15.07.2021

Mit Bravour bestanden

TApe Star
The Ape Star – so originell wie liebenswert
(Foto: Filmfest München)

In diesem Jahr war so manches anders beim Kinderfilmfest: Vor allem trat mit Tobias Krell ein neuer Leiter an, der vor allem durch seine Wissenssendungen als „Checker Tobi“ bekannt ist

Von Christel Strobel

Es ist schon eine Erin­ne­rung wert, dass das Kinder­film­fest von Anfang an, also von 1983, als fester Bestand­teil zum Filmfest München gehört und somit ebenfalls zum 38. Mal stattfand. Die archi­vierten – grafisch gestal­teten und gedruckten – Kinder­film­fest-Programme sind ein inter­es­santer Einblick in eine erstaun­lich viel­sei­tige inter­na­tio­nale Kinder­film­pro­duk­tion im Laufe der Jahr­zehnte. So war auch das Münchner Kinder­film­fest mit thema­ti­schen Film­reihen, Regie­por­träts, Begleit­se­mi­naren und so mancher wage­mu­tigen und heiß disku­tierten Film­ent­schei­dung infor­mativ wie inspi­rie­rend für die Kinder­film­szene.

In diesem Jahr nun war so manches anders beim Kinder­film­fest: Mit Tobias Krell trat ein neuer Leiter an – Kindern und Familien ist er vor allem von seinen Wissens­sen­dungen aus dem TV-Kinder­kanal als Checker Tobi bekannt und diese sympa­thi­sche Popu­la­rität war auch während des Kinder­film­fests zu erleben. Er tritt nun die Nachfolge an von Hans und Christel Strobel (1983-2004), Katrin Hoffmann (2005-2018) und Katrin Miller (2019).

Die aktuellen Corona-Bestim­mungen ließen – nachdem das Filmfest 2020 komplett ausge­fallen ist – heuer nur ein begrenztes Programm zu, das waren insgesamt vier Kinder­filme und zwei Folgen einer Jugend­serie, jeweils in einer Auffüh­rung im Sommer­kino am Olym­piasee und in einer Kino­vor­füh­rung im Rio Film­pa­last. Dass Open-Air-Auffüh­rungen einem natür­li­chen Wetter-Risiko ausge­setzt sind, spürten Team und Publikum in gleicher Weise: Nach einer schwung­vollen Eröffnung mit Lauras Stern in schönster Sommer­stim­mung, dienten die Schirme an den meisten Liege­stühlen als Sonnen­schutz (hübsches Bild!) am nächsten Tag als – sehr begrenzter – Regen­schutz… Zudem machte sich bereits am ersten, sehr sonnigen und hellen Nach­mittag der Nachteil der LED-Leinwand bemerkbar, dass nämlich bei dunklen sowie Nacht-Szenen auch das Bild sehr dunkel blieb. Der insgesamt gutge­launten Eröff­nungs-Stimmung aber machte das keinen Abbruch, wie die zahl­rei­chen Fragen der Kinder vornehm­lich an die junge Regis­seurin zeigten.

Zwei der neuen Kinder­filme hatten eindeutig die jüngeren Kinder im Blick:
Lauras Stern (Regie: Joya Thome, D 2020, 79 Minuten) ist die erste Real­ver­fil­mung nach einer Zeichen­trick­serie und dem erfolg­rei­chen Anima­ti­ons­film von 2004 (Thilo Graf Rothkirch, Piet de Rycker). Es ist schon erstaun­lich, dass Joya Thoma, die mit dem beacht­li­chen Kinder­film Königin von Niendorf 2017 debü­tierte (Kinder­film­preis des Verbands der deutschen Film­kritik), sich in ihrem zweiten Film den bekannten Kinder­büchern von Klaus Baumgart widmet. Erzählt wird die Geschichte von der kleinen Laura, die mit ihren Eltern und dem jüngeren Bruder samt dessen liebstem Spielzeug, dem hölzernen „Beschütz­mich­hund“, in eine andere Wohnung zieht und sich in der neuen Umgebung noch fremd fühlt. Als sie eines Tages einen Stern findet, der aus dem Weltall gefallen und sich verletzt hat, hilft sie ihm liebevoll und erlebt phan­tas­ti­sche Abenteuer zwischen Traum und Wirk­lich­keit. Abgesehen von einigen betu­li­chen Stellen spricht die Verbin­dung von realen Ereig­nissen in einer realen Welt mit der Mischung aus Special & Visual Effects auch ein jüngeres Publikum (ab 5) an. Der Kinostart ist für den 9. Dezember 2021 vorge­sehen, was dafür spricht, dass Lauras Stern als der Familien-Weih­nachts­film dieser Saison vorge­sehen ist. (Ausführ­liche Film­kritik folgt zum Kinostart)

