06.05.2022

arteshorts zum 37. DOK.fest München

Dokfest

Schnell, kurz und absolut unter Kontrolle: Kurzkritiken zum 37. DOK.fest München, diesmal in Zusammenarbeit mit der LMU München und dem Filmkritik-Nachwuchs

Von Redaktion

21.05.2022

Dear memories – eine reise mit dem magnum foto­grafen thomas hoepker (Deutschland, Schweiz 2021, R: Nahuel Lopez) (DOK.deutsch)

„Thomas, schau mal da!“, dieser Ausruf der resoluten Ehefrau nervt. Beim ange­spro­chenen Thomas Hoepker, gefei­erter Magnum-Fotograf, Jahrgang 1936, wurde vor einigen Jahren Alzheimer diagnos­ti­ziert. An Kollegen und viele Aspekte seines Lebens kann er sich nicht mehr erinnern, doch seine Leica gibt ihm immer noch Halt. Nahuel Lopez begleitet ihn und seine zweite Frau Christine auf einem Roadtrip quer durch die USA. Die oft unfrei­wil­lige Komik der Krankheit schrammt haar­scharf am Pein­li­chen vorbei. Doch was den Film rettet, sind die einge­spro­chenen Zitate aus Essays von Hoepker zur Foto­grafie, die vor seiner Erkran­kung entstanden. Gemeinsam mit seinen idio­gra­fi­schen Fotos, etwa von Muhammad Ali, 9/11, New York oder Asien, porträ­tiert DEAR MEMORIES einen Künstler und Menschen, der mit seiner Kamera das Wesen der Dinge präzise erfassen konnte, ohne die Foto­gra­fierten bloß zu stellen.

19.05.2022

Dida (Schweiz 2021, R: Nikola Ilić) (Best of Fests)

Immer wenn ihr Sohn sie wieder verlässt, muss Dida weinen und hört auch nicht mehr damit auf. Und das sagt sie ihm auch. Dida gibt ihre gesamte Pension für glit­zernde Plas­tik­fi­guren, Deko-Blumen und süße Hunde­ka­lender aus und wenn die Zeugen Jehovas regel­mäßig an ihrer Tür klingeln, lädt die alte Frau sie inter­es­siert zum Kaffee herein. Humorvoll und leicht porträ­tieren Regisseur Nikola Ilic und seine Frau Corina Schwing­ruber seine Mutter, die plötzlich alleine Leben muss, ihre Verlo­ren­heit im Alter, und die Einsam­keit in ihrer völlig chao­ti­schen Wohnung in Belgrad. Der Film ist der liebevoll betrach­tende Blick eines Sohnes auf seine Mutter, der uns – ganz ohne dabei zu werten – auch in seinen Zwiespalt führt; seine Mutter alleine verküm­mern lassen oder das eigene Leben in der Schweiz und seine Unab­hän­gig­keit aufgeben. Ein herz­li­ches und witziges Porträt, das Didas wunder­li­chem Charakter den Raum gibt, den er braucht und es so für uns unmöglich macht, sie nicht ehrlich ins Herz zuschließen. (Cecilia Ratibor, LMU München)

Children Of The Mist (Vietnam 2021, R: Ha Le Diem) (DOK.Panorama)

Smart­phones, Social Media, erste unschul­dige Verliebt­heiten und Online-Flirts – Auf den ersten Blick scheint die Jugend der 12-jährigen Di in einem kleinen Bergdorf in Vietnam garnicht so fern ab der uns bekannten Welt. Doch schnell wird uns, unter den bedroh­lich schönen Bildern der undurch­sich­tigen Nebel­schwaden klar, dass dieser Schein trügt. Gefangen in den Tradi­tionen ihrer patri­ar­chalen Heimat­kultur leben die Töchter, während ihre Eltern sich haupt­säch­lich betrinken, mit der ständigen Gefahr, „entführt“ zu werden und damit tradi­tio­nell dem entfüh­renden Mann zur Heirat verpflichtet zu sein. Die Regis­seurin begleitet die Junge Di in ihre Familie, kommt ihr sehr nah und lässt so in ihrem Film schmerz­haft deutlich werden, wie nah solche gewalt­vollen Reali­täten uns doch sind. „Children Of The Mist“ zeigt die Verzweif­lung und Zerris­sen­heit eines jungen selbst­be­wussten Mädchens, die der ständigen Bedrohung ausge­setzt ist, ihrer Kindheit und Freiheit beraubt zu werden. (Cecilia Ratibor, LMU München)

Young Plato (Belgien, Frank­reich, Irland 2021, R: Neasa Ní Chianáin) (DOK.horizonte)

„If someone hits you, you must always hit them back“ – mit dieser Faust­regel und dem damit einher­ge­henden Männ­lich­keits­bild, wachsen die Jungen in Belfast auf. In einem Viertel, gezeichnet von Gewalt und den brutalen Konflikten der Vergan­gen­heit macht ein Lehrer der Jungen­schule es sich zur Aufgabe, der neuen Genration zu vermit­teln, wie sie mit Meinungs­ver­schie­den­heiten und vor allem mit ihren eigenen Gefühlen umgehen können – und zwar, in dem er ihnen Philo­so­phie unter­richtet. Der Film zeigt uns eine Schule und deren Pädagog*innen als eine rettende Insel in einem groben Umfeld, in denen den Jungen Härte abver­langt wird. Wir beob­achten den Kampf der Jungen mit sich selbst und erleben die Kraft des Dialoges, des Zuhörens und Ernst-genommen-werdens. Ein Film, der uns zeigt, was für eine immense Kraft in Pädagogik und der Lehre des Infrage-stellens steckt. (Cecilia Ratibor, LMU München)

Escape to the Silver Globe (Polen 2021, R: Kuba Mikurda) (Best of Fests)

