25.11.2021

Jenseits des Horrors

Michael Sarnoskis PIG
Michael Sarnoskis Pig zeigt den Schweinestall auch dort, wo ausnahmsweise kein Horror ist
(Foto: Fantasy Filmfesst)

Das 35. Fantasy Filmfest 2021 auf Identitätsfindung

Von Thomas Willmann

Früher war’s recht einfach: »...aber eigent­lich Horror.« Das taugte als voraus­ei­lender Zusatz, oder erklä­rende Antwort, wenn man mit dem Fantasy Filmfest nicht vertrauten, vom Festi­val­namen latent irre­ge­führten Menschen knapp beschreiben wollte, was man dort denn so guckt. Das hat freilich noch nie das Gesamt­an­gebot abgedeckt – einst aber doch allemal das Haupt­ge­schäft. Mitt­ler­weile verspricht das FFF selbst »thriller horror sci-fi & more« – und fasst damit doch nur sehr unzu­läng­lich, was zumindest die Gestalt seiner Inkar­na­tion 2021 war.

Es wäre über­trieben, dem Fantasy Filmfest zu seinem 35. Jahr eine Midlife Crisis zu attes­tieren – aber doch nicht zuviel gesagt, dass es sich, mitsamt der übrigen Kino- und Film­branche, in einer ausge­präg­teren Iden­ti­täts­fin­dungs­phase bewegt. Offen­sicht­lichster Beweis ist das neue Antlitz, welches das Festival nun an die Öffent­lich­keit wendet (auf gut Deutsch: Rebran­ding). Das Phan­tas­ti­sche ist da höchs­ten­falls noch Design-Element, jeder Ruch von Monstro­sität und Schröck verbannt. Nicht der Inhalt steht im Zentrum des Auftritts, sondern der Rahmen, der Raum: Es geht um die Leinwand als Membran zu einem Meer des Staunens – geworben wird mit der Immer­si­ons­kraft des Kinos. (Für alle, die ange­sichts des neuen Logos auch über den Bezug des dicken Aquädukts zum FFF gerätselt haben, hier die Lösung: Es soll einen Blick Richtung Leinwand mit Kino­ses­sel­rü­cken vor einem darstellen!)

Dass man den Werbe-Fokus auf die Spiel­stätte verlagert statt die Filme, ist ein nicht allzu insge­heimes Einge­ständnis, dass auch das FFF sich weniger von anderen Festivals abgrenzen muss als von der Konkur­renz durch die häusliche Film­be­spaßung.

Das Fantasy Filmfest wurzelt ironi­scher­weise just im Heimvideo-Boom der 1980er: Einer Ära, in der das Horror- und harte Action­kino sehr vital war, und man hier­zu­lande in Fankreisen dank (Import-)Zeit­schriften auch leidlich gut infor­miert über viel inter­na­tional Aufse­hen­er­re­gendes. Zugleich das neue Medium aber, wie üblich, besorg­nis­tra­gende Eltern und Behörden auf den Plan rief, weil man – wie unlängst beim Internet und einst bei Goethes »Werther« – das völlige Verderbnis der Jugend dräuen sah. All die Filme, über die man gelesen hatte und von denen man das ein oder andere arg phan­ta­sie­an­re­gende Standbild kannte, dann auch wirklich in Augen­schein zu nehmen, war oft keine leichte Übung. Selbst wenn sie einen Kino­ver­leih bekamen, liefen sie dann meist nur geschnitten und synchro­ni­siert. Und auf VHS wurde gern weiter zensiert, wenn nicht gleich indiziert oder gar beschlag­nahmt. Von den quali­ta­tiven Beschrän­kungen des Formats und damals üblichen Zumu­tungen wie Vollbild- und Pan & Scan-Fassungen ganz abgesehen. Import war theo­re­tisch möglich – aber ange­sichts der horrenden Preise für Kauf­vi­deos, der inter­na­tio­nalen Video­format-Unter­schiede und der Wach­sam­keit des deutschen Zolls nur etwas für extreme Enthu­si­asten. Es konnte mitunter Jahre dauern, bis man einen Titel endlich in einer »brauch­baren« Version auf Kassette in Händen hielt – was nicht selten hieß: Eine verrauschte, farb­ver­zeich­nete (psssst!) Kopie dritter Genera­tion.

