Die Isar entlang, gegen den Mainstream |
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| Über 200 Filme aus 36 Ländern bilden das diesjährige Programm... | ||
| (Foto: LAKFF) | ||
Von Anna Edelmann
In München lebt man im Überfluss, was die Auswahl an Filmfestivals angeht. Fast jede Woche widmet sich in dieser schönen Stadt ein kleines oder größeres Fest den kleinen und größeren Fokusen der großen weiten cineastischen Welt. Aber München ist ja auch berühmt für seine ausgezeichnete Lage, was Tagesausflüge angeht: Viel zu entdecken gibt es in der Umgebung. Ob die Berge rauf, in die Seen hinein – oder eben die Isar entlang.
So führt uns diese Woche der Stadtstrom hinaus bis nach Landshut. Aber nicht aus reiner Freude an der Stadtflucht und am bayerischen Land im aufkeimenden, zart-kalten Frühling: Vom 11. bis 16. März findet hier das 26. Landshuter Kurzfilmfestival statt.
Gerne wird über Festivals geschrieben, wie vielfältig oder buntgefächert ihre Programme sind. Oder man traut es sich nicht mehr zu schreiben, weil es schon so oft geschrieben wurde oder man Sorge trägt, sich wie eine bloße Pressesprecherin zu lesen. Aber selten treffen diese vermeintlich ausgelutschten Adjektive es so sehr zu wie bei einem großen Kurzfilmfestival wie dem in Landshut. Speziell der Kurzfilm wird auf Langfilmfestivals gerne in die Ecke gedrängt oder in Sonderprogrammen für die Nachwuchsförderung untergebracht, während er im regulären Kinoprogramm so gut wie gar nicht stattfindet – jenseits eines Vorfilms, wobei diese so selten geworden sind, dass sie einen fast nostalgisch stimmen.
In Landshut hingegen ist es eine bewusste Entscheidung für diese spezielle Form des filmischen Erzählens. Und so sieht die Programmgestaltung mit ihren verschiedenen Sektionen nur auf den ersten Blick aus wie auf anderen Filmfestivals. Denn bedingt durch die kurze Spieldauer und die Seltenheit, dieses Format überhaupt im Kino zu sehen, landet man fast automatisch in den quirligen Gewässern jenseits des Hauptstroms – Verzeihung, des Mainstreams.
Über 200 Filme aus 36 Ländern bilden das diesjährige Programm, wobei das Herzstück des Festivals die D-A-CH-Sektion bleibt, in der Filme aus Deutschland, Österreich und der Schweiz um den mit 5.000 € höchstdotierten Preis des Festivals wetteifern. Auf einen Schlag findet man hier in acht Programmen mehr Bandbreite als beim abendfüllenden deutschsprachigen Film. Dead Air beschäftigt sich mit der versuchten Einmischung der Politik in die Presse; zwischen einer Maklerin und einer unverschämt-übergriffigen Interessentin für das Wohnjuwel entbrennt ein intensives Kammerspiel; und schließlich erfahren wir mit albern-heiterer, glucksender Begeisterung bei der Rotnaschiernte In Kuppeby Neues über traditionelle, regionale Süßwarenspezialitäten.
Themen und Genres wechseln rasant – ja, vielleicht ist das überhaupt die größte Qualität des Kurzfilms: Er verzeiht keine Unaufmerksamkeit. Weder hinter der Kamera noch im Kinosessel. Mit ebenfalls acht Programmen bietet die internationale Sektion viel Raum für die verschiedensten Geschichten und Genres. Hier findet sowohl eine tief melancholische, belgische Parabel über Einsamkeit ihren Platz, in der ein Catcher – ein vom Staat beauftragter Fänger – Jagd auf unsichtbare Singvögel macht, als auch eine quietschbunte, gewagt-politische, chinesische Gesellschaftssatire wie Boiling Point, in der ein älterer Herr wortwörtlich beweist, wie viel er für sein Land zu schlucken bereit ist.
Letztlich liegt die größte Stärke des Festivals in der Balance von Regionalität und tatsächlicher Internationalität. Einerseits fördert das Festival in Zusammenarbeit mit der Landshuter Zeitung mit seinem „Lokalrunde“-Preis gezielt Filmemachende aus Bayern. Andererseits bietet dieses Jahr auch die Dokumentarfilmreihe Einblicke in ausgesprochen nationale Themen. Beobachtend, nicht (vor-)urteilend erzählt Am Beckenrand vom Umgang der Bewohner*innen eines kleinen Dorfes im Nordschwarzwald mit der Ankunft einer Geflüchtetenfamilie. In Let The Kids Know wird die Aktivistin Judith mit den rechtlichen Konsequenzen konfrontiert – und somit auch mit dem Vergessen ihres Protestes sowie den traumatischen Erfahrungen polizeilicher Repression. Es laufen Filme über sozialpädagogische Kunstprojekte an Schulen, den Alltag in einer Bundeswehrkaserne, in Heil- und Pflegeanstalten oder auch in typischen, lebendig-grauen Wohnsiedlungen.
Weitere Perspektiven eröffnen die Sektionen Shock Blocks für das Genre-Kino sowie die Animationsfilme, während Sonderprogramme wie DaHome, Queer, Ü60 und ein eigenes Kinderprogramm das Festivalangebot abrunden.
Andererseits ist die familiäre Stimmung vor Ort – fast paradoxerweise – international geprägt. Es ist erstaunlich zu beobachten, wenn Filmemachende aus der ganzen Welt in das sonst so überschaubare Landshut einbrechen und die Stadt für sich einnehmen. Die Kneipen und Restaurants entlang der Festivalmeile – oder wie die Landshuter sie liebevoll nennen: die Altstadt – füllen sich mit Menschen, die zwischen Skepsis und Genuss ihre erste Weißwurst probieren und dabei hitzig über die obskursten Kurzfilme diskutieren, seien es ihre eigenen oder neu entdeckte Werke.
Wie es sich für einen anständigen Tagesausflug gehört, lädt das Festival mit seinen Kurzfilmprogrammen das Publikum ein, sich einfach treiben zu lassen.
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26. Landshuter Kurzfilmfestival
11. – 16. März 2026
Eintritt: 10€ – 12€ pro Programmblock, Dauerkarte 60€
Alle Informationen zu Programm und Tickets auf der Website des Festivals.
Disclaimer: Die Autorin Mitglied des Festivalteams in Landshut.