Into the heart of darkness, die Zeit des Kalten Krieges, Willkür, Ost-West, Zensur und zertrüm­merte Träume führt ESCAPE TO THE SILVER GLOBE. Andrzej Żuławski, 1940 in Liwiw (damals Polen, heute Ukraine) geboren, in Paris aufge­wachsen, war Regisseur, Autor und Europäer. Mit seinem Science-Fiction-Film ON THE SILVER GLOBE wollte er ein Meis­ter­werk schaffen. Es war eines der teuersten Projekte des polni­schen Films, opulente Kostüme, exotische Drehorte, eine große Crew und ein charis­ma­ti­scher Regisseur, der seine Ideen kompro­misslos durch­setzte und damit alle an ihre Grenzen brachte. Etwa zur gleichen Zeit begann George Lucas mit den Dreh­ar­beiten von STAR WARS. Welcher der beiden Science-Fiction-Filme wäre erfolg­rei­cher gewesen? Diese Frage bleibt unbe­ant­wortet, denn die polni­schen Behörden stoppten kurz vor Ende der Dreh­ar­beiten aus poli­ti­schen Gründen die Produk­tion. Neben Origi­nal­aus­schnitten aus dem verbo­tenen Film kommen Schau­spieler, Crew-Mitglieder, sowie Żuławskis ältester Sohn Xawery zu Wort. Jeder erinnert sich an eine andere Person: an den abwe­senden Vater, den talen­tierten Regisseur, den Charmeur, den Kompro­miss­losen, den Talen­tierten, den tragi­schen Helden. Inter­viewaus­schnitte mit dem 2016 verstor­benen Andrzej Żuławski ergänzen und wider­spre­chen diesem Bild. Das immer mitschwin­gende „Was wäre wenn“ entwi­ckelt so einen eigenen Zauber. (Ingrid Weidner)

Dancing Pina (Deutsch­land 2022, R: Florian Heinzen-Ziob) (DOK.panorama 2022)

Das Erbe von Pina Bausch soll mit Neu-Insze­nie­rungen ihrer Werke lebendig bleiben. Eigent­lich sollte Regisseur Florian Heinzen-Ziob nur einen drei­minü­tigen Werbefilm für die Pina-Bausch-Foun­da­tion drehen, doch statt­dessen beglei­tete er jeweils über mehrere Monate das Ballett der Semper­oper Dresden bei den Proben zu „Iphigenie auf Tauris“ sowie ein Ensemble der École de Sables in Senegal während ihrer Arbeit am Stück „Das Früh­lings­opfer“. Während sich in Dresden klassisch ausge­bil­dete Ballett-Tänzer:innen auf den modernen Tanz einlassen mussten, standen die 38 Tänzer:innen, die aus ganz Afrika an die École de Sables gekommen waren und oft keine profes­sio­nelle Tanz­aus­bil­dung mitbrachten, vor ganz anderen Heraus­for­de­rungen: sie mussten ihre Zweifel beiseite schieben und gegen die eigene Unsi­cher­heit antanzen. Beide Kompa­gnien nähern sich ganz unter­schied­lich der Welt von Pina Bausch. Gemeinsam ist allen, dass sie hart für ihren Erfolg arbeiten mussten. Die strengen Lehre­rinnen, ehemalige Tänze­rinnen des Ensembles von Pina Bausch, die sie auf diesem Weg beglei­teten, gelten als Grals­hü­te­rinnen des Werks und können ziemlich streng sein. (Ingrid Weidner)

Stand Up My Beauty (Deutsch­land, Schweiz 2021, R: Heidi Specogna) Hommage Heidi Specogna 2022

Jeden Abend tritt die Sängerin Nardos Wude Tesfaw in einem Musik-Club in Addis Ababa auf. Sie inter­pre­tiert die tradi­tio­nelle äthio­pi­sche Azmari-Musik neu. Doch sie will mehr, nämlich eigene Texte schaffen und in ihr Reper­toire aufnehmen. Nardos Ziel ist es, den Frauen in Äthiopien eine Stimme zu geben. Die Regis­seurin Heidi Specogna begleitet die Sängerin zu den Proben, ihren Auftritten und bei der Recherche zu den Ursprüngen der Azmari-Musik. In Gesprächen mit Freun­dinnen, Musi­ke­rinnen oder den Frauen in ihrer Familie zeigt sich, wie tief verwur­zelt die Struk­turen sind, die Frauen benach­tei­ligen, wegsperren und zum Schweigen bringen wollen. Doch die charis­ma­ti­sche Sängerin lässt sich auch von persön­li­chen Rück­schlägen nicht von ihrem Ziel abbringen. (Ingrid Weidner)

Ultra­vio­lette and the Blood-Spitters Gang (Frank­reich 2021, R: Robin Hunziger) (DOK.inter­na­tional)

ultraviolett
(Foto: Robin Hunzinger / DOK.fest München)

Wollen wir Freunde sein? Mit dieser unschul­digen Frage beginnt eine Liebes­ge­schichte, so zart und gleich­zeitig scho­nungslos, wie sie nur das Leben schreiben kann. Es ist das Jahr 1925. Marcelle und Emma erleben den stür­mi­schen Sommer einer jungen Liebe. Doch der Herbst lässt sich nicht aufhalten – denn die Zukunft soll die beiden Frauen trennen: Emma beginnt ihre akade­mi­sche Laufbahn, Marcelle bleibt in der Provinz zurück. Sie heißt nun Ultra­vio­lette und muss sich den schweren Seiten des Lebens stellen. Emma vergisst sie dabei jedoch nie.
Nach Emmas Tod stößt deren Familie auf Marcelles Briefe und fügt die Puzzle­teile dieser geheimen Beziehung für das Publikum zusammen. Ein einfühl­sames Porträt, das zeigt, wie nah Leiden­schaft und Zerbrech­lich­keit beiein­ander liegen. (Maria Feckl, LMU München)

Kalle Kosmonaut (Deutsch­land 2022, Regie: Tine Kugler, Günther Kurth) (Best of Fests)

