14.05.2026

Kino, wohin gehst du?

2. Münchner Filmgipfel
Eingeladen zum Filmgipfel haben: die Filmstadt, dessen größtes Mitglied DOK.fest und das Filmfest. Alle München.
(Foto: Dunja Bialas)

Der 2. Münchner Filmgipfel versammelte illustre Protagonisten der kulturellen Stadtgesellschaft – und umschiffte die Diskussion

Von Dunja Bialas

Immer wieder muss man sich die Über­schrift verge­gen­wär­tigen, unter der an diesem frühen Morgen in der HFF der 2. Münchner Film­gipfel abge­halten wird: »Outside the Box: Neue Denkräume der Film­kultur.« Es geht, wohl­ge­merkt, diesmal nicht um den Zustand der Münchner Kino­land­schaft – oder nur indirekt. Man könnte die Frage­stel­lung des Film­gip­fels auch umfor­mu­lieren in: Wie noch ein Kino machen, wenn es immer weniger Orte des Kinos gibt?

Ein immenser Immo­bi­li­en­druck lastet auf der einstigen Kino-Metropole München, daran erinnert Kultur­re­fe­rent Marek Wiechers in seiner Begrüßung. Die auf vier Jahre anbe­raumte Schließung des Film­mu­seums München im Juni 2027 steht unmit­telbar bevor, ohne dass bislang ein Ausweich­quar­tier oder ein Spiel­kon­zept für die Inte­rims­zeit gefunden wurde. Das Film­theater Send­linger Tor liegt, erwirkt durch eine gericht­lich statt­ge­ge­bene Räumung, seit Januar 2025 brach. Die Zwischen­nut­zung durch das »Dings« brachte zutage, dass das Kino zwar als Mehr­zweck­raum denkbar ist, Filme dort aber keine wesent­liche Rolle mehr spielen sollen. Dabei wäre es eine histo­ri­sche Chance, das älteste Kino Münchens für das Film­mu­seum zu öffnen.

Illustre Prot­ago­nisten der Stadt­ge­sell­schaft

Gespro­chen wurde beim Film­gipfel auf zwei Podien. Für die erste Runde versam­melten sich auf dem langen Sofa in einer Reihe: Markus Speidel, als Direktor des Stadt­mu­seums für das Film­mu­seum München zuständig. Tobias Bartelmus, als Leiter des Geschäfts­be­reichs Veran­stal­tungs­ma­nage­ment für den Spiel­be­trieb des Gasteigs verant­wort­lich. Und Marina May, die Programm­di­rek­torin der Münchner Volks­hoch­schule (MVHS). Die Betei­ligten trugen kurze State­ments vor, ein Think Tank ergab sich trotz des illustren Beisam­men­seins nicht, der Ton wurde bestimmt vom Fest­halten der Zustände. Regungen gab es eher vom Publikum.

So versprach Bartelmus, dass im neuen Gasteig (anvi­sierte Eröffnung: 2033/34) sowohl im Carl-Amery-Saal als auch im Carl- Orff-Saal stan­dard­mäßig Kino­technik eingebaut werde, ebenso in der Phil­har­monie. Niemand aber wider­sprach, um darauf hinzu­weisen, dass ein Kinosaal andere bauliche Anfor­de­rungen haben müsse als ein Konzert­saal; dass sie vielmehr in der erfor­der­li­chen Akustik geradezu als Kontra­henten gelten. Während im Konzert auch das Pizzicato hörbar sein muss, verlangt das Kino nach einer trockenen, schall­schlu­ckenden Akustik. Unser Vorschlag: Man könnte sich mit dem Akustiker der Phil­har­monie zusam­men­setzen, der auch die Holz­ver­tä­fe­lung im Münchner Cinema bauen ließ, und sich die bauakus­ti­schen Unter­schiede aufzeigen lassen. Wie sie uns einst Dieter Buchwald, der legendäre Kino-Pionier der Imax-Kinos (später Kino­be­treiber des Cinema), erklärt hatte.

