Cinema Moralia – Folge 384
»What would Kluge do?« |
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| Highlight des zu Ende gehenden Münchner »Tatort« mit den Ermittlern Batic/Leitmayr: Dominik Grafs »Frau Bu lacht« | ||
| (Foto: ARD Mediathek · Dominik Graf) | ||
»April ist der grausamste Monat [...]
Sommer kam unversehens, zog über den Starnberger See
Mit einem Wolkenbruch; wir gingen unter die Kolonnaden,
Traten dann im Sonnenschein hinaus in den Hofgarten«
– T. S. Eliot
Ist unsere derzeitige Fixierung auf die Bucht von Wismar, wo einst »Nosferatu« mit den Ratten ans deutsche Land ging, eigentlich angemessen, oder blöde Naturverkitschung und Ablenkung? Sollte man sich nicht besser mit Wichtigerem beschäftigen, zum Beispiel der Weltlage? Einerseits gilt das schlichte »Schieb den Wal zurück ins Meer« von dem einst schon die »Toten Hosen« den Song der Woche sangen: »Es war so, ich stand am Strand,/ und vor mir lag ein Wal,/ er lebte noch/ ich war
allein/ es war so eine Qual,/ ich bin nicht der stärkste/ das Tier war tonnenschwer/ und die Wellen haben gerufen,/ schieb den Wal zurück ins Meer!«
Andererseits ist der zahlreich verfilmte Melville-Roman »Moby Dick« ja eine perfekte Metapher der Sinnlosigkeit, des Imaginären, dem wir hinterherjagen.
Ich denke mir, Alexander Kluge würde wohl an seine Lieblingstiere, die Elephanten denken, die ja dem Wal in mancher Hinsicht ähneln, und im Schlicksand-Live-Ticker die Kooperation und Praxisorientierung entdecken, die Solidarität, die einem Säugetier zuteil wird, und die Humanität in der Verzweiflung, dass das alles nichts hilft.
»What would Kluge do? What would Kluge say?« Diese Fragen sollten und werden uns in Zukunft noch mehr leiten.
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Die Astor-Film-Lounge macht sich gerade die falschen Freunde. Der Kino-Großplayer hatte die langjährige Kooperation mit der Jüdischen Gemeinde abgesagt. Dazu erklärt der Vorstand der Jüdischen Gemeinde Frankfurt: Die Absage der Kooperation durch die Astor-Film-Lounge ist ein alarmierendes Signal.
»Mit scharfer Kritik und tiefem Unverständnis nehmen wir die Entscheidung des Kinos 'Astor Film Lounge', die Kooperation mit der Jüdischen Gemeinde Frankfurt im Rahmen der Jüdischen
Filmtage unter Verweis auf eine angeblich zu 'heiße' Lage kurzfristig aufzukündigen, zur Kenntnis.
Als Begründung wird angeführt, man könne die Fortführung der Zusammenarbeit, die auch in diesem Jahr anlässlich der Jüdischen Filmtage erneut angestrebt wurde, den eigenen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern aufgrund der Sicherheitssituation nicht mehr zumuten. Der notwendige Polizeischutz hätte bereits beim letzten Mal, laut eigener Aussage der Astor Lounge, im 'Team zu
einem großen Gefühl der Unsicherheit' geführt. Auch sehe das Kino keinen wirtschaftlichen Vorteil bei einer Zusammenarbeit.
Der Vorstand der Jüdischen Gemeinde Frankfurt erklärt hierzu: 'Diese Argumentation ist nicht nur enttäuschend, sondern sendet ein verheerendes gesellschaftliches Signal: Wenn jüdisches Leben und jüdische Präsenz aus Angst vor möglichen Reaktionen zurückgedrängt werden, dann bedeutet das faktisch eine Kapitulation vor antisemitischem Druck. Dass
jüdisches Leben nur unter Polizeischutz stattfinden kann, ist bereits beschämend. Dass diese Notwendigkeit des Polizeischutzes nunmehr zum Anlass genommen wird, jüdische Veranstaltungen ganz zu verhindern, ist ein Skandal.'