Die Lang­zeit­do­ku­men­ta­tion des Autoren-Duos über Pascal, genannt Kalle, einen Jungen aus der Plat­ten­bau­sied­lung in der Nähe der Allee der Kosmo­nauten in Berlin-Hellers­dorf, beein­druckt durch die respekt­volle Beglei­tung über ein Jahrzehnt. Kalle, Sohn einer allein erzie­henden Mutter, ist um einen ehrlichen Weg bemüht, reflek­tiert seine prekäre Umgebung und formu­liert genauso klar seine Vorstel­lungen von einer unbe­schwerten Zukunft. Aber die Verhält­nisse, die sind nicht so. Kalle, der kein „Ghet­to­kind“ sein will, rutscht immer wieder ab – schließ­lich Drogen, schwere Körper­ver­let­zung. Der Sech­zehn­jäh­rige muss vors Gericht, bereut die Tat, aber kann sein Befinden nicht in Worte fassen und wird zu zwei­ein­halb Jahren Haft verur­teilt. Nach der Entlas­sung, nach der Einsam­keit in der Zelle ist der Weg zurück ins Leben steinig und es gibt leere Tage, da ist er zu nichts fähig. Doch Kalle gibt nicht auf: »Mein Leben soll nach oben gehen«. Ein Film, der nachwirkt. (Christel Strobel) -> Lang­kritik

15.05.2022

Why we fight? (Belgien 2021, R: Alain Platel, Miriam Devriendt) (Dok.panorama)

Why We Fight
(Foto: Alain Platel, Miriam Devriendt / DOK.fest München)

Die Regis­seure Alain Platel und Mirjam Devriendt werfen die Zuschauer mitten in Tanz­auf­füh­rungen eines belgi­schen Ensembles hinein. Zusammen mit den TänzerInnen begibt sich der Film auf eine Reise, die indi­vi­du­elle Bedeutung von Gewalt für die einzelnen Darstel­lerInnen und die Ursachen für Bruta­lität zu entdecken. Durch die geheim­nis­volle, stür­mi­sche Musik von Gustav Mahler und die Nahauf­nahmen der TänzerInnen während der eindrucks­vollen Bühnen­kämpfe fühlt man sich in die Szenen hinein­ge­zogen und erlebt die inten­siven Emotionen mit. In intimen Inter­views legen die Darstel­lerInnen dar, wie sie die Musik Mahlers inspi­riert hat, reflek­tieren über ihre Moti­va­tion sowie ihr persön­li­ches Verhältnis zu Gewalt. Während­dessen zeigt der Film schwarz­weiße Archiv­do­ku­mente aus der insta­bilen Welt des Ersten Welt­krieges sowie anderer Gewalt­er­leb­nisse. Die Schere zwischen Bild und Ton verein­facht es, den Gefühlen und Über­le­gungen der Mitglieder des Ensembles zu folgen. Zum Schluss bleibt als Frage stehen: Ist es besser, das Glas immer halb leer zu sehen, um Verän­de­rungen zu bewirken, und ist Gewalt notwendig? (Anna-Luisa Schiller, LMU München)

14.05.2022

Woid (D 2022, R: Verena Wagner) (Student Awards, im Programm »Shorts 1«)

Woid
(Foto: Verena Wagner / DOK.fest München)

Enter the Woid! 40 Minuten im Wald – doch eigent­lich nimmt man bald dessen Perspek­tive an und ist der Wald. Ist dann halb genervt von diesen Mensch­lein, die da ab und zu mal am Rand und in der Ferne rein­kommen und rumg'schafteln. Ande­rer­seits weiß man auch, dass man schon ein paar Tausend Jahre da ist, wohl noch ein paar Tausend Jahre da sein wird – und sich das mit den Mensch­lein aussor­tiert. Meist scheinbar fast statische Bilder – und eine Tonspur, auf der es wuselt und west. Eine Art James Benning’s 5000 Trees, aber mit Gespür anstatt strengen Konzepts. (Thomas Willmann)

Hoamweh Lung (D 2021, R: Felix Klee) (Student Awards, im Programm »Shorts 1«)

Ein Pferd mit Heus­taub­lunge, am Tag vor der Einschlä­fe­rung. Ein Fami­li­en­bau­ernhof, gut 350 Jahre im Gemäuer, zwei Wochen vor dem Verkauf. Letzte Aufnahmen in Schwarz­weiß. So weit, so boden­s­tändig. Aber den Rest der Trau­er­ar­beit leistet Klee digital, mit Google Maps und in selbst­bei­ge­brachter, selbst­ge­bas­telter 3D-Compu­ter­grafik. Die Vektor-Konturen des Hof-Grund­risses mit dem Maus­zeiger nach­zu­fahren, kann sein wie ein Strei­cheln zum Abschied. Und entgegen des dumpfen Klischees war Bayrisch schon immer auch eine Sprache fürs Philo­so­phieren. @home sterben die Leut. (Thomas Willmann)

Donbas Days (Ukraine, D 2021, R: Philipp Schaeffer) (Student Awards, im Programm »Shorts 1«)

Zur richtigen Zeit am richtigen Ort zu sein, ist beim Doku­men­tar­film die halbe Kunst. Das, immerhin, hat der Film insofern geschafft, als er nun allein aufgrund seines Titels von einer ungeplant aktuellen Relevanz scheint. Nur: Die richtigen Leute, der richtige Blick machen die andere Doku­kunst­hälfte aus. Und Donbas Days beglei­tete Ende 2021 einen jungen tsche­chi­schen Jongleur, der da einfach so mal hinge­fahren ist. Nicht die »poetische« Variante davon, sondern ziemlich eitel und kaputt. Der Bub hat daddy issues, über die er aber nicht reden mag. Findet’s an der umkämpften Front in der Ukraine so viel toller als in Prag, weil die Leute hier »Seele« haben. Und der Film wirkt hilflos im Versuch, eine Haltung zu ihm zu finden. (Thomas Willmann)

Soldat Ahmet (A 2021, R: Jannis Lenz) (DOK. inter­na­tional)

