26.03.2026

Contact-Stelle

flimmern&rauschen
flimmern&rauschen Poster des Jahrgangs 2026
(Plakat: flimmern&rauschen)

Filmische Begegnungen beim flimmern&rauschen Jugendfilmfestival

Von Anna Edelmann

Das Kino, unend­liche Weiten. In der Schwärze des Raums schwebt einsam ein kleiner, freund­lich wirkender Roboter. Wie ein Superheld rauscht er mit ziel­si­cher gerecktem Steuerarm auf eine ferne Licht­quelle zu, die wie das flim­mernde Leuchten eines Film­pro­jek­tors Licht ins Dunkel bringt.

Der kleine Roboter ist das heiß­ge­liebte Maskott­chen des flimmern&rauschen Jugend­film­fes­ti­vals und er ist – ganz dem dies­jäh­rigen Motto entspre­chend – auf der Suche nach »Contact«. So futu­ris­tisch fern das Poster anmuten mag, so nah ist es doch am Geist dieses Filmfests.

Vom 26. bis 28. März 2026 wird das flimmern&rauschen im Gasteig HP8 wieder drei Tage lang zu einer Kontakt­stelle für junge (und jüngste) Film­schaf­fende aus München und zeigt in 14 Programm­blö­cken insgesamt 80 Produk­tionen aller Genres. Das Festival versteht sich dabei nicht allein als Plattform für aufstre­bende Filmkunst. Es bemüht sich bewusst, einen Rahmen zu schaffen, in dem ein Austausch auf Augenhöhe zwischen Filme­ma­chenden und Publikum unge­zwungen ermög­licht wird und künst­le­risch-kolla­bo­ra­tive Verbin­dungen fast wie selbst­ver­s­tänd­lich entstehen.

Aber um auf eine wie von einem anderen Stern wirkende Lebens­form zu treffen, muss man nicht wie der kleine Roboter vom Festi­val­poster durchs All schweben. In Ruck­zuck­ge­wusst von Regis­seurin und artechock-Autorin Paula Ruppert und ihrer lang­jäh­rigen Kolla­bo­ra­teurin Antonia Bader bemühen sich die Influen­cerin Stella von Anyss (Paula Ruppert) und der ehrwür­dige Linguist Prof. Profis. h. c. em. Dr. Dr. Dr. Émile Demo­sthenes Deurènne-Souour Anton Wimmlhasl (als er selbst) redlich, für Folge #752 eines Video­pod­casts über ein gemeinsam gewähltes Thema zu sprechen. Und zwar über die Etymo­logie des Wortes »Sauerland«. In dem völlig absurden, dicht getex­teten Gespräch werden beide Personen aus ihrer Komfort­zone gestoßen. Es bleibt ihnen vor der laufenden Kamera nichts weiter übrig, als krampf­haft am Sujet als Rettungs­leine fest­zu­halten. Die Figuren sind selbst­ver­s­tänd­lich bewusst über­zeich­nete Kari­ka­turen. Aber auch wenn man sich in einer leichten Scha­den­freude suhlt, so fühlt man doch am Ende eine gewisse Verbun­den­heit mit der tief mensch­li­chen Verzweif­lung der beiden, vom Gegenüber gehört und verstanden werden zu wollen.

Kein geplanter, sondern ein zufäl­liger Kontakt zwischen Fremden ist es, was in Thank, You. von Regis­seurin und Autorin Valerie Plan­ken­steiner (Produk­tion: Lucia Deuerling) die Welt aus dem Alltag hebelt. Es ist Nacht in der Weltstadt München und die U-Bahnen fahren nicht mehr. Zwei vergeb­liche Passa­giere sind gestrandet, mitten in der Stadt, mitten in der Nacht. Das vom Schicksal und dem Fahrplan zusam­men­ge­führte Paar beschließt, die Wartezeit gemeinsam totzu­schlagen. Wie in einer tief melan­cho­li­schen Schwarz-Weiß-Hommage an Before Sunrise entwi­ckelt sich aus einem einfachen Frage-und-Antwort-Spiel ein echtes und ehrliches Gespräch über unaus­ge­spro­chenen Schmerz zwischen der anfangs verschlos­senen jungen Frau und dem neugierig-fordernden jungen Mann. In eine fast zeitlose Blase einge­bettet, wird aus dem vermeint­lich flüch­tigen Aufein­an­der­treffen eine wahr­haf­tige Begegnung, die das Leben beider nur streift und doch verändert. Noch bevor die erste U-Bahn die Welt wieder ankurbelt.

