30.06.2022

Die Innovation der alten Zöpfe

FILMFEST MÜNCHEN / Claudia Müller
Sie trägt im Alter Zöpfe, woran abzulesen ist, dass es keine absoluten Merkmale gibt: Elfriede Jelinek
(Foto: FILMFEST MÜNCHEN / Claudia Müller)

Altersdiskriminierung und Diversity-Klischees: Die Filmbranche hat ein Problem. Beobachtungen von zwei Panels des 39. Filmfest München

Von Dunja Bialas

»Das ist mein erster Kinofilm, den ich machen konnte, ich bin jetzt 58 Jahre und danke meinen Produ­zen­tinnen! Ohne sie wäre das wieder nur TV geworden.« Deutliche Worte von Claudia Müller, die auf dem Filmfest München ihr Portrait Elfriede Jelinek in Welt­pre­miere zeigte. Der Film macht mit diesem Hinweis, den sie von der Bühne aus tat, einen eigen­ar­tigen Schul­ter­schluss mit der Nobel­preis­trä­gerin. Zwar hatte Jelinek als Schrift­stel­lerin die Freiheit zu publi­zieren, wurde aber von der öster­rei­chi­schen Öffent­lich­keit als »Nest­be­schmut­zerin« abgelehnt und zog sich unter Waldheim und Haider, die eine krasse Rufmord­kam­pagne gegen die heraus­ra­genden Köpfe der Kultur fuhren, in »innere Emigra­tion« zurück. Warum es bei Claudia Müller bislang nur für TV-Produk­tionen gereicht hat, kann von dieser Stelle aus nicht beurteilt werden, ihr Statement, das sie auf der Bühne in Anwe­sen­heit der BR-Produ­zenten tat, schien aber aus einer gewissen Verve, Verlet­zung und auch Stolz heraus gespro­chen. Auch ihr Team bestand über­wie­gend aus Frauen. Die Kamera: führte die Öster­rei­cherin Christine A. Maier, die auch die Portraits über Alice Schwarzer und die öster­rei­chi­sche Poli­ti­kerin Johanna Dohnal foto­gra­fiert hatte. Montage: Mechthild Barth, die schon in Bilder (m)einer Mutter und den viel gelobten, aber bei uns nie ins Kino gekom­menen Monday um zehn editiert hatte.

Die Montage und die Kame­rafüh­rung sind heraus­ra­gendes Merkmal von Elfriede Jelinek, die man an dieser Stelle auch als Namen, nicht Filmtitel schreiben könnte. Die Schrift­stel­lerin hat früh begonnen, die Cut-up-Techniken und Collagen der Beat Genera­tion für ihr Werk zu adap­tieren, Mechthild Barth weiß kongenial, dies in den Bild­zu­sam­men­hang zu über­setzen, wenn sie die Stimme der Elfriede Jelinek mit Found Footage des Alltags unter­füt­tert und den Bildfluss dadurch immer wieder im Cut durch­bricht. Christine A. Maier über­rascht durch rätsel­hafte und atem­be­rau­bende Kame­ra­fahrten, und Claudia Müller ist ohnehin das Zentrum für diesen ener­gie­ge­la­denen Film.

Furioses Mutter-Kompo­situm

Zu dieser inno­va­tiven Kombo könnte man aus dem dies­jäh­rigen Film­fest­pro­gramm noch Carolin Schmitz mit Anke Engelke hinzu­fügen, die in Mutter zu einer radikalen Neuerung des doku­men­ta­ri­schen Thesen­films findet. Schmitz hatte im Vorfeld des Films mit verschie­denen Müttern Gespräche über ihr Leben – ihr alltä­g­li­ches und biogra­phi­sches – geführt, die sie nun alle in Anke Engelke, die so etwas wie einen Mutter-Prototyp verkör­pert, zusam­men­fließen lässt. Was wir haben: Verzicht auf die Iden­ti­fi­ka­tion doku­men­ta­ri­scher Prot­ago­nisten und Verzicht auf den Voyeu­rismus, den das Authen­tisch-Doku­men­ta­ri­sche mit Einbli­cken in die Lebens­welten der Prot­ago­nisten auch immer bereit­hält. Eine radikale Objek­ti­vie­rung also als Resultat, und eine für manche schwer zu ertra­gende, weil unge­wohnte Verkün­ste­lung, die wiederum eine tiefere Wahrheit zu erkennen gibt: Eine Mutter ist eben keine durch­gän­gige Biogra­phie, sondern ein Kompo­situm verschie­dener Selbst­bilder und Fremd­zu­schrei­bungen, Schuld­zu­wei­sungen, Sorgen und Leiden­schaften. Ein Film wie eine Anklage an unser verkorkstes Mutter­bild, mit Anke Engelke als souver­äner Botschaf­terin.