Besonders irritierend oder vielmehr entlarvend ist die Aussage des Kinobetreibers 'Und zu guter Letzt, müsse es in einem Land wie Deutschland noch erlaubt sein, sich als Kino neutral zu verhalten.'«
Der Vorstand der Jüdischen Gemeinde stellt hierzu fest:
»Bei Antisemitismus gibt es keine neutrale Haltung, diese bedeutet letztendlich Zustimmung. Die Konsequenz ist klar, Jüdinnen und Juden werden aus dem öffentlichen Raum verdrängt. Für uns bedeutet diese Entscheidung unmissverständlich, dass jüdisches Leben, jüdische Menschen sowie jüdische mediale Präsenz in der Astor Lounge nicht mehr willkommen sind.
Gerade jetzt, in Zeiten wachsenden Antisemitismus, wäre Haltung gefragt. Gerade jetzt bräuchte es Stärke, Rückgrat und
Solidarität.
Kulturelle Einrichtungen tragen Verantwortung. Sie sind keine neutralen Räume, wenn es um Grundrechte und demokratische Werte geht. Wer sich in solchen Momenten zurückzieht, positioniert sich klar für die falsche Seite. Die Jüdische Gemeinde Frankfurt wird dies nicht einfach hinnehmen. Wir sind fest entschlossen, jüdisches Leben noch stärker und noch selbstbewusster auf allen Ebenen in die Stadt zu tragen und für ein friedliches und respektvolles Miteinander
einzutreten.«
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Man kann nur hoffen, dass die öffentlichen Geldgeber, die auch die Astor-Film-Lounge fördern und gefördert haben, Konsequenzen ziehen und das Kino in Zukunft nicht mehr fördern. Und dass das Publikum doppelte Solidarität zeigt: Viele Besuche bei den Jüdischen Filmtagen, keine Besuche mehr im Champagner-Kino.
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Was haben Wim Wenders und Bully Herbig gemeinsam? Das möchte ich auch gern wissen. Beide stehen schon als Preisträger der Preise der Deutschen Filmakademie fest. Die offensichtliche Nichtbeziehung und die heimlichen Gemeinsamkeiten zwischen beiden verraten uns vielleicht tatsächlich etwas über das deutsche Kino.
Die gestrigen Nominierungen für den Bundesfilmpreis sind interessant. Wenn man loben will, könnte man sagen: Sie zeigen die Vielfalt des deutschen Filmschaffens, wenn man tadeln möchte, muss man von der Unentschiedenheit des deutschen Films reden. Manches war offensichtlich, wie die Nominierungen für İlker Çatak; Mascha Schilinski hat dann doch angenehmerweise überraschend viele Nominierungen bekommen.
Manche Leute werden jedes Jahr nominiert, wie Lorenz
Dangel und Dascha Dauenhauer für »beste Filmmusik« – man darf gespannt sein, wer von beiden dieses Mal den Preis bekommt. Interessant ist auch, welche Filme überhaupt nicht vorkommen, nämlich zum Beispiel Miroirs No. 3 von Christian Petzold, obwohl der doch in Cannes war, oder leider auch Rote Sterne überm Feld von Laura Laabs.
Grob gesagt kann man auch sagen, der »Preis der deutschen Filmkritik« spiegelt sich in den Nominierungen der doch so professionellen Filmakademie nicht im Geringsten wider.
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Die iranische Journalistin und Frauenrechtlerin Mahtab Gholizadeh wird in Berlin im Rahmen einer Veranstaltung der Wochenzeitung »Jungle World« über die Lage im Iran, insbesondere über die Situation von Künstlern, Journalisten und Regimegegnern sprechen.
