05.05.2022

Die Dualität der Dinge

Girl Gang
Die Geinfluencten: Girl Gang von Susanne Meures dokumentiert neues Fantum
(Foto: Susanne Regina Meures | Rise And Shine Cinema)

So klar, wie sich die Berlinale zu Beginn des Jahres zum »Gemeinschaftserlebnis Kino« bekannte und dies als »Signal an die gesamte Filmbranche« verstanden wissen wollte, so deutlich begreift sich das Münchner DOK.fest von nun an als duales Festival

Von Sedat Aslan

Die im letzten Jahr an dieser Stelle aufge­wor­fene Frage nach dem weiteren Weg des DOK.fests wurde vor einigen Wochen von der Festi­val­lei­tung Daniel Sponsel und Adele Kohout also tatsäch­lich so beant­wortet wie damals ange­nommen – die im digitalen Raum erreichten höheren Zuschau­er­zahlen sind wie der Honig, von dem man einmal gekostet hat und fortan nicht mehr die Finger lassen kann.

Dabei hat Daniel Sponsel – der Festi­val­chef, der mit dem Rennrad von Kino zu Kino fährt, um selbst zu kontrol­lieren, ob sein ganzes Material ausliegt – spätes­tens seit Beginn der Corona-Krise nie einen Hehl aus seinem Stand­punkt gemacht. Man nimmt ihm ab, dass er in den digitalen Verwer­tungs­wegen nicht nur eine riesen­große Chance für den Doku­men­tar­film, sondern sie geradezu als exis­ten­zi­elle Notwen­dig­keit sieht.

Das soll nicht verklären, dass es natürlich um Zahlen geht. Das DOK.fest ist keine Bene­fiz­ver­an­stal­tung, und über Zahlen lässt sich an Träger, Partner und das Publikum der Erfolg am besten vermit­teln. Tradi­tio­nell gibt es einen Konkur­renz­kampf unter den Festivals, freund­liche Riva­li­täten um Filme, Aufmerk­sam­keit, aber auch um Sponsoren und den eigenen Status. Sponsel selbst hat mit der Einfüh­rung neuer Reihen und Preise seit seinem Amts­an­tritt konti­nu­ier­lich einen Wachs­tums­kurs gefahren, bei dem er stel­len­weise DOK Leipzig überholt hat – ein noch vor einem Jahrzehnt kaum denkbares Szenario (das DOK.fest hatte 2012 16.500 Besucher). Nach dem Stalemate der letzten beiden Jahre haben sich die Münchner mit jeweils über 70.000 Zuschauern eine über­ra­gende Position erar­beitet, die ihnen Rücken­wind für den nächsten Schritt gibt.

Wenn es nun aber doch um Zahlen geht, wüsste man nach dem Festival gerne genaueres – nach welchem System werden Zuschauer gezählt, wie ist die Vertei­lung Live/Online, werden Online-Abbrüche erfasst, und was sind am Ende die Top-Ten-Filme? Lassen die Zahlen einen Aufschluss darüber zu, ob Zuschauer zu der beque­meren Lösung der Online-Sichtung greifen, obwohl das Kino leicht zu erreichen wäre, oder wäre das gegenüber einer hohen Zahl an auswär­tigen bzw. nicht mobilen Filmin­ter­es­sierten zu vernach­läs­sigen? In diesem Sinne ist es eine weise Entschei­dung, den Online-Preis dem guten alten (analogen) Kino­ti­cket anzu­passen, um nicht noch mehr Anreize für die heimische Couch in Konkur­renz zum Kino­sessel zu bieten.

Je mehr man drüber sinniert, desto eher kommt man zu dem Gedanken: Ein digitales Festival ist kein Festival, Punkt. Sonst wäre Mubi auch ein Festival. Festival ist, nicht nur dem Wortsinn nach, wenn Leute sich versam­meln, um Kunst zu feiern. Die physische Zusam­men­kunft wird immer der Backbone eines erfolg­rei­chen Festivals sein, bei Musik oder dem Theater ist das ja augen­schein­lich, warum sollte dann fürs Kino etwas anderes gelten? Als Add-On ist die digitale Welt eine chan­cen­reiche, zum Beispiel, um neue Zuschau­er­schaften zu erschließen, da kann man Sponsel nur zustimmen. Auch ich habe meine Film­lei­den­schaft dem linearen Fernsehen und VHS-Kassetten zu verdanken, bevor das Kino überhaupt ins Spiel kam, gerade in Deutsch­land, wo du auf dem Land die nächste Leinwand lange suchen musst.

