15.07.2021

A bisserl was geht immer

SEULES LES BÊTES.
»Form follows Function« Design Award für Seules les bêtes.
(Foto: Filmfest München)

Edelmann und Willmann verleihen die artechock Awards zum Filmfest München 2021

Von Anna Edelmann & Thomas Willmann

Die Lav-Diaz-Medaille für die längste Zeit, die man an einem Tag im Kino verbracht hat:
Geht an Herrn Herbert Georg Wells, der es gerüch­te­halber geschafft haben soll, beim dies­jäh­rigen Filmfest vier Filme an einem Tag zu sehen. Indem es ihm irgendwie gelang, die versteckte Zeit­schiene zu entdecken, die ihm die klaf­fenden Lücken zwischen morgend­li­cher Pres­se­vor­füh­rung, nach­mit­tä­g­li­chem Mehr­zweck­saal-Kino und abend­li­chem Regen­sitzbad gefüllt hat. Wir warten aber noch auf die Auswer­tung des Video­be­weises.

Der HAL 9000 Preis der Robo­ter­ge­werk­schaft-Initia­tive »No Button Left Behind«:
Geht an das neue Webseiten-Design des Filmfests München, das sämtliche betei­ligte IT vor Unter­be­schäf­ti­gung durch über­trie­bene mensch­liche Effizienz bewahrt. Hier ist keine gesuchte Infor­ma­tion in Gefahr, durch einfachen Klick aufge­stö­bert zu werden. Die Über­sichts­seite gibt nicht ohne weiteres Anstupsen Insi­der­infor­ma­tionen wie Original-/Alter­na­tiv­titel, Land, Regie der Filme preis. Und um an solch Geheim­wissen wie die Lauflänge zu kommen, muss selbst nach Erreichen des betref­fenden »Info«-Kästleins noch immer das Scroll-Rad in Schwung gebracht werden.
Gewiss, alles Mecke­reien am Detail. Die aber alle Symptome einer grund­le­gen­deren Malaise sind: Nicht nur hier (und nicht erst in diesem freilich besonders schwie­rigen Jahr) beschleicht einen immer wieder das Gefühl, dass die leitende Frage ist: »Sieht’s gut aus, macht’s was her?« Und nicht: »Ist es ziel­füh­rend für Leute, die möglichst viele möglichst gute Filme schauen wollen?«

Die Prix de Cherbourg Part­ner­stadt-Anfrage:
Geht an die Regen­schirme des Kinos am Olym­piasee. Die nach einigen wahrlich arbeits­rei­chen Abenden wenigs­tens am letzten Nach­mittag sich einmal in die pralle Sonne entspannen durften, in Erwartung des wohl­ver­dienten Sommer­ur­laubs. Um der sonnen­ent­wöhnten Haut des Publikums Rund­um­schutz vor UVA, UVB und LED Strahlung zu spenden.
Unter die flut­ar­tigen Regen­güsse mischte sich leider auch der Wermuts­tropfen, dass die extra kosten­in­tensiv ange­schaffte, tages­licht­taug­liche Leinwand über­wie­gend für nur eine Nach­mit­tags­vor­stel­lung deutscher Fern­seh­filme oder Kinder­filme genutzt wurde. Und sich ihr Bild dann abends mehr als Schatten- denn Licht­spiel erwies.

Der Echo für den etymo­lo­gisch sinn­fäl­ligsten Brücken­schlag von Halle und Hall:
Geht ans Sugar Mountain, das »Outdoor«-Kino im ehema­ligen Betonwerk, für seinen Sound.