»Die Überheblichkeit, Hochnäsigkeit und Unbelehrbarkeit, mit der manche hier in Deutschland die Lage im Iran darstellen, ist entlarvend. In vielen Kommentaren findet keine Analyse statt, sondern pure Ideologie. Wie wollen sie diese Haltung mit den Bildern der jubelnden Iraner vor Ort in Einklang bringen?« (Ahmad Mansour)
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Es gilt die Unschuldsvermutung. Auch für Kritiker. »Verschiedene Kritiker haben mir die Ehre angetan, das Gedicht als Kritik an der Gegenwart zu interpretieren, und haben sogar eine gehörige Portion Gesellschaftskritik hineingelesen«, schrieb T. S. Eliot im Vorwort zur Neuausgabe von »The Waste Land«, um sich dann zu erklären: »Für mich war es nur das Ventil für einen privaten und ganz belanglosen Grant gegen das Leben; es ist lediglich ein Stück rhythmischer Quengelei.«
Es
gilt die Unschuldsvermutung. Auch für Künstler. Tatsächlich auch für die Filmkritik.
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Wer in diesen Tagen nun endlich auch für sich persönlich die »kritische Männlichkeit« entdeckt, für den gibt es hier zwei Fernsehempfehlungen zum (Oster-)Eiersuchen: Das eine ist die dreiteilige Dokumentation über den ehemaligen deutschen Fußballnationalspieler Mesut Özil im ZDF. Wer sich die Manosphere anschaut, die da zu sehen ist, kann auf den Gedanken kommen, dass es bis zur Verwirklichung der kritischen Männlichkeit vielleicht noch ein bisschen dauern könnte
– ganz egal wo die aktuellen Mediendebatten gerade blubbern. Viel wichtiger ist in dieser Dokumentation, dass sie uns allen klar macht, was wir – Männer wie Frauen – in puncto Rassismus noch zu lernen haben, und was selbst sogenannte progressive Fußballfans im Fall dieses unglaublich begabten tollen Fußballspielers falsch gemacht haben.
Mesut Özil ist verloren, nicht nur für Deutschland, nicht nur für den Fußball. Aber hoffentlich passiert so etwas nie
wieder!
Man kann in dieser Dokumentation auch sehen, welche Rückschritte die bundesdeutsche Gesellschaft in den vergangenen 16 Jahren gemacht hat – von der Bunten Republik Deutschland, die ganz unaufdringlich Integration und Vielfalt gelebt hat, ohne dass irgendwelche Leute ihren Mitmenschen fortwährend Lektionen gegeben haben, hin zu der repressiven Bundesidentitätsrepublik Deutschland der Gegenwart, in der jeder und jede in ihrer Filterblasen-Wagenburg
hockt.
Kritische Männlichkeit zelebrieren auch Batic und Leitmeyer, die am kommenden Wochenende in einer Doppelfolge ihren letzten Tatort-Fall ermitteln. Was man dort erleben kann, ist München als geistige Lebensform, ist noch ein Hauch der Kommissare Veigl und Lenz (Gustl Bayrhammer und Helmut Fischer), also des Münchens vom Schwabylon und des Monaco Franze.
Vor allem aber erlebt man dort, wenn wir uns auf der Mediathek noch einmal die frühen ersten Folgen anschauen, den Übergang vom ästhetisch wie politisch ehrgeizigen deutschen Fernsehfilm, mit Ausflügen zum Autorenkino, geschrieben von Leuten wie Max Zihlmann, Franz Geiger, und Friedrich Ani, hinein in den normierten TV-Eventfilm, der immer wieder mal interessant ist, aber oft genug auch nur schematisch und infantil, der Übergang von einer recht gut funktionierenden progressiven Republik zu dem,
was wir heute haben und was ich nicht weiter charakterisieren möchte, weil ich mich am Ende sonst noch im Ton vergreife oder in der Wortwahl.
Ein ewiges Highlight bleibt Frau Bu lacht von Dominik Graf, und, aus anderen Gründen, »Im Herzen Eiszeit« von Hans Noever.
Für die Abschlussdoppelfolge besteht Hoffnung, denn das Drehbuch stammt von Johanna Thalmann, die selbst mehrere sehr
gute Kino-Regiearbeiten verantwortet, und vom Oscar-nominierten Moritz Binder.
Ansonsten: »Datta. Dayadhvam. Damyata. Shantih shantih shantih« (T. S. Eliot)
Oder, mit Batic/Leitmayr: Alles Palermo!