Markus Speidel sagte zur nahenden Schließung des Film­mu­seums: »Das ist eine der meist­ge­stellten Fragen, die ich bekomme. Wir werden ein Inte­rims­pro­gramm haben, ich kann aber noch nicht sagen, wie es aussieht.« Speidel benannte den Umbruch als Chance, Neues auszu­pro­bieren, Dinge anders zu denken. »Jetzt wird uns am meisten vergeben, wenn mal etwas nicht klappt.« Vor allem sehe er eine Chance darin, dass das Film­mu­seum Teil des Stadt­mu­seums ist. »Wir haben viele Kompe­tenzen im Stadt­mu­seum, die wir teilen können: kultu­relle Teilhabe, Öffnung für margi­na­li­sierte Gruppen. Künst­le­ri­sche und wissen­schaft­liche Arbeit, die sich verbindet.« Das sei auch aufs Film­mu­seum über­tragbar. Ab 2030 soll das Film­mu­seum nicht nur Kino sein, sondern auch andere Räume bespielen. »Das Film­mu­seum muss viel stärker sichtbar werden als inte­gra­tiver Bestand­teil des Stadt­mu­seums.«

Man möchte einwenden: Ist nicht das Credo des Film­mu­seums, dass sein musealer Zweck gerade darin besteht, Filme auszu­stellen, indem man sie zeigt? Und dies natürlich auf einer Leinwand in einem Kinosaal? 1977 eröffnete das Film­mu­seum im restau­rierten Marstall­trakt des Stadt­mu­seums als »unsicht­bares Kino« – Leinwand ohne Vorhang, schwarz ausge­klei­deter Saal – einen Traumort für die Cineasten der Stadt.

Dass Film­ver­mitt­lung auch für eine jüngere Ziel­gruppe, als es die derzei­tigen Stamm­gäste im Film­mu­seum sind, einen Platz im Programm haben sollte, darüber ist man sich in der Community einig. Auch Ausstel­lungen können das Kino­pro­gramm natürlich ergänzen, vermut­lich aber wird dies zulasten der teuren Retro­spek­tiven gehen. Dabei genießt das Film­mu­seum gerade wegen seiner Filme über­re­gional einen hervor­ra­genden Ruf. Den würde man leicht­fertig aufs Spiel setzen, gäbe es hier Einschnitte – und damit auch die Bedeutung des Filmerbes als »Living Archive« indirekt in Frage stellen.

Marina May akzen­tu­ierte die Tätigkeit der VHS, Filme zu vermit­teln. »Filme lesen lernen, Filme mit Ziel­gruppen schauen«, sei ihre Kern­kom­pe­tenz in Sachen Film, aber meist geschehe dies in Semi­nar­räumen, wo die Projek­tions- und Rezep­ti­ons­be­din­gungen subop­timal seien.

Die Öffnung des Kinos für andere Ziel­gruppen – im Heraus­treten aus der Black Box des Kinos, die meta­pho­risch in viele Rich­tungen verstanden werden kann – scheint zwangs­läufig mit einem Quali­täts­ver­lust einher­zu­gehen, das machte während der Veran­stal­tung nicht nur Mays Bericht deutlich. Auch die oben erwähnte Phil­har­monie, die auch Filme zeigen wolle, deutete dies an.

Add-ons und Dritter Ort

Auf dem zweiten Podium nahmen Daniela Bergauer und Michael Hehl Platz, die in München das ABC und die Leopold Kinos betreiben, außerdem Patrik Thomas, der mit seinem mobilen Kino »Ciné Vélo Cité« Menschen dort mit Filmen erreicht, wo es keine Kinos mehr gibt – zum Beispiel im Stadtteil Neuper­lach – und die Kultur­ma­na­gerin Anne Kleeblatt. Bergauer mahnte an, dass es eine finan­zi­elle Planungs­si­cher­heit bräuchte, den Rückhalt der Vermieter und der Stadt. Sie begrüßte Veran­stal­tungen wie Festivals, weil sie es schaffen, die Möglich­keit des Kinos als Ort zu akzen­tu­ieren.