Das Gesellen-Diplom der Münchner Optiker-Innung für die größte kosten­lose Test­kam­pagne zur Alters­weit­sicht:
Geht an den gedruckten Zeitplan, der komplett – und graphisch im frechen 90er Jahre Style schief – auf die hintere Seite des DIN-A4-Falt­blatts zum Festival gequetscht wurde. Eine effektive Maßnahme, ein jüngeres Publikum anzu­spre­chen – das Schriften unter 5 Punkt noch entzif­fern kann.
Man hätte das Ganze freilich gern nochmal lesbarer in den prak­ti­schen Pocket Planer gedruckt – aber da war leider kein Platz, weil schon alles voll war mit der dring­li­cheren Auflis­tung des Gastro-Angebots.

Der Pumuckl-Preis in Silber­pa­pier für den besten Streich:
Geht an Hansi Kraus – aber nur, wenn er uns verrät, welche seiner Lause­reien einst zu widerlich für den Abdruck in der Zeitung war!
Es ist schon Tradition, dass jedes Jahr auf dem Filmfest eine Veran­stal­tung, oder gar eine ganze Veran­stal­tungs­reihe, eher stief­müt­ter­lich behandelt wird – es sich aber just für diese lohnt, jede Ecke der Webseite zu durch­su­chen, weil sie sich dann als die sympa­thischsten Events entpuppen.
Diesmal also die »Hommage an Franz Seitz«, beglei­tend zur Doku Du kannst mich fragen was Du willst – Franz Seitz – in der Anni Seitz den Geehrten weniger als legen­dären Film­pro­du­zenten denn sehr persön­lich als ihren Opa portrai­tiert; und der Blech­trommel-Oscar zum Transport im ICE unter Brezen­tüten versteckt wird.
Eine kleine Filmreihe, behei­matet in Pasing im lauschigen Garten des Ebenböck Hauses gut geschützt vor großs­täd­ti­schem Glamour-Gehubere, bei Bier vom selbst zusam­men­ge­zim­merten Geträn­ke­stand, mit mehreren Lagen bunt gestreifter Sitz­kissen gegen die nasselnd-zapfige Witterung bewehrt – und das einzige LED Licht in den kleinen Solar-Lämpchen, die auf jedem Tischlein standen.
Als Publikum zu Helmut Käutners Laus­bu­ben­ge­schichten versam­melt: Herr­schaften der älteren Genera­tion, die den Film mit kind­li­cher Freude wieder­sehen, SGE-Leser­schaft wie unsereins, bis hin zu einem Bub, der bewies, dass der Film auch heute Zuschauer noch vor brennend aktuelle Fragen zu stellen vermag.
Und dann ein Live-Auftritt von Hans (vormals: Hansi) Kraus, der vorführte: So geht »Local Heroes«. Nur: Was jener reale Streich war, mit dessen Beschrei­bung Kraus sich einst auf die Casting-Anzeige meldete, und der dann aber angeblich zu eklig war, ihn in der Presse zu präsen­tieren – das haben wir nie erfahren. Da hat der sonst wirklich souveräne Moderator einmal versäumt nach­zu­fragen. Und wir wüssten das doch zu gerne!

Der Toi-Toi-Tony fürs lang­an­hal­tendstes Plät­schern:
Geht an das Bächlein, das an Regen­abenden munter durchs Sugar Mountain floss und einen mit zuneh­mender Filmdauer an den körper­ei­genen Flüs­sig­keits­pegel erinnerte.

Der »Form follows Function« Design-Award für den besten Filmfest-Rucksack:
Geht an die Hoppehop­pe­reiter-Ziege am Anfang von Seules les bêtes. Die dies­jäh­rige Filmfest-Tasche war durchaus erfreu­lich praxis­taug­lich für den Festival-Alltag – aber in der Verei­ni­gung von Form und Funktion unüber­bietbar war, wie sich an der Elfen­bein­küste ein junger Moped­fahrer den Paarhufer zum Transport in die Stadt auf den Buckel zurrt, mit den Beinen des Tiers gleichsam als Trage­riemen.
Was Abidjan dann mit einem Mord im fran­zö­si­schen Zentral­massiv-Bergdorf verbindet, ist in Dominik Molls Film freilich schon arg über­kon­stru­iert. Seules les bêtes ist sich dessen bewusst – versucht, das als Thema auszu­geben: »Der Zufall ist größer als Du.« Aber statt wirklich eine globale Öffnung zu bewirken, macht es die Welt des Films absurd eng: So sehr das Gefühl, dass es auf Erden einfach nur ein halbes Dutzend Menschen gibt, deren Wege sich so unwei­ger­lich wie permanent fatal kreuzen, hatte man zuletzt bei Paul Haggis’ Oscar-Total­schaden Crash.

