06.12.2018

Mutig für mehr Mensch­lich­keit

Maria Montes­sori mit ihrem revo­lu­ti­onären Spielzeug
Maria Montes­sori mit ihrem revo­lu­ti­onären Spielzeug

Von Elke Eckert

Der Circolo Cento Fiori, Mitglied der Filmstadt München e.V., widmet seine dies­jäh­rige Filmreihe Contro­cor­rente – Gegen den Strom sechs Lands­leuten, die Italien mit ihrem Mut, ihrer Willens­kraft und ihrem Enga­ge­ment entschei­dend geprägt haben. Einigen von ihnen gelang es sogar, weit über die Grenzen ihres Heimat­landes hinaus Einfluss zu nehmen und Dinge zu verändern. Gelebt und gewirkt haben die sechs Ausnah­me­per­sön­lich­keiten – fünf Männer und eine Frau – zwischen 1870 und 1993. Die Ärztin, der Unter­nehmer, der Psych­iater, der Geist­liche, der Politiker und der Musiker sind nicht nur besondere Beispiele für Unbe­irr­bar­keit und Zivil­cou­rage, sondern auch Vorbilder in einer Zeit, in der nicht nur in Italien über­zeu­gende poli­ti­sche Programme und Profile fehlen, Popu­listen so erfolg­reich sind wie lange nicht mehr und sich nur wenige trauen, »gegen den Strom« zu schwimmen. An fünf Tagen (5. bis 9. Dezember 2018) wird an diese außer­ge­wöhn­li­chen Menschen mit Filmen, Vorträgen und Diskus­sionen erinnert und ihrer gedacht.

Die Pädagogin

Die Veran­stal­tungs­reihe beginnt mit einem filmi­schen Porträt der Ärztin und Reform­päd­agogin Maria Montes­sori, die von 1870 bis 1952 gelebt hat. 1896 war Montes­sori eine der ersten promo­vierten Medi­zi­ne­rinnen ihres Landes. Schon während ihres Studiums arbeitete sie in einer psych­ia­tri­schen Klinik und nahm sich dabei besonders benach­tei­ligter und behin­derter Kinder an. Später legte sie den Grund­stein für eine inte­gra­tive Pädagogik und war damit eine Vorrei­terin in Sachen Inklusion. Auch mit der Entwick­lung spezi­eller Lern­hilfen und der Gründung einer Kinder­ta­ges­stätte für sozial benach­tei­ligte Kinder war sie ihrer Zeit weit voraus. Die nach ihr benannte Montes­sori-Pädagogik wird bis heute weltweit angewandt, weil sie Kindern eine indi­vi­du­elle Förderung ermög­licht. Der Grund­ge­danke ihrer pädago­gi­schen Arbeit lautete: »Nicht das Kind soll sich der Umgebung anpassen, sondern wir sollten die Umgebung dem Kind anpassen.« (Mittwoch, 5. Dezember ab 18.30 Uhr, Maria Montes­sori – Ein Leben für die Kinder, zwei­tei­liges Porträt von 2007, OmeU, mit Publi­kums­ge­spräch).

Der Indus­tri­elle

Das von Camillo Olivetti gegrün­dete Unter­nehmen für Büro­ma­schinen feierte dieses Jahr seinen 110. Geburtstag. Der Sohn des Firmen­grün­ders, Adriano Olivetti, kam 1901 zur Welt und übernahm mit Anfang 30 die Leitung der väter­li­chen Firma. Die Welt hat ihm aller­dings wesent­lich mehr als die erste tragbare Schreib­ma­schine zu verdanken. Der Spross einer jüdischen Unter­neh­mer­fa­milie aus Piemont war ein Visionär, der nicht nur inno­va­tive Produkte für den Kommu­ni­ka­ti­ons­be­reich entwi­ckeln wollte, sondern auch wegwei­sende Ideen für eine sozialere Arbeits­welt hatte. Er räumte seinen Mitar­bei­tern ein Mitspra­che­recht ein und sorgte mit spezi­ellen Frei­zeit­ein­rich­tungen für ein ange­nehmes Betriebs­klima. Heute würde man sagen, dass es dem auch politisch sehr enga­gierten Indus­tri­ellen wichtig war, mit seinen Ange­stellten auf Augenhöhe zu sein. (Donnerstag, 6. Dezember ab 18.30 Uhr, Adriano Olivetti – Die Macht eines Traumes, zwei­tei­lige Miniserie von 2013, OmeU, mit Publi­kums­ge­spräch).