Da war das Fantasy Filmfest oft nicht allein die erste, sondern einzige Möglich­keit, diese Filme auf Leinwand, uncut und im O-Ton zu erblicken, bevor sie in die Mühlen deutscher Film­ver­wer­tung und -verwüs­tung gerieten.

The Latest Fashion

All dies klingt für Leute unter 30 vermut­lich schon, wie wenn Oppa vom Krieg erzählt. Die FSK ist heute nur mit Mühe noch selbst zu einem »Ab 18« zu bewegen, Indi­zie­rungen treffen weit über­wie­gend Filme, die tatsäch­lich nicht goutierbar sind. Die Blu-ray kostet nur selten merklich mehr als der Kino­be­such, von Streaming-Abos ganz zu schweigen. Wer’s wirklich drauf anlegt, braucht vom ersten Aufmerk­sam­werden auf einen Film bis zu dessen Sichtung am eigenen Bild­schirm oft nur noch Minuten. Und das Heimkino muss dabei technisch nicht mehr Welten hinter der Leinwand-Projek­tion zurück­stehen.

Bleiben dem Fantasy Filmfest exklusiv also vor allem diese Rollen: Kura­tieren und Präsen­tieren. Und auch das ist beides nicht einfacher geworden.

Das Fantasy Filmfest war hier­zu­lande immer für die Entde­ckung neuer Talente gut – hier war Peter Jackson mit Bad Taste und Brain Dead längst legendär, bevor er in Block­buster-Gefilde weiterzog; hier konnte man Donnie Darko mit seiner starken Ahnung eines funda­men­talen Einschnitts noch kurz vor 9/11 sehen; Julia Ducour­naus kunst­vollen Körper­horror noch in Raw-Form bestaunen.

Aber die Kunde von solch Leuten und Werken verbreitet sich inzwi­schen freilich inter­na­tional auch unter Nicht-Spezia­listen ungleich schneller; bedarf weniger realer Platt­formen.

Nach wie vor verspre­chen sich hiesige Verleiher/Video­la­bels für ihre Filme durchs Fantasy Filmfest die entspre­chende Mund­pro­pa­ganda-Zündstufe. Doch der Fens­ter­spalt wird schmaler – inzwi­schen ist freilich auch die FFF-Gemein­schaft bundes­weit online vernetzt, und viele haben noch vor Abspan­nende ihre Stern­chen­wer­tung dem Rest der Mensch­heit mitge­teilt. Was Filmen hilft, die dem Fan-Publikum bereit­willig entge­gen­kommen – aber manch Werk, das von Reflek­tion und Nuan­cie­rung profi­tiert, unter einem Berg vorschneller, platter Däumchen-runter-Urteile ersticken kann, bevor es eine echte Chance bekam.

Der Online-Schwatz nagt auch an einem anderen Grund­pfeiler jeden Festivals: Des Beisam­men­seins, des gesel­ligen Austauschs. Vor allem für den harten Kern der Dauer­karten-Stamm­gäste ist Fantasy Filmfest immer auch eine Art Fami­li­en­treffen – da geht’s so sehr drum, das Wieder­sehen zu feiern wie die Filme. Aber auch dies Publikum ist mit dem Festival in die Jahre gekommen, ohne dass entspre­chender Nachwuchs sichtbar würde. Auch hier haben nun mitunter reale Familie, Beruf, andere Inter­essen oder schiere Bequem­lich­keit Vorrang.

Und auch der Stamm­pu­bli­kums-Geschmack hat sich – wie die Genres selbst – weiter­ent­wi­ckelt. Horror­kino verhan­delt ja sehr stark auch das Verhältnis zu Sterblich- und Körper­lich­keit. Und das ist mit Mitte 50 freilich ein anderes, als es die naive Splatter-Begeis­te­rung als Teenager war.

