03.02.2021
ABSTAND/ZOOM

E_ECHT (Februar 2021)

© Maya Deren & Alexander Hammid, US 1943, 14 min
Beweist künstlerische Haltung: die ZDF-True-Crime-Serie Höllental
(Foto: © ZDF/Alexander Gheorghiu)

In 26 Schritten durch das filmische Alphabet. Eine völlig subjek­tive monat­liche Serie über Begriffe und ihre Anwendung auf aktuelle Filme

Von Nora Moschue­ring

Ich hatte schon längst beschlossen, dass mir „Der Alte“ lieber war als „Derrick“ und dass „Ein Fall für Zwei“ mir ein bisschen aufre­gender erschien, weil der Name Matula so cool klang, als wäre Matula direkt einer ameri­ka­ni­schen Serie entsprungen, wie „Columbo“ oder „MacGyver“ (dass Matulas Vornamen Josef war, habe ich bis gerade eben verdrängt), als ich das erste Mal „Akten­zei­chen XY ... ungelöst“ gucken durfte. Auf Nach­fragen wurde mir das von meinen Eltern immer damit begründet, dass das ja echte Fälle seien. Und ja, das erzeugte in mir eine Ehrfurcht, einen leichten Schauder, obwohl die nach­ge­stellten Szenen laienhaft und unbe­holfen waren und auch die Präsen­ta­tion der echten Beute, der echten Waffen und der echten Fahn­dungs­fotos eher schäbig wirkte. Aber es sah eben auch sehr nach Dring­lich­keit aus, wenn man das Foto einer verschwun­denen Person einfach auf ein Stück Tapete legte und abfo­to­gra­fierte (zumindest wirkte das so). Cool war das nicht, aber so ist das echte Leben eben nun mal, das weiß man ja, da gibt es Wich­ti­geres als ein ästhe­ti­sches Präsen­ta­ti­ons­kon­zept. Auch die echten Kommis­sare und die echten Ermittler, die in einer Sackgasse steckten und mich um Mithilfe baten, wirkten zwar deplat­ziert, aber das zeigte ja nur, dass sie eigent­lich woanders hingehörten. Wie ich eben auch. Sie und ich lebten in einer gemein­samen Realität. Genauso wie sie, ich und der oder die Täter. Das war eben nicht dieses Studio, sondern das echte Leben.

Die Bezeich­nungen True-Crime oder True-Crime-Serie gab es damals noch nicht (dafür gab es Mystery-Serie und Reality-TV). Wahre Krimi­nal­fälle, echte Krimi­nal­fälle, Doku-Krimi-Serie, was auch immer da viel­leicht im Wording-Prozess der Öffent­lich-recht­li­chen damals und heute herum­geis­terte, es hat sich nicht durch­ge­setzt und so nennt das ZDF Höllental heute eine True-Crime-Serie. Es gab: „Nach einer wahren Geschichte“, „based on a true story“, aller­dings war oder ist das ja eher auf einen fiktio­nalen Film mit einem echten, realen, also doku­men­ta­ri­schen Hinter­grund bezogen. Das fand man schon sehr spannend, obwohl man es zuge­ge­be­ner­maßen nie klar sagen konnte: Was war denn nun genau wahr an der Geschichte und was nicht? (Wahr und echt unter­scheide ich jetzt einfach mal nicht). Bei dem True-Crime-TV-Show-Format „Akten­zei­chen XY ... ungelöst“ und der Sorge vor „Neppern, Schlep­pern und Bauern­fän­gern“ konnte man sich sicher sein: da war alles echt. Opfer, Täter, die Menschen an den Telefonen und auch der Moderator, der besonders.

