02.04.2026
Cinema Moralia – Folge 384

»What would Kluge do?«

Frau Bu lacht
Highlight des zu Ende gehenden Münchner »Tatort« mit den Ermittlern Batic/Leitmayr: Dominik Grafs »Frau Bu lacht«
(Foto: ARD Mediathek · Dominik Graf)

Moby Schlick, Astor-Film-Lounge, Deutscher Filmpreis und München als geistige Lebensform – Cinema Moralia, Tagebuch eines Kinogehers, 384. Folge

Von Rüdiger Suchsland

»April ist der grau­samste Monat [...]
Sommer kam unver­se­hens, zog über den Starn­berger See
Mit einem Wolken­bruch; wir gingen unter die Kolon­naden,
Traten dann im Sonnen­schein hinaus in den Hofgarten«

– T. S. Eliot

Ist unsere derzei­tige Fixierung auf die Bucht von Wismar, wo einst »Nosferatu« mit den Ratten ans deutsche Land ging, eigent­lich ange­messen, oder blöde Natur­ver­kit­schung und Ablenkung? Sollte man sich nicht besser mit Wich­ti­gerem beschäf­tigen, zum Beispiel der Weltlage? Einer­seits gilt das schlichte »Schieb den Wal zurück ins Meer« von dem einst schon die »Toten Hosen« den Song der Woche sangen: »Es war so, ich stand am Strand,/ und vor mir lag ein Wal,/ er lebte noch/ ich war allein/ es war so eine Qual,/ ich bin nicht der stärkste/ das Tier war tonnen­schwer/ und die Wellen haben gerufen,/ schieb den Wal zurück ins Meer!«
Ande­rer­seits ist der zahlreich verfilmte Melville-Roman »Moby Dick« ja eine perfekte Metapher der Sinn­lo­sig­keit, des Imaginären, dem wir hinter­her­jagen.

Ich denke mir, Alexander Kluge würde wohl an seine Lieb­lings­tiere, die Eleph­anten denken, die ja dem Wal in mancher Hinsicht ähneln, und im Schlick­sand-Live-Ticker die Koope­ra­tion und Praxis­ori­en­tie­rung entdecken, die Soli­da­rität, die einem Säugetier zuteil wird, und die Humanität in der Verzweif­lung, dass das alles nichts hilft.

»What would Kluge do? What would Kluge say?« Diese Fragen sollten und werden uns in Zukunft noch mehr leiten.

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Die Astor-Film-Lounge macht sich gerade die falschen Freunde. Der Kino-Groß­player hatte die lang­jäh­rige Koope­ra­tion mit der Jüdischen Gemeinde abgesagt. Dazu erklärt der Vorstand der Jüdischen Gemeinde Frankfurt: Die Absage der Koope­ra­tion durch die Astor-Film-Lounge ist ein alar­mie­rendes Signal.
»Mit scharfer Kritik und tiefem Unver­s­tändnis nehmen wir die Entschei­dung des Kinos 'Astor Film Lounge', die Koope­ra­tion mit der Jüdischen Gemeinde Frankfurt im Rahmen der Jüdischen Filmtage unter Verweis auf eine angeblich zu 'heiße' Lage kurz­fristig aufzu­kün­digen, zur Kenntnis.
Als Begrün­dung wird angeführt, man könne die Fort­füh­rung der Zusam­men­ar­beit, die auch in diesem Jahr anläss­lich der Jüdischen Filmtage erneut ange­strebt wurde, den eigenen Mitar­bei­te­rinnen und Mitar­bei­tern aufgrund der Sicher­heits­si­tua­tion nicht mehr zumuten. Der notwen­dige Poli­zei­schutz hätte bereits beim letzten Mal, laut eigener Aussage der Astor Lounge, im 'Team zu einem großen Gefühl der Unsi­cher­heit' geführt. Auch sehe das Kino keinen wirt­schaft­li­chen Vorteil bei einer Zusam­men­ar­beit.
Der Vorstand der Jüdischen Gemeinde Frankfurt erklärt hierzu: 'Diese Argu­men­ta­tion ist nicht nur enttäu­schend, sondern sendet ein verhee­rendes gesell­schaft­li­ches Signal: Wenn jüdisches Leben und jüdische Präsenz aus Angst vor möglichen Reak­tionen zurück­ge­drängt werden, dann bedeutet das faktisch eine Kapi­tu­la­tion vor anti­se­mi­ti­schem Druck. Dass jüdisches Leben nur unter Poli­zei­schutz statt­finden kann, ist bereits beschä­mend. Dass diese Notwen­dig­keit des Poli­zei­schutzes nunmehr zum Anlass genommen wird, jüdische Veran­stal­tungen ganz zu verhin­dern, ist ein Skandal.'
Besonders irri­tie­rend oder vielmehr entlar­vend ist die Aussage des Kino­be­trei­bers 'Und zu guter Letzt, müsse es in einem Land wie Deutsch­land noch erlaubt sein, sich als Kino neutral zu verhalten.'«