Kommt zu alldem, dass just jener Ort Kino, den das FFF in seinem neuen Auftritt so betont, seiner­seits ähnlich zu hadern hat. Als kommer­zi­elles Festival vom Halb-Ausfall 2020 besonders getroffen – Spon­so­ren­gelder fließen freilich ergeb­nis­ge­bun­dener als Förder­mittel –, sah es sich diesen Herbst dann mit Spiel­stätten konfron­tiert, die grade erst wieder den vollen Betrieb aufge­nommen hatten, und die neben den ange­stauten Franchise-Block­bus­tern, zwischen Sand­wür­mern, Wodka-Martinis und Spandex-Halb­göt­tern keinen Platz für weniger indus­tria­li­siertes Genre- und Explo­ita­ti­on­kino frei­ma­chen wollten oder konnten.

In München hatte das dann aber den keines­wegs unan­ge­nehmen Effekt eines Umzugs vom lang­jäh­rigen Stammkino Cinema in den Rio Film­pa­last. Der (sound-)technisch nicht die gleiche Perfek­tion bietet, aber ebenso gute Lein­wand­größe, mehr Bein­frei­heit (bei vier, fünf Filmen am Tag ein nicht zu unter­schät­zender Faktor...), freiere Sicht auf Unter­titel, und mit seinem blutroten, samtigen Interieur mehr das Gefühl einer heime­ligen Film-Höhle, in der man sich von der Außenwelt abwendet, um die unheim­li­chen, flackernden Schatten an der Wand zu betrachten.

Joy in Repe­ti­tion

Auch in anderer Hinsicht hat das Pande­mie­jahr nicht nur Verschlech­te­rungen bewirkt: Die allge­meine Gewöhnung ans Video-Fern­ge­spräch hat offenbar geholfen, dass nun vor etlichen Filmen eine aufge­zeich­nete Gruß­bot­schaft der Film­schaf­fenden zu sehen war. Eine kleine Geste nur – aber beim FFF, auf dem reale Gäste selten sind, ein merk­li­cher Schritt Richtung Festi­val­ge­fühl.

Der einen manche Werke auch von Anfang an mit wohl­wol­len­derem Blick betrachten ließ.

Wie sollte man Crabs! böse sein, nachdem Regisseur Pierce Berolz­heimer vor seiner Regalwand voller nerdigem Filmfan-Krims­krams mit einer Mons­ter­puppe Lipsync machte zu einer extra auf Deutsch über­setzten kleinen Ansprache per Compu­ter­stimme? Ja, freilich war Crabs! dann auch der Film eines Spiel­kinds – einer dieser Versuche, die ganz ursprüng­liche Begeis­te­rung zu repro­du­zieren, mit der man einst seine ersten Mons­ter­filme sah, und plötzlich etwas fand in der Welt, das der eigenen, über­hitzten Kinder­phan­tasie gleichkam. Berolz­hei­mers Film wäre noch nicht einmal der Übelste unter solchen No Budget-Versuchen – ist über­wie­gend naiv statt pubertär, hält halbwegs das Tempo und schafft die origi­nelle Volte, vom klas­si­schen ‘50er Creature Feature mit moder­neren Splatter-Spritzern zum Kaiju-Spektakel zu mutieren. Aber damit die Sympathie nicht über­stra­pa­ziert wurde, war die Extra­dosis durch den Gruß-Auftritt vorab schon arg nötig – allein wegen der Neben­figur »Radu« (Chase Padgett). Gegen den Borat eine hoch­nu­an­cierte, fein­sin­nigste Charak­ter­studie wahrer Osteu­ro­päer ist. Es mag ja diese ultra­be­kifften Abende geben, wo ein Spezl die schlechte Parodie eines grenz­de­bilen Typen mit seltsamem Akzent zum Besten gibt, alle vor Lachen unterm Tisch liegen, und jemand meint: »Boah, wenn ich je einen Film mache, dann bist du dabei!«. Bei Crabs! hat dann offen­sicht­lich niemand von der Produk­tion »NEIN!« gesagt...

Nun, freilich gab es also auf dem Fantasy Filmfest nach wie vor jene Filme, die sich aufs Ur-Geschäft des Genre­kinos besinnen: Repe­ti­tion und Variation. Das unge­bro­chene Weiter­tragen der Flamme. Das Beten des bekannten Rituals – mit möglichst großer Inbrunst, oder mit neuer Auslegung, Ausschmü­ckung.

