21.12.2005

King Kong 1933 – Traumspiel und Apokalypse

King Kong
Die Schöne und das Biest

Alter Affe Angst: Vor Peter Jackson King Kong-Remake lohnt die Erinnerung an das Original

Von Rüdiger Suchsland

Ein Schrei. Ein Affe. Eine weiße Frau. Ein wilder Film, voller Leiden­schaft, mit sensa­tio­nellen unge­se­henen Bildern, und dabei die große Tragödie einer uner­füllten Liebe. Man hat King Kong ein wenig vergessen, scheint doch der Film Ernest B. Schoed­sacks und Merian C. Coopers gegenüber anderem aus der Glanzzeit des frühen Tonfilms, gegenüber Langs Thrillern, Chaplins Komödien, Renoirs Melo­dramen und Riefen­stahls Propa­gan­da­kino in der ober­fläch­li­chen, ersten Erin­ne­rung vergleichs­weise banal. Doch man muss die Distanz der Jahre aufbre­chen, näher heran­treten und genauer hinschauen.

Dann entdeckt man einen der Arche­typen des Kinos, eine Film-Ikone. Denn als King Kong 1933 ins Kino kam, war dies „der“ Monster- und Sensa­ti­ons­film schlecht, nicht nur, weil er im Gegensatz zu Fran­ken­stein oder Dracula nicht auf lite­ra­ri­schen Vorlagen fußt, sondern ein ureigenes Geschöpf der Film­ge­schichte ist. Besser als andere Filme beherrscht dieser die Kino­dia­lektik von Verbergen und Zeigen, souverän spielt er auf der stilis­ti­schen Klaviatur des Mediums, ist Jahr­markt­ver­gnügen, intel­lek­tu­elles Vexier­spiel und große Poesie in einem.

Wenn nun Peter Jackson nach seinem drei­tei­ligen Hobbit-Tagtraum Der Herr der Ringe kommende Woche nun die Welt mit seinem persön­li­chen Remake von King Kong beglückt, dann hat dies zumindest ein Gutes: Dass er uns daran erinnert, dass es ein Original gibt, dass wir wieder­sehen sollten.

Ein Hollywood-Filmteam reist auf die unbe­kannte, merk­würdig verlorene Südsee­insel „Scull Island“, um deren Geheimnis zu lüften. Die Einge­bo­renen sind feind­selig. Sie verehren den Riesen­go­rilla King Kong als Gott, und wollen ihm die Schau­spie­lerin Ann, die einzige Frau, die das Team begleitet, opfern. Darum entführen sie Ann des nachts heimlich vom Schiff. Tatsäch­lich taucht der Riesen­affe auf, doch tötet er Ann nicht, sondern behandelt sie fürsorg­lich, und schützt sie in vielen Kämpfen gegen furcht­erre­gende Urwelt­tiere wie Saurier und Drachen. Indem sie die Liebe Kongs zu Ann ausnutzen, gelingt es den Film­leuten, den Affen zu fangen und nach New York zu entführen, wo er von der Unter­hal­tungs­in­dus­trie als „Achtes Welt­wunder“ vermarktet wird. Dort befreit sich Kong, kidnapped Ann erneut, und wird von der US-Luftwaffe schließ­lich in einem sagen­haften Showdown auf dem Empire State Building getötet.

King Kong war ein Block­buster, Liebes­melo und Kata­stro­phen­film, Horror, Thriller und Aben­teu­er­movie in einem. Vieles liegt in diesem Stoff: Die klas­si­sche Geschichte von der Schönen und dem Biest, eine ungleiche, einsei­tige Liebe über Grenzen von Klasse, Rasse und Natur. Abgesehen von der Metapher des Verhält­nisses von Zivi­li­sa­tion und Natur, Disziplin und Wildheit hatte dies – ein großer schwarzer Affe entblät­tert eine weiße, blonde Frau – 1932 auch einen eindeutig rassis­ti­schen Unterton.

