12.08.2021

Die Leere und die Sehnsucht

Belle
Hat den Inaugural Kids Award von Locarno gewonnen: Belle von Mamoru Hosoda
(Foto: 74. Locarno Filmfestival)

Die Poesie der Fantasie; Notizen aus Locarno; Folge 02

Von Rüdiger Suchsland

Manchmal denkt man, das Film­fes­tival von Locarno sei wie ein Training für den kommenden Winter. Denn während in Venedig und in San Sebastian noch mal richtig Sommer herrschen, gibt es in Locarno Tage wie den Festi­val­samstag. Tagsüber waren es noch dunkle Wolken, abends hatten sie sich dann derart in den Bergen fest­ge­krallt, dass es eigent­lich die ganze Zeit goss; nicht wie aus Eimern, sondern wie aus Feuer­wehr­schläu­chen. Fünf Stunden lang hörte es nie auf. An einen Kino­be­such war nicht zu denken. Denn natürlich regnet es im Kino nicht. Aber auf dem Weg dahin schon. So saßen dann Sebastian aus Graz und ich im Restau­rant des Hotels Dell Angelo, das sowieso für mich hier ein regel­mäßiger Anlauf­punkt ist. Das war sowieso schöner als im Zwei­fels­fall die Filme.

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Saskia Rosenthal ist es immer wert, dass man sich einen Film von ihr ansieht. Hier jetzt habe ich trotzdem ein paar Sekunden gebraucht, um sie zu erkennen, sie spielt hier das Gegenteil ihrer letzten Rollen in Fabian und Mein Ende. Dein Anfang. Das Gegenteil von allem Glamour, auch erstmal von allem Geheimnis. Aber dann hat sie natürlich trotzdem ein Geheimnis, ziemlich schnell. Und allein, wie sie diesem Landgirl eines gibt, das ist aller Ehren wert. Und es ist eine Leistung der Regie wie der Schau­spie­lerin.
Niemand ist bei den Kälben von Sabrina Sarabi ist ein wirk­li­ches Highlight in Locarno und aus uner­find­li­chen Gründen nur im zweiten, kleineren Wett­be­werb, ist der eine deutsche Film in Locarno, produ­ziert von den »Weidemann Brothers«.

Sie heißt Christin, weiß nicht, wo ihre Mutter ist. Das wird so am Rande gesagt. Später sagt der Alko­ho­liker-Vater mal: »deine Mutter war ne Schlampe.« Sie fährt nach Hamburg, es ist aber nicht so klar, wo sie in Hamburg hin will. Aber sie weiß dann trotzdem, wo sie hin muss, um jemanden zu finden, der sie wieder nach Hause bringt.

Das Thema ist unter anderem Land­de­pres­sion. Man könnte sagen: Dies ist ein deutscher Western mit fast richtig großen Land­schafts­bil­dern, Bildern mit einer Weite, die einen sogar an Amerika denken lassen. An das Amerika von Andrea Arnold.

Eine Welt irgendwo zwischen Hamburg, Hannover und Berlin. Im Kühl­schrank gibt es viel Wurst und auch viel Zitro­nen­limo. Fast alle sind Bauern. Überall ist Aggres­sion, überall gibt es auch eine Flasche Schnaps, die einen über das Schlimmste hinweg­trösten kann. So sonder­bare Getränke wie Alkohol mit süßen Kirschen, Alkohol mit noch süßerer Zitrone oder Limezeugs.

Das Outfit ist für viele Figuren alles, was sie haben. Auch Christin achtet immer aufs Outfit, zieht sich in diesem Film fort­wäh­rend um. Diese Land-Girls defi­nieren sich viel­leicht nicht gerade über Äußer­lich­keiten, aber sie nehmen diese Äußer­lich­keiten sehr wichtig, es ist geradezu eine Frage des Reprä­sen­tie­rens. Auf dem Land ist es noch wichtig, anständig auszu­sehen. Ansonsten beschäf­tigt sie wenig. Vor allem diffuse Sehnsucht.

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Später gibt es im Film ein Gespräch mit dem Mecha­niker der Windräder, die hier alle Felder zupflas­tern, und der, wir alle ahnen das schon, ihr Liebhaber werden wird. »Wovon träumst denn du?«, fragt er sie.
Ein toller Ausdruck ist es, der jetzt in Saskia Rosen­dahls Gesicht erscheint. Das ist ein Moment, wo man ziemlich viel von ihrer Schau­spiel­kunst sieht, wobei ich gar nicht so sicher bin, ob sie jetzt viel macht und bewusst, und man auch gar nicht genau weiß, was sie da macht. Ich weiß nur: Sie macht alles richtig. In diesem Ausdruck ist die Hilf­lo­sig­keit dieser Figur, die eigent­lich nicht weiß, was sie will. Die nur weiß, dass sie weg will und dass sie das nicht will, was sie hat, und die weiß, dass sie jetzt, wenn nicht heute dann morgen, möglichst bald diesen Mann will, obwohl sie ahnt, dass ihr das auch nicht gut tut.