Die Schim­merlos-Rolex am Kunst­le­der­band für die wich­tigste Selbst­dar­stel­lerei:
Geht an das Gebaren des Filmfests.
Freilich ist es weit über den normalen Wahnsinn hinaus enorm schwierig, ein Festival zu planen, wenn nicht einmal klar ist, was die pande­mie­be­dingten Rahmen­be­din­gungen sein werden. Und man zwischen all den Ansprüchen von Sponsoren, Produk­ti­ons­firmen, Verlei­hern, Gästen etc. auch noch von sich ständig ändernden behörd­li­chen Auflagen abhängig ist. Schon klar, dass sich da schwer­lich ein echter Festival-Groove einstellen will.
Aber der Pande­mie­jahr­gang hat auch einfach nur sicht­barer gemacht, wo es beim Grund­ge­fühl, der gene­rellen Ausrich­tung schon länger krankt.
Man wurde von einer am Reißbrett als hip und »urban« designten Location in die nächste geschickt. Was einem nach langem Lockdown tatsäch­lich die Ecken der eigenen Stadt zeigte, die 8 von 10 Stadträt*innen als fast so cool wie Berlin befinden – die aber selten als Kino zu gebrau­chen waren. Bei der Pres­se­kon­fe­renz wurde über das merklich vom Rahmen des Möglichen geprägte Programm getönt, man habe aus andert­halb Jahren Weltkino »den Rahm abge­schöpft«. Und reibt sich dann am undank­baren Vergleich mit den doch völlig anders aufge­stellten und finan­ziell ausge­stat­teten Festivals von Berlin und Cannes – deren Rahm halt doch etwas fetter ausge­fallen ist. Und die aktuelle persön­liche Konstel­la­tion an der Spitze hilft auch nicht gegen die Schi­zo­phrenie, die dem Filmfest München seit seinen Anfängen in der DNA sitzt, zwischen dem Gravi­ta­ti­ons­zen­trum als deutschem TV-Bran­chen­treff und dem Anspruch als inter­na­tio­nalem Filmfest.
Wie anders wäre wohl die Atmo­s­phäre gewesen, wie viel verbun­dener hätten wir alle uns dem »FFMUC« gefühlt, wenn vorab – wie es dann mitunter inof­fi­ziell geschah – offen und ehrlich kommu­ni­ziert worden wäre, wie schwierig dieses Jahr alles ist. Dass man sein Möglichstes versucht, es aber an manchen Stellen haken wird, und man aufs Wohl­wollen ange­wiesen ist. Wir waren doch eigent­lich alle auf einer Seite in der Freude, überhaupt endlich wieder ins Kino gehen zu dürfen!
Das Filmfest kommt einem grad ein bisserl vor wie ein Spezl, mit dem man früher verschworen rumge­hangen ist und sich näch­te­lang die Köpfe heiß geredet hat über tolle Inde­pen­dent-Filme, die man entdeckt hat. Ab und zu gab es viel­leicht auch mal Zoff, aber ernsthaft zerstritten hat man sich nie. Ein Spezl, der dann aber irgendwie, irgendwo, irgend­wann zu Geld kam. In die falschen Kreise geriet. Und der jetzt immer demons­trativ im Designer-Anzug rumrennt, auch »Indoor die Sonnen­brille nicht abnimmt, mit dem Schlüssel zum Ferrari rumspielt (von dem man weiß, dass die letzte Leasing-Rate noch nicht bezahlt ist), und der einen immer in den neuesten In-Club einladen und mit irgend­wel­chen Mode-Cocktails abfüllen will, damit er ange­strengt beiläufig die Namen der Schönen und Reichen fallen lassen kann, die er hier neulich gesehen hat.
Während man mit ihm eigent­lich einfach nur mit einem Kiosk-Bier an der Isar hocken möchte. Wo er einem dann zu vorgerückter Stunde plötzlich arg verschämt und kleinlaut gesteht, dass es ihm eigent­lich gar nicht sooooo gut geht.
Und man ihm den Arm um die Schulter legt und meint: ›Glaubst Du echt, wir haben das alle nicht gemerkt? Komm, jetzt erzähl. Ich hol noch ein Bier. Das wird schon wieder, wir kriegen das hin...‹«