Wann ist ein Mann ein Mann? Ahmet ist Sani­täts­soldat, Boxer – und ange­hender Schau­spieler. Ausge­rechnet an Stanley aus Endsta­tion Sehnsucht versucht er sich gleich. Zwischen Befehlston und Weinen auf Kommando ist eine ziemliche Kluft. Und wie erstre­bens­wert sind Stanleys selbst­mit­lei­dige Tränen überhaupt? Lenz beherrscht den distan­zierten, real­sa­ti­ri­schen Blick der öster­rei­chi­schen Schule, wie er mit seinem vorigen Solda­ten­film Battle­field bewies. Aber hier fasste er offenbar zuviel Sympathie zu seinem Prot­ago­nisten, um ihn bloßstellen zu wollen. Stilis­tisch lässt das den Film etwas im inneren Zwist – doch ange­sichts des schil­lernden Charmes, der fragilen Viel­schich­tig­keit Ahmets wäre alles andere falsch gewesen. (Thomas Willmann)

Anima – Die Kleider meines Vaters (D 2022, R: Uli Decker) (Münchner Premieren)

»Er hat es nie gesagt«, meint die Schwester. »Wir aber auch nicht«. Das »Ich hab Dich lieb« blieb wie so vieles auf der Strecke, weil der Vater in repres­siven Zeiten, im konser­va­tiven Murnau eine Mauer um einen zentralen Teil seines Ichs baute. Was posthume Tochter-Vater-Ausein­an­der­set­zung hätte werden können, ist ein nach­trä­g­li­cher Liebes­dienst: Der Film gibt dem Vater jene Stimme, die er seiner Lebzeit allein in seinen Tage­büchern verbarg. Ich persön­lich fand Anima­ti­ons­s­quenzen, Nach­ver­to­nung, Musik ablenkend. Aber im Q&A wurde klar, dass gerade diese Elemente nicht nur Strategie sind, ein Main­stream-Publikum zu erreichen. Sondern für die Regis­seurin der Zugang, sich überhaupt an das zu persön­liche Thema zu wagen – ihr eigenes Versteck­spiel. (Thomas Willmann)

13.05.2022

How to Save a Dead Friend (Deutsch­land, Frank­reich, Norwegen, Schweden 2022, R: Marusya Syro­ech­kovs­kaya) (DOK.inter­na­tional 2022)

How to Save a Dead Friend
(Foto: Marusya Syro­ech­kovs­kaya / DOK.fest München)

Marusya möchte sterben. Jedoch geht sie einen Kompro­miss ein und gibt dem Leben noch eine Chance. Nachdem sie Kimi kennen­lernt und sich in ihn verliebt, findet sie einen Anker aus ihrer Hoff­nungs­lo­sig­keit. Indem sie ihr Leben die nächsten fünfzehn Jahre lang doku­men­tiert, beginnt sie, diesem nun Gestalt zu geben, anstatt es zu beenden.
Ein Film, bei dem das Medium mehr ist als nur es selbst, sondern auch für das Leben steht. Und für das Leben nach dem Tod. Eine Liebes­ge­schichte, die beweist, wie kompro­misslos das Leben einer­seits sein kann und wie schön auf der anderen Seite – auch über den Tod hinaus. (Stella Kluge, LMU München)

Ayena (Indien, Korea, Litauen 2022, R: Siddhant Sarin, Debankon Solanky) (DOK.horizonte)

Es ist das völlig normale, alltä­g­liche Leben in Delhi. Volle Züge, Menschen auf verschie­densten Gefährten überall, bunt, laut. Mitten drin die Prot­ago­nis­tinnen. Im Fokus stehen zwei Frauen, die an freien Tagen ihre Familie besuchen und sonst in einem Café arbeiten. Es bietet Frauen, die Opfer eines Säure­an­griffs geworden sind, einen sicheren Arbeits­platz. Nach und nach wird deutlich, wie wichtig dieses Café für sie ist, dessen Gemein­schaft für sie wie eine Familie ist.
Der Film reduziert die Frauen weder darauf, mit Säure atta­ckiert worden zu sein, noch werden sie als Opfer darge­stellt. Sie werden vielmehr als unab­hän­gige, eigen­s­tän­dige Frauen portrai­tiert, die ihr Leben weiter­leben, auch sie wenn etwas Schreck­li­ches erlebt haben. Sie verste­cken sich nicht, im Gegenteil – sie zeigen sich offen der Gesell­schaft, aus der auch die kommen, die sie defor­miert haben. (Paula Ruppert, LMU München)

Liebe, D-Mark und Tod (Deutsch­land 2022, R: Cem Kaya) (DOK.special 2022)

Sie wurden als Arbeiter gerufen, doch Menschen kamen an. Cem Kaya hat sich mit der Geschichte der türki­schen »Gast­ar­beiter*innen« in Almanya beschäf­tigt. Er hat viel recher­chiert und einen großar­tigen Film über die Geschichte der Einwan­de­rung, die Bedeutung der Immigrant*innen für die Wirt­schaft und den Rassismus gemacht. Der Film zeigt auch, wie die männ­li­chen Arbeiter lernten mussten, mit ihrer Freizeit umzugehen. So stürmten sie zum Beispiel das Stutt­garter Bahn­hofs­bor­dell. Dort waren sie selbst­ver­ständ­lich will­kommen. Die »Nach­ti­gall von Köln«, die Sängerin Yüksel Özkasap, sang dazu im Culture Clash von diesen deutschen Mädchen, die für eine halbe Flasche Limonade zu haben seien. Es ist ein sehr kurz­wei­liger Film mit viel Musik: auf Kassetten, Hoch­zeits­feiern und Konzerten. Und er kommt an bei den heutigen Kindern, die für ihre Eltern dolmet­schen, und den deutschen Kindern, die es mega-cool finden, »türkisch Slang« zu sprechen. (Felicitas Hübner)

12.05.2022

The Happy Worker (Finnland 2022, R: John Webster) (DOK.focus BRAVE NEW WORK)

The Happy Worker
The Happy Worker (Foto: John Webster / DOK.fest München)

