25.04.2019

Die Kinder von Marx und Coca-Cola

Dark Spring
Ein aktivistisches Setting: Gelesen wird »SCUM«, gesetzt auf Special Effects (Dark Spring)

Ingemo Engström gehört zusammen mit Wim Wenders und Werner Schroeter zu den ersten Absolventen der HFF München. Dennoch sind ihre Filme heute kaum bekannt. Zur Retrospektive im Filmmuseum München

Von Dunja Bialas

Die Zukunft hatte gerade ange­fangen, als Ingemo Engström ihren ersten Langfilm an der HFF München reali­sierte. Die Finn­land­schwedin mit den »twen«-Model-Qualitäten wäre unter anderen Umständen vermut­lich eine der äthe­ri­schen Darstel­le­rinnen bei Wim Wenders, Klaus Lemke oder Rudolf Thome geworden, die damals gerade mit dem Filme­ma­chen begonnen hatten. Sie aber hatte studiert, in Finnland Lite­ra­tur­wis­sen­schaft und Psycho­logie, später Medizin in Hamburg, und erwartete etwas anderes vom Leben, Verant­wor­tung, Kreation, nicht nur Repro­duk­tion und Unter­ord­nung. Sie ging nach München, wo es bereits seit Mitte der 1950er Jahre das DIFF (Deutsches Film- und Fern­sehin­stitut) gab, den Vorläufer der HFF (Hoch­schule für Fernsehen und Film), das sich jedoch noch auf die Film­ver­mitt­lung und das Filme­zeigen konzen­trierte und auch mit Fritz Falter, dem Erfinder der Münchner Film­kunst­wo­chen, in Verbin­dung stand. Filme wurden dort noch nicht gemacht, auch wenn Werner Herzog bereits ein- und ausging.

1967 wurde Engström als eine von vier Frauen in die Regie-Klasse des ersten Jahrgangs der neu gegrün­deten HFF aufge­nommen. Die meisten ihrer Kolle­ginnen inter­es­sierten sich für den Fern­seh­be­reich, machten dort später auch Karriere als Redak­teu­rinnen. Bei der Filmregie sah das anders aus. Die Frauen durften assis­tieren, nur selten konnten sie eigen­s­tändig arbeiten. Aber mit den Jahr­gangs­kol­legen Wim Wenders, Werner Schroeter und Gerhard Theuring, mit dem Engström ihre Filme später reali­sierte, konnte auch das Filme­ma­chen in neue Bahnen gelangen, sie arbei­teten immer wieder mit denselben Kame­ramän­nern, Schau­spie­le­rinnen und Schau­spie­lern. Engströms Thema wurde all das, womit sie auch unmit­telbar im Leben zu tun hatte: das Frausein, die Lebens­wirk­lich­keit mit ihren sich verän­dernden poli­ti­schen und sozialen Verhält­nissen, die Liebe. In ihren Filmen gehen die Fiktionen meist unmit­telbar in die doku­men­tierte Wirk­lich­keit über, sie arbeitet auch mit Inter­views, die sie in ihre Utopien von einer anderen Welt bettet. Engström ist glei­cher­maßen Theo­re­ti­kerin und Träumerin.

Frau­en­fragen

Das Film­mu­seum München widmet jetzt dem 1941 in Finnland geborenen »Superstar des femi­nis­ti­schen Films« eine Retro­spek­tive. In neu abge­tas­teten, nicht jedoch restau­rierten Kopien – was das Flirren des Film­ma­te­rials bewahrt hat, die Kratzer sind erhalten, selbst die Über­blend­zei­chen – kann die Zeit der 1970er Jahre noch einmal aufleben. Die Frauen befinden sich mitten im Kampf um die sexuelle, gesell­schaft­liche und beruf­liche Gleich­stel­lung, entwerfen neue Lebens­mo­delle jenseits der Paar­be­zie­hung, entwi­ckeln ihre Diskurse und finden zur poli­ti­schen Sprache. Engströms Abschluss­film Dark Spring – gedreht in Farbe und im 35mm-Breit­wand­format, und nicht wie Wim Wenders' Abschluss Summer in the City (1970) auf 16mm und in Schwarz­weiß, wie Engström am Dienstag Abend im Film­mu­seum mit einem gewissen Stolz erzählt – zeugt von dieser Selbst­be­wusst­wer­dung.

