12.09.2020
77. Filmfestspiele von Venedig

»Moral: Traue keinem!«

Nuevo Orden
Ein Film, in dem man das Staunen wieder lernt. Und das Fürchten: Nuevo Orden
(Foto: BIENNALE CINEMA 2020 Press Service)

Einer muss ja gewinnen: Ein später Favorit, Speku­la­tionen, Jury­flüs­terer und erste Preise am Lido – Notizen aus Venedig, Folge 10

Von Rüdiger Suchsland

»Wer ins Kino geht, tut das in der Regel, um das Staunen zu lernen. Und hinterher tritt man wieder hinaus, den Kopf noch in den Wolken, und merkt, wie die Wirk­lich­keit einen wieder einholt. Wie das Staunen langsam abebbt und die Ernüch­te­rung mit schnellen Schritten einsetzt. Unter dem winter­grauen Himmel in Berlin geht das etwas zügiger, unter dem azur­blauen Himmel von Cannes etwas langsamer. Nur in Venedig ist das anders.
Ein Blick vom Lido hinüber zur Stadt genügt im Grunde schon, um aus dem Staunen nicht mehr heraus­zu­kommen. Die Silhou­ette dieser gegen jede Vernunft auf Holz­pfählen in den Schlamm getrie­benen und gegen jede Wahr­schein­lich­keit unver­än­dert erhal­tenen Stadt ist ein wirksames Gegengift gegen jede Art von Ernüch­te­rung und Reali­täts­emp­finden. Die Schwer­kraft scheint hier außer Kraft gesetzt, und man glaubt sich ständig auf dem schwan­kenden Boden der Phantasie. Wie im Kino.«

Michael Althen, SZ 11.09.1999

Manchmal gibt es das. Dass ein Wett­be­werb läuft und läuft und läuft, und schon ein paar Günst­linge der Kritiker, Einkäufer und des Publikums entwi­ckelt, aber keinen richtigen Favoriten heraus­bildet, und man sich so ab der Mitte des Festivals, wenn das Feld sich lichtet und erste Zwischen­bi­lanzen gezogen werden, von Tag zu Tag inten­siver fragt, wer denn hier eigent­lich gewinnen kann – denn einer muss ja gewinnen – und dann, ja dann wird plötzlich ganz am Ende des Wett­be­werbs ein Film gezeigt, der das Zeug hat, das Feld von hinten aufzu­rollen und an allen vorbei­zu­ziehen. So wie es 1999 in Cannes gewesen ist, glaubt man denen, die dabei gewesen sind, als am Freitag vor der Preis­ver­lei­hung plötzlich der Film eines voll­kommen unbe­kannten belgi­schen Brüder­paars gezeigt wurde: Rosetta. Und die Jury unter David Cronen­berg gab den Dardennes die Goldene Palme.
So könnte es auch diesmal laufen, mit dem mexi­ka­ni­schen Film Nuevo Orden. Auch wenn man zugeben muss, dass sein Regisseur Michel Franco kein ganz Unbe­kannter ist.
Aber dies ist ein Film, in dem man das Staunen wieder lernt. Und das Fürchten.

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Der Mexikaner Michel Franco ist einer der unbe­lieb­testen Regis­seure der Welt. Im Grunde mag ihn niemand. Wenn man einen Latein­ame­ri­kaner auf Michel Franco anspricht, dann wird man ganz sicher erstmal ein Augen­rollen ernten und dann einen prüfenden Blick, ob man selbst viel­leicht mit Franco befreundet ist. Wenn das Gegenüber weiß, dass das nicht der Fall ist, wird gnadenlos gelästert. Das kann daran liegen, dass er einfach ein blondes Rich Kid ist. Es kann daran liegen, dass er zu erfolg­reich ist. Es liegt wohl auch daran, dass man ihn für korrupt hält und seine Filme für menschen­ver­ach­tend. Vor allem am letzten Vorwurf ist etwas dran.
Aber es hat noch niemand erklären können, dass unan­ge­nehme Menschen immer schlechte Filme machen.