Der Psych­iater

Ein weiterer revo­lu­ti­onärer Vordenker war der 1924 geborene Psych­iater Franco Basaglia. Weil er in den 1960er-Jahren nicht müde wurde, immer wieder die kata­stro­phalen Zustände in den psych­ia­tri­schen Anstalten Italiens anzu­pran­gern, bezeich­neten ihn vor allem viele seiner Kollegen als Nest­be­schmutzer. Basaglia ließ sich nicht beirren und nahm den Kampf gegen Zwangs­ein­wei­sungen, Elek­tro­schock-Therapien und die Ruhig­stel­lung der Patienten durch Medi­ka­mente auf. Anfang der 1970er-Jahre übernahm er die Leitung der psych­ia­tri­schen Klinik in Triest mit der Absicht, sie zu schließen. 1978 hatte seine Reform­be­we­gung »Psich­ia­tria Demo­cra­tica« letzt­end­lich ein Gesetz zur Abschaf­fung der psych­ia­tri­schen Anstalten zur Folge. Seinem Einsatz für einen mensch­li­chen Umgang mit und gegen eine Ausgren­zung von psychisch kranken Patienten setzt der Zwei­teiler von 2010, Es war einmal eine Stadt der Narren, ein Denkmal. (Freitag, 7. Dezember ab 18.30 Uhr, OmeU, mit Publi­kums­ge­spräch).

Der Selige

Dass Giuseppe Puglisi einmal selig­ge­spro­chen wird, war bei seiner Geburt 1937 nicht vorher­zu­sehen. Puglisi, der Sohn einer Schnei­derin und eines Schusters, wuchs im Armen­viertel von Palermo auf, wohin er nach seinem Theo­lo­gie­stu­dium und der Pries­ter­weihe als junger Geist­li­cher zurück­kehrte. Bei seiner Arbeit als Jugend­seel­sorger bekam er es mit benach­tei­ligten und perspek­tiv­losen Kindern und Jugend­li­chen zu tun. Um ihnen zu helfen, unter anderem mit der Gründung eines Gemein­de­zen­trums, war er bereit, sich mit der korrupten Stadt­ver­wal­tung und der Cosa Nostra, der sizi­lia­ni­schen Mafia, anzulegen. Besonders Letztere griff er auch in seinen Predigten offen an und unternahm alles, um den Drogen­handel einzu­dämmen und die Jugend­li­chen vor dem Einfluss der Mafia zu schützen. Weil die Cosa Nostra ihre Macht bedroht sah, wurde Padre Puglisi, den alle nur Don Pino nannten, an seinem 56. Geburtstag vor seiner Haustür von zwei Mafiosi erschossen. Sein Vorbild und sein Einsatz für die Armen prägten viele junge Priester, auch den späteren Erzbi­schof von Palermo. Am 25. Mai 2013 wurde Don Pino selig­ge­spro­chen. Der Film über sein Leben und seinen Tod, der 2004 entstanden ist, trägt im Original den Titel Alla luce del sole (übersetzt: Am hell­lichten Tag), was genau wie der deutsche Titel Vor aller Augen eine Anspie­lung auf die Tatsache ist, dass der Mord an ihm auf einer belebten Piazza verübt wurde, sich aber trotzdem keine Zeugen fanden. (Samstag, 8. Dezember um 18.30 Uhr, OmeU)