Ein Gedenk­stein der namen­losen Gefal­lenen auf dem Indie-aner-Friedhof:
Geht an die Inter­na­tional Inde­pendents-Reihe, die dieses Jahr sang- und klanglos geopfert wurde.
Gewiss, ein eher symbo­li­scher Akt, da poten­ti­elle Beiträge in den anderen Reihen auszu­graben waren. Aber als solcher doch sehr bezeich­nend, dass man just diese Sektion – in der dieses Jahr viel zu holen gewesen wäre, nur halt keine berühmten Namen – als die verzicht­barste betrach­tete. Es bleibt zu hoffen, dass sich das Filmfest hier keinen Fluch einge­fangen hat!

Der Unfrie­dens-Nobel­preis der Occupy Fünf Höfe Bewegung:
Geht an Ghosts (Haya­letler) von Azra Deniz Okyay.
Es war der Maffeihof in den Fünf Höfen wahrlich kein dankbar zu bespie­lender Ort. Hier ist München ohnehin am unge­nier­testen, aber auch unsou­ver­änsten geldig, zeigt sein unsym­pa­thischstes G’schau. Als Kino aber – dem Theatiner quasi direkt vor die Nase gesetzt – war es vollends eine Farce. Von Kirchen- und Tram­bahn­glo­cken umbimmelt, vom Widerhall der gläsernen Fassaden durch­schep­pert, der Beleuch­tung der Schau­fenster über­strahlt, aus denen einen miss­bil­li­gend Hand­ta­schen für 400 € anschauten, während man Filme über Geflüch­tete guckte – wohin­gegen es aber für die meisten Sitze nur zu unbe­quemsten Plas­tik­stühlen mit Alibi-Sitz­kissen in Taschen­tuch­größe gereicht hat.
Und doch: Ghosts hat’s geschafft, gegen all das nicht nur anzu­kämpfen – sondern sich letztlich durch­zu­setzen. Das war gleichsam eine Auswei­tung dessen, was er auch auf der Leinwand vorex­er­zierte: Eine ener­ge­ti­sche Eroberung von Raum. In Ghosts geht es darum, wer sich die Straßen wie zu eigen macht. Der Film gibt einem ein authen­ti­sches Stadt­ge­fühl, Stadtbild davon, wie es wohl ist, im heutigen Istanbul jung zu sein – und eine junge Frau. Was sich aber in fiktio­na­li­sierten Straßen, Häusern und Plätzen abspielt: Obwohl der Stil oft fast doku­men­ta­risch wirkt, ist mit das Erste, was Regis­seurin und Produ­zentin im Q&A anschließend erzählten, dass es das darge­stellte Viertel so nicht gibt.
Wenn in der Schluss­szene die Prot­ago­nistin durch die menschen­leere Dämmerung tanzt, im Halb­dunkel Instan­buls, der Helle des farb­wech­selnden Licht­de­signs der Fünf Höfe, dann stellte das tatsäch­lich etwas anderes mit einem an, als wenn man im Bahn­wärter Thiel gesessen wäre, wo der Film mit der Umgebung ästhe­tisch eher verschmolzen wäre. Einfach, weil man mit der Prot­ago­nistin das Gefühl hatte, sich etwas Leben in einer Stadt zurück­er­obert zu haben, die einem nicht gehört, an einem Platz, an dem man nur geduldet wird, solange man zahlen kann.