Der Gang in den digitalen Raum wirft aber auch deutlich kriti­scher zu sehende Fragen auf, vor allem, was er für die Ästhetik des Doku­men­tar­films bedeutet. Seit dem Aufkommen der Streamer und gerade in der jungen Ziel­gruppe erfolg­rei­chen Formaten wie »Making a Murderer« von 2015 ist eine Netfli­xi­sie­rung des Doku­men­tar­films zu beob­achten, was in Doku-Gassen­hauern wie »Framing Britney Spears« oder »The Tinder Swindler« mündet und sicher auch neue Zuschauer für ein Doku­men­tar­film­fes­tival wie das in München generiert hat.

Es ist das letzte Wort nicht gespro­chen, wir sind in einer dyna­mi­schen Entwick­lung. Noch aber geht es bei den Doku­men­tar­for­maten im Strea­ming­be­reich um Spek­ta­ku­läres, Speku­la­tives, Belie­biges – eine Main­stream-Even­ti­sie­rung, wie sie sehr schön im Eröff­nungs­film Nawalny zu beob­achten ist. Was heißt das für den kleinen beob­ach­tenden Doku­men­tar­film, was muss er leisten können, um heut­zu­tage Resonanz zu bekommen? Um so wichtiger ist der kundige kura­to­ri­sche Blick, von öffent­lich-recht­li­chen Sende­an­stalten wie von Film­fes­ti­vals, ob nun in Präsenz oder als Hybrid.

Das ist nach wie vor eine der Stärken des DOK.fests, es ist bemer­kens­wert, von welch hoher Qualität die einge­la­denen Filme sind. Wie immer ist es schwer, bei der Zahl von 124 Filmen aus 55 Ländern einen roten Faden auszu­ma­chen, wenn man nicht gerade den Kate­go­rien des Festivals folgen möchte, wie etwa dem Themen­schwer­punkt »Brave New Work« mit sieben Filmen über die Realität von Arbeit, der Retro­spek­tive über »Francos Schatten« – passend dazu ist Spanien das dies­jäh­rige Gastland – oder der Hommage an die große Schweizer Regis­seurin Heidi Specogna.

Was die viel schönere Übung ist, als künstlich nach der einen gemein­samen Linie zu suchen – eigene Quer­ver­bin­dungen zu ziehen, denn ganz im Sinne eines dualen Gesamt­kon­zeptes lassen sich viele Komple­men­tär­paare aufstellen, filmische Geschwister im Geiste, die mitein­ander, auch sekti­ons­ü­ber­grei­fend, zu kommu­ni­zieren scheinen.

Beein­dru­ckend etwa, wie der fast wortlose Berg (DOK.panorama, Nieder­lande 2021, Regie: Joke Olthaar) in elegi­schen Schwarz-Weiß-Bildern wie Kupfer­stiche dazu verleitet, sich ganz in seinen magischen Bann zu begeben, während der visuell deutlich eklek­ti­schere Fire of Love (DOK.inter­na­tional, Kanada/USA 2022, Regie: Sara Dosa) einem tragisch ums Leben gekom­menen Vulkan­for­scher­paar aus deren eigenen Archiv­ma­te­rial ein Denkmal aus Herz, Feuer und Asche baut.

Oder man nehme Porn­flu­encer (DOK.focus, Deutsch­land 2022, Regie: Joscha Bongard) und Girl Gang (DOK.deutsch, Schweiz 2022, Regie: Susanne Regina Meures) – beides Filme, die unsere uner­bitt­lich schöne neue Welt behandeln, die zeigen, wie faszi­nie­rend und stumpf der digitale Raum sein und wie destruktiv völlig neue Poten­ziale wirken können, und gerade deswegen so viel über ihre Prot­ago­nist*innen, aber auch unser Leben aussagen, weil sie jeden vorder­grün­digen Kommentar vermeiden. Ähnlich zurück­ge­nommen erzählt der beein­dru­ckende Berlin Bytch Love (DOK.deutsch, Deutsch­land 2022, Regie: Heiko Aufder­mauer, Johannes Girke) die dem direkt entge­gen­ge­setzte Welt, in der Geschichte eines auf Berliner Straßen lebenden Teenager­paares, voller Zärt­lich­keit, ohne unnötig zu roman­ti­sieren.

Auch für Musik- und Bühnen­fans hält das Programm einige Hoch­karäter bereit, Dancing Pina (DOK.panorama, Deutsch­land 2022, Regie: Florian Heinzen-Ziob) nimmt einen mit auf die Bretter, die die Welt bedeuten, und lässt ganz ohne Pathos die Genese der Neuin­sze­nie­rung von Pina Bauschs Werken miter­leben, während LICHT. Stock­hausen’s Legacy (Best of Fests, Nieder­lande 2021, Regie: Oeke Hoogen­dijk), eine ästhe­tisch anspre­chende Klan­greise darbietet, auf den Spuren des großen Karlheinz Stock­hausen. Zwei bahn­bre­chende deutsche Künst­lerInnen, rhein­län­di­sche Zeit­ge­nossen, die relevant geblieben sind.