Burnout vom Bullshit-Job, das kann schon mal passieren, in unserer modernen Arbeits­welt, wenn Menschen in Groß­raum­büros hocken und selbst nicht mehr verstehen, woran und wofür sie eigent­lich arbeiten. John Webster lässt in The Happy Worker einige dieser Exemplare in einem Workshop über ihren Frust sprechen. Dazwi­schen montiert er Statis­tiken, die belegen, wie unzu­frieden viele Beschäf­tigte sind. Zwar leuchten der Kultur­anthro­po­loge David Graeber und die Psycho­login Christina Maslach den theo­re­ti­schen Hinter­grund dieses Phänomens erhellend aus, doch einen Ausweg aus dem Hams­terrad zeigen sie nicht. Statt­dessen ergänzt der Regisseur sein Werk um viele witzige Anima­tionen, lässt Klein­kinder Büro­szenen nach­spielen und sorgt mit einer amüsanten Erzähl­stimme für reichlich schwarzen Humor. (Ingrid Weidner)

Dragon Women (Belgien, Korea, Schweiz 2021, R: Frédé­rique de Montblanc) (DOK.focus BRAVE NEW WORK)

Niemand bekommt 200 Prozent, sagt die Prot­ago­nistin Alison in Dragon Women, denn in der Finanz­branche kommen Frauen nur sehr selten bis an die Spitze. Eine perfekte Karriere und ein eben­sol­ches Fami­li­en­leben lassen sich kaum mitein­ander verein­baren, so die erfolg­reiche Managerin, die es in der City of London ziemlich weit nach oben geschafft hat. Der Regis­seurin Frédé­rique de Montblanc ist es gelungen, fünf dieser Exotinnen für ihren Film zu gewinnen. Sie zeigt die Mana­ge­rinnen aus Europa und Asien im Büro­alltag und privat, lässt sie über ihren Weg nach ganz oben sprechen, über männliche Netzwerke, Schwie­rig­keiten der Fami­li­en­pla­nung und unrea­lis­ti­sche Erwar­tungen. Ein inter­es­santer Einblick in eine exklusive Arbeits­welt. (Ingrid Weidner)

Girl Gang (Schweiz 2022, R: Susanne Regina Meures) (DOK.deutsch 2022)

Spieglein, Spieglein an der Wand, wer ist die Schönste in ganzen Land? Susanne Regina Meures hat mit viel Geduld Leonie und ihre Eltern beim Berühmt­werden beob­achtet. Die minder­jäh­rige Leonie will Influ­en­cerin werden. Der Vater hat seinen eigenen Beruf aufge­geben, um Manager und Fotograf der Tochter sein zu können. Leonie montiert flotte Werbe­film­chen für sich selbst und andere quietsch­bunte Produkte. Ihre weibliche Community giert nach ihrem Idol, und dieses verliert schon mal den Boden unter den Füßen, wenn das Internet eine halbe Stunde nicht funk­tio­niert. Authen­ti­zität und ein normales soziales Leben werden für den großen Traum von Geld, hohen Click-Zahlen und Berühmt­sein geopfert. Mit bewun­ders­werter Gutmü­tig­keit hat Susanne Regina Meures dem turbu­lenten Irrsinn ganz wertfrei zugesehen. (Felicitas Hübner)

11.05.2022

No Place for You in Our Town (Bulgarien 2022, R: Nikolay Stefanov) (DOK.panorama)

No place for you in our town
No Place for You in Our Town (Foto: Nikolay Stefanov / DOK.fest München)

Schlä­ge­reien, Rassismus, Homo­phobie, dauer­hafte Aggres­sion und derglei­chen mehr kenn­zeichnen das Leben; die Gewalt wird aktiv gesucht, auf fehlende Toleranz ist man stolz. Oder so ist zumindest der erste Eindruck, den man vermit­telt bekommt. Bis zu dem Punkt, an dem der Film seinem Prot­ago­nisten die Möglich­keit gibt, sich auch durch Worte statt Taten zu erklären, wobei die Kamera plötzlich ruhig steht und nicht hektisch mit den Menschen mitwa­ckelt. Durch die Wider­sprüch­lich­keit, die dadurch zutage tritt, wird jedoch kein Urteil gefällt. Man hat vielmehr das Gefühl, sich selbst ein Bild von einem Menschen machen zu können, der von sich behauptet, »gerne« extre­mis­tisch zu sein und gleich­zeitig seinen Sohn frei von Vorur­teilen erziehen möchte. Ein Film, der einen nach­denk­lich zurück­lässt. (Paula Ruppert, LMU München)

Girl Gang (Schweiz 2022, R: Susanne Regina Meures) (DOK.deutsch)

Mit 13 Jahren begann Leonie, ein Teenager aus Berlin, auf Instagram kleine Filme von sich und ihrem Leben hoch­zu­laden. Schnell erkennen ihre Eltern Andy und Sani, dass sich mit den Followern viel Geld verdienen lässt. Vier Jahre begleitet die Regis­seurin Susanne Regina Meures für Girl Gang die junge Influ­en­cerin und kommt ihr und ihrem Kosmos sehr nah. Das Gespräch mit einem Social-Media-Manager, der das Mädchen unter Vertrag nehmen möchte, zeigt die Bruta­lität des Geschäfts. Am Telefon sagt er zu einer Kollegin: »Ich habe neue Ware auf der Rückbank«, und meint damit Leonie und ihre Eltern, die er vom Flughafen abgeholt hat. Aber die Eltern über­nehmen das Manage­ment ihrer Tochter selbst und schaffen sich damit eine beruf­liche Perspek­tive.
Der Film zeigt einen Ausschnitt aus dem harten Knochenjob einer Influ­en­cerin, die fast den ganzen Tag damit beschäf­tigt ist, sich zu schminken, umzu­ziehen sowie Filme über sich zu drehen und anschließend die Wirkung im Netz zu verfolgen, ange­trieben von ihren Eltern. In kurzen Inter­view­se­quenzen sprechen Andy und Sani zwar über Skrupel, ihre Tochter so ins Rampen­licht zu zerren, doch gleich­zeitig faszi­niert sie auch die bunte Social-Media-Welt und das große Geld. Der Influ­en­cerin geht es ähnlich wie ihren Eltern: auch sie ist faszi­niert vom virtu­ellen Paral­lel­uni­versum. In einem Nebensatz erzählt sie, dass sie eigent­lich nur zwei gute Freun­dinnen hat. Aller­dings mehr als 1,6 Millionen Follower, was immer das auch heißen mag. (Ingrid Weidner)

