30.04.2026

Driften in der Zeit

»Peacemaker« von Ivan Ramljak
(Foto: Dokumentarfilmwoche Hamburg · Ivan Ramljak)

Die Dokumentarfilmwoche Hamburg zeigt Dokumentarfilme der Übergänge

Von Nora Moschuering

Phasenü­ber­gänge in der Physik sind z. B. Übergänge, in denen ein Stoff seinen Aggre­gat­zu­stand ändert, also z. B. Wasser, das flüssig, als Dampf oder als Eis vorkommen kann. Bei der dies­jäh­rigen doku­men­tar­film­woche Hamburg konnte man immer wieder Übergänge sehen, oft durch zeitliche Faktoren oder verän­derte Umstände entstanden, ober­fläch­lich ersicht­lich durch die Verän­de­rung des Materials, durch die jewei­ligen tech­ni­schen Möglich­keiten, inhalt­lich aber durch die Verän­de­rung der Bedeutung der Filme, als Erin­ne­rungs­kultur, Zeugen und Archiv, als Reprä­sen­ta­tion von Personen und Situa­tionen oder als aktives Werkzeug für die Gestal­tung von Gesell­schaft und damit auch eingrei­fendes, reali­täts­er­zeu­gendes Medium. Ja, hier wird dem Doku­men­tar­film etwas zugetraut.

Leider war ich nur an drei Tagen da, bis zur Halbzeit gewis­ser­maßen, deshalb fehlen u. a. die Gespräche über die Rojava, eine autonome kurdische Selbst­ver­wal­tung im Nord-Osten Syriens, zu der auch seit 2015 eine Film­kom­mune gehörte: beides wurde Anfang diesen Jahres zerstört. Das Werk­statt­ge­spräch mit Hara Kazuo, der die dies­jäh­rige »Position« (eine Art »Artist in focus«) einge­nommen hat, zu ihm aber gleich mehr. Oder das Special anläss­lich des 50. Jubiläums der Duis­burger Filmwoche mit Filmen von Marian Kiss und Jan Peters, die unter dem Titel »Life, Universe and Ever­y­thing« schon seit Jahren nach dem Sinn des Lebens suchen.

»The Vanishing Point«

Im Eröff­nungs­film von Bani Khosh­noudi erfährt man von mehreren Über­gängen im Iran und damit über die Geschichte des Wider­standes in den Jahren 1979, 1988, 2009, 2022. Der Film selber ist von 2025 und berichtet damit von Ereig­nissen, die sich aufgrund aktueller Entwick­lungen noch mal verändert haben, bzw. vom Publikum kann im Jetzt eine neue Jahres­zahl mit neuen Entwick­lungen hinzu­ge­fügt werden: 2026.

Anker­punkt des Films ist die Entfüh­rung und Ermordung der Cousine ihrer Mutter 1988. Leider zerfasert der Film dann etwas, so dass man weder ihr noch der Cousine näher kommt. Dabei sind Khosh­noudis eigene Aufnahmen bei Aufs­tänden in den Straßen Teherans und das Material ihrer Groß­mutter, die ihr Fami­li­en­fotos in einem Album zeigt, in das sie gleich­zeitig auch Ausschnitte aus Zeitungen klebt, als wären sie Teil der Fami­li­en­ge­schichte, toll. Leider gibt es auch viele Sequenzen, die man schlecht einordnen kann und die teilweise auch sehr beliebig und nicht durch­dacht wirken. Z. B. ein Handy­te­le­fonat, bei dem die Hälfte des Bild­schirms verspie­gelt ist und man einfach wenig sieht.

2024 liefen zwei iranische Filme auf der Filmwoche Duisburg. Der eine war My Stolen Planet von Farahnaz Sharifi, in dem sie eigene Bilder und Aufnahmen mit vom Flohmarkt geret­teten Foto­gra­fien, Super-8-Filmen und Inter­net­vi­deos mischt und die zwei Räume zeigten: den öffent­li­chen und den privaten. Damit erzählt der Film eine faszi­nie­rende und berüh­rende Geschichte der Gleich­zei­tig­keit. Und Was hast du gestern geträumt, Parajanov? von Faraz Fesharaki, in dem der Filme­ma­cher verpi­xelte Zoom-Gespräche in Berlin mit der eigenen Familie in Isfahan führt. Dabei geht es ums Exil, um Distanz und Nähe, Vers­tän­di­gung und schlechte Verbin­dungen, aber auch um die Politik im Iran, z. B. um seine Mutter im Wider­stand. Beide Filme nutzen ähnliches Material, sind aber dichter und inter­es­santer.

