02.02.2006

Oscarfieber 2006

Brokeback Mountain
Ang Lees Brokeback Mountain
(Foto: Tobis Film)

Die wichtigsten Nominierungen in der Übersicht:

Von Nani Fux

Bester Film
Brokeback Mountain
Capote
Crash
Good Night, and Good Luck
München

Beste männliche Haupt­rolle
Philip Seymour Hoffman in Capote
Terrence Howard in Hustle & Flow
Heath Ledger in Brokeback Mountain
Joaquin Phoenix in Walk the Line
David Strat­hairn in Good Night, and Good Luck

Beste weibliche Haupt­rolle
Judi Dench in Mrs Henderson Presents
Felicity Huffman in Trans­ame­rica
Keira Knightley in Pride & Prejudice
Charlize Theron in North Country
Reese Withers­poon in Walk the Line

Bester männ­li­cher Neben­dar­steller
George Clooney in Syriana
Matt Dillon in Crash
Paul Giamatti in Cinde­r­ella Man
Jake Gyllen­haal in Brokeback Mountain
William Hurt in A History of Violence

Beste weibliche Neben­dar­stel­lerin
Amy Adams in Junebug
Catherine Keener in Capote
Frances McDormand in North Country
Rachel Weisz in The Constant Gardener
Michelle Williams in Brokeback Mountain

Beste Regie
George Clooney für Good Night, and Good Luck
Paul Haggis für Crash
Ang Lee für Brokeback Mountain
Bennett Miller für Capote
Steven Spielberg für München

Bester auslän­di­scher Film
La bestia nel cuore – Cristina Comencini (Italien)
Joyeux Noël – Christian Carion (Frank­reich)
Paradise Now – Hany Abu-Assad (Palästina)
Sophie Scholl – Die letzten Tage – Marc Rothemund (Deutsch­land)
Tsotsi – Gavin Hood (Südafrika)

„And the Oscar goes to...“ – nur an wen, das wissen wir noch nicht. Immerhin steht fest, dass Deutsch­land wieder einmal die Daumen drücken darf – eigent­lich sogar gleich zwei, denn mit Ausreißer der Bremer Regis­seurin Ulrike Grote ist ein deutscher Beitrag im Genre Kurzfilm vertreten. Ungleich größeres Medi­en­echo findet natürlich die Nomi­nie­rung von Sophie Scholl – Die letzten Tage. Nachdem Oliver Hirsch­bie­gels Bunker­drama Der Untergang im letzten Jahr leer ausging, ist erneut ein deutscher Beitrag, der sich mit dem Dritten Reich beschäf­tigt, im Rennen um den besten nicht-englisch­spra­chigen Film.

Erster Eindruck der Oscar-Anwärter: Hollywood traut sich wieder was – ein bisschen zumindest. Das zeigen zumindest die Nomi­nie­rungen für den besten Film

Heißester Favorit für den größten Abräumer der Saison ist in diesem Jahr zwei­fellos Brokeback Mountain von Ang Lee mit neun Nomi­nie­rungen. Ein Film über zwei schwule Cowboys – ausge­rechnet im urame­ri­ka­nischsten aller Genres knüpfen hier zwei Männer zarte Liebes­bande. John Wayne hätte mit Sicher­heit große Augen gemacht.

Noch ein weiterer heißer Anwärter für die nackte Trophäe hat ein schwules Thema: „Ich bin schwul. Ich bin süchtig. Ich bin ein Genie“, brachte Truman Capote die eigene Existenz auf den Punkt. Doch dieser Film hat nicht nur eine homo­se­xu­elle Haupt­figur, er nimmt auch die Todes­strafe kritisch aufs Korn, was Film­kraft­meier und Gouver­neur Schwar­zen­egger, der Gnaden­ge­suche zum Tode Verur­teilter bekannt­lich gern kate­go­risch ablehnt, schlecht schmecken dürfte.

Offenbar schlagen sich die Academy-Mitglieder ins politisch liberale Lager: Der Episo­den­film Crash von Paul Haggis beleuchtet den nach wie vor gärenden Rassismus im Lande. Von Steven Spiel­bergs Munich mag man halten was man will, zumindest wirft er in seinem neuen Film die Frage auf, wohin der blind­wü­tige Kampf gegen Terror führt, wenn man Gewalt mit Gegen­ge­walt beant­wortet.

Ganz sicher ein erklärter Gegner von Bush und seinen bigotten Anhängern ist auch George Clooney, der schon auf der letzten Berlinale keinen Hehl aus seiner Aversion gegen das repu­bli­ka­ni­sche Lager machte. Und siehe da, er ist gleich zweifach nominiert: Einmal als bester männ­li­cher Neben­dar­steller in Syriana von Stephen Gaghan, der die Korrup­tion im globalen Spiel ums Öl thema­ti­siert, mit dem auch der Bush-Clan sein Geld verdient. Außerdem als Regisseur von Good Night, and Good Luck, der außerdem die Kategorie »bester Film« vervolls­tän­digt. Der Film über den Nach­rich­ten­mo­de­rator Edward R. Murrow, der sich auf dem Höhepunkt der Kommu­nis­ten­hatz mit Senator McCarthy anlegt, hat sicher nicht zufällig Paral­lelen zur Gegenwart. Heute wie damals schüren die Macht­haber Ängste in der Bevöl­ke­rung, um die Menschen­rechte auszu­he­beln – damals die Angst vor der Bedrohung durch Hammer und Sichel, heute die gras­sie­rende Furcht vor dem Terror im Zeichen des Halbmonds. Wie auch Sophie Scholl – Die letzten Tage zollt der Film einer histo­ri­schen Persön­lich­keit Tribut, die auch ange­sichts persön­li­cher Bedrohung Zivil­cou­rage beweist. Weiße Rosen blühen eben überall. Manchmal sogar in Hollywood.