Manchmal heißt das nicht mehr, als ein vorge­gartes Gericht in der jewei­ligen lokalen Küche aufzu­wärmen: Hard Hit (Balsin­jean, R: Changju Kim) ist bereits das zweite Remake von Dani de la Torres El Desco­no­cido – vor Busan gab’s schon Station in Berlin (Christian Alvarts Steig. Nicht. Aus!), ohne dass sich am Plot­rou­ten­ver­lauf viel geändert hätte. Wobei diese SPEED-Variation mit einer Bombe unterm Autositz eines Finanz­ma­na­gers sich im südko­rea­ni­schen Kino sehr heimisch anfühlt, mit der typischen Über­set­zung ökono­mi­scher Span­nungs­li­nien in Genre-Konstel­la­tionen. Sie aber auch hier das Grund­pro­blem einer verqueren Opfer-Täter-Konstruk­tion nicht lösen kann, weil ihre Suspense-Drama­turgie eine Iden­ti­fi­zie­rung mit dem Herrscher übers Kapital fordert, die gewollte Sozi­al­kritik aber eigent­lich mit dem »Bösen«.

The Boy Behind The Door hingegen erhöhte in einem weit­ge­hend handel­süb­li­chen Backwoods-Entfüh­rungs­thriller den emotio­nalen Einsatz, indem die zwei Opfer nicht die üblichen jungen Erwach­senen sind, sondern zwei Buben. Und ein vermeint­lich arg selbst­ge­fällig-ausge­dehntes Shining-Zitat dient dem Film insgeheim zur ikono­gra­phi­schen Unter­maue­rung einer cleveren Irre­füh­rung. Letztlich müssen David Char­bo­nier & Justin Powell sich aber vorwerfen lassen, mit dem Schrecken sexuellen Kindes­miss­brauchs nur zu rasseln, um ihre recht mecha­ni­sche Span­nungs­ma­schi­nerie auf höheren Touren laufen zu sehen.

Let’s Go Crazy

Typischer fürs Fantasy Filmfest – wenn nicht ohnehin für die derzeit wirklich leben­digen Regionen des Genre-Kinos – ist inzwi­schen aber ein komple­xerer Umgang mit dem Erbe statt, ganz klassisch, die vari­ie­rende Wieder­ho­lung der tradierten Webmuster, oder die bewusste Kommo­di­fi­zie­rung der Nostalgie, die unsere Main­stream-Popkultur so unselig heimsucht.

Da ist eine ganze Welle jüngerer Filme­ma­chender, die durchaus erfüllt sind von einer Leiden­schaft für den Genre-Kanon – die sich aber Motive, Topoi, Typen, Stim­mungen, Ästhe­tiken heraus­pi­cken und wahrhaft aneignen, sie in neue Konstel­la­tionen bringen, ihnen aus anderen Blick­win­keln begegnen, sie emotional in anderes Licht stellen.

Ein Film wie Jacob Gentrys Broadcast Signal Intrusion begibt sich zurück in die ‘90er nicht für ein rippenknuf­fendes »Boah, wisst Ihr noch, VHS!«. Der damalige Stand des Mediums, mit Röhren­fern­se­hern, Anten­nen­si­gnal, Video­re­cor­dern und frühesten Online-Mess­age­boards, wirkt geradezu spukhaft. Das analoge Rauschen ein Einfallstor für das Unheim­liche. Der Film ist durch­drungen von einem geradezu para­no­iden Gefühl der Ungreif­bar­keit, der Vergäng­lich­keit – ist Haun­to­logy mit fernen Geis­ter­bild-Echos von Ringu oder Video­drome.