»Peace­maker«

Ivan Ramljak erzählt von Josip Reihl-Kir, dem Poli­zei­chef im nord­kroa­ti­schen Bezirk Osijek in Slawonien, zu Beginn der 1990er Jahre. Reihl-Kir spricht mit den Menschen, fährt herum, vermit­telt, da er den Krieg kommen sieht und ihn verhin­dern will. Damit steht er aber auch dem zuneh­menden Natio­na­lismus kroa­ti­scher Insti­tu­tionen oder einzelner Macht­in­ter­essen im Weg. Schließ­lich wird er auf offener Straße erschossen. Dann bricht der Krieg aus. Ivan Ramljak benutzt Archiv­auf­nahmen aus dem Fernsehen und Inter­views mit Zeit­zeugen und setzt daraus ein Bild von Kroatien zusammen. Dieser Film nun, so erfährt man im Gespräch danach, hat heute Auswir­kungen in Kroatien, wo eine Nazi-Band auf einem öffent­li­chen Platz in Zagreb spielt und der Film als ein Symbol der Resistenz gegenüber rechten Entwick­lungen steht und die Filme­ma­chenden in TV-Diskus­sionen und ins Parlament einge­laden werden. So ist es inter­es­sant zu fragen, für wen der Film ist, welche Symbole und Hinweise für wen wie vers­tänd­lich sind. In erster Linie ist er viel­leicht für Kroat:innen, meint Ramljak im Gespräch, ein breiteres Publikum bekommt nicht unbedingt alle Infor­ma­tionen. Nichts­des­to­trotz ist es ein Film für Wider­stand, Mensch­lich­keit und Diplo­matie, darüber, dass auch ein anderer Weg möglich sein muss. Nicht unkomplex, aber unbedingt wichtig fürs Heute.

»Weißer Rauch über Schwarze Pumpe«

Auch hier beginnen wir in den 90ern und schlagen dann einen Bogen zum Heute. Es geht um die Lausitz. In Schwarze Pumpe, einem Ortsteil von Spremberg, gab es in der DDR ein Gaskom­binat zur Verwer­tung und Verede­lung von Braun­kohle, bestehend aus Gaswerken, Kokereien, Heiz­kraft­werken und Brikett­fa­briken. Dement­spre­chend erst einmal eher »schwarzer Rauch«. 1991 nimmt der Kame­ra­mann Peter Badel, der auch zum Gespräch da war, seine Kamera in die Hand und befragt die Menschen vor Ort. Sie waren alle, auch Badel, glei­cher­maßen in der Unsi­cher­heit und von Arbeits­lo­sig­keit betroffen. Man hat das Gefühl, den Menschen schnell sehr nahe zu kommen, obwohl es sich »nur« um spontane Straßen­in­ter­views handelt. Badel spricht von seinem wirk­li­chen Interesse an den Menschen. Damals lief das Material als kurzer Beitrag im Fernsehen. Etwa 30 Jahre später kommen er und Martin Gressmann zurück und versuchen auch Leute von damals wieder­zu­finden. Wo arbeiten sie heute, was ist dazwi­schen passiert? Welche Art von Arbeit gibt es dort heute? Aber auch Fragen nach Bezie­hungen und Familie werden gestellt. Dabei spürt man immer wieder auch Ablehnung gegen scheinbar »Fremde«, bei einer Gruppe von 9-Klässler:innen heute, wie auch bei Arbeitern in den 90ern. Eine weitere Ebene bildet die Stimme von Lilith Stan­gen­berg, die über die Land­schaft, ihre Vernut­zung und den Fluss, Löcher und verschwun­dene Orte spricht. Dabei ist der Film nicht nost­al­gisch – viel­leicht ein bisschen –, sondern hört erst einmal zu und versucht, die vielen Schichten der Menschen und der Land­schaft offen zu legen.

