20.12.2018

Die Signatur unseres Zeitalters

Cold War
And the winner is – Cold War

Rückkehr zu Schwarzweiß & Boom der Vergangenheit: Der Europäische Filmpreis und der Stand des Kinos

Von Rüdiger Suchsland

Es kam, wie es kommen musste, wie es Fans und Gegner dieses Films spätes­tens nach Bekannt­gabe der Vorno­mi­nie­rungen erwarten konnten: »Cold War«, der Film des polni­schen Regis­seurs Pawel Pawli­kowski, hat beim Europäi­schen Filmpreis ganz groß abgesahnt.

Auf ihrer 31. Preis­ver­lei­hung im anda­lu­si­schen Sevilla hat die Europäi­sche Film­aka­demie Cold War mit gleich fünf Preisen bedacht.
Eine verdiente Auszeich­nung? Darüber kann man streiten. Nicht nur, weil dieser Film – eine zunehmend depres­siver werdende Amour fou, die sich im Kalten Krieg über zwei Jahr­zehnte und vier Länder erstreckt und mit dem Selbst­mord des Paares endet – sein Publikum spaltet.

Sondern vor allem, weil er politisch einseitig und verein­fa­chend ist. Das Bild der Vergan­gen­heit wird hier glatt­po­liert: Wir sehen ein Polen, in dem es keine Kolla­bo­ra­teure mehr und keine Anti­se­miten gibt, keine humanen Sympa­thi­santen des Kommu­nismus, sondern nur Verräter, Melan­cho­liker und hässliche Kommu­nisten. Während die schönen Menschen alle katho­lisch sind und unter den bösen Roten leiden. So ist Cold War ein Fall von Gegen­auf­klä­rung und am ehesten ein Spie­gel­bild der Situation im aktuellen Polen, wo alles Liberale, alles Zukunfts­wei­sende in Bedrängnis und auf dem Rückzug ist.

Cold War ist ein Film, der aber nicht in unserer Gegenwart spielt und mit ihr eigent­lich auch gar nichts zu tun hat.
Mit seinem überaus altmo­di­schen Blick auf Frauen und auf das, was man heute »Geschlech­ter­ver­hält­nisse« nennt, ist dies aber wohl das, was den rund 3000 Mitglie­dern der Film­aka­demie tatsäch­lich gefällt.
Wer ist das überhaupt, die Europäi­sche Film­aka­demie? Salopp gesagt: ein Haufen bleicher alter Männer, garniert von wenigen Frauen.

Die Europäi­sche Film­aka­demie weiß das selbst, darum hat sie sich in den letzten Jahren sehr bemüht, neue Mitglieder, vor allem Jüngere und Frauen, zu gewinnen. Einla­dungen wurden auf dem Kontinent verschickt, verbunden mit der Bitte, sie doch weiter­zu­leiten, falls man noch andere Inter­es­sierte kennen würde.

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Man sollte sich auch keine Illu­sionen machen im Hinblick auf das Demo­kra­ti­sche des Wahl­ver­fah­rens. Hier gelten die gleichen Bedenken, wie bei den Massen­ab­stim­mungen der deutschen Film­aka­demie oder der Oscar-Academy: Schon die dort nomi­nierten Filme sind reprä­sen­tativ für ein Milieu, für Vorlieben, Abnei­gungen, Filter­blasen und Denk­sperren einer bestimmten Szene, die noch nicht einmal »die Filmszene« der jewei­ligen Region umfasst.
Bekannt­lich debat­tieren selbst die Poli­tik­wis­sen­schaften, wie demo­kra­tisch Mehr­heits­ab­stim­mungen überhaupt sind, bei denen der Sieger alles, die übrigen Kandi­daten gar nichts bekommen – so gewinnt man wie bei demo­kra­ti­schen Parla­ments­wahlen mit maximal einem Drittel aller Stimmen. Wenn das Demo­kratie sein soll...
Ande­rer­seits: Kunst hat mit Demo­kratie nichts zu tun. Man kann über sie nicht abstimmen, bezie­hungs­weise: Ein Abstim­mungs­er­gebnis sagt nichts aus über Kunst, sondern besten­falls über den Geschmack der Betei­ligten.

Wichtiger ist die Frage, wo sich in diesen Preisen die Vielfalt des europäi­schen Kinos spiegelt? Wo sind die vielen anderen sehr guten oder heraus­ra­genden europäi­schen Filme des zurück­lie­genden Film­jahres am letzten Samstag geblieben? Was ist nicht alles schon bei den Nomi­nie­rungen unter den Tisch gefallen!

Wo war der Däne Lars von Trier? Wo waren die Franzosen mit ihren so unter­schied­li­chen Meis­ter­werken Ava von Léa Mylius oder Climax von Gaspard Noé? Wo war der italie­ni­sche Regisseur Luca Guada­gnino, der mit Call Me by Your Name und Suspiria 2018 mit gleich zwei Filmen Premiere hatte?

Von den Deutschen, von Philip Gröning und Christian Petzold, wollen wir hier gar nicht reden. Immerhin 3 Tage in Quiberon war nominiert, und Der Hauptmann bekam sogar den Preis für den besten Ton.

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In anderer Hinsicht reprä­sen­tiert diese Preis­ver­gabe immerhin den Stand des europäi­schen Kinos am Ende des Jahres 2018 und darüber hinaus perfekt die Lage des Kinos.

Filme aus Osteuropa waren in diesem Jahr allgemein stark: Aus Russland etwa Arrhythmia und Leto vom Russen Kirill Sere­bren­nikow, der immerhin den Preis für die Bild­ge­stal­tung gewann und von der polni­schen Regis­seurin Agnieszka Holland in bewe­genden Worten gewürdigt wurde. Sere­bren­nikow selbst ist inzwi­schen vom Putin-Regime unter Haus­ar­rest gestellt worden.
Auch aus Ungarn, aus Rumänien, und eben aus Polen kamen über­ra­schend viele gute Filme – jenseits von Cold War.
Und es gibt die Rückkehr von Schwarz­weiß. Außer in Cold War auch in 3 Tage in Quiberon, in Der Hauptmann, in Leto.

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Ohne Frage ist Cold War gekonnt insze­niert. Das erklärt noch am besten die erstaun­liche Tatsache, auf wie viel Gegen­liebe Pawli­kow­skis doch auch recht eitles Konzept­kunst stößt.
Aber auch dieses Interesse und die fünf Preise vom Woche­n­ende spiegeln nur die allge­meine Tendenz, die Signatur unseres Zeit­al­ters, deren Zeuge wir gerade in Europa werden.
Eines Europa, das seltsam erstarrt scheint, das wirt­schaft­lich perfekt zusam­men­ar­beitet, sich aber vor den poli­ti­schen und kultu­rellen Forde­rungen der Zukunft in die Vergan­gen­heit zurück­flüchtet.

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