The Ape Star (Regie: Linda Hambäck, Dänemark / Schweden / Norwegen 2021, 72 Min.)
Wer den originell wie liebens­wert gezeich­neten Anima­ti­ons­film Kommissar Gordon & Buffy (2017) kennt, kann sich auf den neuen Anima­ti­ons­film des gleichen Filmteams freuen, der aller­dings noch keinen deutschen Verleih hat. Diesmal ist es auch wieder eine Geschichte um Vorur­teile und Hilfs­be­reit­schaft, Ablehnung und Zusam­men­halt. Hier geht es um ein Waisen­haus, auf dessen Grund Tord Fjordmark (Stimme im Original: Stellan Skarsgård) einen lukra­tiven Wasser­park errichten und deshalb will, dass die Kinder adoptiert werden. Für das Mädchen Jonna aller­dings wäre dies genau das Richtige, denn sie sehnt sich nach einer Mutter. Als eines Tages eine große wie mächtige Gorilla-Dame (Stimme: Pernilla August) erscheint mit der Absicht, Jonna zu adop­tieren, ist das Kind erst mal erschro­cken. Doch langsam nähern sich die beiden an und Jonna gefällt das neue Leben, fühlt sich mit „Gorilla“ verbunden, auch weil sie das gleiche Schicksal der Ablehnung in ihrer Gesell­schaft teilen. Der fiese Tord Fjordmark aber gibt keine Ruhe und versucht Gorilla auszu­tricksen, um sich auch deren Land – einen bizarren Schrott­platz – anzu­eignen. Dass es letztlich ein gutes Ende gibt, wird auch jüngere Kinder glücklich aus dem Kino entlassen.
Der Zeichen­stil dieses Films ist ein ganz anderer als bei Kommissar Gordon & Buffy und man muss sich erst „ein-sehen“; wobei auch die wunderbar stimmige und von leisen Tönen durch­zo­gene Filmmusik zur Atmo­s­phäre des Films beiträgt. Vorlage für diesen Film ist das ausge­zeich­nete Kinder­buch „Ich, Gorilla und der Affens­tern“ von Frida Nilsson. Im Gespräch, das Tobias Krell vorab mit der aus Seoul stam­menden Regis­seurin Linda Hambäck per Video geführt hat und das nach der Film­vor­füh­rung auf der Kino­lein­wand zu sehen war, wurde deutlich, dass ihr das Thema Adoption aus der persön­li­chen Erfahrung nahe ist. Es ist zu hoffen, dass auch ihr neuer, in mehr­jäh­riger Arbeit entstan­dener Film, hier­zu­lande im Kino zu sehen ist.