Der Kommunist

Nach dem Biopic über Giuseppe Puglisi gibt die Über­set­zerin und Sach­buch­au­torin Frie­de­rike Hausmann um 20.30 Uhr eine »Einfüh­rung in Leben und Werk von A. Gramsci«. Antonio Gramsci (1891 – 1937) war einer der wich­tigsten Intel­lek­tu­ellen des 20. Jahr­hun­derts und der Mitbe­gründer der Kommu­nis­ti­schen Partei Italiens (PCI). 1926 wurde er von der faschis­ti­schen Regierung auf die kleine Insel Ustica verbannt. Während seiner dortigen 44-tägigen Haft gründete er mit Mitge­fan­genen eine Schule, die Bewohner jeden Alters und jeder Schicht besuchen konnten. Im Anschluss an Hausmanns Vortrag wird der Doku­men­tar­film Gramsci 44 gezeigt, der von den Tagen der Gefan­gen­schaft auf Ustica erzählt und in Inter­views mit Zeit­zeugen auch vom Kampf Gramscis gegen den Analpha­be­tismus. Gramsci musste noch elf weitere Jahre in Haft verbringen. Während dieser Zeit schrieb er seine berühmten »Gefäng­nis­hefte«. Seine Schriften beein­flussten nach­haltig linke Grup­pie­rungen in West­eu­ropa in der zweiten Hälfte des 20. Jahr­hun­derts. Nur eine knappe Woche, nachdem er offiziell seine Freiheit wieder­er­langte, starb Gramsci an einer Hirn­blu­tung. (Samstag, 8. Dezember um 21 Uhr, OmeU)

Der Komponist

2001, elf Jahre nach dem Tod von Luigi Nono, entstand mit Eine Kielspur im Meer – Abbado. Nono. Pollini ein Porträt über ihn. Nono war einer der wich­tigsten Vertreter der musi­ka­li­schen Nach­kriegs-Avant­garde, als Anti­fa­schist und Kommunist kämpfte er zeit­le­bens gegen jede Art von Ausgren­zung und Diskri­mi­nie­rung. Der 1924 in Venedig geborene Komponist wollte mit den Mitteln der Musik die Welt verändern und zu einer besseren machen. Mit Stücken unter anderem über die Folgen eines Atom­kriegs oder die Belas­tungen der vom Kapi­ta­lismus geprägten Arbeits­welt verbrei­tete er seine poli­ti­schen Ideen. Die Doku­men­ta­tion der Münchner Filme­ma­cherin Bettina Ehrhardt erzählt auch von der lang­jäh­rigen Freund­schaft Nonos mit dem Diri­genten Claudio Abbado und dem Pianisten Maurizio Pollini. In sehr persön­li­chen Gesprächen kommen nicht nur diese beiden Wegge­fährten Nonos zu Wort. (Sonntag, 9. Dezember um 18.30 Uhr, OmeU)

Nach einem Steh­emp­fang im Foyer des Carl-Amery-Saals ist Intol­ler­anza 2004 – der Film zu Nonos szeni­scher Aktion zu sehen, ebenfalls von Bettina Ehrhardt. Die künst­le­ri­sche Botschaft Nonos wird durch ihn noch konkreter. Augen­zeugen erzählen von der Urauf­füh­rung von Luigi Nonos erstem Werk für die Opern­bühne. In »Intol­ler­anza 1960« wird ein Emigrant in einer »szeni­schen Aktion in zwei Teilen« zum Opfer von Natur­ka­ta­stro­phen und staat­li­cher Willkür. Eine Anklage gegen Krieg und Folter, gegen Rassismus und die Verlet­zung der Menschen­würde – und beängs­ti­gend aktuell. (Sonntag, 9. Dezember um 20.30 Uhr, OmU, zu Gast: Bettina Erhardt)

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Contro­cor­rente – Gegen den Strom
Filmreihe von Circolo Cento Fiori mit Filmstadt München e.V.
5.-9. Dezember 2018
Gasteig, Carl-Amery-Saal, Rosen­heimer Str. 5, 81667 München