In der drei­tei­ligen NDR-Doku (Format-Bezeich­nung der ARD) „Eiskalte Spur“ (ARD-Mediathek, die fiktio­nale Serie dazu heißt „Das Geheimnis des Toten­waldes“), wendet sich die Kripo (aha, so heißt das im Tatort und im echten Leben), gleich mehrmals an „Akten­zei­chen XY ... ungelöst“ um Hinweise zum Verbleib von Birgit Meier oder zu den Ghörde-Morden zu bekommen. Die mithilfe zahl­rei­cher Anru­ferInnen führt zwar zu Hinweisen aber zu keiner, äh heißen Spur.
Zu den echten Bege­ben­heiten: Im Sommer 1989, kurz nach zwei Doppel­morden in der Ghörde, einem nieder­säch­si­schen Waldstück, verschwindet auch Birgit Meier, die in der Nähe wohnt. Über dreißig Jahre suchte die Polizei nach dem Täter, auch ob die Fälle zusam­men­hängen, war lange unklar.
„Eiskalte Spur“ geht diesen Verbre­chen nach. Mit Archiv­ma­te­rial aus Sende­an­stalten, Privat-Aufnahmen und den Inter­views betrof­fener Personen, vonseiten der Familien, ermit­telnder Beamter und einem eigens einge­rich­teten, privaten Ermitt­ler­team ihres Bruders, einem pensio­nierten, ehema­liger Chef des Landes­kri­mi­nal­amtes Hamburg. Ein Zeit­strahl ordnet die Gescheh­nisse immer wieder ein (ein wenig so wie das Kasset­ten­band in der Netflix True-Crime-Serie „Ted Bundy: Selbst­por­trät eines Seri­en­mör­ders“ deren alleinige Existenz ich schon geschmacklos finde), zudem schafft ein Kommen­tator weitere Übersicht. Zum Glück diese Übersicht.

Weniger „konven­tio­nell“ ist die sechs­tei­lige ZDF-True-Crime-Serie „Höllental – das Verschwinden der Peggy Knobloch“ (ZDF-Mediathek und hier zur Kritik von Rüdiger Suchsland). „Eiskalte Spur“ das klingt wie der Name einer Drei ???-Folge, aber „Höllental“? Auch wenn die Serie nach einem Flusstal in der Nähe des Wohnortes der neun­jäh­rigen Peggy Knobloch benannt ist, führt der Titel in eine reiße­ri­sche Ecke, die glück­li­cher­weise gar nicht der Serie entspricht. „Höllental“ ist die konzen­trierte und kluge Karto­gra­phie des Ortes Lich­ten­berg in dem Peggy Knobloch lebte und 2001 verschwand, der Ermitt­lungen und was das mit dem Ort gemacht hat. Die Doku­men­tar­fil­merin Marie Wilke, die schon bei Aggregat 2018 gezeigt hat, wie unglaub­lich geduldig und fein­fühlig sie in der Auswahl ihrer Bilder ist, zeigt sechs ruhig erzählte, aber doch faszi­nie­rende Folgen. Immer wieder sieht man menschen­leere Straßen, Häuser, in denen sich nichts regt und Kreu­zungen, auf denen nichts fährt. Man lernt den Ort kennen, erkennt Häuser, Vorgärten, Giebel, weiß bald wo und wie das Mädchen wohnte, bewegt sich durch die verwaisten Räume, erkennt das Gasthaus, das Rathaus, die Burg. Dazwi­schen Inter­views von Jour­na­listen, aber auch von Anwoh­nerInnen, Archiv-Aufnahmen, Fotos und spora­disch ein Erzähler: Der Doku­men­tar­filmer Thomas Heise. Auch der Fall Peggy Knobloch ist, wie die Fälle in „Eiskalte Spur“, geprägt durch unter­schied­liche Heran­ge­hens­weise, Wendungen und Über­ra­schungen. Das ist in beiden Fällen wirklich spannend. Höllental ist aber, wie Suchsland schreibt, ein Doku­men­tar­film. Sowohl in seiner ästhe­ti­schen Konse­quenz, als auch in der Art und Weise wie er von den Vorgängen erzählt, in Bildern oder mit Inter­views, beweist er eine künst­le­ri­sche Haltung. Außerdem hat der Film Vertrauen in seine Zuschau­erInnen.