Die Faszi­na­tion dieses Stoffes liegt in vielen gesell­schafts­po­li­tisch rele­vanten Themen: Die unver­stellte Masku­li­nität des Affen, der cultural clash zwischen den modernen Ameri­ka­nern und den Urein­woh­nern der unbe­kannten Insel, schließ­lich der Einsatz roher Gewalt als ultima ratio der sich urba­ni­sie­renden Gesell­schaft im Amerika des New Deal. Sieht man den Film heute wieder – gele­gent­lich im Fernsehen oder Kino, oder auf DVD (die US-Special Edition ist kaum teurer als die deutsche DVD, aber durch ihre Extras wesent­lich lohnens­werter) – ist man auch erstaunt über die Deut­lich­keit, mit der poli­ti­sche Themen der damaligen Zeit ange­spro­chen werden: Dynamik und Psycho­logie der modernen Massen­ge­sell­schaft, die Not der wirt­schaft­li­chen Depres­sion und die daraus folgende Sehnsucht nach einer Utopie – gespie­gelt durch das gedank­liche Spiel mit dem eigenen Untergang, die mehrfach aufschei­nende unter­be­wusste Sehnsucht nach einer Kata­strophe der Verhält­nisse.

Sehr klar analy­siert der Film auch die Mecha­nismen der Unter­hal­tungs­in­dus­trie: Immer wieder sieht man den Filme­ma­chern hier beim Filmen zu. Und bis heute atem­be­rau­bend ist die Szene, in der Ann noch vor Erreichen der Inseln die verschie­denen Stadien der Angst, bis hin zum nackten Entsetzen für Probe­auf­nahmen simuliert – die sie später tatsäch­lich in den Händen Kongs empfinden wird. Eine Entlar­vung des Kinos – und bezeich­nen­der­weise eine der wenigen Szenen, die Jackson aus seinem Remake komplett entfernt hat.

Fay Wray, die Darstel­lerin der Ann, spielte hier die Rolle ihres Lebens. Doch der eigent­liche Star des Originals waren die Monster, trick­tech­nisch per Stop-motion-Verfahren in einer Perfek­tion zum Leben erweckt, die erst in den 80ern mit den ersten Computern über­troffen wurde. Allen voran King Kong selbst. In zahl­rei­chen Remakes erstand er seitdem immer wieder auf, vor allem in Japan, wo zudem mit Godzilla ein Bruder in Form und Geist, ein toll­pat­schiger, nicht wirklich böser, aber doch ins Leben der Menschen nicht inte­grier­barer Bruder im Geiste entstand.

1976 kam es schließ­lich zu einem Hollywood-Remake, das sich eng ans Original hielt, es aber in die Gegenwart der 70er übertrug. Jessica Lange begann als „weiße Frau“ ihre Karriere, auch Jeff Bridges war zu sehen – trotzdem blieb von dem Film nicht viel in Erin­ne­rung. Wie vor ihm viele andere klaute Steven Spielberg schamlos aus diesem Film, schon in Der weiße Hai, vor allem aber in The Lost World: Jurassic Park.

Nun also Peter Jackson. Wie man hört, will auch er sich eng an die Vorlage halten, will er sie nicht in unsere Gegenwart verlagern. Doch wenig ist aktueller, als genau solche Flucht ins Zeitlose, vermeint­lich Vergan­gene. Es wird sich also lohnen, auch dieses Remake auf unbe­wusste und versteckte Botschaften hin zu befragen.

Ob es Jackson, bei allem Geld, aller tech­ni­scher Perfek­tion gelingt, an Schoed­sack/Coopers Genie­streich anzu­knüpfen? Zumindest in seiner Unschuld und Unbe­fan­gen­heit bleibt der King Kong von 1933 ein unüber­trof­fener Meilen­stein, eine zeitlose Parabel auf unser aller Angst vor dem Unbe­kannten, und zugleich ein wunder­schöner Film.