16.04.2026
Cinema Moralia – Folge 385

Zwischen Willkür und Normierung

Das Geheimnis von Velázquez
Szene aus Stéphane Sorlats Das Geheimnis von Velázquez
(Foto: Neue Visionen)

Waren die Hofkünstler freier als die Modernen – was uns Martin Warnkes Klassiker lehrt, auch die Filmszene – Cinema Moralia, Tagebuch eines Kinogehers, 385. Folge

Von Rüdiger Suchsland

»Die Linke muß für eine Moderne kämpfen, in der der Mensch seine Angst­fähig­keit behält. Der Versuch, die dunklen Erfah­rungen, die das 20. Jahr­hun­dert mit destruk­tivem Fort­schritt gemacht hat, zu verdrängen, müßte bitter fehl­schlagen.«
»Aber eine Linke, die – erschöpft von mißlun­gener Geschichte – in der Gegenwart keinen Zukunfts­bezug mehr entdeckt, stirbt ab. Pessi­mis­ti­sche Kultur­stim­mungen kann die Rechte allemal besser absor­bieren als die Linke.« – Peter Glotz

Ein Kölner in München. Genau gesagt: Einer aus der Eifel. Das war Mario Adorf, der deutsche Weltstar, der jetzt gestorben ist. Die Media­theken der Sender geben uns die Chance, ein paar seiner tollen Filme nach­zu­ver­folgen.

In memoriam steht »Kir Royal« in der ARD-Mediathek, Mario Adorf spielte aber nur in der ersten Folge mit, sowie weitere Filme und Serien mit dem Charak­ter­dar­steller. Darunter sind neben dem Oscar-Gewinner Die Blech­trommel die weniger span­nenden Filme Alters­glühen und Der Liebling des Himmels.
In der Mediathek des ZDF stehen hoch­karä­ti­gere Filme zur Verfügung. So gibt es dort den ersten Teil von Winnetou I, in dem Adorf den Schurken Santer verkör­perte. Daneben findet sich Der kleine Lord und der sehr sehens­werte Aben­teu­er­film Das Toten­schiff von 1959.
Bei RBB der Zwei­teiler »Der letzte Patriarch«, beim BR »Rossini – Oder die mörde­ri­sche Frage, wer mit wem schlief« von »Kir Royal«-Macher Helmut Dietl.
Wer sich jenseits des linearen Fern­se­hens mit einem Film oder einer Serie an Mario Adorf erinnern will, hat neben den Media­theken in verschie­denen Strea­ming­diensten die Gele­gen­heit. Bei dem kosten­losen, werbe­fi­nan­zierten Strea­ming­dienst Pluto TV ist Mario Adorf neben Holly­wood­stars wie Charlton Heston oder Richard Harris in dem Western Sierra Charriba von Sam Peckinpah (The Wild Bunch) zu sehen.
Von »Der große Bellheim«, »Der Schat­ten­mann« oder »Die Affäre Semmeling«, die man heute Mini­se­rien nennen würde, findet man genug auf YouTube. Dort auch deutsche Filme der 70er von leider verges­senen Autoren­fil­mern wie Bernhard Sinkel; In Der Schat­ten­mann (kostenlos bei Joyn), dem großen Mehr­teiler von Dieter Wedel, verkör­perte Adorf einen Gangs­ter­boss.

Adorf zeigt hier, das er die engen Grenzen des deutschen Films schon immer gesprengt hat.

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Die Menschen sterben, die Insti­tu­tionen feiern Jubiläen. Zum Beispiel artechock diesen Monat. 30 Jahre eine erstaun­liche Zahl. Manchmal kommt es einem wie 100 vor. Andere mögen bei diesem Jubiläum an dies, das und jenes denken, man konnte das nachhören.
Ich denke an Film­kritik. An das was sich in der Film­kritik verändert hat in den letzten 30 Jahren und an das, worüber sich viele Leute wundern: Film­kritik erfüllt ihre Aufgaben nicht mehr.

Dagegen hilft nur Mut, Debatte und Selbst­kritik. Kein Wohl­fühlen.

Oder mit Walter Benjamin: »Das Publikum muss stets Unrecht erhalten und sich doch immer durch den Kritiker vertreten fühlen.« Oder noch besser: »Kunst­be­geis­te­rung ist dem Kritiker fremd. Das Kunstwerk ist in seiner Hand die blanke Waffe in dem Kampf der Geister.«

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Wie viel Freiheit hat die Kunst der Gegenwart? In der Theorie scheint die Sache ganz klar zu sein: Ein Blick ins Grund­ge­setz zeigt einem in Artikel 5, direkt nach dem Grundsatz der Meinungs­frei­heit in Absatz 3, den Satz: »Kunst und Wissen­schaft, Forschung und Lehre sind frei.«
Unmiss­ver­s­tänd­lich, oder?