Teorema de tiempo (Mexiko 2022, R: Andrés Kaiser) (DOK.panorama)

Aus dem umfang­rei­chen Film­ar­chiv der Familie rekon­stru­iert Andrés Kaiser in Teorema de tiempo das Leben seiner Groß­el­tern in Mexiko. Neben den selbst gedrehten Filmen von Oma und Opa, die aus der Schweiz einge­wan­dert waren, montiert der Regisseur deren Briefe zu einer Erzäh­le­bene und versucht zu verstehen, wie es gewesen sein könnte. Zwar kommt er seinem Großvater, der eigent­lich Künstler werde wollte, aber wohl mehr ein Hoch­stapler war, sowie der kunst­af­finen Groß­mutter nah, doch so richtig lässt sich deren (Lebens-)Geheimnis nicht lüften. (Ingrid Weidner)

10.05.2022

Imad’s Childhood (Schweden 2021, R: Zahavi Sanjavi) (Best of Fests)

Imad
Imad’s Childhood (Foto: Zahavi Sanjavi / DOK.fest München)

»Can he ever be normal again?« – eine Frage, die nicht nur die schwer trau­ma­ti­sierte Mutter des vier­jäh­rigen Imads sichtbar zu quälen scheint, sondern deren Auflösung sich ebenfalls die Zuschau­enden herbei­sehnen. Ein Film, der nur eines von vielen Schick­salen der unver­schuldet in die Gewalt des soge­nannten Isla­mi­schen Staates geratenen Zivil­be­völ­ke­rung erzählt, gleich­zeitig aber auch die Mensch­lich­keit in den Fokus rückt. Von der Schwie­rig­keit, das Erlebte zu bewäl­tigen und dem verzwei­felten Versuch, ein Kind zu lieben, das nicht mehr geliebt werden will. Mensch-Sein (wieder) erlernen – ein Ding der Unmö­g­lich­keit? (Katrin Mühlberg, LMU München)

Soldat Ahmet (Öster­reich 2021, R: Jannis Lenz) (DOK.inter­na­tional)

Ahmet will weinen, aber kann einfach nicht. Er schlägt auf den Boxsack ein, bis ihm der Schweiß vom ganzen Körper tropft. Aber die Tränen, die der Soldat des öster­rei­chi­schen Bundes­heers in seinem Schau­spiel­kurs hervor­bringen soll, kommen nicht. Schau­spiel ist Ahmets Kind­heits­traum, den der Regisseur Jannis Lenz ihm mit seinem doku­men­ta­ri­schen Film­por­trait erfüllen konnte. Ahmet hat Sehnsucht nach Gefühl­säuße­rung, ist aber irgendwie isoliert und auf der Suche. Ratlos viel­leicht, aber nicht tatenlos. Einfühlsam zeigt Soldat Ahmet einen Menschen, ohne ihn erklären zu wollen. (Klara Kiendl, LMU München)

Boxen, Schau­spie­lerei, Zeit bei der Familie und Dienst im Bundes­heer sind trotz eindeu­tiger markanter Unter­schiede keines­falls unver­einbar. Um dies zu zeigen, wird das Leben eines jungen öster­rei­chi­schen Mannes mit türki­schen Wurzeln portrai­tiert, der genau diese Verein­bar­keit erreichen möchte. Er wird durchweg sympa­thisch darge­stellt; durch die direkte Gegenü­ber­stel­lung und Anein­an­der­rei­hung von Episoden aus seinen verschie­denen Tätig­keiten werden verschie­dene Facetten beleuchtet.
Es entsteht jedoch auch der Eindruck, er würde überall nur eine Rolle spielen. Dies wird auch durch den teils etwas verwir­renden Ton vermit­telt; Geräusche der Kaserne, des Boxens und Konso­nan­tenü­bungen werden vermischt, so dass der Eindruck einer künst­li­chen Insze­nie­rung entsteht. All dies schafft das latente Gefühl, es handle sich bei allem nur um ein Spiel, was aller­dings gerade mit Blick auf die mili­tä­ri­sche Situ­ie­rung teils fehl am Platz erscheint. (Paula Ruppert, LMU München)

Nawalny (USA 2021, R: Daniel Roher) (DOK.inter­na­tional)

Oppo­si­tion im Hoch­glanz­format. Alexei Anatol­je­witsch Nawalny weiß sich zu präsen­tieren. Er ist ein eloquenter und gut frisierter Medien­lieb­ling. Er ist ein Profi auf allen Social-Media-Kanälen. Selbst im Gefängnis kann die Kamera dabei sein. Regisseur Daniel Roher zeigt den russi­schen Oppo­si­tio­nellen in eini­ger­maßen seriösen Interview-Situa­tionen. Zuweilen driftet er jedoch im Home-Story-Gefilde auf TikTok-Niveau ab. Roher lässt immerhin Nawalnys natio­na­lis­ti­sche Vergan­gen­heit nicht aus. Doch bleibt ein schaler Nach­ge­schmack. Würde er ein besserer Präsident als Putin sein können? (Felicitas Hübner)

Nach der Arbeit (DE 2021, R: Alexander Riedel) (DOK.focus BRAVE NEW WORK)