Ghosts war wie Street Poetry gegen die etablierten großen und gewich­tigen Epen des türki­schen Arthouse-Films, wo alte Männer auf dem Land ihren letzten Oliven­baum pflegen, und sich am Ende poetisch ein Luft­ballon in dessen Ästen verfängt.
Und er war darin in diesem Film­jahr­gang durchaus typisch für einen erfreu­li­chen, erfri­schenden Abschied vom gewohnten Genre des »Festi­val­films«.
Da ist eine junge Genera­tion am Werk, die – egal wo sie inter­na­tional behei­matet ist – sich nicht mehr damit zufrieden gibt, nur sozi­al­rea­lis­ti­sches Betrof­fen­heits­kino abzu­lie­fern. Die zwar mit dessen Ästhetik flirtet – aber sie nicht mehr als Königsweg akzep­tiert, ihre eigene, gelebte Wahrheit zum Ausdruck zu bringen. Die unver­mu­tete Ausbrüche feiert ins Verspielte, Visionäre, Phan­tas­ti­sche, Meta­pho­ri­sche.
Ob Ghosts sich Istanbul erobert. Ob Residue die Heimkehr ins gentri­fi­zie­rende, schwarze Q-Street Viertel in Washington, D.C. mit hallu­zi­na­to­ri­schen Momenten durch­setzt, oder Topside sich für eine Geschichte über undo­ku­men­tierte Junkies in den U-Bahn­schächten New Yorks radikal in die Perspek­tive einer Fünf­jäh­rigen wühlt, die das Geschehen um sich nur frag­men­ta­risch wahrnimmt, begreift.
Ob A Nuvem Rosa verse­hent­lich prophe­tisch nah am Zeit­ge­schehen eine Liebes­be­zie­hung als Quaran­täne-Bubble insze­niert (selten war es so spannend, wann ein Film genau gedreht wurde!), oder El Perro Che No Calla – anfangs fast noch am typischsten für das Auslauf­mo­dell – auch urplötz­lich in den argen­ti­ni­schen Mill­en­nial-Alltag per Asteroid eine Pandemie platzen lässt.
Ob Mayday die Ausein­an­der­set­zung zwischen Männern und Frauen halb zum »Lost Girls«-Märchen, halb zum Welt­kriegs-Film phan­ta­siert. Oder ob La nuit des rois ein Gefängnis an der Elfen­bein­küste zur Bühne eines mythi­schen Epos’ macht:
Das ist ein Kino, das – bei allem Respekt – doch eine ganz andere Leben­dig­keit und Relevanz hat als die altmeis­ter­liche Gedie­gen­heit eines Kyoshi Kurosawa mit Wife Of A Spy, Benoît Jacquot mit der Duras-Verfil­mung Suzanne Andler. Und somit ein Indiz mehr, dass das wirklich Aufre­gende im Kino derzeit oft gerade nicht bei den bekannten, pres­ti­ge­träch­tigen Namen zu finden ist.

