Cinema Moralia – Folge 386
Parvenüs, Kulturbürger und Geistesaristokraten |
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| Stadt als Beute: Der Episodenfilm nach René Pollesch kommt auf »arte« | ||
| (Foto: Filmgalerie 451) | ||
Filmetats schwinden, Fördergelder erst recht, Kulturkürzungen allerorten. So richtig neu ist das ehrlicherweise trotzdem nicht: »Der Vorhang fällt« heißt ein schon fast 30 Jahre altes Buch vom leider kürzlich verstorbenen Frankfurter und Heidelberger Soziologen (und Angehörigen der zweiten Generation der Kritischen Theorie) Micha Brumlik über »Kultur in Zeiten leerer Kassen« (1997).
Es ist eine Binsenweisheit, dass sich Kultur oder gar Kunst nicht in exakten Bilanzen nach Soll und Haben bewerten lassen. Milliarden werden jährlich aus dem Steuersäckel, der der öffentlichen Hand zur Verfügung steht, abgezweigt, um einer Minderheit der Gesellschaft das Spektakel einer Opern- oder Schauspielaufführung zu bieten.
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Ich kenne vier Filmemacher, die einen Roman schreiben, einer davon mit Vorschuss von 50.000 Euro, und eine Filmemacherin, die gerade eine Oper inszeniert. Wer keinen Film machen kann, weil alles zu lang dauert, sucht sich etwas anderes.
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»Kultur für alle« war ein Slogan in der schönen Reformzeit des Frankfurter Kulturdezernenten Hilmar Hoffmann vor rund 60 Jahren. Das Ergebnis war das erste Kommunale Kino Deutschlands, es war ein gewagtes Festival wie die Westdeutschen Kurzfilmtage, aus denen dann die Oberhausener Kurzfilmtage wurden, und später das sehr bürgerliche, also sehr avantgardistische Museumsufer.
Muss Kultur denn für alle sein? Vielleicht schon, aber sie ist ja in jedem Fall nicht für alle. Außerdem ist noch die Frage, wen das »für alle« denn meint, und welche Kultur?
Wenn »für alle« heißt, dass Kultur es jedem recht machen oder zu einer Art Omnibus werden soll, der an jeder Haltestelle hält, um jeden »mitzunehmen«, dann geht vielleicht die Kultur dabei über den Jordan.
Vielleicht heißt »für alle« ja auch, dass man nicht die Kultur verändert, sondern die Gesellschaft, dass man Bildungsanstrengungen übernimmt, und dass man versucht, verschiedene Arten von Filmen herzustellen, die einerseits die Kulturbürger befriedigen, für sie also anstrengend und schwierig genug sind, auch langsam genug, und andererseits welche, die auch Eskapismus bieten, aber in einer fluiden Form.
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Wir weisen selten auf Fernsehausstrahlungen hin, in diesem besonderen Fall macht es aber Sinn. Am 30. April und 1. Mai werden gleich zwei Filme von Irene von Alberti erstmals auf »arte« zu sehen sein.
Stadt als Beute von 2005 basiert auf dem gleichnamigen Theaterstück von René Pollesch. Die drei Regisseurinnen Miriam Dehne, Esther Gronenborn und Irene von Alberti erzählen in drei Episoden vom Leben und Überleben im Berlin der Nullerjahre, von Einsamkeit und Freundschaft, Erfolg und Anerkennung. Die Proben zu René Polleschs Inszenierung, jener furiosen Sammlung wahnwitziger Texte und Ausbrüche voller Verzweiflung im Prater der Volksbühne, bilden den gemeinsamen Ausgangspunkt der Episoden.
Die geschützten Männer ist eine politische Satire nach dem gleichnamigen Roman von Robert Merle (1974). Deutschland, kurz vor der Wahl. Ein rätselhaftes Virus bricht aus, das ausschließlich Männer befällt, sexuell erregt und dahinrafft. Das stürzt die Republik in einen immer hemmungsloseren Krieg der Geschlechter. Auch in diesem Film von Irene von Alberti geht es um Beute, um Macht, Unterdrückung und Geschlechterrollen.
Der Film wurde 2024 beim Tallinn Black Nights Film Festival mit dem Hauptpreis der »The Rebels with a Cause«– Competition ausgezeichnet.
Die beiden Filmgalerie 451–Produktionen treffen im »arte«–Programm zufällig aufeinander und haben über die Regisseurin doch eine ganze Menge miteinander zu tun. Irene von Albertis Filme kreieren ein weibliches, kollektives Kino, in dem Realität und Fiktion verschmelzen. Sie loten die Bezüge und Beziehungen zwischen fiktionaler Welt und Gesellschaft aus, begeben sich in ein bewusstes Spiel mit ihnen, um am Ende bei einem anderen Blick, aber nicht bei abgeklärten Wahrheiten zu landen.
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»Vom Schmähwort zum Empowerment« heißt ein Text der Philosophin Maria-Sibylla Lotter, die in Bochum Ethik und Ästhetik lehrt und erklärt, es habe heute fast nur Vorteile, sich als Opfer zu präsentieren.
»Es kann in bestimmten Situationen von Vorteil sein, als Opfer wahrgenommen zu werden. Mir geht es um die Umwertung des Opfers mit seinen guten, aber auch problematischen Seiten.«
Wenn alle sich freuen, dass »die Scham die Seite wechselt«, seien wir bei der Aufwertung des Opfers über das Ziel ihrer Selbstermächtigung hinausgeschossen.
»Wer sich heute in der Öffentlichkeit als Opfer darstellt, kann mit Aufmerksamkeit und moralischer Unterstützung rechnen – besonders dann, wenn es um stark aufgeladene Themen wie Rassismus, Antisemitismus oder Sexismus geht. Häufig springt eine empörte Teilöffentlichkeit dem echten oder vermeintlichen Opfer sofort zur Seite. Dadurch wird die Opferrolle zu einer Quelle von Macht: Sie verschafft demjenigen, der sie einnimmt, moralische Autorität im Konflikt mit dem anderen.«