Gibt es ein Leben nach der Arbeit? Drei Jahre lang hat Alexander Riedel Menschen im Übergang aus dem Arbeits­leben in den Ruhestand portrai­tiert, dabei starke Prot­ago­nist*innen gefunden, die jede und jeder für sich ein kleines Universum eröffnen: Da ist die Schau­spie­lerin, die im Alter keine Rollen mehr bekommt. Da ist der türkische Busfahrer, der sein ganzes Leben lang in Deutsch­land gear­beitet hat und jetzt zurück in die Heimat geht. Da ist die Lehrerin, die noch einmal das Leben umarmen will und ihren Förster-Gatten allein in seinem Wald zurück­lässt. Da ist der Stahl­ar­beiter, der sich für die nächste Genera­tion einsetzt. Und da ist das Ehepaar, das ihr Lebens­werk an die nächste Genera­tion übergeben will und dabei auf allerhand Wider­stand stößt – ein leidiges Lied, von dem viele Fami­li­en­be­triebe (sei es in der Agrar­wirt­schaft, im Handwerk oder gar in der Schau­stel­lerei, also zum Beispiel im Kino­be­trieb) wissen. Fünf Schick­sale, die indi­vi­duell und doch reprä­sen­tativ für den jewei­ligen Berufs­stand sind, geben sich in dem Film die Klinke in die Hand. Eine unauf­ge­regte Bestands­auf­nahme, die auf Fort­set­zung wartet. (Dunja Bialas)

Endlich Ruhe? Oder lieber doch nicht? Ein freund­li­cher Doku­men­tar­film über gut situierte (Ex-)Arbeit­nehmer*innen und Rentner*innen in spe zwischen Abschied und Neuanfang, in dem Übergang vom Highspeed-Hams­terrad in die Voll­brem­sung. Nicht alle überleben im wirk­li­chen Leben die kriti­schen Monate nach dem Renten­ein­tritt. Doch Alexander Riedels rüstige Senior*innen bril­lieren zwischen Wäsche­auf­hängen und Frucht­spießchen­ver­tilgen vor der Kamera. Manchmal etwas zu langatmig und behäbig. Die Geschichten plät­schern stre­cken­weise an der Ober­fläche und lassen Tiefen­schärfe vermissen. Eine Auswahl von Prot­ago­nist*innen aus unter­schied­li­cheren Milieus hätten den Film span­nender gemacht. (Felicitas Hübner)

09.05.2022

Children of the Mist (VNM 2021, R: Diem Ha Le) (DOK.horizonte)

Chilren of the mist
Children of the Mist (Foto: Hà Le Diem / DOK.fest München)

Die unge­zwungen-fröh­li­chen Spiele lachender Kinder sind meistens eine Freude zum Zusehen. Umso tragi­scher scheint es, wenn eine Kindheit von einem Tag auf den anderen endet und die Spiele traurige Realität werden. In den nebel­ver­han­genen Bergen Nord­viet­nams passiert genau das – durch ein kurzes, puber­täres Flirten mit einem Jungen wird das Spiel des Brautraubs sowie arran­gierter und erzwun­gener Heirat plötzlich bittere Wirk­lich­keit.
Ohne drama­ti­sche Musik und hektische Schnitte wird das schlichte Leben in einer abge­schie­denen Gesell­schaft umso eindrück­li­cher gezeigt, die versucht, den Spagat zwischen Fort­schritt und Tradition zu bewäl­tigen. Erzählt wird die Geschichte eines Mädchens, das der Spannung zwischen Selbst­be­stim­mung und tradi­tio­neller Erwartung stand­halten muss; und am Ende hat man eher den Eindruck, dass die Nebel­schwaden in den Bergen nicht nur zur Idylle der Kindheit beitragen, sondern auch Gefahren bergen. (Paula Ruppert, LMU München)

07.05.2022

918 Nights (918 Gau) (SPA 2021, R: Arantza Santes­teban) (DOK.guest Spanien)

918 Nights
918 Nights (Foto: Arantza Santes­teban)

Wider­stand gegen das Heldentum. 2007 kam die Baskin Arantza Santes­teban wegen poli­ti­scher Akti­vi­täten in den Knast, 918 Nächte lang. Ab da galt sie in ihrem Viertel als Märty­rerin, mit Vorzugs­preisen in allen Geschäften. Zuviel der Helden­ver­eh­rung, sagte sie sich und ging nach Berlin, um Film zu studieren. Ihre Geschichte wurde zur Attrak­tion unter den Kommi­li­tonen, die den Filmstoff witterten. Jetzt, Jahre später, hat Santes­teban eine sehr eigen­wil­lige Inter­pre­ta­tion ihrer Erfahrung geliefert. Kongenial taucht sie mit Verfrem­dungs­ef­fekten in ihr privates Archiv ein und kommen­tiert ihre Erleb­nisse aus dem Off. Dazu webt sie eine – einmal auch eine sehr über­ra­schende – Alter-Ego-Ebene ein. Mit intimen und imaginären Abwehr­re­ak­tionen wider­setzt sich der Film der Helden­er­zäh­lung, um am Ende am sowje­ti­schen Ehrenmal zu uner­war­teter Aktua­lität zu finden. Der wider­stän­dige, expe­ri­men­telle Debütfilm aus dem Basken­land wurde auf dem großen Festival DocLisboa mit dem Hautpreis als bester Film ausge­zeichnet. (Dunja Bialas)

06.05.2022

A House Made of Splinters (DNK, FIN, SWE, UKR 2022, R: Simon Lereng Wilmont) (DOK.inter­na­tional)

House Made of Splinters
A House Made of Splinters (Foto: 37. DOK.fest München)

Ein Haus, in dem die unter­schied­lichsten Dinge aufein­an­der­treffen: Gewalt, Wut und Tränen, aber auch Freund­schaft, Hoffnung und Glück. Simon Wilmont filmt in A House Made of Splinters den schwie­rigen Alltag in einem Jugend­heim der Ostukraine. Die Kinder und Jugend­li­chen sind gezeichnet von Krieg, Armut und dem Alko­ho­lismus der Eltern. Mit fantas­ti­schen Bildern und zurück­hal­tender Regie­ar­beit zeigt dieser wichtige Doku­men­tar­film die Unge­wiss­heit der Zukunft und die Prägung der Vergan­gen­heit, die das junge Leben der Bewohner zeichnen. Aber dazwi­schen auch immer wieder die positiven Seiten, die eine wirkliche Besserung verspre­chen. (Matthias Pfeiffer)

