04.05.2019

Gundermann, Dresen und das Kino als »Seelen-Ort«

Gundermann
And the winner is… Gundermann!

Menscheln und mauscheln: Kommentar zum deutschen Filmpreis und zur Lage des deutschen Films

Von Rüdiger Suchsland

So lang war eine deutsche Film­preis­ver­lei­hung selten: Fast vier Stunden dauerte alles, und selbst das ZDF, das in seiner Über­tra­gung alle Reden kürzte und fast jeden Satz mit Substanz heraus­strich, kam nur knapp unter drei Stunden Über­tra­gungs­zeit. Und wie es bei solchen Veran­stal­tungen so ist: Die Länge lag umgekehrt propor­tional zur Bedeutung des Ereig­nisses.

Deutsche Thriller gibt es seit Jahren kaum noch im Kino, so hielt sich auch die Spannung bei diesem Filmpreis in sehr engen Grenzen: Der allge­meine Favorit, der Kostüm­film Gunder­mann über den singenden Bagger­fahrer und Arbeiter-Barden der DDR, gewann vier Preise und wurde zum »Besten Film« gekürt – eine freund­liche Vernei­gung der Film­aka­demie vor den ansonsten im Kino abge­hängten Ossis zum Jubiläum der Wieder­ver­ei­ni­gung.
Aber dass Andreas Dresen wirklich der beste deutsche Regisseur sein soll, das glaubten noch nicht mal viele im Saal.

Der ästhe­tisch anspruchs­vollste Nomi­nierte, Styx von Wolfgang Fischer, in dem Susanne Wolff eine Allein­seg­lerin spielt, die auf dem Meer ihre persön­liche Flücht­lings-Höllen­fahrt erlebt, wurde dreimal ausge­zeichnet. Und da übersehen wir besser höflich, dass der Regisseur Öster­rei­cher ist.

Auch sonst war wenig falsch und vieles richtig an den Preisen vom Frei­tag­abend: Louise Heyer als heraus­ra­gende deutsche Darstel­lerin endlich zu erkennen, ist über­fällig, statt den ganzen üblichen Verdäch­tigen, einen weiteren Preis zu geben. Ebenso ist Alexander Fehlings Leistung als Agen­ten­büro­krat im BND-Drama Das Ende der Wahrheit großartig. Und dass man die über Jahr­zehnte miss­ach­tete Marga­rethe von Trotta endlich als auch inter­na­tional große deutsche Regis­seurin anerkennt – auch das wurde Zeit und ist gut so.
Sogar in manchen Nicht-Nomi­nie­rungen hatte die Film­aka­demie sehr gute, dringend nötige Zeichen gesetzt – auch gegen die Funk­ti­onäre des deutschen Films.
Dass man etwa die fett durch­ge­för­derte und zum deutschen Oscar-Kandi­daten hoch­ge­jazzte Geschmacks­ver­ir­rung Werk ohne Autor komplett igno­rierte, war eine Ohrfeige für Florian Henckell von Donners­marck und die ganzen Adabeis, die sich gern zu ihm auf die Bühne stellen.

Alles in Butter also im deutschen Film? Keines­wegs!

Erinnern wir nochmal daran: Der deutsche Filmpreis ist ein Kultur­preis. Zumindest in der Theorie.

Ein deutscher Oscar ist er jeden­falls nicht. Denn beim Oscar werden keine Dollar­mil­lionen aus Steu­er­gel­dern ausge­schüttet, beim deutschen Filmpreis sehr wohl: Drei Millionen Euro – zur Kultur­för­de­rung, nicht zu vergessen. Die deutsche Bundes­re­gie­rung vergibt das Geld, will aber nicht darüber entscheiden. Also darf es sich die Film­branche selbst vergeben – das zeigt vor allem die Verach­tung der deutschen Politik für das Kino.

Das Kino sei ein »Seelen-Ort«, flötete gestern Kultur-Staats­mi­nis­terin Monika Grütters. Und sprach von Filmkunst als Mittel zur Förderung einer »Kultur des Mitein­an­ders.«
Das gibt die Richtung vor: Nichts gegen Mitein­ander. Aber Kino ist Kunst und nicht die Bebil­de­rung des politisch Gewünschten. Gutes Kino kann oft genug spalten und entzweien – und gerade die Debatten, die dann entstehen, der frucht­bare Streit ist es, woran einer offenen Gesell­schaft gelegen sein muss. Kino als Harmo­nie­soße und Schmier­mittel der Gesell­schaft ist Sozial-Pädagogik, nicht Kunst.

Jedes Jahr gibt es daher den gleichen Ärger: Gerade wichtige und künst­le­risch radikale Filme sind erst gar nicht nominiert worden, bekamen also nie eine Chance auf einen Preis. Statt­dessen gibt es viel Durch­schnitts­ware.

Und der genauere Blick auf Preise und Nomi­nie­rungen zeigt: Ein Film der nicht schon vorher von den allmäch­tigen Förder­instanzen gefördert wurde, hat keine Chance bei dieser Akademie.
Der unbe­kannte Nachwuchs hat keine Chance.
Ein Film, der nicht gut vernetzt ist, der nicht mit Produzent, Regisseur und Darsteller bekannte Namen bietet, hat keine Chance.
Frauen haben kaum eine Chance – wenn sie nicht wie Caroline Link als Oscar­preis­trä­gerin sehr bekannt sind.
Filme, die keine Lobby­isten und mächtigen Herren und Damen der deutschen Branche in den Sendern und vor allem den Förder­insti­tu­tionen hinter sich haben, haben keine Chance.

Chancen haben Filme, die entweder von bekannten Personen handeln – dieses Jahr Gunder­mann, letztes Jahr Romy Schneider – oder die wichtige Themen illus­trieren, wie die mora­li­schen Abgründe unseres Flücht­lings­um­gangs.
Oder eben Best­sel­ler­ver­fil­mungen wie Der Junge muss an die frische Luft.

Damit spiegelt der Filmpreis exakt die Situation des deutschen Kinos. Es ist ein Kino der Funk­ti­onäre und der wichtigen Themen. Ein Kino der Macht und des Inhal­tismus. Es ist kein Kino des Wider­stands und der Irri­ta­tion, kein Kino der Form und der Ästhetik.
Wolfgang Fischers Styx ist die große, erfreu­liche Ausnahme in diesem Bild. Aber der ist wie gesagt Öster­rei­cher.

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