Wie in jedem Jahr rückt das Programm ein Sonder­thema in den Fokus; diesmal steht die Gerech­tig­keit im Mittel­punkt. Über das gesamte Programm verteilt finden sich Filme, die sich mit diesem weit fassenden Thema beschäf­tigen. Denn die Frage danach, ob etwas gerecht ist, begegnet uns nicht nur im Zusam­men­hang mit großen, globalen Entwick­lungen, sondern auch ganz persön­lich im täglichen Leben. Auf den ersten Blick sehr konkret widmet sich das intensive Gerichts­drama Das Eigene Urteil von Regis­seurin und Autorin Lucia Deuerling (Produk­tion: Carmen Sommerer) dieser Thematik. Doch selbst wenn objektiv eigent­lich klar ist, was die einzig richtige, die gerechte Entschei­dung ist, zeigt der Film, dass der Weg dorthin nicht einfach sein muss. Die hell-reinen Vorhänge im Gerichts­saal, das mini­ma­lis­tisch einge­rich­tete Hinter­zimmer, die blendend weiß geka­chelte Herren­toi­lette: Das gesamte Justiz­ge­bäude scheint wie ein steriler, emoti­ons­loser Raum. Während er Neutra­lität ausstrahlen soll, ist es doch vor allem eine klinische Härte und Kälte, die man spürt. Und so werden auch die Fakten im behan­delten Fall vorge­tragen, so stehen sie schwarz auf weiß und klar auf dem Papier: die Todes­ur­sache der jungen Frau, die bei einem Auto­un­fall um ihr Leben gekommen ist. Die Frage steht im Raum, wer das Unfall­auto im entschei­denden Moment geführt hat: die Verstor­bene – oder doch ihr Freund, der auf der Ankla­ge­bank sitzt. Während die Zeugen die entschei­denden Fragen nicht klären können, schwenkt die Kamera immer wieder auf das Gesicht des Ange­klagten. Indes um ihn herum das Gericht in diesem neutralen Raum mit allen recht­li­chen Mitteln versucht, ein gerechtes Urteil zu fällen, tobt in dem jungen Mann ein mora­li­scher Kampf. Als einzige Person weiß er sehr wohl, wie’s sich zuge­tragen hat in der Unfall­nacht. Er muss zwischen zwei sehr unter­schied­li­chen Arten von Freiheit wählen: der des Geistes und der des Körpers.

In nunmehr über 40 Jahren seiner Geschichte hat das flimmern&rauschen etwas Einzig­ar­tiges geschafft: Es vermit­telt ganz unge­zwungen die pure und unver­kün­s­telte Freude an Filmen und am Filme­ma­chen. Hier gibt es keine aufge­setzte Hier­ar­chie zwischen »den Kleinen« und »den Großen«. Vielmehr feiern Publikum und Filme­ma­chende mit begeis­tertem Vergnügen und neugie­riger Aner­ken­nung die ersten cine­as­ti­schen Schritte der Klasse 3a der Grund­schule an der Flur­straße genauso enthu­si­as­tisch wie die profes­sio­nellen Werke junger Regisseur:innen. Aus diesem kolla­bo­ra­tiven Schöp­fer­willen heraus finden immer wieder neue Gruppen zusammen, deren Werke teils schon im nächst­jäh­rigen Festi­val­pro­gramm ihr Publikum finden. So ist »Contact« nicht einfach ein will­kür­lich gewähltes Motto. Vielmehr ist dieser Austausch – und er war es immer schon – ein zentrales Element des Festivals.

Und ist es nicht schön, einmal mit Sicher­heit sagen zu können, dass wir da draußen nicht allein sind? I want to believe: Es ist Zeit für mehr Kontakt­freu­dig­keit.

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flimmern&rauschen – das Jugend­film­fes­tival
26. – 28.03.2025 – Gasteig HP8

Eintritt frei – Um eine Spende von 5 Euro wird gebeten.

Ein Großteil der Filme ist vom 26. – 30. März online verfügbar; das Streamen der Filme ist kostenlos.