Der Vorstand der Jüdischen Gemeinde stellt hierzu fest:

»Bei Anti­se­mi­tismus gibt es keine neutrale Haltung, diese bedeutet letzt­end­lich Zustim­mung. Die Konse­quenz ist klar, Jüdinnen und Juden werden aus dem öffent­li­chen Raum verdrängt. Für uns bedeutet diese Entschei­dung unmiss­ver­s­tänd­lich, dass jüdisches Leben, jüdische Menschen sowie jüdische mediale Präsenz in der Astor Lounge nicht mehr will­kommen sind.
Gerade jetzt, in Zeiten wach­senden Anti­se­mi­tismus, wäre Haltung gefragt. Gerade jetzt bräuchte es Stärke, Rückgrat und Soli­da­rität.
Kultu­relle Einrich­tungen tragen Verant­wor­tung. Sie sind keine neutralen Räume, wenn es um Grund­rechte und demo­kra­ti­sche Werte geht. Wer sich in solchen Momenten zurück­zieht, posi­tio­niert sich klar für die falsche Seite. Die Jüdische Gemeinde Frankfurt wird dies nicht einfach hinnehmen. Wir sind fest entschlossen, jüdisches Leben noch stärker und noch selbst­be­wusster auf allen Ebenen in die Stadt zu tragen und für ein fried­li­ches und respekt­volles Mitein­ander einzu­treten.«

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Man kann nur hoffen, dass die öffent­li­chen Geldgeber, die auch die Astor-Film-Lounge fördern und gefördert haben, Konse­quenzen ziehen und das Kino in Zukunft nicht mehr fördern. Und dass das Publikum doppelte Soli­da­rität zeigt: Viele Besuche bei den Jüdischen Filmtagen, keine Besuche mehr im Cham­pa­gner-Kino.

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Was haben Wim Wenders und Bully Herbig gemeinsam? Das möchte ich auch gern wissen. Beide stehen schon als Preis­träger der Preise der Deutschen Film­aka­demie fest. Die offen­sicht­liche Nicht­be­zie­hung und die heim­li­chen Gemein­sam­keiten zwischen beiden verraten uns viel­leicht tatsäch­lich etwas über das deutsche Kino.

Die gestrigen Nomi­nie­rungen für den Bundes­film­preis sind inter­es­sant. Wenn man loben will, könnte man sagen: Sie zeigen die Vielfalt des deutschen Film­schaf­fens, wenn man tadeln möchte, muss man von der Unent­schie­den­heit des deutschen Films reden. Manches war offen­sicht­lich, wie die Nomi­nie­rungen für İlker Çatak; Mascha Schi­linski hat dann doch ange­neh­mer­weise über­ra­schend viele Nomi­nie­rungen bekommen.
Manche Leute werden jedes Jahr nominiert, wie Lorenz Dangel und Dascha Dauen­hauer für »beste Filmmusik« – man darf gespannt sein, wer von beiden dieses Mal den Preis bekommt. Inter­es­sant ist auch, welche Filme überhaupt nicht vorkommen, nämlich zum Beispiel Miroirs No. 3 von Christian Petzold, obwohl der doch in Cannes war, oder leider auch Rote Sterne überm Feld von Laura Laabs.
Grob gesagt kann man auch sagen, der »Preis der deutschen Film­kritik« spiegelt sich in den Nomi­nie­rungen der doch so profes­sio­nellen Film­aka­demie nicht im Geringsten wider.

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Die iranische Jour­na­listin und Frau­en­recht­lerin Mahtab Gholiz­adeh wird in Berlin im Rahmen einer Veran­stal­tung der Wochen­zei­tung »Jungle World« über die Lage im Iran, insbe­son­dere über die Situation von Künstlern, Jour­na­listen und Regime­geg­nern sprechen.

