22.08.2019

Der Kapitän hat das Schiff verlassen, doch das Schiff fährt weiter

Peppermint Frieden
Peter Fonda (1940-2019) in Marianne Rosenbaums Peppermint Frieden (1983)

Peter Fonda war nicht nur »Captain America« einer bis heute einflussreichen Gegenkulturbewegung, sondern auch Kaugummilieferant in Nachkriegsdeutschland. Und ohne ihn hätte das Bonanzarad wohl kaum Kultstatus erreicht. Am vergangenen Freitag ist Fonda an den Folgen seiner Lungenkrebserkrankung gestorben

Von Axel Timo Purr

»Wyatt: You ever want to be somebody else?
Stranger: I’d like to try Porky Pig.
Wyatt: I never wanted to be anybody else«
.
- Peter Fonda als Wyatt in Easy Rider (1969)

Genauso wie Roman Polanskis Gedanken hätten mich auch Peter Fondas Eindrücke zu Quentin Taran­tinos Once Upon a Time... in Hollywood inter­es­siert. Doch viel­leicht war Fonda schon zu krank, als Taran­tinos Film vor einem Monat in den USA anlief, um noch einen Tweet über den Nach­ge­bo­renen und seine Gedan­ken­spiele über das Jahr 1969 abzu­schi­cken. Ein Tweet, der viel­leicht so wütend ausge­fallen wäre, wie seine Tweets gegen die Politik von Donald Trump vor einem Jahr. Denn schließ­lich hätte auch Fonda so wie die Figur Polanskis in Taran­tinos Film auftau­chen können, war Fonda Teil jener Hippie-Bewegung, der Tarantino in seinem Film den Todesstoß versetzt. Und mehr als das, war Peter Fonda durch seinen Vater Henry Fonda mit der anderen Seite sogar bluts­ver­wandt, mit dem alten Hollywood, dessen letzte Atemzüge Tarantino ja ebenfalls in Once Upon a Time... in Hollywood skizziert, ohne da dabei auch nur einen Blick auf das New Hollywood zu werfen, das das alte Hollywood ablösen sollte und zu dem auch ein paar Hippies wie Peter Fonda und Dennis Hopper gehörten.

The Trip
Peter Fonda und Dennis Hopper in Roger Cormans THE TRIP (1967)

Dass sich etwas ändern musste, war aller­dings schon vor dem Jahr 1969 allen klar. Spätes­tens im Jahr 1967, als Roger Vadim am Ende der Dreh­ar­beiten mit Barba­rella stand und Peter Fonda und seine Schwester Jane Fonda sich für Vadims Teil der Film-Antho­logie Spirits of the Dead vorbe­rei­teten. Fonda traf dort den Barba­rella-Dreh­buch­autor Terry Southern, dem er seine Idee unter­brei­tete, das alte Hollywood seines Vaters mit seinen alten Western in eine neue Zeit zu über­führen und einen neuen Western zu drehen, in dem die Cowboys statt auf Pferden zu reiten auf Motor­rä­dern fuhren. Inspi­riert davon war Fonda durch die Low-Budget Biker-Filme von Roger Corman worden, durch Die wilden Engel (1966) und noch einmal mehr durch Cormans THE TRIP (1967), in denen Fonda und sein Freund Dennis Hopper, aber auch Jack Nicholson vor der Kamera gestanden hatten. Southern erklärte sich bereit, an einem Drehbuch für Easy Rider zu arbeiten, für dessen Titel Southern dann auch verant­wort­lich zeichnete. Mit Dennis Hopper und Fonda wurde das Drehbuch erweitert und etliche Szenen während der On-Location-Drehs spontan impro­vi­siert, so dass nach der Nomi­nie­rung für einen Oscar für das beste Drehbuch Streit darüber ausbrach, wessen Anteile am Drehbuch am rele­van­testen waren.

Easy Rider
Peter Fonda als Captain America in Easy Rider (1969)

Doch der Erfolg des Films, der gleich­zeitig den Durch­bruch von New Hollywood bedeutete, ließ den Streit schnell verebben. Hopper genoss nach dem Crowd-Funding-Chaos von Easy Rider das viele Geld von Universal, um an seinem Last Movie zu arbeiten, in dem auch Fonda wieder mitwirken sollte. Doch so wie Hopper mit diesem Film sein Heaven’s Gate erlebte, so hatte auch Fonda hinter der Kamera keine glück­liche Hand, weder mit dem Western The Hired Hand (1971) noch mit dem Science Fiction IDAHO TRANSFER (1973), für die er jeweils Regie führte.