In einer Mischung aus Spiel­fil­m­ele­menten und Inter­view­szenen entfaltet Engström eine Bestands­auf­nahme der bereits erwachten Frau­en­be­we­gung. Katrin Seybold, die im selben Jahr mit dem Filme­ma­chen begann, Edda Köchl, mit Wim Wenders verhei­ratet, Ilona Schult, bereits von Akti­ons­künstler HA Schult geschieden, auch Ingemo Engström und Gerhard Theuring treten vor die Kamera und insze­nieren ihr eigenes Leben, das sie mehr oder minder so in München führten. Vorbilder sind spürbar, der frühe Godard, die Nouvelle Vague insgesamt, aber zu sehen ist vor allem, wie expe­ri­men­tier­freudig der femi­nis­ti­sche Film damals war. Anders und radikaler als die Filme der männ­li­chen Kollegen spielte er mit den Erzähl­formen und brach sie auf, immer auf der Suche nach einer tiefer­lie­genden Wahrheit.

Sex & Politik, Kampf & Liebe

Die Prot­ago­nis­tinnen bei Engström, das sind die Kinder von Marx und Coca-Cola. Ilona Schult trägt im Interview als modisches Signal einen roten Che-Guevara-Stern auf ihrem kaki­far­benen T-Shirt und argu­men­tiert, während sie von ihren Erfah­rungen in einer Kita-Eltern­gruppe berichtet, ganz nebenbei lupenrein marxis­tisch und system­kri­tisch. Katrin Seybold, die später Filme zum Natio­nal­so­zia­lismus machte, spricht über das Scheitern der Paar­be­zie­hung und die Notwen­dig­keit, sich der Diskurs­mittel zu bemäch­tigen. Dabei wird sie von ihrer blonde Locken­mähne umrahmt, ihre stark geschminkten und dicht bewim­perten Augen­lider klappen auf und nieder wie bei einer Puppe, was alles so gar nicht zu den kämp­fe­ri­schen Worten passen mag. Aber wir haben nur vergessen, wie das damals zusam­men­gehörte: der Sex und die Politik, der Kampf und die Liebe. Dark Spring ist ein filmi­sches Zeugnis davon.

Die Kraft des Films kommt aus dieser explosiv wirkenden Mischung, in der die Kamera als Kampf­mittel einge­setzt wird und der Film als Medium der Botschaft dient. Diese offen­sicht­liche Ebene entfaltet sich jedoch in extrem sinn­li­cher Weise. Dark Spring gibt das Lebens­ge­fühl dieser damals fast Dreißig­jäh­rigen wieder, der Frauen und Männer, die das Leben schon kennen­ge­lernt haben, aber immer auch noch jugend­lich sind, viel­leicht sind sie eine der ersten Gene­ra­tionen, die die Schwelle zum Erwach­se­nen­sein nie wirklich über­schritten haben. Engström erzählt, dass sie oft an den Stadtrand fuhren, »und da haben wir einfach nur geschaut«, wie die Prot­ago­nisten in Dark Spring. Dieser Blick, der aufsaugt und spürt, was die Welt ist, wird von Bernd Fiedler mit seiner Kamera einge­fangen. Kurz zuvor hatte er Rudolf Thomes Rote Sonne foto­gra­fiert, einen Meilen­stein für das Lebens­ge­fühl der anbre­chenden 1970er Jahre, das es in dieser Form wohl nur in München geben konnte.

Filme wie Zeit­bilder

Engströms Filme fangen in diesen lang anhal­tenden Szenen des »Schauens« auch einfach nur die Zeit ein, das Atmen und Pulsieren dieser Ära. Ihre Filme bestehen aus zahl­rei­chen Ansichten aus München, wie Leave Me Alone (1970), der ganz aus Schau­plätzen aus München besteht, Straßen­kreu­zungen, die Lerchenau im Münchner Norden, der Abend­himmel, Felder. Das Leben in der Stadt mit den wichtigen Brach­flächen am Stadtrand kriecht als Thema durch die Ritzen ihrer Filme, die sich in den Zimmern der Kommunen mit den Schall­platten, den Matratzen-Liege­wiesen, den Postern an den Wänden und dem Außenraum abspielen. Dort versuchte man quasi situa­tio­nis­tisch, sich einen Ort inmitten der noch konser­va­tiven Gesell­schaft zu geben. Sehr dicht am Leben entlang gefilmt, zeigt auch Dark Spring München in vielen Außen­auf­nahmen: In den breiten Straßen fahren die Autos, Fahr­rad­fahrer gibt es kaum, das Stadtbild ist bestimmt von den Fußgän­gern, es war eine entschleu­nigte, eine langsame Welt. Auch die U-Bahn gab es damals noch nicht, das soziale Leben brauchte die engen Formen des Zusam­men­woh­nens, die Kommunen, die Kitas, die Selbst­er­fah­rungs­gruppen, die Treff­punkte, auch das gehörte organisch zum Leben in der Stadt.