Die beiden anderen Filme wenden sich an ältere Kinder ab zehn Jahren:
Mission Ulja Funk (R: Barbara Kronen­berg, Deutsch­land 2020), ein verrücktes Roadmovie, das im deutsch-russi­schen Familien-Milieu ange­sie­delt ist, zwischen Forscher­drang der zwölf­jäh­rigen Ulja und reli­giösem Eigensinn ihrer Oma. Ein Film, der im Rahmen der Initia­tive „Der besondere Kinder­film“ entstand und der die unter­schied­lichsten Reak­tionen auslöst. Für die einen enthält er zu viel Klamauk, die anderen amüsieren sich ob der schrägen Einfälle. Beim dies­jäh­rigen Kinder­me­di­en­fes­tival „Goldener Spatz“ verlieh die Kinder­jury ihren Haupt­preis an „Mission Ulja Funk“ und die Jury der Interfilm Akademie München, die seit 1986 Filme aus dem Filmfest München mit dem ONE-FUTURE-PREIS auszeichnet, vergab eine Lobende Erwähnung. (siehe auch Bericht Berlinale 2020).
Nachtwald, das Spiel­film­debüt von André Hörmann (D 2021), eine spannende wie einfühl­same Geschichte über die Funktion und Macht von Träumen und deren Verwirk­li­chung (siehe Festi­val­be­richt Goldener Spatz 2021), kam auch beim Münchner Publikum gut an und löste ein lebhaftes Gespräch aus. „Nachtwald“ ist bereits im Verleih von Farbfilm und kommt hoffent­lich bald ins Kino.

Die Jugend­serie Wir Sind Jetzt (Regie: Christian Klandt), wovon zwei Folgen aus Staffel 2 ausge­wählt wurden, war für den Kino­nach­wuchs zwischen Kinder- und Erwach­se­nen­film gedacht. Die von RTL 2 mit Förderung vom Medien­board Berlin-Bran­den­burg produ­zierte TV-Serie befasst sich mit diversen Problemen der Adoles­zenz am Beispiel einer Jugend-Clique. In den beiden Folgen geht es um sexuelle Orien­tie­rung eines 17jährigen Gymna­si­asten. Es war ein Versuch, der aller­dings in der Open Air-Auffüh­rung im Regen unterging und in der Kino­ver­füh­rung nur wenige vom gewünschten Ziel­pu­blikum erreichte.
Dem neuen Leiter des Kinder­film­fests ist es schon klar, dass es ein wichtiger Versuch war, den er weiter verfolgen will, dass dafür aber ein Rahmen geschaffen und nicht zuletzt ein griffiger Titel gefunden werden muss, der das gewünschte Publikum anspricht und zum Kino­be­such motiviert.

Für die Schulen gab es noch ein beson­deres Angebot: »Kino mit Tobi und Tim – Der filmische Schul­work­shop des Kinder­film­fest München« (mit Tobias Krell und Tim Gailus). Der Workshop-Film enthält Ausschnitte aus den Filmen Lauras Stern und Mission Ulja Funk.
Zum digitalen Schul-Workshop gibt es Arbeits­blätter (Text Ulrike Seyffarth) für die film­pä­d­ago­gi­sche Beglei­tung. Diese Programmer­wei­te­rung kann nicht hoch genug geschätzt werden, nachdem Film­erzie­hung im Schul­un­ter­richt hier­zu­lande (im Gegensatz zu Frank­reich) immer noch nicht verankert ist.

Es war keine leichte Aufgabe, unter den dies­jäh­rigen Bedin­gungen das Kinder­film­fest durch­zu­führen. Da muss man schon eine uner­schüt­ter­lich opti­mis­ti­sche Grund­hal­tung haben und überzeugt von der Sache sein – und Tobias Krell hat das mit Bravour bestanden.
Sein Resümee macht Hoffnung für die kommenden Jahrgänge:
»In erster Linie freue ich mich, endlich wieder Kino erlebt zu haben! Hunderte Kinder vor einer Leinwand, Filme für alle Alters­klassen, Open-Air und ‚echter’ Kinosaal – ich bin froh und stolz, dass wir das unter den immer noch erschwerten Pandemie-Bedin­gungen hinbe­kommen haben. Die Begeg­nungen mit den Film­schaf­fenden, die Publikums-Gespräche und einfach die Stimmung in der ganzen Stadt, das waren High­lights. Manches hat auch noch nicht so hinge­hauen, wie wir uns das vorge­stellt haben, aber das motiviert umso mehr für die kommenden Jahre. Auf jeden Fall hat das Festival mir Lust gemacht, noch weitere Jahrgänge mitzu­ge­stalten!«