Statt­dessen erspielte sich Fonda bis in die 1980er über­ra­schende Erfolge als Action-Darsteller, sei es in Susan Georges DIRTY MARY, CRAZY LARRY (1974) oder in THE CANNONBALL RUN (1981). In den 1980ern begann Fonda sein schau­spie­le­ri­sches Feld wieder zu erweitern. Er inter­es­sierte sich plötzlich weniger für Groß­pro­duk­tionen als Inde­pend­ents. Es schien fast so, als würde er sich ein weiteres Mal schau­spie­le­risch von seinem eigenen, so berühmten wie narziss­ti­schen Vater eman­zi­pieren wollen, den er als Gespens­ter­sil­hou­ette immer wieder in seinem Freund Dennis Hopper aufblitzen sah. Eine Freund­schaft, die Grundzüge einer gespal­tenen Persön­lich­keit trug, die bei allen symbio­ti­schen Momenten unter­schied­li­cher nicht hätte sein können, sowohl in den künst­le­ri­schen Ansprüchen als auch der Idee dieses immer vageren Traums, eine andere, viel­leicht wahr­haf­ti­gere Art von Leben zu leben.

Wie schon bei den Anfängen seiner Karriere, die er wie sein Vater am Theater begann, schien es Fonda Spass zu machen, in jeder Phase seiner Karriere fast schon demons­trativ nicht immer nur den besten Film und die beste schau­spie­le­ri­sche Darbie­tung zu erzielen, sondern auch immer wieder mutig »dane­ben­zu­greifen« und anders als sein Freund Dennis Hopper, auch im Main­stream mitzu­wirken oder sich auf Filme­ma­cher einzu­lassen, die alles andere als meis­ter­werks­ver­dächtig waren.

Dirty Mary
Dirty Mary, Crazy Larry (1974)

Das mochte auch daran liegen, dass Fonda, anders als sein distan­zierter Vater, stets versucht hat, Kinder und Familie auch in sein beruf­li­ches Leben zu inte­grieren; seine 5-jährige Tochter Bridget Fonda durfte ihre erste Rolle in Easy Rider als Kind in einer Hippie-Kommune spielen und seine Ranch in Paradise Valley in Montana war trotz Fondas Schei­dungen stets familiäre Anlauf­stelle und damit ebenfalls ein Statement, »fami­li­en­po­li­tisch« aus dem dunklen Schatten seines Vaters Henry zu treten, für den die Karriere stets Vorrang vor der Familie hatte. Wohl auch deshalb haderte Fonda wegen dem Suizid seiner Mutter Frances Seymour in einer Nerven­heil­an­stalt fast sein ganzen Leben mit seinem Vater, nicht nur weil er die Verant­wor­tung für den Tod der Mutter bei seinem Vater sah, sondern auch weil Henry Fonda nie versucht hatte, die Familie auf irgend­eine Weise zu »retten«.

Fondas ständige Suche nach neuen Ausdrucks­mög­lich­keiten und von außen bizarr anmu­tenden Lebens- und Karrie­re­wen­dungen führte ihn schließ­lich auch nach Deutsch­land, wo er 1983 in Marianne Rosen­baums Pepper­mint Frieden »Mister Frieden« spielt, einen ameri­ka­ni­schen Soldaten, der nach dem Krieg in einem kleinen Dorf im Baye­ri­schen Wald Pfef­fer­minz­kau­gummis an Kinder verteilt und eine Affäre mit der Einhei­mi­schen Nilla hat. Bis sich dann die Fronten wieder verhärten und »Mister Frieden« weiter­ziehen muss, um im Korea­krieg zu kämpfen.

Nach zahl­rei­chen weiteren kleinen Produk­tionen, in denen er u.a. in der italie­ni­schen Mini-TV-Serie Gli indif­fe­renti (1989) mit Liv Ullmann vor der Kamera stand, kehrte er in den 1990ern wieder zu den Groß­pro­duk­tionen zurück und hatte mit Ulee’s Gold (1997) nicht nur einen großen Hit, sondern auch wieder eine Oscar-Nomi­nie­rung.

Ulles Gold
Fonda in Ulee’s Gold (1997)

In den 2000er begann sich Fonda zunehmend für den Umwelt­schutz zu enga­gieren, produ­zierte mit Tim Robbins die Doku­men­ta­tion The Big Fix (2011) und kriti­sierte in diesem Kontext auch Barack Obamas Rolle während der Deepwater Horizon-Kata­strophe. Fonda spielte, produ­zierte und schrieb bis zu seinem Tod uner­müd­lich weiter, Genre-über­grei­fend und frei wie es sich für die Ideale der Gegen­kultur gehörte, die er mitge­prägt hatte und in der sicher auch Quentin Tarantino eine gar nicht mal so unsym­pa­thi­sche Rolle einge­nommen haben dürfte.

Mir hat Peter Fonda mit Easy Rider nach meinen ersten filmi­schen Initia­li­sie­rungen wie Nordsee ist Mordsee und Der Schatz im Silbersee fast schon trau­ma­tisch die Augen und meinen Verstand geöffnet und vor allem mein über alles geliebtes Bonan­zarad beschert, auf dem jeder Junge seine Pubertät als Captain America, Billy oder George Hanson ausleben konnte. Und wie so vieles dieser so schwer einzu­gren­zenden Gegen­be­we­gung, für die Easy Rider stand und steht, ist viel­leicht das Bonan­zarad der humor­vollste Kommentar auf den Versuch, eine gesell­schaft­liche Gegen­be­we­gung dann doch bis in die Kinder- und Jugend­zimmer zu tragen. Es kommt, aber meistens dann doch ganz anders: »Take it easy, take it as it comes.«

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