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Dem Kollegen Olaf ging es übrigens genauso. Er erzählte mir gestern, er sei eigent­lich nur in Francos neuen Film gegangen, um zu verstehen, »warum den Mann eigent­lich alle hassen.« Er hatte vorher noch nie einen Film Francos gesehen. Jetzt will er alle sehen.

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Nuevo Orden ist ein Film über unan­ge­nehme Menschen. Oder viel­leicht auch über das Unan­ge­nehme im Menschen. Es gibt nur ein paar, viel­leicht eine Handvoll Figuren von den bestimmt 200 Leuten, die zumindest mal kurz in diesem Film auftau­chen, die sympa­thisch sind. Was Franco wohl für eine Kindheit gehabt hat?
Wahr­schein­lich so eine wie Marianne, die so etwas wie die Haupt­figur des Films ist. Ein Mädchen aus stink­rei­chem Haus, wohl­erzogen und gutmütig, gar nicht so weltfremd, aber eben auch verdorben von Eltern, die eiskalt und reak­ti­onär sind und sich trotzdem noch Illu­sionen machen.

Leider kann ich von Marianne aber jetzt nicht weiter erzählen, es fehlt einfach die Zeit, denn ich habe den Film erst an diesem Frei­tag­abend gesehen, darum muss ich alle Leser auf morgen früh vertrösten.

Nur soviel sei noch gesagt: Nuevo Orden ist ein mexi­ka­ni­scher Film ohne die Cuteness, die mexi­ka­ni­sche Filme sonst haben.
Kurz, hart, zynisch – ohne alle Hoffnung. Wenn man das Genre beschreiben will, dann wohl am ehesten: Paranoia-Polit-Thriller. Franco zeigt Mexiko als die Klas­sen­ge­sell­schaft, die es ist. Ein Land, das einen Schritt über den Abgrund hinaus ist. Moral: Traue keinem.
Und dabei ist dieses wahn­wit­zige Szenario kühl, souverän, berech­nend insze­niert. Ohne Über­ra­schungen, ohne Deus ex Machina, aber in einer seltsamen Schönheit, die in der Unver­fro­ren­heit und hand­werk­li­chen Souver­änität des Regis­seurs liegt: Ohne Frage ist dies »a film to be seen« und »a director to be watched«. Ich glaube, er müsste einen Preis gewinnen, viel­leicht für Beste Regie, aber bei dieser Jury ist damit eher nicht zu rechnen. Obwohl Venedig in den letzten Jahren ein gutes Pflaster für Latein­ame­ri­kaner war.

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»And you are? Ah you are a director? Oh that's amazing!« – es gibt so viele schöne kleine Gesprächs­fetzen wie diesen, die man hier auffängt im Laufe des Festivals. Oder man habe hier mehr Alkohol an den Händen, als im Bauch vom schwe­di­schen Neben­tisch in der Bar Maleti, wo es nach den anstren­genden ersten Viel­gu­cker­tagen an den letzten Abenden wieder voller wurde.

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In Cannes muss man wirklich alle Wett­be­werbs­filme sehen und dort gelingt mir das auch. Viel­leicht sind es am Ende einer oder zwei, die aus irgend­einem Grund versäumt wurden, viel­leicht weil ich nicht hinein­ge­kommen bin oder viel­leicht auch mal in einem Fall, weil so schlecht darüber gespro­chen wurde.
In Venedig laufen etwa 30 Filme »Im Wett­be­werb außer Konkur­renz« plus 21 in der »Orizzonti«-Sektion, plus je ein Dutzend in den paral­lelen Sektionen »Settemana« und »Giornate« plus diesmal einzelne Filme über die Film­ge­schichte, die sonst eine eigene Sektion haben. Von alldem sehe ich auch so einiges, lasse dann eher im Wett­be­werb etwas weg. Bisher habe ich nur 12 Filme gesehen, einen sehe ich noch, fünf fehlen mir also. Die beiden Haupt­preise kann ich aber für den Fall der Fälle morgen nachholen – es wäre nicht das erste Mal.