Verschie­dene zeitliche Ebenen, die sich oft im »Concrete«, im Beton, über­la­gern, findet man auch bei der Ausstel­lung im fux: »Verhand­lungs­sache / Room to negogiate« von Studio Softić (Adnan und Nina Softić). Sie zeigen Video­ar­beiten und Instal­la­tionen zu Über­gängen an verschie­denen Orten auf dem Balkan. Was passiert, wenn versucht wird, Viel­stim­mig­keit zwanghaft zu verein­heit­li­chen, eine fiktio­nale Identität zu bilden und eine Nation zu werden? Heute zerfällt, was durch Monumente zwanghaft zusam­men­ge­halten wurde. In Varna (2021), in der bulga­ri­schen Küsten­stadt, steht ein Beton­symbol der Freund­schaft, dessen Inneres aber so hohl ist wie sein Äußeres. Überü­ber­mensch­lich große sowje­ti­sche Soldaten stehen bulga­ri­schen Frauen gegenüber, die ihnen Geschenke anbieten. Eine von ihnen hält nichts in der Hand, diese Geste steht im Zentrum des Films. Parallel dazu trainiert eine Gruppe junger Männer exzessiv ihre Muskeln rund um das Monument. Das Nachleben des Monuments: Sie posen auf der Treppe, zeigen ihre Tattoos, stählen sich und zeigen neue Gesten der indi­vi­dua­lis­ti­schen Kraft und Macht.

Von Hara Kazuo waren insgesamt fünf Filme zu sehen. Vier davon entstanden zwischen 1972 und 1994, zusammen mit seiner Produ­zentin und Lebens­part­nerin Kobayashi Sachiko. Die beiden Filme, die ich sehen konnte, haben mich über­rascht. Sie haben mich auch geärgert. Weil sie laut sind, konfron­tativ, provo­zie­rend und immer auch über­griffig. Immer wieder habe ich meine Einstel­lung zu Kazuo, aber auch zu seinen Prot­ago­nist:innen geändert. Mit seinem selbst­ge­nutzten Begriff »Action Docu­men­tary« ist weniger eine Genre­bezei­chung als eher eine Art extremes Cinéma Vérité gemeint. Es geht ihm nicht um eine sanfte Inter­ak­tion zwischen Filme­ma­cher und Gefilmtem, um eine intel­lek­tu­elle Meta­re­fle­xion des Filme­ma­chens im Film – auch wenn es ihm schon darum geht, das Filme­ma­chen und seine eigene Position offen zu legen und damit zu behandeln –, sondern darum, Inter­ak­tionen und Situa­tionen zu erzeugen, die provo­zieren, an die Grenze bringen: alle. Uns, die Betrach­tenden, die Prot­ago­nist:innen und ihn selber, den Filme­ma­cher und damit auch für Erkenntnis sorgen. Das ist dann schon sehr spannend.

In Goodbye CP (1972), dem ersten Langfilm von Kazuo, begleitet er Mitglieder des Green Lawn Movement, Menschen mit Zere­bral­pa­rese, zwischen Alltag und aktio­nis­ti­schen Inter­ven­tionen. Dabei geht es um die eigene Invol­viert­heit, eine Selbst­be­fra­gung der Betrach­tenden, aber auch darum, Macht­ver­hält­nisse zu befragen und Sicht­bar­keit zu schaffen und gegen Ausgren­zung zu kämpfen. Der Film hat, laut Kazuo, Japan verändert, erstmals wurde über Segre­ga­tion gespro­chen. Kazuo und die Art, Filme zu machen, ist übrigens nicht weit entfernt von den damaligen poli­ti­schen Bewe­gungen und Beweg­gründen in Deutsch­land, auch hier wurden Filme politisch einge­setzt, um sich z. B. gegen Atomkraft zu posi­tio­nieren.

Extreme Private Eros: Love Song 1974 (1974) erzählt von einer Drei­ecks­be­zie­hung zwischen ihm, seiner Ex-Freundin und seiner Partnerin. Die Ex-Freundin erlaubt dem Ex-Freund, die Geburt ihres zweiten Kindes zu filmen, das sie zu einem wilden Kind erziehen will, nicht so wie den verhät­schelten Sohn, den sie mit ihm hat. Da treffen schon zwei zusammen, die das Kinder­be­kommen und »Nicht-Erziehen« eher als eine Art (Film-)Projekt sehen, das die Kinder zum Material machen. Als die neue Freundin dazukommt, sie ist für den Ton zuständig, kommt es natürlich zum Konflikt, der sich aber in einer neuen Konstel­la­tion an Frau­en­so­li­da­rität auflöst.

Phasenü­ber­gänge also, in denen wir Inspi­ra­tion und Mut aus anderen Über­gängen holen, aber auch überlegen, was sich seither gewandelt hat, in der Form, aber auch in unserem Umgang damit, wie wir etwas und besonders eben komplexe und ambi­va­lente Dinge zeigen. Was unbedingt bleibt: dass man es versuchen, filmen und zeigen muss, denn der Kinoraum als Diskus­si­onsort ist wichtig für solche Übergänge, und das hat die dokfilm­woche einmal mehr gezeigt.