Das Thema des Ukrai­ne­krieges wird vom DOK.fest nicht nur in Form der russi­schen Oppo­si­tion aufge­griffen, sondern findet sich in einigen hautnahen Beiträgen wieder. Trenches (DOK.inter­na­tional, Frank­reich 2021, Regie: Loup Bureau) beschreibt in grauen Bildern den tristen Alltag im Donbass, einer Region im Dauer­aus­nah­me­zu­stand, auf der Suche nach Norma­lität – wenige Monate bevor sich der Konflikt verschärfen sollte. Wo Loup Bureau die verhär­tete Seele des Kollek­tivs inter­es­siert, fokus­siert sich Soldat Ahmet (DOK.inter­na­tional, Öster­reich 2021, Regie: Jannis Lenz) auf einen im Mittel­punkt stehenden Prot­ago­nisten – den öster­rei­chi­schen Soldaten Ahmet, der die Seele öffnen möchte, um seinen Traum der Schau­spie­lerei verwirk­li­chen zu können und uns dabei zeigt, dass der erste Eindruck sprich­wört­lich entschei­dend ist, nämlich entschei­dend täuschen kann.

Als weiteres Double Feature unge­ahnter Binnen­per­spek­tiven lassen sich Volks­ver­treter (DOK.deutsch, Deutsch­land 2021, Regie: Andreas Wilcke) und Zusam­men­leben (DOK.deutsch, Öster­reich 2022, Regie: Thomas Fürhapter) bündeln: ersterer beob­achtet in nüch­terner Zurück­hal­tung, gleich­wohl demas­kie­rend, wie die nicht ganz so normale deutsche Partei AfD poli­ti­sche Arbeit betreibt; letzterer belichtet in einem formal ganz anderen Ansatz gewis­ser­maßen die andere Seite, nämlich die verpflich­tenden Inte­gra­ti­ons­kurse in Wien, wo jede Einstel­lung zu einem Porträt eines Menschen wird, der anders aussieht als die Mehrheit. Im Span­nungs­be­reich dieser beiden Filme spielt sich tatsäch­lich die Frage ab, wie wir unser Zusam­men­leben defi­nieren wollen, und wenn man sehen möchte, wie es schlech­ter­dings laufen kann, sollte man den verstö­renden No Place for You in Our Town (DOK.panorama, Bulgarien 2022, Regie: Nikolay Stefanov) mit in diese Runde nehmen, der einen intimen Einblick in die Lebens­welt bulga­ri­scher Skinheads bietet.

Gegen all diese Kleinode muss Nawalny fast zwangs­läufig abstinken, und selbst wenn er der bren­nenden Aktua­lität und des Star­fak­tors seines Prot­ago­nisten wegen wie der perfekte Eröff­nungs­film erscheint (die Zugkraft! die Öffent­lich­keits­wir­kung!), bietet er doch nichts Neues. Der Inhalt ist jedem auch nur rudi­mentär politisch Inter­es­siertem wohl­be­kannt – der Plot erstreckt sich von der Vergif­tung Nawalnys bis zur Inhaf­tie­rung nach seiner Rückkehr nach Russland. Der span­nendste Teil des Footages ging dabei schon vor knapp einein­halb Jahren auf seinem eigenen YouTube-Kanal viral. Wir erleben einen von seiner Über­zeu­gung getrie­benen Menschen, und dennoch ist der von CNN Films und HBO Max für die eigenen Dienste produ­zierte Streifen weniger ein Porträt denn ein doku­men­ta­ri­scher Thriller, für ein Porträt fehlt eine tiefer­ge­hende Ausein­an­der­set­zung mit der Person, nur kurz wird seine prag­ma­ti­sche Nähe zu der russi­schen Rechte ange­rissen, seine frag­wür­dige Haltung zu Homo­se­xu­ellen komplett ausge­spart. Eben­so­wenig wird die Wahl seiner Kampf­mittel, vornehm­lich der sozialen Medien, proble­ma­ti­siert, mit denen er auf seine Weise nicht weniger mani­pu­liert als die russische Staats­pro­pa­ganda. Hier weicht die Dualität der Dinge einer plumpen Eindeu­tig­keit. Nawalny hat keinen Erkennt­nis­ge­winn oder sonstigen Mehrwert, sugge­riert aber gute und spannende Unter­hal­tung – insofern ist er die perfekte Strea­ming­doku, mit all den oben ange­spro­chenen Fall­stri­cken, weder exklusiv noch mit neuen Ausbli­cken für den Doku­men­tar­film, sondern maximal gemain­streamt und dabei stramm rück­wärts­ge­wandt.