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Derweil werden am Lido schon die ersten Preise verliehen. Den Anfang machte mal wieder der Preis der unab­hän­gigen Film­kritik, der »Bisato d'Oro«, der diesmal zum 14. Mal verliehen wurde. Der Bisato ist die Spezia­lität der Gegend, ein Aal, den es nur in der Lagune von Venedig gibt. Dieser Bisato ist hoffent­lich keine ähnlich tote Seiten­linie der Evolution, wie die Nean­der­taler bei den Menschen – das hoffe ich auch deswegen, weil ich selber ja Teil der Jury des Bisato bin. Schon seit vielen Jahren wird das Ganze vor allem von Ugo Brus­a­porco aus Verona veran­staltet, der dort auch ein Festival leitet. Lange Jahre war Josef Schnelle der Präsident der Jury – jetzt liest er diese Blogs und sei herzlich gegrüßt.

Der »Bisato« für die beste Schau­spie­lerin ging an Mala Emde für ihre Rolle der Luisa in Und morgen die ganze Welt von Julia von Heinz.

Beste Regie bekam Yulene Olaizola, die Regis­seurin des anderen mexi­ka­ni­schen Films Tragic Jungle. Darin geht es um einen Trip, eine psyche­de­li­sche Reise einer Gruppe von Personen durch den Dschungel an der Grenze zwischen Mexiko und Belize, in den 20er Jahren. Unter ihnen ist eine junge Frau. Aber diese junge Frau namens Agnes, sie könnte auch ein Geist sein, eine Figur aus der Maya-Mytho­logie namens Xtabal, der hier die Einwohner angeblich immer noch ab und zu begegnen, sagen sie. Insofern wissen wir nicht, ob die Figur, die wir auf der Leinwand sehen, überhaupt real ist, oder eine Fantasie, eine Projek­tion der jewei­ligen Betei­ligten. Unter dieser Prämisse ist dies ein sehr poeti­scher Film und ein sehr sinn­li­cher.

Bestes Drehbuch ging an Careless Crime vom Iraner Shahram Mokri. Iranische Filme sind immer wieder in der Lage, die Wirk­lich­keit, die oft brutal und traurig ist, zu poeti­sieren, ohne sie schön zu färben, es gelingt ihnen, im Schrecken Schönheit zu finden. Gleich­zeitig schaut man sehr genau hin, denn diese Regis­seure führen ein Filme­ma­chen vor, in dem man sehr geschickt die Zensur umgeht und trotzdem eine ganze Menge Wahrheit über das eigene Land erzählt.
Careless Crime ist eines der High­lights des dies­jäh­rigen Festivals und des ganzen Filmjahrs. Inspi­riert durch das tatsäch­liche Ereignis eines Brand­an­schlags auf das Kino in Abadan während der irani­schen Revo­lu­tion, verbindet dieser Film Vergan­gen­heit, Gegenwart und Film im Film zu einem verwir­renden Labyrinth, das gleich­zeitig bezwin­gend und beun­ru­hi­gend ist. Das Kino selbst ist hier magisch – ein unglaub­li­cher Ritt, und ein ehrgei­ziges furcht­loses Meis­ter­werk, das es verdient entdeckt zu werden.

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In den letzten Tagen wurde ich schon von Russen und Japanern inter­viewt, sowohl wie ich ihre eigenen Filme wahrnehme, also Konscha­lowski bzw. Kurosawa, aber auch klarer­weise, wie ich das Festival insgesamt fand.

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Es gibt ja sehr viele Preise in Venedig: Den Preis der offi­zi­ellen inter­na­tio­nalen Film­kri­tiker­or­ga­ni­sa­tion, der Fipresci. Es gibt aber kurio­ser­weise auch neben Preisen, die es in ziemlich vielen Orten gibt, wie den Preis der Ökume­ni­schen Jury, das Gegenteil dieses Preises – nämlich den soge­nannten »Premio Brian«, ein Preis, den ich immer besonders lustig und schön fand, benannt nach der Haupt­figur aus dem Monty Python Film Das Leben des Brian – das ist der Preis für den athe­is­tischsten Film des Programms. Ich bin sehr gespannt, wer den in diesem Jahr bekommen wird.

