Cinema Moralia – Folge 385
Zwischen Willkür und Normierung |
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| Szene aus Stéphane Sorlats Das Geheimnis von Velázquez | ||
| (Foto: Neue Visionen) | ||
»Die Linke muß für eine Moderne kämpfen, in der der Mensch seine Angstfähigkeit behält. Der Versuch, die dunklen Erfahrungen, die das 20. Jahrhundert mit destruktivem Fortschritt gemacht hat, zu verdrängen, müßte bitter fehlschlagen.«
»Aber eine Linke, die – erschöpft von mißlungener Geschichte – in der Gegenwart keinen Zukunftsbezug mehr entdeckt, stirbt ab. Pessimistische Kulturstimmungen kann die Rechte allemal besser absorbieren als die Linke.« – Peter Glotz
Ein Kölner in München. Genau gesagt: Einer aus der Eifel. Das war Mario Adorf, der deutsche Weltstar, der jetzt gestorben ist. Die Mediatheken der Sender geben uns die Chance, ein paar seiner tollen Filme nachzuverfolgen.
In memoriam steht »Kir Royal« in der ARD-Mediathek, Mario Adorf spielte aber nur in der ersten Folge mit, sowie weitere Filme und Serien mit dem Charakterdarsteller. Darunter sind neben dem Oscar-Gewinner Die Blechtrommel die weniger spannenden Filme Altersglühen und Der Liebling des Himmels.
In der Mediathek des ZDF
stehen hochkarätigere Filme zur Verfügung. So gibt es dort den ersten Teil von Winnetou I, in dem Adorf den Schurken Santer verkörperte. Daneben findet sich Der kleine Lord und der sehr sehenswerte Abenteuerfilm Das Totenschiff von
1959.
Bei RBB der Zweiteiler »Der letzte Patriarch«, beim BR »Rossini – Oder die mörderische Frage, wer mit wem schlief« von »Kir Royal«-Macher Helmut Dietl.
Wer sich jenseits des linearen Fernsehens mit einem Film oder einer Serie an Mario Adorf erinnern will, hat neben den Mediatheken in verschiedenen Streamingdiensten die Gelegenheit. Bei dem kostenlosen, werbefinanzierten Streamingdienst Pluto TV ist Mario Adorf neben Hollywoodstars wie Charlton Heston oder
Richard Harris in dem Western Sierra Charriba von Sam Peckinpah (The Wild Bunch) zu sehen.
Von »Der große Bellheim«, »Der Schattenmann« oder »Die Affäre Semmeling«, die man heute Miniserien nennen würde, findet man genug auf YouTube. Dort auch deutsche Filme der 70er von leider vergessenen Autorenfilmern wie Bernhard Sinkel; In Der
Schattenmann (kostenlos bei Joyn), dem großen Mehrteiler von Dieter Wedel, verkörperte Adorf einen Gangsterboss.
Adorf zeigt hier, das er die engen Grenzen des deutschen Films schon immer gesprengt hat.
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Die Menschen sterben, die Institutionen feiern Jubiläen. Zum Beispiel artechock diesen Monat. 30 Jahre eine erstaunliche Zahl. Manchmal kommt es einem wie 100 vor. Andere mögen bei diesem Jubiläum an dies, das und jenes denken, man konnte das nachhören.
Ich denke an Filmkritik. An das was sich in der Filmkritik verändert hat in den letzten 30 Jahren und an das, worüber sich viele Leute wundern: Filmkritik erfüllt ihre Aufgaben nicht mehr.
Dagegen hilft nur Mut, Debatte und Selbstkritik. Kein Wohlfühlen.
Oder mit Walter Benjamin: »Das Publikum muss stets Unrecht erhalten und sich doch immer durch den Kritiker vertreten fühlen.« Oder noch besser: »Kunstbegeisterung ist dem Kritiker fremd. Das Kunstwerk ist in seiner Hand die blanke Waffe in dem Kampf der Geister.«
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Wie viel Freiheit hat die Kunst der Gegenwart? In der Theorie scheint die Sache ganz klar zu sein: Ein Blick ins Grundgesetz zeigt einem in Artikel 5, direkt nach dem Grundsatz der Meinungsfreiheit in Absatz 3, den Satz: »Kunst und Wissenschaft, Forschung und Lehre sind frei.«
Unmissverständlich, oder?