Die dritte deutsche True-Crime-Doku­mentar-Miniserie (Wikipedia bezeichnet sie so) ist die auf Netflix veröf­fent­lichte Produk­tion „Rohwedder – Einigkeit und Mord und Freiheit“. Echt jetzt? Ja, echt jetzt. Titel! „Rohwedder“ ist ganz anders gebaut als die beiden anderen Serien, die meist chro­no­lo­gisch vorgehen. „Rohwedder“ schlüs­selt in vier Folgen drei unter­schied­liche Szenarien und poli­ti­sche Rich­tungen und Milieus auf, aus denen die Täter stammen könnten, die 1991 den Chef der Treuhand ermordet haben. Die sind mal mehr mal weniger plausibel und deshalb hält die, eindeutig um einiges spek­ta­ku­lärer, insze­nierte Serie, zwar die Spannung (die Inter­viewten sitzen in irgendwie seltsamen Räumen, dunkel, mit wenig Licht, und manchmal weiß man auch nicht, warum da nun gerade diese Person etwas zu sagen hat, alles ein wenig Mystery-Serie), aber verliert dabei an Glaub­wür­dig­keit und enttäuscht nach hinten.

In die Form, in die sich das Echte pressen lassen muss, passt sie nämlich nicht unbedingt rein. Aller­dings ist die Form, in die sich das Echte in den deutschen Serien pressen lassen muss, doch weniger gesetzt, gelernt und starr als in vielen US-ameri­ka­ni­schen Vertre­tern der Doku-Serien wie: „Wild Wild Country“, „Making a Murderer“, „Ted Bundy“ und ganz besonders: „Tiger King“. Da wird die Wirk­lich­keit in eine Drama­turgie gedrückt, in der ganz viel Aris­to­teles und Syd Field steckt, und alles, was drüber hinaus steht, wird rigoros wegge­schnitten.

Vor allem bei Höllental kann man aber sehen, dass es auch anders geht, hier ist die ästhe­ti­sche Form zwar streng, aber nur was die Klarheit der Stadt- und Inter­viewauf­nahmen angeht, aber Marie Wilke vertraut ihrer Geschichte und braucht dafür kein „Rohwedder“-Spektakel, sie recher­chiert und hat Zeugen und zeigt Wendungen, die sie nicht verur­teilt, sondern stehen lässt, im Vertrauen auf die Zuschau­erInnen. Und ja, ich denke, wir sind bereit, etwas inter­es­sant zu finden, was echt ist und nicht in einem fiktio­nalen Kostüm steckt, das dem Echten gar nicht passt und auch überhaupt nicht steht.

Zum Schluss noch ein kleiner Exkurs in die „Geschichte der Schimpf­wörter“ (Netflix) in der Nicholas Cage als Host vor einem Kamin, einem Globus und einem Bücher­regal sitzt, der Drei­ei­nig­keit des eloquenten, wissenden, alten Mannes, oder doch nur des Märchen­on­kels. Wie man mag. Mit Stil schimpft, beschimpft und flucht er sich durch die Folgen. Neben einer kurzen, histo­ri­schen Einord­nung einzelner Schimpf­wörter und persön­li­chen Einschät­zungen von Schau­spie­lerInnen, Wissen­schaft­lerInnen und Komi­kerInnen (während denen man sich fragen kann, ob die sehr lustigen Folgen während der Corona-Zeit entstanden sind und ob all die Hinter­gründe Corona-Hinter­gründe sind, ich denke schon), lernt man auch, dass man es, wenn man dabei flucht, länger mit einem Arm in einem Eimer voll Eiswasser aushält, als wenn man es nicht tut. Was für eine gute Hand­lungs­an­wei­sung, um FUCK besser mit dieser FUCKING Corona-Situation umzugehen. Echt jetzt? Fucking shit! Yes, it’s true! Or real?

top