Debutant Alex Noyer dagegen versucht in Sound Of Violence (alias Conductor), die – freilich schon immer in ihrer Viel­schich­tig­keit unter­schätzte – Gender-Dynamik klas­si­scher Giallo- und Slas­her­filme umzu­krem­peln, und deren barocken visuellen Exzessen ein expli­zi­teres Audio-Gegen­s­tück zu geben. Seine Heldin und Täterin zugleich ist die Expe­ri­men­tal­mu­si­kerin Alexis, die seit einem Kindheits-Trauma auf Klänge extremer körper­li­cher Gewalt mit einer Art Ohr-gasmus (sorry!) reagiert. Leider steigert der Film sich nie zum fetisch­haft-obses­siven Fieber seiner Vorbilder, findet ande­rer­seits eben­so­wenig die Balance zwischen absurd-grotesken Mord-Nummern und Charak­ter­studie einer trau­ma­ti­sierten jungen Frau. Nicht zuletzt durch Besetzung der ursym­pa­thi­schen Jasmin Savoy Brown in der Haupt­rolle wirkt das über weite Strecken, als wolle Sound Of Violence von der Ermäch­ti­gung eines einstigen Opfers erzählen – nur dass die junge Frau dabei halt selbst über die Leichen zumeist gänzlich unschul­diger (und oft ebenfalls weib­li­cher) Menschen geht. Das ist ein tiefer innerer Konflikt, zu dem der Film letztlich nur die Schultern zuckt.

Das blieb auch nicht das einzige Beispiel dafür, dass einge­fah­rene Genre-Muster schlecht bloß halbe Erneue­rung vertragen. Eskil Vogts The Innocents (De Uskyldige) versetzt die alte Mär von über­na­tür­lich begabten Kindern fern eines Village of the Damned in eine heutige, norwe­gi­sche Hoch­haus­sied­lung – und in die filmische Anmutung eines Sozi­al­dramas. Das funk­tio­niert lange ganz wunderbar – lässt einen Tele­ki­nese und Tele­pa­thie mit der Selbst­ver­ständ­lich­keit von Kindern akzep­tieren, für die die Gesetze der Welt noch unbekannt und vage sind; ist erschre­ckend plausibel in der Art, wie die Kinder mit ebenso selbst­ver­ständ­li­cher, naiver Grau­sam­keit ihre neuent­deckte Macht erproben; ist psycho­lo­gisch stimmig und nuanciert in der kind­li­chen Mischung von Ohnmacht, Neugier, Eifer­süch­te­leien, Ich-Bezo­gen­heit. Bis etwa zur Hälfte hat all dies das Zeug zu einem wirklich großar­tigen Film. Doch wenn es an den Punkt kommt, wo die Grund­kon­stel­la­tion etabliert ist, und die Drama­turgie eine Weiter­füh­rung verlangt, vertraut Vogt nicht mehr der Wahr­haf­tig­keit, sondern klinkt die vorge­fer­tigten Bausteine üblicher Genre-Plotbögen anein­ander. Auch wenn das filmisch und darstel­le­risch eine unge­wöhn­liche Boden­haf­tung im Alltä­g­li­chen behält, verliert es seine anfäng­liche Kraft und Beson­der­heit. Und führt dabei durch die »farben­blinde« Besetzung (ohne vorherige Bestim­mung von Herkunft und Geschlecht der Rollen) unbedacht auch noch dazu, dass am Ende doch auch wieder genau die alten Muster greifen, wer die Bedrohten und die Bedroher sind, und wer lebend aus der Geschichte raus­kommen darf.

Beautiful Strange

Mehr als je zuvor aber waren ein entschei­dender Stütz­pfeiler des FFF-Jahrgangs 2021 Filme, die sich einer Genre-Zuordnung entziehen. Filme, die frei jonglieren mit Elementen aus den konträrsten Gattungen und Stilen – besten­falls noch der losen Tradition trans­gres­siven Kinos zuzu­ordnen, und jeder für sich ein Unikat.

Bertrand Mandicos After Blue (Paradis Sale) hat immerhin noch benenn­bare Vor-Bilder, die sich bei ihm wie Tages­reste in einem okkulten Traum auflösen, aufheben: Er hat gewiss den ein oder anderen magischen Spruch bei Jodo­rowsky abgelugt, teilt erotische Fantasien mit Roger Vadim, Jean Rollin, und stalkert durch Terri­to­rium, auf dem auch Science Fiction und Fantasy in revo­lu­ti­onä­reren Zeiten wurzelten. Der klarste Bezug aber bleibt innerhalb von Mandicos höch­stei­genem Kosmos: After Blue ist wie ein weib­li­ches ‘70er-Jahre Schwes­ter­stück zu seiner stark stumm­film­in­spi­rierten Jungs­fan­tasie Les garçons sauvages. Mit dem teilt er freilich auch seine zu üppige Länge – doch selbst wie der Film sich irgend­wann narrativ im immer­glei­chen Kreis zu drehen scheint, passt hier zur traum­glei­chen Stimmung.