»Wovon träumst denn du?«, fragt er jeden­falls. Sie antwortet »eigener Laden oder so«. Und erst dann sagt sie »ist doch nicht wichtig«. Und er sagt: »ist schon wichtig«, und da hat er auch recht.

Solange sie noch mit ihm flirtet, ist es tatsäch­lich ein Verspre­chen auf ein anderes Leben. Wenn sie dann mit ihm eine Affäre hat, ist es einfach dumm und schlicht.

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Die Frauen gehen, die Bauern bleiben. Rosendahl gibt Christin Würde und Charme. Nur das Ende des Films ist etwas lang und uneben, das liegt womöglich daran, dass sie im Schnitt einfach manche Wendung kürzen mussten. Jeden­falls steht am Ende ein Aufbruch nach Nirgendwo. Besser als kein Aufbruch.

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Ein wunder­schöner Popstar mit pinkem Haar steht auf dem Rücken eines Buckel­wals und fliegt mit ihm durch die Realität des Cyber­space. Ihr Name ist Belle und sie beginnt, einen Song zu singen, der von riesigen Laut­spre­chern auf dem Rücken des Wals überall in diese künst­liche Welt hinaus getragen wird. Die Fans, die sie anbeten, die um sie herum­fließen wie Putzer­fi­sche, reagieren mit großer Begeis­te­rung und teilen ihren Enthu­si­asmus durch Kaskaden von Text­messages und Emojis.
Dies ist die Welt von U, das man auch »you« also als das englische »Du« oder »Ihr« ausspre­chen kann und schreiben. U ist ein Social-Network mit fünf Milli­arden Usern. In ihm kann jeder als sein Avatar wieder­ge­boren werden und seine inneren Fähig­keiten maxi­ma­li­sieren. So macht es auch Belle.

Im wirk­li­chen Leben heißt sie Suzu. Suzu ist ein 17-jähriges Schul­mäd­chen, das seine Mutter in einem tragi­schen Unfall verloren hat und dessen Leben seitdem durch Trauer geprägt ist. In der Schule ist Suzu schüch­tern und zurück­hal­tend. Zu Hause ist sie emotional distan­ziert von ihrem Vater. Beide können nicht über die Trauer sprechen. Ihre einzige Freundin ist ein Nerd... Aber in U kann sie ihre Träume ausleben: sie kann dort sogar populärer sein als das hübscheste Mädchen an ihrer Schule, und sie kann die Aufmerk­sam­keit eines von ihr ange­schwemmten Klas­sen­ka­me­raden gewinnen.

Der Film springt hin und her zwischen der land­schaft­li­chen Schönheit der Kochi-Präfektur in der Suzu lebt und der hyper­di­gi­talen Realität von U.

Puzzola erzählt im Kern eine Coming-of-Age-Story, das Erwach­sen­werden, das Frau­werden, das Selbst­werden der Haupt­figur. Er erzählt dies über die sozialen Medien, aber sein Blick auf diese sozialen Medien ist bemer­kens­wert frei von aller Verach­tung eines Kultur­pes­si­misten. Irgend­wann taucht eine myste­riöse Figur auf, die von allen »Drachen« genannt wird. Dragon.

Wir hatten uns im Netz verfangen. Zwischen einander über­lap­penden Lockdowns und dem soge­nannten Smart­wor­king, dem »schlauen Arbeiten«, haben wir 18 Monate lang mit dem Rest der Welt fast nur über unsere Compu­ter­bild­schirme kommu­ni­ziert. In seinem neuen Film Belle erzählt Mamoru Hosoda die Geschichte eines heran­wach­senden Mädchens, das im Netz eine andere Person wird. In der Welt, die der japa­ni­sche Meis­ter­re­gis­seur hier baut, verschwinden die Grenzen zwischen Realität und dem Netz bzw. zwischen der Realität und der zweiten Realität, die sich im Netz bildet. In »Belle«, einem Anima­ti­ons­film, der auf der Piazza Grande lief, verbindet sich Alltags­rea­lismus und eine genaue Moment­auf­nahme unseres Gegen­warts­le­bens mit der berüh­renden Poesie des Fanta­sy­genres. Belle ist der Film, dem es am tref­fendsten gelingt, die Beziehung darzu­stellen und zu reflek­tieren, die wir heute mit unseren tech­no­lo­gi­schen Körpe­r­er­wei­te­rungen, etwa mit dem Smart­phone, haben.
In diesem Film kann man über die Wahrheit der zeit­genös­si­schen Bilder nach­denken. Wie Kinder müssen auch wir weiterhin lernen, zwischen der Wahrheit und dem Irrtum zu unter­scheiden.