kino als sozialen Diskursraum, als Ort des Austauschs und der Solidarität. Filmkultur sei ebenso wichtig wie das Zusammenkommen der Nachbarschaft, hochkarätige Filmreihen würden neben Dinners veranstaltet werden. »Wie muss Kino sein, damit sich die Leute wohlfühlen?« war eine der Ausgangsfragen für das Sinema Transtopia gewesen. Und: Wer erzählt welche Geschichte? Wessen Perspektive erzählt das Kino? Welche Geschichten werden vernachlässigt und sind gleichwohl in der pluralen Stadtgesellschaft anwesend?
Hier wurde exemplarisch benannt, was Kino als Diskursraum bedeutet, und auch wie es aussehen könnte, das Kino für neue Zielgruppen zu erschließen – ohne das Kino in seiner essenziellen Qualität zu verabschieden.
Nicht umsonst schwingt in »Transtopia« auch die Utopie mit.