Ex und hopp: die Alters­di­kri­mi­nie­rung

Alle hier genannten Frauen – Claudia Müller, Christine A. Maier, Mechthild Barth, Carolin Schmitz, Anke Engelke – haben die Fünfziger bereits über­schritten und sind damit lebendige Ausnahmen für ein Phänomen, das auf dem Panel »Ex und hopp – altge­stellt, kalt­ge­stellt« unter dem Stichwort »Alters­dis­kri­mi­ne­rung vs. Nach­wuchs­blo­ckade« während des Filmfests vom Regie­ver­band BVR verhan­delt wurde. Dort beklagten sich nicht nur die Frauen, sondern in hohem Maße auch die Männer über Alters­feind­lich­keit. Männer trifft es nun doppelt, wenn sie durch jüngere Frauen ersetzt werden, die (älteren) Frauen wiederum erleben gerade schmerz­lich die Ironie der Geschichte, mit »Pro Quote« für eine Gerech­tig­keit gefochten zu haben, aus der sie jetzt syste­ma­tisch selbst ausge­schlossen werden – weil sie als Vorkämp­fe­rinnen einer Genera­tion angehören, die man bei den Sendern jetzt nicht mehr will, weder vor noch hinter der Kamera. Die Alters­dis­kri­mi­nie­rung der Frauen betrifft (anders als bei den Männern) genau die Genera­tion, die auch zuvor von der Teilhabe an Ämtern, Aufträgen und anderem syste­ma­tisch ausge­schlossen war. Sie schaut jetzt also zum zweiten Mal in die Röhre.

Diese bislang wenig disku­tierte und auch tabui­sierte Form (das eigene Alter wird nicht verraten) der Diskri­mi­nie­rung geschieht von den Sendern unter dem Deck­män­tel­chen, ein junges Publikum gewinnen zu wollen. Dazu bräuchten sie Forma­tin­no­va­tionen, so die Verant­wort­li­chen, die sie eher den Digital Natives zutrauen als den Alten. Dass aber genau die jüngere Genera­tion, die Debü­tanten, sich womöglich noch nicht trauen, den kreativen Vorstoß zu wagen, erklärt sich nicht nur aus der Binse, dass man sein Handwerk erst beherr­schen müsse, um es zu durch­bre­chen, Formate kennen müsse, um sie zu dekon­stru­ieren. Nicht zwingend kann der oder die etwas Neues wagen, die sich erst den Weg ebnen muss, sondern eben gerade auch die Erfah­renen und womöglich Form­at­müden – man muss sie nur lassen. Was die Sender im Grunde aber nicht wollen, denn sie haben seit Jahren auf das Prinzip »was bekannt ist, wird gemocht und weiter produ­ziert« gesetzt. Hier braut sich etwas zusammen, denn die von den Produk­ti­ons­pro­zessen weit­ge­hend ausge­grenzte Frau­en­gene­ra­tion sollte ihr Schicksal nicht mehr hinnehmen.

Ausbruch aus dem Plot-Gefängnis

Corsage, mit dem das Filmfest München eröffnete, leistet für dieses Thema wichtigen Beistand. Die vier­zig­jäh­rige Sisi rebel­liert und schert aus und repli­ziert sich final, um dem Druck der Öffent­lich­keit auf ihren Körper zu entkommen. Was mit einer rigiden Diät beginnt – nur zwei Oran­gen­scheiben zum Abend­essen –, um die modische Corsage-Silhou­ette mit Wespen­taille zu halten, sich über wilde Ausritte, Nackt­baden im See und heim­li­ches Rauchen Bahn bricht, mündet im Abschneiden der alten Zöpfe und in der Substi­tu­tion des eigenen Körpers in einem Double als finalem Befrei­ungs­schlag. Femi­nis­ti­scher und rebel­li­scher kann man die Figur der Sisi nicht denken, und die Form­sprache des Films mit seinen situa­tiven Szenen greift das ästhe­tisch auf, duckt sich unter dem Plotdruck weg – auch zum Verdruss so mancher, vor allem männ­li­cher Kollegen. Der Druck auf die Frau und auf die Form­at­treue ist auch heute noch überall spürbar, und nur wenige Schau­spie­le­rinnen bekommen ein neues Image und damit auch neue Rollen verpasst wie (die über fünf­zig­jäh­rige) Noémie Lvovsky in Pietro Marcellos (Mitte Vierzig) zugegeben altmo­di­schem, aber gerade dadurch sehr innovativ und unbe­küm­mert wirkendem L’Envol.