In der Praxis ist die Kunst aber durch vieles eingeschränkt. Da gibt es einmal die juristischen Reglementierungen, etwa durch den Schutz der Persönlichkeitsrechte, die Beleidigungen und üble Nachreden unter der Maske der Kunstfreiheit dann verbieten, wenn es die persönliche Meinungsäußerung des Künstlers übersteigt. Im Zweigfelsfall muss hier der Künstler für seine Freiheit vor Gericht streiten.
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Wichtiger noch als dies sind aber die Einschränkungen, die durch Gremien und Institutionen, durch die demokratische Gesellschaft selbst, die mit ihren Entscheidungen die Kunstfreiheit begrenzen, ohne dass hier ein Gericht helfen könnte. Denn aus Sicht der Gremien ist ja alles perfekt gelaufen.
Die Filmbranche, in der die Gremienherrschaft längst gutherrschaftlicher Willkür gleichkommt, weiß davon ein Lied zu singen.
Tatsächlich bedeutet die Demokratie nämlich oft für die einzelnen Künstler eine neue Unfreiheit und Willkür. So argumentiert jetzt der Oldenburger Philosophie-Professor Matthias Bornmuth in seinem Vorwort zur Neuauflage von Martin Warnkes großartigem kunstwissenschaftlichen Klassiker »Hofkünstler«. »Ein kontrollierendes, bürgerliches Kollektiv« sei oft viel ängstlicher gegenüber Neuerungen, so Bornmuth, und habe tendenziell die Haltung: »Hoffentlich wird das [das eingereichte Kunstwerk; RS] nichts, was den Rahmen unseres gewohnten Ganges sprengt.«
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Worum geht es? Der Legende nach ist die Geschichte der Modernisierung und der Demokratie in den letzten 250 Jahren ein einziger Prozess der Emanzipation und Befreiung: Seit der Renaissance und bis zur Französischen Revolution waren Maler, Bildhauer, Autoren und Musiker, Künstler demnach abhängige Angestellte der Höfe im Auftrag der Fürsten. Diese »Hofkünstler«, so glaubte man, waren unfrei in ihrer Wahl über Themen und Stile ihrer Werke, und konnten ihre »eigentlichen«
Ansichten und Ideen nur versteckt in die Werke »einschmuggeln«.
Erst mit dem Aufstieg des Bürgertums wurden sie freie Individuen, die ihrem Genie freien Lauf lassen konnten.
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Dieser Ansicht widersprach 1985 der Kunsthistoriker Martin Warnke, ein Revolutionär seines Fachs, in seiner bahnbrechenden Studie »Hofkünstler«, die jetzt im Wagenbach Verlag wiederaufgelegt wurde. Frei waren die Künste auch bei Hofe, zum Teil sogar mehr. Die Vorstellung einer quälenden Unterordnung der in luxuriöser Abhängigkeit lebenden und arbeitenden,
nur potentiell freien Künstler ist ein Mythos. Für die Künstler galt es, die Herrschaft nicht zu hofieren, sondern ihr die eigenen Ansprüche vorzuhalten.
Tatsächlich haben, so Warnke, Hofkünstler oft einen größeren »Ermessensspielraum« gehabt. Ist vielleicht der Hof der Inkubator künstlerischer Freiheit, ein Spielfeld, in dem die Regeln sich höflich drehen und wenden lassen? fragte Warnke und wies daraufhin, dass der konservative Geschmack der breiten Bevölkerung,
puritanische Moralvorstellungen und Marktzwänge auch in der modernen demokratischen Gesellschaft die Freiheiten der Künstler beschränken können.