Über­for­de­rung, Depres­sion, Hoff­nungs­lo­sig­keit. Gewalt, Alkohol, Teufels­kreis. Dyspho­ri­sche Dreik­länge bestimmen die Welt der Kinder in einem Wohnheim im äußeren Osten der Ukraine. Es ist die Zeit nach 2014, die russi­schen Sepa­ra­tisten haben die Region in kämp­fe­ri­sche Ausein­an­der­set­zungen hinein­ge­zogen. Kinder­schick­sale in Nahauf­nahme, Hoffnung oder Lösung ist nicht in Sicht. Aber zumindest Humanität durch die liebe­volle Arbeit der Sozi­al­ar­bei­te­rinnen, die immer wieder empfind­lich an ihre Grenzen stößt: der Admi­nis­tra­tion, der Menschen, des Machbaren. Das alles ist anrührig genug. Die Geigen, die Wilmont die ohnehin schon herz­zer­reißenden Szenen unter­malen lässt, geben leider den schalen Beige­schmack von über­flüs­siger Effekt­ha­scherei. (Dunja Bialas)

Volks­ver­treter (DEU 2021, R: Andreas Wilcke) (DOK.deutsch)

»Wir werden sie jagen!« Mit diesem Satz unter­strich Alexander Gauland 2017 den Einzug der AfD in den Deutschen Bundestag. Was man nun in Andreas Wilckes Film sieht, hat mit einer wilden Jagd nicht viel zu tun. Der Politalltag für die vier Abge­ord­neten, die er begleitet, besteht in erster Linie aus rheto­ri­schem Herum­ge­feile, Selbst­mit­leid und vor allem Video­drehs für den Social-Media-Moloch. Diese Nüch­tern­heit ist es, die »Volks­ver­treter« zu einen gelun­genen Film macht. Er insze­niert die Betei­ligten nicht als bitter­böse Ungeheuer, die den Staat stürzen wollen. So kontras­tiert er gleich­zeitig wunderbar das steife, pathe­ti­sche Auftreten der Betei­ligten. Ansonsten hält sich Wilcke mit Wertungen zurück, sodass die Zuschauer selbst entscheiden müssen, wo hier bloßer Popu­lismus und unter Umständen auch ein wahrer Kern vorherrscht. (Matthias Pfeiffer)

How to Save a Dead Friend (DEU, FRA, NOR, SWE 2022, R: Marusya Syro­ech­kovs­kaya) (DOK.inter­na­tional)

Gelingt die Rettung des »toten« Freundes? Die ersten Minuten dieses Films geben schon eine ernüch­ternde Antwort. Mit 16 lernt die depressiv-suizidale Marusya Kimi kennen, der sich in dieser Zeit in der gleichen Abwärts­spi­rale befindet. Aus gemein­samem Leiden, Joy Division und Drogen entsteht sofort eine innige Beziehung. Letztere fordern dann jedoch ihren unbarm­her­zigen Tribut. Aus einer Zusam­men­stel­lung von Privat­auf­nahmen entsteht ein dunkles Porträt, das in dieser Genera­tion Russlands kein Einzel­fall ist. Dieser Film ist wirklich nicht einfach anzusehen, genießen kann man ihn so gut wie gar nicht. Aber trotzdem ist es ein Beitrag, den man erlebt haben sollte. Einen derart vorur­teils­freien Blick in eine verlorene Seele und die Umstände, die ihren Zustand bedingen, bekommt man selten. (Matthias Pfeiffer)

Geschlos­sene Gesell­schaft (DEU 2022, R: Hans von Brock­hausen, Max Weishaupt) (DOK.special)

Will man jetzt, wo doch die Freiheit wieder so schön lächelt, noch was von der Pandemie-Zeit sehen? Der Blick in Geschlos­sene Gesell­schaft lohnt sich auf jeden Fall. Er geht weg von der Perspek­tive der Daheim­ge­blie­benen (also der unseren) und zeigt den Corona-Alltag von vier Münchner Insti­tu­tionen des Nacht­le­bens. An den Beispielen von P1, Backstage, Milla und Harry Klein erfährt man, was der Lockdown für die Menschen hieß, deren Berufs­leben auf einmal auf der Kippe stand. Geschlos­sene Gesell­schaft hütet sich aber davor, eine wütende Anklage zu sein, sondern zeigt nüchtern Enttäu­schung, Ärger, aber auch den Erfin­dungs­reichtum, der aus einer solchen Ausnah­me­si­tua­tion entsteht. Und er verdeut­licht noch einmal, dass der Club mehr sein kann als eine hedo­nis­ti­scher Tanz- und Trink­lo­ca­tion. (Matthias Pfeiffer)

Licht. Stock­hausen’s Legacy (NLD 2021, R: Oeke Hoogen­dijk) (Best of Fests)

Er war einer der größten deutschen Nach­kriegs­kom­po­nisten. Das Werk Karlheinz Stock­hau­sens ist wohl wie kein zweites unzu­gäng­lich und inspi­rie­rend zugleich. Mit »Licht«, einer 29-stündigen Oper, schuf er sein Magnus Opum, dessen Urauf­füh­rung er selbst nicht mehr miter­leben konnte. Der Versuch, dieses im besten Sinne mega­lo­ma­ni­sche Projekt zum Leben zu erwecken, lässt immer wieder realis­ti­sche Voraus­set­zungen und künst­le­ri­sche Vision anein­an­der­stoßen und ist somit auch ein Spiegel von Stock­hau­sens Privat­leben. Mitunter ist hier weniger die Arbeit an der Oper inter­es­sant, sondern die Nach­wir­kung des Kompo­nisten, die sich in der abgöt­ti­schen Hingabe seiner Ex-Frauen, aber auch in der zwei­schnei­digen Beziehung zu seinen Kindern zeigt. Das trägt manchmal groteske Züge, offenbart aber einen einzig­ar­tigen künst­le­ri­schen Mikro­kosmos, dem man sich schwer entziehen kann. Egal, was man letzten Endes von der Musik oder der Persön­lich­keit Stock­hau­sens hält. (Matthias Pfeiffer)