Auf vielen Ebenen sprechen die Filme Engströms zu uns, sie sind Zeugen einer verschwun­denen Zeit, die sich mit Emotionen füllt. Dark Spring heißt nicht von ungefähr so, in diesem dunklen Frühling, in dem Engström den Film drehte, gab es auch Suizide, was auch später immer wieder in ihrem Umkreis vorkam; manche blieben auf Trips hängen, die Frauen waren bezie­hungs­ver­zwei­felt und suchten einen Platz in der Gesell­schaft. Die Zukunft, die aus heutiger Sicht in ihrem Film bereits hell aufleuchtet, beginnt bei Engström dunkel und unheil­voll. Gelesen wurde das »SCUM Manifesto« der radikal-femi­nis­ti­schen Autorin Valeria Solanas, Ort der Lektüre war die linke Buch­hand­lung Libresso in der Türken­straße, man las mit der Zigarette in der Hand. Rauchen gehörte damals zu den Film­bil­dern, die das Lebens­ge­fühl trans­por­tierten, ebenso wie die Autos, die Plat­ten­spieler, die Bücher, die Schuhe auf dem Bett, der Revolver und die Federboa, Elemente, die die Filme von Engström durch­ziehen.

Nur für Einge­weihte

Nach Dark Spring folgte 1975 Kampf um ein Kind, der kontro­vers disku­tiert wurde, weil er das damalige femi­nis­ti­sche Kampf­thema »Abtrei­bung« aussparte. Aber auch er erzählt von einer femi­nis­ti­schen Utopie: als Allein­er­zie­hende in einer weib­li­chen Umgebung ein Kind großzu­ziehen. Lisa Kreuzer, Wim Wenders neue Lebens­ge­fährtin, spielte mit, auch hier ging die Fiktion unmit­telbar in die Realität über.

Im selben Jahr reali­sierte sie zusammen mit Harun Farocki Erzählen, bei dem Hanns Zischler und Otto Sander mitwirkten, die große Film­fa­milie der Wenders-Gene­ra­tion. 1977 folgte Fluchtweg nach Marseille, der sie einem größeren Publikum bekannt machte. Ihm zugrunde liegt die Erzählung »Transit« von Anna Seghers (zuletzt von Christian Petzold in Transit verfilmt). Letzte Liebe (1979) mit Rüdiger Vogler und Angela Winkler, ein Liebes- und Todesfilm, und Flucht in den Norden (1986) folgten, der zu Teilen in Finnland spielt und einen finni­schen Co-Produ­zenten hatte. »Es war eine grau­en­volle Erfahrung«, erinnert sich Engström, »nicht auf sich gestellt zu sein und jemanden zu haben, der sich einmischte. Nichts hat funk­tio­niert. Am Ende musste dann doch wieder ich das Geld zusam­men­bringen.«

Weshalb Ingemo Engström bislang nur Einge­weihten bekannt ist, hat sicher­lich mehrere Gründe. Einer davon ist die expe­ri­men­telle Form, die das femi­nis­ti­sche Film­schaffen generell prägte, aber im Umkehr­schluss auch die Dominanz der männ­li­chen Kollegen, die viel stärker auf narrative Formen setzten. Flirrende Zeugnisse der Zeit sind Engströms Filme allemal, und wichtige Grußbot­schaften aus der Vergan­gen­heit, die einen auch heute noch direkt anspre­chen.
Die Zukunft der Frauen hat gerade erst begonnen, denken wir daran.

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Retro­spek­tive Ingemo Engström
Film­mu­seum München
23.4.-26.6.2019
Karten­re­ser­vie­rung: 089 / 23 39 64 50
St.-Jakobs-Platz 1, 80331 München
Weitere Infor­ma­tionen zur Retro­spek­tive