Wie aber bekommt man einen Film wie Jean-Chris­tophe Meurisses Bloody Oranges (Oranges Sanguine) zu fassen? (Einer der diesmal ungewohnt zahl­rei­chen FFF-Beiträge übrigens, der Premiere im offi­zi­ellen Programm von Cannes oder anderer renom­mierter Groß-Festivals feierte.) Der beginnt am ehesten wie einer von Kervern & Delépines munteren Sturm­läufen gegen die Zumu­tungen des Spät­ka­pi­ta­lismus, schrammt immer mal wieder gegen die Leit­planken fran­zö­si­scher Main­stream-Satiren – und verab­schiedet sich dann in blutige Tiefen, die manch Tortur­e­porn-Streifen erblassen lässt. Das ist ein Panorama Frank­reichs zwischen Rock'n'Roll-Tanz­wett­be­werben als letztem Rettungs­ver­such für die Alters­ver­sor­gung, einem steu­er­hin­ter­zie­henden Finanz­mi­nister, der ersten Liebes­nacht einer Teenagerin, und den Gewalt­taten eines Serien-Verge­wal­ti­gers und -mörders. Das ist eine Eruption aufge­stauten ökono­mi­schen und poli­ti­schen Drucks auf die Leinwand – die es einem aber nie leicht macht mit der eigenen Posi­tio­nie­rung, die einem stets wieder den Stand wegkickt und einen dorthin weiter­treibt, wo’s wirklich wehtut.

I've Seen The Future and It Will Be

Solch ein Film wäre vermut­lich zutiefst empört, wenn ihm alle applau­dieren würden. Und man spürte durchaus, dass er beim Fantasy Filmfest viele Leute zu weit über die Grenzen der Komfort­zone zwang. Aber es schien nicht – wie es vor ein paar Jahren noch denkbar gewesen wäre – grund­sätz­lich in Frage zu stehen, dass er seinen berech­tigten Platz hatte im Programm.

Jenseits des subjek­tiven Eindrucks von der Publi­kums­re­ak­tion gibt es zumindest einen »offi­zi­ellen« (und über­re­gio­nalen) Grad­messer für die Akzeptanz der offeneren Festi­val­aus­rich­tung: Den Fresh Blood Award, vom Publikum unter den Debut- und Zweit­filmen gekürt.

Als Signal ist da schon der dies­jäh­rige Sieger erfreu­lich: Beweist er doch, dass das Fantasy Filmfest noch immer ein Ort ist, wo sich eine clevere Idee, gewitzt ausge­führt, auch ganz ohne Budget, Effekte, Stars, Splatter und derglei­chen durch­zu­setzen vermag. (Und so hoffent­lich nun auch hier­zu­lande einen Verleih zu finden.) Beyond The Infinite Two Minutes (Droste No Hate De Bokura) von Regisseur Junta Yamaguchi und Autor Makoto Ueda ist das Projekt der Kyotoer Thea­ter­gruppe Europe Kikaku, gedreht mit HD-Handy­ka­mera in einer einzigen Einstel­lung. Mit der viel­leicht kürzesten Zeitreise der Film­ge­schichte: Zwei Minuten nur ist der Vorsprung, den eine Webcam in einem kleinen Café hat gegenüber dem Bild­schirm in der Wohnung des Wirts im ersten Stock. Doch was mit diesem Zeit- und Infor­ma­ti­ons­vor­lauf alles anzu­stellen ist, das reizt der Film mit maximal vergnü­g­li­cher Konse­quenz aus – und zwirbelt es bald durch eine endlos rekursive Bild-im-Bild-im-Bild-Anordnung der beiden Kameras und Monitore zu einem hirn­ver­kno­tenden Puzzle. Mise en abyme (alias Droste-Effekt) war selten so schwindel- und lach­reiz­er­re­gend zugleich. Auch wenn es den Wahnsinn und die Leiden­schaft des Filme­ma­chens nicht auf die explizite Weise feiert wie One Cut of the Dead (Kamera o tomeru na!), entspringt es doch eindeutig dem gleichen Geist, der gleichen Begeis­te­rung.