»Die Über­heb­lich­keit, Hoch­nä­sig­keit und Unbe­lehr­bar­keit, mit der manche hier in Deutsch­land die Lage im Iran darstellen, ist entlar­vend. In vielen Kommen­taren findet keine Analyse statt, sondern pure Ideologie. Wie wollen sie diese Haltung mit den Bildern der jubelnden Iraner vor Ort in Einklang bringen?« (Ahmad Mansour)

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Es gilt die Unschulds­ver­mu­tung. Auch für Kritiker. »Verschie­dene Kritiker haben mir die Ehre angetan, das Gedicht als Kritik an der Gegenwart zu inter­pre­tieren, und haben sogar eine gehörige Portion Gesell­schafts­kritik hinein­ge­lesen«, schrieb T. S. Eliot im Vorwort zur Neuaus­gabe von »The Waste Land«, um sich dann zu erklären: »Für mich war es nur das Ventil für einen privaten und ganz belang­losen Grant gegen das Leben; es ist lediglich ein Stück rhyth­mi­scher Quengelei.«
Es gilt die Unschulds­ver­mu­tung. Auch für Künstler. Tatsäch­lich auch für die Film­kritik.

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Wer in diesen Tagen nun endlich auch für sich persön­lich die »kritische Männ­lich­keit« entdeckt, für den gibt es hier zwei Fern­seh­emp­feh­lungen zum (Oster-)Eier­su­chen: Das eine ist die drei­tei­lige Doku­men­ta­tion über den ehema­ligen deutschen Fußball­na­tio­nal­spieler Mesut Özil im ZDF. Wer sich die Manos­phere anschaut, die da zu sehen ist, kann auf den Gedanken kommen, dass es bis zur Verwirk­li­chung der kriti­schen Männ­lich­keit viel­leicht noch ein bisschen dauern könnte – ganz egal wo die aktuellen Medi­en­de­batten gerade blubbern. Viel wichtiger ist in dieser Doku­men­ta­tion, dass sie uns allen klar macht, was wir – Männer wie Frauen – in puncto Rassismus noch zu lernen haben, und was selbst soge­nannte progres­sive Fußball­fans im Fall dieses unglaub­lich begabten tollen Fußball­spie­lers falsch gemacht haben.
Mesut Özil ist verloren, nicht nur für Deutsch­land, nicht nur für den Fußball. Aber hoffent­lich passiert so etwas nie wieder!
Man kann in dieser Doku­men­ta­tion auch sehen, welche Rück­schritte die bundes­deut­sche Gesell­schaft in den vergan­genen 16 Jahren gemacht hat – von der Bunten Republik Deutsch­land, die ganz unauf­dring­lich Inte­gra­tion und Vielfalt gelebt hat, ohne dass irgend­welche Leute ihren Mitmen­schen fort­wäh­rend Lektionen gegeben haben, hin zu der repres­siven Bunde­si­den­ti­täts­re­pu­blik Deutsch­land der Gegenwart, in der jeder und jede in ihrer Filter­blasen-Wagenburg hockt.

Kritische Männ­lich­keit zele­brieren auch Batic und Leitmeyer, die am kommenden Wochen­ende in einer Doppel­folge ihren letzten Tatort-Fall ermitteln. Was man dort erleben kann, ist München als geistige Lebens­form, ist noch ein Hauch der Kommis­sare Veigl und Lenz (Gustl Bayr­hammer und Helmut Fischer), also des Münchens vom Schwa­bylon und des Monaco Franze.
Vor allem aber erlebt man dort, wenn wir uns auf der Mediathek noch einmal die frühen ersten Folgen anschauen, den Übergang vom ästhe­tisch wie politisch ehrgei­zigen deutschen Fern­seh­film, mit Ausflügen zum Autoren­kino, geschrieben von Leuten wie Max Zihlmann, Franz Geiger, und Friedrich Ani, hinein in den normierten TV-Eventfilm, der immer wieder mal inter­es­sant ist, aber oft genug auch nur sche­ma­tisch und infantil, der Übergang von einer recht gut funk­tio­nie­renden progres­siven Republik zu dem, was wir heute haben und was ich nicht weiter charak­te­ri­sieren möchte, weil ich mich am Ende sonst noch im Ton vergreife oder in der Wortwahl.
Ein ewiges Highlight bleibt Frau Bu lacht von Dominik Graf, und, aus anderen Gründen, »Im Herzen Eiszeit« von Hans Noever.
Für die Abschluss­dop­pel­folge besteht Hoffnung, denn das Drehbuch stammt von Johanna Thalmann, die selbst mehrere sehr gute Kino-Regie­ar­beiten verant­wortet, und vom Oscar-nomi­nierten Moritz Binder.
Ansonsten: »Datta. Dayadhvam. Damyata. Shantih shantih shantih« (T. S. Eliot)
Oder, mit Batic/Leitmayr: Alles Palermo!