07.11.2019

You don’t have to get drunk to kiss Catherine Deneuve!

JT Leroy
Das Leben als Fiktion und Verkleidung: JT Leroy

Das 25. Bimovie – Eine Frauenfilmreihe appelliert an die Solidarität und Selbstbestimmung der Frauen

Von Dunja Bialas

Zu Beginn ein schönes Gebot: Frauen soll man nicht nach dem Alter fragen. Auch wenn das Münchner »Bimovie – Eine Frau­en­film­reihe« ab diesem Donnerstag das 25. Jubiläum begeht, heißt das noch lange nicht, dass es wirklich erst zarte 25 Lenze zählt, auch wenn die Ausgaben ordent­lich durch­num­me­riert wurden: Dieses Jahr ist »Bimovie 25«.

Das Jubiläums­heft zu 30 Jahre Filmstadt führt 1988 als Grün­dungs­jahr der »Geier­wallis«. Hinter diesem schönen Namen verbirgt sich eine Frau­en­gruppe des Kultur­la­dens Westend, die seit Anbeginn die Frau­en­film­reihe orga­ni­siert. Seit 1991 ist sie mit ihrer Filmreihe Mitglied in der Filmstadt München, das sind 28 Jahre. Zwischen­durch wurde auch mal pausiert, und so blickt Bimovie zwar auf insgesamt 31 Jahre Geschichte zurück und ist trotzdem »erst« ein Vier­tel­jahr­hun­dert alt.

Bimovie-Belle-Epoque

Eine Retro­spek­tive in zehn Programmen ist das Jubiläums-Herzstück von Bimovie. Zu sehen sind Filme aus 25 Festi­val­jahren, darunter der Belle-Epoque-Mädchen­in­ter­nats­film Olivia (FR 1951) von Jacque­line Audry, eine der frühen fran­zö­si­schen Regis­seu­rinnen, Begierde (USA 1982) von Tony Scott, Bruder von Ridley Scott, in dem Catherine Deneuve und David Bowie ein Vampir-Paar spielen, in der glanz­vollen »Cinema du Look«-Ästhetik der 1980er Jahre. Oder Katzen­ball (CH 2005) der Bernerin Veronika Minder, der eine Zeitreise durch fast 100 Jahre Lesben- und Frau­en­geschichte liefert.

In der Grün­dungs­zeit gab es das große, uner­füllte Bedürfnis, Frau­en­filme zu sehen. »Aber wo?«, schreiben die Geier­wallis im Filmstadt-Jubiläums­heft. München war damals aus film­fe­mi­nis­ti­scher Perspek­tive Provinz, also begannen sie, Filme zu zeigen, die sie selbst sehen wollten. Anders als die populär gewor­denen Queer­filme befassen sich Frau­en­filme nicht zwingend mit Geschlechts­iden­ti­täten. Sie verstehen sich viel allge­meiner, politisch und gesell­schaft­lich, machen sich zugleich aber auch nicht mit den in Mode gekom­menen Filmen über »starke Frauen« gemein. Ihre Prot­ago­nis­tinnen sind nicht Frauen, die sich in der Männer­welt behaupten, sondern Frauen, die sich selbst defi­nieren, außerhalb des binären gesell­schaft­li­chen oder geschlecht­li­chen Konzepts.

Die Haut ist auch nur eine Verklei­dung der Seele

Frauen sind auch Spie­le­rinnen, die die Welt durch­ein­an­der­bringen. Eine von ihnen ist Jeremiah »Termi­nator« Leroy, die sechs Jahre lang die Welt des Literatur-Pops narrte, als angeb­liche Trans­gender-Ex-Stricher-Autorin, HIV-positiv und mit noch weiteren Attri­buten, auf die sich der Lite­ra­tur­be­trieb stürzte, in der Gier nach der guten Story hinter den Büchern. JT Leroy war eine Kunst­figur, die die Künst­lerin und Filme­ma­cherin Savannah Knoop verkör­perte, auf Anregung ihrer Freundin, der Schrift­stel­lerin Laura Albert. Das Leben als Fiktion und Verklei­dung – ein post­mo­dernes Konzept, das dem Credo folgt, dass selbst nackt der Mensch nur seine Seele verkleidet. Der ameri­ka­ni­sche Regisseur Justin Kelly hat daraus den Film JT Leroy gemacht, stilis­tisch ein American Inde­pen­dent, mit Laura Dern, Kristen Stewart und Diane Kruger. Der Film eröffnet am heutigen Donnerstag die 25. Bimovie-Frau­en­film­reihe. (Spiel­ter­mine: Do, 7.11., 19:00, Wdh. am So, 10.11., 21:00)

Kruzifix, du Männer­welt!