Wie immer gilt, dass die Inno­va­ti­ons­freu­dig­keit der eingangs genannten Frauen nicht zu verall­ge­mei­nern ist. Corsage-Regis­seurin Marie Kreutzer ist zwar auch schon Mitte Vierzig. Aber eine der mutigsten und sich dem Ruf der Sender nach Inno­va­tion am inno­va­tivsten verwei­gernden Frauen macht an der HFF München gerade erst ihren Abschluss, mit kurz über Dreißig, während sie sich auch noch als Autorin betätigt: Jovana Reisinger, die »Spit­zen­rei­terin«.

Diversity-Klischees

Daher ist es höchste Zeit, das Iden­ti­täre – also die Bestim­mungen aufgrund von unhin­ter­geh­baren biolo­gi­schen oder geo- und sozio­po­li­ti­schen Deter­mi­nanten wie Gender, Age, Race und Class – hinter sich zu lassen und endlich einmal genauer hinzu­sehen. Denn auch die altge­diente Doris Dörrie, Profes­sorin der HFF und Regis­seurin von heraus­ra­genden Werken wie Kirsch­blüten – Hanami, kehrt nun mit dem auf dem Filmfest urauf­ge­führten Freibad ins komö­di­an­ti­sche Fach zurück, in dem Diffe­ren­zie­rung und echter Spaß nur allzu gerne dem Klischee weichen, und das sich damit seit den Acht­zi­gern als kaum verändert präsen­tiert. Nur das Sujet ist jetzt ein anderes: Nicht mehr Männer wie im gleich­na­migen Film von 1985 sind heute witzig, sondern Frauen und Multi­kulti. Das folgt auch dem seltsamen Miss­ver­ständnis der fran­zö­si­schen Monsieur Claude-Reihe, die Klischees benutzt, um sie angeblich zu entlarven und Aufklä­rung zu schaffen – im selben Atemzug aber auch repro­du­ziert und damit im Umlauf hält. Auf dem Diversity-Panel des Münchner Filmfests kam es so auch zu einem kleinen Eklat, als eine Filme­ma­cherin (mit Migra­ti­ons­hin­ter­grund) das Dörrie'sche Bild von den isla­mi­schen Frauen im Freibad als kultur­fremd brand­markte. »Eine Frau­en­gruppe mit Schleier und Gucci-Tasche kommt ins Frau­en­freibad, und anstatt sich auszu­ziehen und ins Wasser zu gehen (denn dafür gehen Muslime ja überhaupt ins Frau­en­freibad) setzen sie sich wie Idioten mit schwarzen Schleiern in die pralle Sonne bei 40 Grad, und die deutschen Zuschauer fanden das alles mega-lustig und haben sich von Anfang bis Ende totge­lacht.«

Sich selbst neu erfinden

Genau hinsehen sollte man also. Keine Ortho­doxie und keine Ortho-Regie, wie es jetzt durch das Diver­si­täts­pos­tulat à la Hamburger Film­stif­tung MOIN passiert, die eine Diversity-Check­liste der Projekt­för­de­rung voran­stellt (Freibad gehorcht diesem Postulat), aber auch kein »Junge Frauen first«, kein »Alte Frauen first«. Kein »Alte weiße Männer first«, kein »Junge migran­ti­sche Männer first«. Sondern bitte ausschließ­lich den Mut, Dinge anders zu machen, sich von alten Scha­blonen und Denk­weisen verab­schieden, ohne neue Scha­blonen zu fordern oder gar zu prak­ti­zieren, wie es heute mehr und mehr der Fall ist.

Das Filmfest München macht es eigent­lich gerade sehr schön vor, wie man sich innerhalb gegebener Umstände neu erfinden kann. Während der Eröffnung haben bis auf den künst­le­ri­schen Leiter Christoph Gröner, der sich auf der Bühne mit der Funktion des Frage­stel­lers begnügte, nur Frauen das Wort ergriffen – in der ganzen Band­breite: die geschäfts­füh­rende Film­fest­lei­terin Diana Iljine, die sich in ihrer Funktion als Reprä­sen­tantin noch in seltsamer, amtlicher Verwandt­schaft zur Corsage-Sisi befand, mädchen­haft mit Augen­auf­schlag die Digi­tal­mi­nis­terin Judith Gerlach, furios und reflek­tiert die Kultur­bür­ger­meis­terin Katrin Haben­schaden. Und auch oder selbst wenn die Männer beim Filmfest München das Wort ergreifen, ist dieses Jahr insgesamt mehr Offenheit und mehr Reflexion zu erleben, weniger Verkrus­tungen und weniger PR-Sprüche als in den vergan­genen Jahren. Man bemüht sich um echten Diskurs und wichtige Themen, ohne dies allzu osten­tativ auszu­stellen. Viel­leicht können andere ja davon lernen, das Sche­ma­denken abstreifen und sich auf neue Wege wagen.