In der Praxis ist die Kunst aber durch vieles einge­schränkt. Da gibt es einmal die juris­ti­schen Regle­men­tie­rungen, etwa durch den Schutz der Persön­lich­keits­rechte, die Belei­di­gungen und üble Nachreden unter der Maske der Kunst­frei­heit dann verbieten, wenn es die persön­liche Meinungs­äuße­rung des Künstlers über­steigt. Im Zweig­fels­fall muss hier der Künstler für seine Freiheit vor Gericht streiten.

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Wichtiger noch als dies sind aber die Einschrän­kungen, die durch Gremien und Insti­tu­tionen, durch die demo­kra­ti­sche Gesell­schaft selbst, die mit ihren Entschei­dungen die Kunst­frei­heit begrenzen, ohne dass hier ein Gericht helfen könnte. Denn aus Sicht der Gremien ist ja alles perfekt gelaufen.

Die Film­branche, in der die Gremi­en­herr­schaft längst gutherr­schaft­li­cher Willkür gleich­kommt, weiß davon ein Lied zu singen.

Tatsäch­lich bedeutet die Demo­kratie nämlich oft für die einzelnen Künstler eine neue Unfrei­heit und Willkür. So argu­men­tiert jetzt der Olden­burger Philo­so­phie-Professor Matthias Bornmuth in seinem Vorwort zur Neuauf­lage von Martin Warnkes groß­ar­tigem kunst­wis­sen­schaft­li­chen Klassiker »Hofkünstler«. »Ein kontrol­lie­rendes, bürger­li­ches Kollektiv« sei oft viel ängst­li­cher gegenüber Neue­rungen, so Bornmuth, und habe tenden­ziell die Haltung: »Hoffent­lich wird das [das einge­reichte Kunstwerk; RS] nichts, was den Rahmen unseres gewohnten Ganges sprengt.«

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Worum geht es? Der Legende nach ist die Geschichte der Moder­ni­sie­rung und der Demo­kratie in den letzten 250 Jahren ein einziger Prozess der Eman­zi­pa­tion und Befreiung: Seit der Renais­sance und bis zur Fran­zö­si­schen Revo­lu­tion waren Maler, Bildhauer, Autoren und Musiker, Künstler demnach abhängige Ange­stellte der Höfe im Auftrag der Fürsten. Diese »Hofkünstler«, so glaubte man, waren unfrei in ihrer Wahl über Themen und Stile ihrer Werke, und konnten ihre »eigent­li­chen« Ansichten und Ideen nur versteckt in die Werke »einschmug­geln«.
Erst mit dem Aufstieg des Bürger­tums wurden sie freie Indi­vi­duen, die ihrem Genie freien Lauf lassen konnten.

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Dieser Ansicht wider­sprach 1985 der Kunst­his­to­riker Martin Warnke, ein Revo­lu­ti­onär seines Fachs, in seiner bahn­bre­chenden Studie »Hofkünstler«, die jetzt im Wagenbach Verlag wieder­auf­ge­legt wurde. Frei waren die Künste auch bei Hofe, zum Teil sogar mehr. Die Vorstel­lung einer quälenden Unter­ord­nung der in luxu­riöser Abhän­gig­keit lebenden und arbei­tenden, nur poten­tiell freien Künstler ist ein Mythos. Für die Künstler galt es, die Herr­schaft nicht zu hofieren, sondern ihr die eigenen Ansprüche vorzu­halten.
Tatsäch­lich haben, so Warnke, Hofkünstler oft einen größeren »Ermes­sens­spiel­raum« gehabt. Ist viel­leicht der Hof der Inkubator künst­le­ri­scher Freiheit, ein Spielfeld, in dem die Regeln sich höflich drehen und wenden lassen? fragte Warnke und wies daraufhin, dass der konser­va­tive Geschmack der breiten Bevöl­ke­rung, puri­ta­ni­sche Moral­vor­stel­lungen und Markt­zwänge auch in der modernen demo­kra­ti­schen Gesell­schaft die Frei­heiten der Künstler beschränken können.