Das Vertrauen des Fürsten in das Talent und die Redlichkeit des Künstlers, etwas unabhängig und unkontrolliert zu schaffen, sei eine zwingende Bedingung von Originalität, davon, dass ein Künstler »etwas Spontanes, etwas Unverhofftes, etwas Unkontrollierbares« zu schaffen vermag, »vor dem der Fürst keine Angst haben musste«, so Bornmuth.
Ein bekanntes Beispiel hierfür ist Goethe, der als Geheimer Rat ein Künstler und Kurator am Hof des Herzogs von Sachsen-Weimar war. Unter dem liberalen Herzog konnte Goethe nicht nur fürstenkritische Werke schreiben, sondern auch diverse andere Künstler fördern.
Die Vorstellung großer Zwänge unter dem Absolutismus ist eine Legende der Moderne. Warnke zeigte, dass absolutistische Verhältnisse die optimalen Bedingungen geschaffen hatten, um dem einzelnen genial begabten Künstler die Möglichkeiten seines Schaffens zu geben. Aber das passte nicht in die Vorstellung eines universalen Fortschritts.
Warnkes These war, dass das Künstlertum an bestimmten Fürstenhöfen – etwa dem Wiener Hof, in Prag oder in Versailles – sogar
freier war als später unter bürgerlichen Verhältnissen, wo Kunst oft für politische und gesellschaftliche Zwecke instrumentalisiert wurde. Dort kontrollierte man Kunst, klärte im großen Kreis ab, was man erwarten wollte und von den Künstlern verlangte. Kunst war nicht mehr Schöpfung, sondern Gegenleistung.
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In der Gegenwart werden diese Gegenleistungen von Gremien und Kuratoren kontrolliert. Die Kriterien dafür sind oft politische: Was ist gesellschaftlich gewünscht? So ist öffentlich finanzierte Kunst bei uns heute undenkbar, die einer Revolution das Wort redet, den Klimawandel leugnet oder gar die demokratischen Institutionen kritisiert.
Besonders deutlich wird das in der Filmkunst. Hier regieren durchaus selbstherrlich die immergleichen Menschen in den Entscheider-Gremien, darunter die besonders mächtigen Redakteure der Fernsehsender und Funktionäre und Verbandsvertreter, die seit Jahren keine eigenen Filme mehr gemacht haben. Eine demokratische Form der Fürstenherrschaft. »Der deutsche Film ist politisch vorkonfektioniert«, sagt auch der Filmwissenschaftler Thomas Wiedemann. In einem Vortrag unter dem Titel »Was ist los mit dem deutschen Kinospielfilm« kommt er zu dem Ergebnis, der deutsche Film brauche eine »mutigere Stoffauswahl«.
Was kann die Demokratie also tun, um ihren Gegnern keine Argumente zu liefern? Sie braucht mehr Mut zur künstlerischen Freiheit. Kunst muss irritieren und provozieren, sie darf die Mehrheit der Bürger ärgern. Demokratische Kunst ist gerade kein Diener des Staates.
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Wozu noch Radio, wenn man Podcasts hat? Das ist eine ernsthafte Frage für den öffentlich-rechtlichen Rundfunk. Wer mehr Informationsradio will, der kann einfach hintereinander sehr seriöse und natürlich auch viele unseriöse Podcasts im Netz hören. Täglich gibt es oft von klassischen Mainstreammedien wie der FAZ und der taz, von der Zeit und vom Spiegel und natürlich von vielen anderen, aber auch zum Beispiel von neuen Playern wie Table.Today, sehr anständige Podcasts zu den wichtigen politischen Fragen. Hier wird oft länger geredet, als es im Radio möglich ist. Die Leute wollen genau das: Deep Dive. Ausgerechnet des öffentlich-rechtliche Radio reduziert und kürzt und umstrukturiert aber zurzeit sein Programm und zeigt deutliche Tendenzen zur Selbstabschaffung.
Die öffentlich-rechtlichen Programme wollen sich verjüngen. Aber
darüber verlieren sie die etablierte Hörerschaft. Und die neue werden sie so nicht gewinnen.
Literatur:
Martin Warnke: Hofkünstler. Zur Vorgeschichte des modernen Künstlers. Wagenbach, 512 Seiten, 42 Euro.