Freilich ist mit solcher Gewitzt­heit ein Publikum immer leichter zu begeis­tern als mit absei­ti­geren Formen der Origi­na­lität. Noch hoff­nungs­voller stimmt deshalb der dritte Fresh Blood Award-Platz für Michael Sarnoskis Pig.

Man kann sich eine Version dieses Films vorstellen, die ganz in Richtung Oscar-Drama geht: Die Geschichte eines einstigen Star-Kochs, der sich nach einem Trauma aus der Gesell­schaft verab­schiedet hat, zum Einsiedler wurde – und den nun die Entfüh­rung seines geliebten Trüf­fel­schweins zurück­zwingt in die Stadt, ins Leben, unter die Menschen. Ein Pacino, Depardieu, gar ein Hanks könnte das in dieser Version spielen, in der niemand ein wahres Leid geschieht und alles arg versöhn­lich endet. Ebenso leicht ist die andere Variante zu denken: Die Geschichte eines einstigen Star-Kochs, der sich nach einem Trauma aus der Gesell­schaft verab­schiedet hat, zum Einsiedler wurde – und den nun die Entfüh­rung seines geliebten Trüf­fel­schweins zurück­zwingt nach Portland, wo er im John Wick-Stil mit Hackebeil, Waffe­leisen und Käsereibe aufräumt unter den Pignap­pern.

Pig macht Finten in beide Rich­tungen – und dann doch etwas ganz Anderes, ungleich Selt­sa­meres. Er spielt in einer Welt, in der es im Keller eines leer­ste­henden Hotels eine Art Fight Club für Küchen­kräfte gibt, und keine Branche so taff ist wie die Gastro-Lebens­mit­tel­be­schaf­fung – und entsagt dann doch Gewalt und Surrea­lismus, zugunsten eines großen Werks über die Trauer.

So sehr ich generell Nicolas Cages schau­spie­le­ri­schen Sonderweg verehre, in seiner äußerst bewussten Abkehr vom gängigen »Realismus«, seiner Anknüp­fung an arti­fi­zi­el­lere Tradi­tionen – ganz ernst konnte ich seine selbst­ge­wählte Bezeich­nung »noveau shama­nistic« dafür dennoch nie nehmen. Bei Pig dämmerte mir erstmals, was er damit meinen könnte.

Es hat tatsäch­lich etwas Scha­ma­nis­ti­sches, wie Cage sich einer geolo­gi­schen Formation gleich durch diesen Film bewegt, mit plat­ten­tek­to­ni­scher Gravitas, und für uns Sedi­ment­schicht um Sedi­ment­schicht des Schmerzes auf sich nimmt.

Pig ist einer dieser Filme, die – wenn man sich drauf einlassen kann – einen als verän­derten Menschen aus dem Kino an die Welt zurück­geben. Ein Film, der auf ganz sonder­bare Weise emotional arbeitet in einem; der Last trägt und aufhebt. Und der allemal – wenn einem dies zu esote­risch schwur­belt – eine der seltenen Szenen bietet, in denen Cage der unver­rück­bare Ruhepol ist und sein Gegenüber der Chargeur: Als Cages verwahr­loste Wald­schrat-Figur in einem trendigen Sterne-Restau­rant »dekon­stru­ierte Jakobs­mu­scheln« kostet, den Koch kommen lässt, der sich als einstiger Lehrling aus seinen Chef-Zeiten entpuppt – und ihm die Leviten liest wider alles Möch­te­gern, alles Nach­laufen den Moden statt der inneren Leiden­schaft, alle Anbie­de­rung.

Das könnte auch als Leit­ge­danke taugen für eine trag­fähige Zukunft des Fantasy Filmfests (das ich, da parallel dann ein anderes Film­wo­chen­ende lockte, diesmal nur zur Hälfte verfolgen konnte): Weiter verstärkt nicht auf die leichte Etiket­tier­bar­keit zu setzen, sondern auf Werke, die aus leiden­schaft­li­cher, innerer Notwen­dig­keit durch die Grenz­ge­biete, Niemands­länder streifen. Eine Heimat für Filme der schil­lernden Identität, die zwischen klaren Genre-Zuschrei­bungen, Markt­seg­menten stehen.