23.04.2026
Cinema Moralia – Folge 386

Parvenüs, Kulturbürger und Geistesaristokraten

Stadt als Beute
Stadt als Beute: Der Episodenfilm nach René Pollesch kommt auf »arte«
(Foto: Filmgalerie 451)

Und die Stadt ist immer mehr Beute: Irene von Alberti, Kultur für alle und der Vorteil, Opfer zu sein – Cinema Moralia, Tagebuch eines Kinogehers, 386. Folge

Von Rüdiger Suchsland

Filmetats schwinden, Förder­gelder erst recht, Kultur­kür­zungen aller­orten. So richtig neu ist das ehrli­cher­weise trotzdem nicht: »Der Vorhang fällt« heißt ein schon fast 30 Jahre altes Buch vom leider kürzlich verstor­benen Frank­furter und Heidel­berger Sozio­logen (und Angehö­rigen der zweiten Gene­ra­tion der Kriti­schen Theorie) Micha Brumlik über »Kultur in Zeiten leerer Kassen« (1997).

Es ist eine Binsen­weis­heit, dass sich Kultur oder gar Kunst nicht in exakten Bilanzen nach Soll und Haben bewerten lassen. Milli­arden werden jährlich aus dem Steu­er­sä­ckel, der der öffent­li­chen Hand zur Verfügung steht, abge­zweigt, um einer Minder­heit der Gesell­schaft das Spektakel einer Opern- oder Schau­spiel­auf­füh­rung zu bieten.

+ + +

Ich kenne vier Filme­ma­cher, die einen Roman schreiben, einer davon mit Vorschuss von 50.000 Euro, und eine Filme­ma­cherin, die gerade eine Oper insze­niert. Wer keinen Film machen kann, weil alles zu lang dauert, sucht sich etwas anderes.

+ + +

»Kultur für alle« war ein Slogan in der schönen Reform­zeit des Frank­furter Kultur­de­zer­nenten Hilmar Hoffmann vor rund 60 Jahren. Das Ergebnis war das erste Kommunale Kino Deutsch­lands, es war ein gewagtes Festival wie die West­deut­schen Kurz­film­tage, aus denen dann die Ober­hau­sener Kurz­film­tage wurden, und später das sehr bürger­liche, also sehr avant­gar­dis­ti­sche Muse­ums­ufer.

Muss Kultur denn für alle sein? Viel­leicht schon, aber sie ist ja in jedem Fall nicht für alle. Außerdem ist noch die Frage, wen das »für alle« denn meint, und welche Kultur?
Wenn »für alle« heißt, dass Kultur es jedem recht machen oder zu einer Art Omnibus werden soll, der an jeder Halte­stelle hält, um jeden »mitzu­nehmen«, dann geht viel­leicht die Kultur dabei über den Jordan.

Viel­leicht heißt »für alle« ja auch, dass man nicht die Kultur verändert, sondern die Gesell­schaft, dass man Bildungs­an­stren­gungen übernimmt, und dass man versucht, verschie­dene Arten von Filmen herzu­stellen, die einer­seits die Kultur­bürger befrie­digen, für sie also anstren­gend und schwierig genug sind, auch langsam genug, und ande­rer­seits welche, die auch Eska­pismus bieten, aber in einer fluiden Form.

+ + +

Wir weisen selten auf Fern­seh­aus­strah­lungen hin, in diesem beson­deren Fall macht es aber Sinn. Am 30. April und 1. Mai werden gleich zwei Filme von Irene von Alberti erstmals auf »arte« zu sehen sein.

Stadt als Beute von 2005 basiert auf dem gleich­na­migen Thea­ter­s­tück von René Pollesch. Die drei Regis­seu­rinnen Miriam Dehne, Esther Gronen­born und Irene von Alberti erzählen in drei Episoden vom Leben und Überleben im Berlin der Nuller­jahre, von Einsam­keit und Freund­schaft, Erfolg und Aner­ken­nung. Die Proben zu René Polleschs Insze­nie­rung, jener furiosen Sammlung wahn­wit­ziger Texte und Ausbrüche voller Verzweif­lung im Prater der Volks­bühne, bilden den gemein­samen Ausgangs­punkt der Episoden.

Die geschützten Männer ist eine poli­ti­sche Satire nach dem gleich­na­migen Roman von Robert Merle (1974). Deutsch­land, kurz vor der Wahl. Ein rätsel­haftes Virus bricht aus, das ausschließ­lich Männer befällt, sexuell erregt und dahin­rafft. Das stürzt die Republik in einen immer hemmungs­lo­seren Krieg der Geschlechter. Auch in diesem Film von Irene von Alberti geht es um Beute, um Macht, Unter­drü­ckung und Geschlech­ter­rollen.

Der Film wurde 2024 beim Tallinn Black Nights Film Festival mit dem Haupt­preis der »The Rebels with a Cause«– Compe­ti­tion ausge­zeichnet.

Die beiden Film­ga­lerie 451–Produk­tionen treffen im »arte«–Programm zufällig aufein­ander und haben über die Regis­seurin doch eine ganze Menge mitein­ander zu tun. Irene von Albertis Filme kreieren ein weib­li­ches, kollek­tives Kino, in dem Realität und Fiktion verschmelzen. Sie loten die Bezüge und Bezie­hungen zwischen fiktio­naler Welt und Gesell­schaft aus, begeben sich in ein bewusstes Spiel mit ihnen, um am Ende bei einem anderen Blick, aber nicht bei abge­klärten Wahr­heiten zu landen.

+ + +

»Vom Schmähwort zum Empower­ment« heißt ein Text der Philo­so­phin Maria-Sibylla Lotter, die in Bochum Ethik und Ästhetik lehrt und erklärt, es habe heute fast nur Vorteile, sich als Opfer zu präsen­tieren.
»Es kann in bestimmten Situa­tionen von Vorteil sein, als Opfer wahr­ge­nommen zu werden. Mir geht es um die Umwertung des Opfers mit seinen guten, aber auch proble­ma­ti­schen Seiten.«

Wenn alle sich freuen, dass »die Scham die Seite wechselt«, seien wir bei der Aufwer­tung des Opfers über das Ziel ihrer Selbst­er­mäch­ti­gung hinaus­ge­schossen.

»Wer sich heute in der Öffent­lich­keit als Opfer darstellt, kann mit Aufmerk­sam­keit und mora­li­scher Unter­s­tüt­zung rechnen – besonders dann, wenn es um stark aufge­la­dene Themen wie Rassismus, Anti­se­mi­tismus oder Sexismus geht. Häufig springt eine empörte Teilöf­fent­lich­keit dem echten oder vermeint­li­chen Opfer sofort zur Seite. Dadurch wird die Opfer­rolle zu einer Quelle von Macht: Sie verschafft demje­nigen, der sie einnimmt, mora­li­sche Autorität im Konflikt mit dem anderen.«