Das Vertrauen des Fürsten in das Talent und die Redlich­keit des Künstlers, etwas unab­hängig und unkon­trol­liert zu schaffen, sei eine zwingende Bedingung von Origi­na­lität, davon, dass ein Künstler »etwas Spontanes, etwas Unver­hofftes, etwas Unkon­trol­lier­bares« zu schaffen vermag, »vor dem der Fürst keine Angst haben musste«, so Bornmuth.

Ein bekanntes Beispiel hierfür ist Goethe, der als Geheimer Rat ein Künstler und Kurator am Hof des Herzogs von Sachsen-Weimar war. Unter dem liberalen Herzog konnte Goethe nicht nur fürs­ten­kri­ti­sche Werke schreiben, sondern auch diverse andere Künstler fördern.

Die Vorstel­lung großer Zwänge unter dem Abso­lu­tismus ist eine Legende der Moderne. Warnke zeigte, dass abso­lu­tis­ti­sche Verhält­nisse die optimalen Bedin­gungen geschaffen hatten, um dem einzelnen genial begabten Künstler die Möglich­keiten seines Schaffens zu geben. Aber das passte nicht in die Vorstel­lung eines univer­salen Fort­schritts.
Warnkes These war, dass das Künst­lertum an bestimmten Fürs­ten­höfen – etwa dem Wiener Hof, in Prag oder in Versailles – sogar freier war als später unter bürger­li­chen Verhält­nissen, wo Kunst oft für poli­ti­sche und gesell­schaft­liche Zwecke instru­men­ta­li­siert wurde. Dort kontrol­lierte man Kunst, klärte im großen Kreis ab, was man erwarten wollte und von den Künstlern verlangte. Kunst war nicht mehr Schöpfung, sondern Gegen­leis­tung.

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In der Gegenwart werden diese Gegen­leis­tungen von Gremien und Kuratoren kontrol­liert. Die Kriterien dafür sind oft poli­ti­sche: Was ist gesell­schaft­lich gewünscht? So ist öffent­lich finan­zierte Kunst bei uns heute undenkbar, die einer Revo­lu­tion das Wort redet, den Klima­wandel leugnet oder gar die demo­kra­ti­schen Insti­tu­tionen kriti­siert.

Besonders deutlich wird das in der Filmkunst. Hier regieren durchaus selbst­herr­lich die immer­glei­chen Menschen in den Entscheider-Gremien, darunter die besonders mächtigen Redak­teure der Fern­seh­sender und Funk­ti­onäre und Verbands­ver­treter, die seit Jahren keine eigenen Filme mehr gemacht haben. Eine demo­kra­ti­sche Form der Fürs­ten­herr­schaft. »Der deutsche Film ist politisch vorkon­fek­tio­niert«, sagt auch der Film­wis­sen­schaftler Thomas Wiedemann. In einem Vortrag unter dem Titel »Was ist los mit dem deutschen Kino­spiel­film« kommt er zu dem Ergebnis, der deutsche Film brauche eine »mutigere Stoff­aus­wahl«.

Was kann die Demo­kratie also tun, um ihren Gegnern keine Argumente zu liefern? Sie braucht mehr Mut zur künst­le­ri­schen Freiheit. Kunst muss irri­tieren und provo­zieren, sie darf die Mehrheit der Bürger ärgern. Demo­kra­ti­sche Kunst ist gerade kein Diener des Staates.

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Wozu noch Radio, wenn man Podcasts hat? Das ist eine ernst­hafte Frage für den öffent­lich-recht­li­chen Rundfunk. Wer mehr Infor­ma­ti­ons­radio will, der kann einfach hinter­ein­ander sehr seriöse und natürlich auch viele unseriöse Podcasts im Netz hören. Täglich gibt es oft von klas­si­schen Main­stream­me­dien wie der FAZ und der taz, von der Zeit und vom Spiegel und natürlich von vielen anderen, aber auch zum Beispiel von neuen Playern wie Table.Today, sehr anstän­dige Podcasts zu den wichtigen poli­ti­schen Fragen. Hier wird oft länger geredet, als es im Radio möglich ist. Die Leute wollen genau das: Deep Dive. Ausge­rechnet des öffent­lich-recht­liche Radio reduziert und kürzt und umstruk­tu­riert aber zurzeit sein Programm und zeigt deutliche Tendenzen zur Selbst­ab­schaf­fung.
Die öffent­lich-recht­li­chen Programme wollen sich verjüngen. Aber darüber verlieren sie die etablierte Hörer­schaft. Und die neue werden sie so nicht gewinnen.

Literatur:
Martin Warnke: Hofkünstler. Zur Vorge­schichte des modernen Künstlers. Wagenbach, 512 Seiten, 42 Euro.