Der Inno­va­tion Award für die Anwe­sen­heit Denis Lavants:
Geht an La nuit des rois von Philippe Lacôte – den wohl stärksten, berau­schendsten, gran­dio­sesten Film des Festivals.
Wenn der anhebt damit, dass in dem herun­ter­ge­kom­menen Gefängnis eigene Gesetze gelten, schon längst die Insassen die Regeln bestimmen, dann erwartet man Sozi­al­studie oder Gangster-Genre. Und nicht etwa, dass es um archai­sche Rituale geht – um einen Herrscher an der Pforte zum Tod, und die Initia­tion eines neuen »Roman«, des Geschich­ten­er­zäh­lers des »Stammes«, in einer (von viel­leicht tausend­und­einer) Nacht, da der Mond blutrot leuchtet. Ein Myste­ri­en­spiel zwischen Fantasy und Shake­spear­schem Königs­drama.
Afri­ka­ni­sche Tradition verschmilzt mit altgrie­chi­scher Tragödie, wenn ein Chor in Wech­sel­ge­sang und Tanz die Handlung begleitet und Urteile auf Leben und Tod fällt. Alles steigert sich zu einer eksta­ti­schen, leib­li­chen Feier der »oral tradition«, ganz in Kino verwan­delt.
Und so furchtbar das womöglich grad alles nach ange­strengter »KUNST!« klingt: La nuit des rois fühlt sich nie verkün­s­telt an. Es baut sich eine Welt von einer Größe auf, die man direkt greifbar glaubt – obwohl sie im Film selbst oft nur durch Worte errichtet wird. Alle Darsteller werden zu einem essen­ti­ellen Teil des ganzen wogenden Gesche­hens, so sehr, dass man direkt erschro­cken innehält, wenn plötzlich Denis Lavant, ein Huhn auf der Schulter (aber keine Ziege auf dem Buckel...), im Raum steht, den Finger an die Lippen legt und kurz zum Inne­halten, zur Ruhe mahnt, bevor man wegge­spült wird. Und der »König« bewusst, alleine, beherrscht den Schritt ins Wasser geht (wie schon der Kini in den Laus­bu­ben­ge­schichten…) und die Wasser­massen über sich zusam­men­fluten lässt.

Der Pennywise Prize für die »It«-Location des Jahres:
Geht ans Sugar Mountain – wo besagtes Bächlein dann unter der Tribüne ein kleines rotes Bällchen herbei­ge­schwemmt hat – oder blitzte da doch die Nase eines lauernden Clowns hervor?

Edelmann
»We all float down here...« (Foto: Anna Edelmann)

Der Parti­ci­pa­tion Award:
Geht an die tradi­tio­nellen, diesmal unbe­tei­ligten Festi­val­kinos, die parallel auch »Live in der ganzen Stadt« Programm geboten haben – ganz so, wie das Filmfest es ausge­rufen hatte!
Dass etwa das städ­ti­sche Film­mu­seum einfach seine De Sica-Retro durch­ge­spielt hat, dass Kuchen­reu­ther seinen Normal­be­trieb ein bisserl passiv-aggressiv zum »Schwa­binger Kinofest« ausrief, spricht aber leider nicht dafür, dass zwischen Filmfest und der Stadt mit deren Kinoszene ein noch über­trieben freund­schaft­li­ches Verhältnis herrscht.

Der eherne Eisbach­wel­len­surfer:
Geht an das Münchner Publikum, das trotz aller Widrig­keiten tapfer und zahlreich dabei war.
Was man ohne Zweifel fest­stellen kann: Der Bedarf nach Kino, nach Filmfest war da bei der Münchner Bevöl­ke­rung – und er schien groß.
Es beschleicht einen fast das Gefühl, den Aller­meisten geht’s gar nicht um pseudo-coole Locations, sondern darum, Filme zu schauen – und je mehr, je besser. Hätten da nicht – und sei’s mit beschränktem Platz­an­gebot und recht kurz­fris­tiger behörd­li­cher Freigabe des Betriebs – die altge­wohnten Filmfest-Kinos mit zusätz­li­chen Vorstel­lungen vor allem tagsüber aushelfen können...?

Die Monaco Franze Statue:
Geht an die Festi­val­aus­gabe 2021.
Bei der man eben doch begeis­ternde und über­ra­schende Filme gesehen und entdeckt hat. Lang nicht gesehenen Leuten begegnet ist, sich mit ihnen ausge­tauscht hat. Endlich Tape­ten­wechsel hatte, statt allein daheim zu streamen.
Bussi, liebes Filmfest: A bisserl was geht immer…