Verkrus­tete Gesell­schafts- und Gender-Struk­turen sind in vielen osteu­ro­päi­schen Ländern Alltag. In Nord­ma­ze­do­nien gibt es ein Neujahrs­ri­tual, bei dem Frauen ausge­schlossen sind: Ein Kruzifix wird in das eiskalte Fluss­wasser geworfen, wer es heraus­fischt, hat ein Jahr lang nur Glück. Petrunya hat schon zu Beginn des Jahres Glück und zieht das Kreuz verbo­te­ner­weise aus dem Wasser. Gott existiert, ihr Name ist Petrunya zeigt die Provo­ka­tion der Gesell­schaft durch eine handelnde Frau in Form einer Satire, in der auf einen Streich die Kirche, die Männer­ge­meinde und die Tradi­tionen heraus­ge­for­dert werden. (Fr, 8.11., 19:00, zu Gast: Regis­seurin Teona Strugar Mitevska, Wdh. am Mi, 13.11., 21:00)

Riot Grrrls

Nicht immer müssen Frauen Einzel­kämp­fe­rinnen sein. Eine der berühm­testen Ikonen des soli­da­ri­schen Zusam­men­halts ist die rote Zora, ein Mädchen aus Jugo­sla­wien, Anfüh­rerin einer aus sozialer Not kriminell gewor­denen Kinder­bande, deren oberstes Gebot die Soli­da­rität ist. Kurt Held schuf ihr 1941 ein lite­ra­ri­sches Denkmal. In den 1970er Jahren formierte sich nach dem delin­quent-poli­ti­schen Vorbild eine militante Frau­en­gruppe im Kontext der Revo­lu­ti­onären Zellen. Ihre als terro­ris­tisch einge­stuften Aktionen richteten sich vor allem gegen die alltä­g­liche Gewalt gegen Frauen, gegen den Repro­duk­ti­ons­wahn, gegen die patri­ar­chalen Struk­turen. Das Frau­en­Les­benFil­mCollectif hat über den Bruch mit der angeb­li­chen Fried­fer­tig­keit der Frau einen erhel­lenden Doku­men­tar­film gemacht: Frauen bildet Banden. (Sa, 9.11., 17:00, Wdh. So, 10.11. 19:00, zu Gast an beiden Terminen: die Regis­seu­rinnen)

Auch das Knüpfen gleich­ge­schlecht­li­cher Bande konnte Frauen in der Vergan­gen­heit stark machen. Das zeigt im Kino gerade Céline Sciammas stim­mungs­voller Porträt einer jungen Frau in Flammen über eine Portrait­ma­lerin im 18. Jahr­hun­dert. In Wild Nights with Emily der Ameri­ka­nerin Madeleine Olnek geht es um die lebens­lange Affäre von Emily Dickinson zu ihrer Jugend­freundin Susan, die Emilys Bruder heiratet, um der Dichterin nahe sein zu können. Nach dem Tod von Dickinson adres­sierte die Verle­gerin, jetzt wiederum selbst mit dem Bruder der Dichterin verhei­ratet, postum die Briefe, die Emily an Susan geschrieben hatte, an einen Mann um. Das klingt nach Verwechs­lungs­komödie, und der Film wird auf IndieWire als »beste lesbische Komödie seit Jahren« gehandelt. (Sa, 9.11., 19:00, Wdh. Di, 12.11., 21:00)

Auffällig ist, dass von den Männern herbei­ge­führte Debatten bei Bimovie keine Rolle spielen. »Me too« ist für die selbst­be­wussten Frauen von Bimovie keine Kategorie, über die nach­ge­dacht werden muss. Die Iden­ti­fi­ka­tion der Bimovie-Frau lässt sich eher in der Appell­struktur fassen: You too, komm her und schließ dich an.

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Bimovie 25 – Eine Frau­en­film­reihe
07.-13.11.2019
Neues Maxim
Die Retro­spek­tive findet im Werk­statt­kino statt.
Das ganze Programm mit allen Spiel­ter­minen gibt es hier.

Bimovie 25 ist eine Veran­stal­tung der Filmstadt München e.V.

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