Kinos seien immer weniger nur Abspielstätten für Filme, erinnerte Hehl, sondern mehr ein kura­tiertes Angebot, das auch die Begegnung mit Filme­ma­chern ermög­liche, zu Diskus­si­ons­runden und anderen Ereig­nissen einlade. Die große Frage sei: Wie stellt man Einzig­ar­tig­keit her? »Durch die Even­ti­sie­rung des Kinos wird der Ort belebt«, davon ist Hehl überzeugt. Dass dazu auch das Strick­kino bei gedimmtem Licht gehöre, ist ein Beispiel für unsere These, dass die für das Kino essen­zi­ellen Quali­täten – Licht und Ton – bereit­willig zur Dispo­si­tion gestellt werden, will man kinoferne Ziel­gruppen erschließen. Das gilt auch fürs Babykino, bei dem der Ton herun­ter­ge­fahren wird.

»Add-ons« nennt das DOK.fest die zusätz­liche Even­ti­sie­rung seines ohnehin Event gewor­denen Film­pro­gramms. Anschei­nend vertraut man nicht mehr darauf, das Publikum zu erreichen, wenn man »nur« Filme zeigt. Empfind­lich fehlte auf dem Podium etwa Josef Loibl. Der Betreiber des Park-Kino in Bad Reichen­hall hat jüngst den Spit­zen­preis der baye­ri­schen Kino­pro­gramm­prämie erhalten und weiß: Das Kino­pu­blikum sehnt sich auch nach einem nost­al­gi­schen Kino, nach alten Filmen und viel Feier­lich­keit im Kinosaal. Ein Film sollte auch »aus sich heraus funk­tio­nieren und der Kino­be­such als solcher wieder ein Event werden«, wie er im Interview mit den »Filmnews Bayern« sagte.

Fern von solchen Über­le­gungen agiert das »Ciné Vélo Cité«. Es akzen­tu­iert als mobiles Fahr­rad­kino die sozialen Aspekte der Zusam­men­kunft für das Sehen eines Films, fordert den öffent­li­chen Raum ein (»Reclaim the Streets!«) und öffnet mit seinem Pop-up-Kino in den Straßen der Stadt auch Diskurs­räume.

Die Kultur­ma­na­gerin Anna Kleeblatt befand: »Jeder Ort ist für Film und Film­kultur erschließbar.« Film habe den Vorteil, dass er an ganz vielen Orten erlebbar wird, auch könne man den Kinoraum öffnen und andere Veran­stal­tungen anbieten. »Die es wert sind, erlebt zu werden.« Wir hoffen nicht, dass das gegen das Kino gerichtet war. Stricken im Kino findet sie auf jeden Fall gut. Ihr sei aber mehr an der Multi­funk­tio­na­lität von Räumen gelegen, auch im Sinne des Dritten Ortes.

In einem spontanen Kurz­re­ferat erläu­terte sie rasch die Idee dieses Konzeptes, das sich bereits durch die ganze Veran­stal­tung gezogen hatte. Die Idee des »Dritten Ortes« geht auf das Buch »Cele­bra­ting the Third Place« von 2001 zurück. Neben dem First Place, dem Zuhause, und dem Second Place, der Arbeit, gibt es noch die Third Places, (halb-)öffent­liche Orte, an denen Menschen sich begegnen, Bezie­hungen aufbauen, Ideen austau­schen und ihr Gemein­schafts­ge­fühl stärken. Klas­si­sche Beispiele sind Cafés, Museen, Parks oder Biblio­theken.

Akzen­tu­iert wird mitt­ler­weile zusätz­lich, und daher kommt der Gebrauch des »Dritten Ortes« beim Film­gipfel, die Öffnung auch für Veran­stal­tungen, die nichts kosten und vor allem die multi­funk­tio­nale Nutzung. Peter Richter schrieb wenige Tage vor dem Film­gipfel in der »Süddeut­schen Zeitung«:

»Der Ruf nach Dritten Orten meint bei ihnen aber inzwi­schen etwas komplett anderes. Da geht es in der Regel um eine Öffnung von spezia­li­sierten Kultur­ein­rich­tungen. Da ist ein von Konsum­zwängen befreites Angebot an Aufent­halts­raum zentral. Wo der Begriff vom Dritten Ort fällt, folgt in der Regel der von der Nied­rig­schwel­lig­keit auf dem Fuß. Dieser ist nun wiederum aus der Sprache der akzep­tie­renden Sozi­al­ar­beit in die Kultur einge­wan­dert; nied­rig­schwellig waren zunächst die Angebote der Drogen­hilfe. Jetzt haben es Museen und Opern­häuser zu sein.«

In der Ausgabe der »SZ« vom gestrigen Mittwoch war über den Koali­ti­ons­ver­trag der neuen Mango-München-Regierung unter dem Stichwort »Kultur« zu lesen:

»Die Koalition verspricht München einen 'Kultur­ent­wick­lungs­plan'. Die Popkultur soll 'Impuls­ge­berin und Expe­ri­men­tier­feld' sein. 'Biblio­theken und ähnliche Einrich­tungen' sollen zu 'Dritten Orten' gewandelt werden. Altge­dienten Kultur­in­sti­tu­tionen kündigt der Vertrag 'Effi­zi­enz­stei­ge­rungen', 'Synergien' und den 'Abbau von Paral­lel­struk­turen' an.«

Hetero­topie, Tran­stopie, Utopie

Dem Dritten Ort sollte zwingend ein weiterer Begriff zur Seite gestellt werden: die Hetero­topie, wie sie der fran­zö­si­sche Wissens­his­to­riker Michel Foucault defi­nierte. Biblio­theken und Clubs, auch »altge­diente Kultur­in­sti­tu­tionen« und natürlich Kinos sind Hetero­to­pien. Also nach Foucault:

»Wirkliche Orte, wirksame Orte, die in die Einrich­tung der Gesell­schaft hinein­ge­zeichnet sind, sozusagen Gegen­plat­zie­rungen oder Wider­lager, tatsäch­lich reali­sierte Utopien, in denen die wirk­li­chen Plätze innerhalb der Kultur gleich­zeitig reprä­sen­tiert, bestritten und gewendet sind, gewis­ser­maßen Orte außerhalb aller Orte, wiewohl sie tatsäch­lich geortet werden können.«

Die Hetero­topie weiß von der Anders­ar­tig­keit des kultu­rellen Ortes Bescheid, ohne sie mit der Gesell­schaft gleich­ma­chen zu wollen, und lässt zu, dass hier genau zum Tragen kommt, worum es den Orten eigent­lich geht. Die Kultur zu reprä­sen­tieren und zugleich anzu­fechten, einen Diskurs­raum über den Gegen­stand, den sie selbst verhan­delt, zu öffnen, das wäre wirklich hete­ro­to­pisch und keine »Paral­lel­struktur«, die man sonst Sekten oder undurch­schau­baren Clan­struk­turen zuschreibt. So betrachtet, stünde der Dritte Ort dem Erleben von Kunst und Kultur sogar entgegen.

Es lohnt sich, noch einmal an den Anfang des Film­gip­fels zurück­zu­kehren. Malve Lippmann vom Berliner Sinema Tran­stopia erklärte in einer Keynote das Erfolgs­re­zept ihres Kinos. Es unter­suche das Kino als sozialen Diskurs­raum, als Ort des Austauschs und der Soli­da­rität. Film­kultur sei ebenso wichtig wie das Zusam­men­kommen der Nach­bar­schaft, hoch­karä­tige Film­reihen würden neben Dinners veran­staltet werden. »Wie muss Kino sein, damit sich die Leute wohl­fühlen?« war eine der Ausgangs­fragen für das Sinema Tran­stopia gewesen. Und: Wer erzählt welche Geschichte? Wessen Perspek­tive erzählt das Kino? Welche Geschichten werden vernach­läs­sigt und sind gleich­wohl in der pluralen Stadt­ge­sell­schaft anwesend?

Hier wurde exem­pla­risch benannt, was Kino als Diskurs­raum bedeutet, und auch wie es aussehen könnte, das Kino für neue Ziel­gruppen zu erschließen – ohne das Kino in seiner essen­zi­ellen Qualität zu verab­schieden.

Nicht umsonst schwingt in »Tran­stopia« auch die Utopie mit.