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Es ist natürlich immer schwer zu sagen, was so eine Jury entscheidet. Dort sitzen kluge Köpfe zusammen, oder zumindest Leute, die feste Bestand­teile der Film­branche sind, gut vernetzt, die viele Filme sehen. Jury­mit­glied in diesem Jahr ist unter anderem der deutsche Regisseur Christian Petzold (Die innere Sicher­heit), die öster­rei­chi­sche Filme­ma­cherin Veronika Franz, die sowohl eigene Filme macht, als auch mit ihrem Ehemann Ulrich Seidl zusam­men­ar­beitet. Jury-Präsi­dentin ist Cate Blanchett – von der kann man sich nicht vorstellen, dass sie sich von vielen anderen etwas sagen lässt. Gleich­zeitig stellt man sich Blanchett natürlich als fast schon Weise, in jedem Fall als sehr tolerante gute Zuhörerin vor – ich glaube unter uns nicht, dass diese Vorstel­lung auch nur zehn Prozent mit der Wirk­lich­keit zu tun hat, ich denke nur, Blanchett ist ein harter Profi und weiß, was sie tut, und kommt im Gegensatz zu anderen bestimmt mit einer Agenda hierher.
Was man von ihr dieser Tage hört, ist: Sie geht in viele Filme. Sie lässt schöne Abend­essen sausen und schaut sich lieber irgendwas an, was sie gar nicht sehen muss, aber will.
Respekt also!

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Als ich heute zu Violeta, einer argen­ti­ni­schen Freundin, meinte, ich hätte Respekt vor Michel Franco, erntete ich besagte (s.o.) hoch­ge­zo­genen Augen­brauen. Ich redete mich dann damit raus, dass ich sagte: »Respekt ist das, was auch der Pate der Cosa Nostra bekommt«.

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Respekt bekommt Cate Blanchett also auf alle Fälle, viel­leicht die Autorität einer am Ende sehr respek­tierten Lehrerin. Aber man kann sich natürlich täuschen. Allemal ist Cate Blanchett, das hat sie bereits in ihrem Eröff­nungs­state­ment, wo sie vehement für Diversity und Gender-Neutra­lität plädiert hat, bewiesen, eine Frau, die politisch denkt, und das bedeutet auch in poli­ti­schen Symbolen und poli­ti­schen Gesten. Deswegen ist meine persön­liche Vermutung, dass in jedem Fall eine Frau den Haupt­preis als Regis­seurin für den besten Film erhalten wird. Denn immerhin gibt es auch acht Filme von Regis­seurInnen in diesem Wett­be­werb von 18 Filmen.
Insofern gibt es keinen Mangel an Auswahl.

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Schade ist natürlich vor diesem Hinter­grund umso mehr, dass es manche geben wird, die einem Preis für eine Frau in jedem Fall unter­stellen werden, dass es ein poli­ti­scher Preis ist und keiner für künst­le­ri­sche Fähig­keiten. Aber da kann man dann auch nichts machen.
Ich habe aber ein bisschen Angst, dass der Preis allzu offen­sicht­lich nach anderen poli­ti­schen Kriterien vergeben wird – also z.B. danach, welches Land, welche Region unbedingt einen Preis »braucht«. Oder danach, wo vermeint­lich wichtige Themen auf die Leinwand gebracht oder ange­spro­chen werden.
Alles Bullshit.

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Es liegt lange zurück, aber das zweite Mal, dass ich von den Film­fest­spielen von Cannes berich­tete, war für mich eine nach­haltig scho­ckie­rende Erfahrung: Mit Quentin Tarantino gab es einen Jury-Präsi­denten, den man schätzte und bei dem es keine Frage ist, dass er viel von Film und Film­ge­schichte und den Film­kul­turen der Welt versteht. Und es gab unglaub­lich viele tolle Filme, die ästhe­tisch die Grenzen des Mediums auslo­teten, unter anderem einen Film von Apichat­pong Weeras­ethakul, einen von Wong Kar-Wai, einen von Hirokazu Kore-eda, einen von Zhang Yimou, einen von Park Chan Wook, dazu alles mögliche andere, was spannend und gut war. Und wer hat dann den Preis bekommen? Michael Moore für seinen komplett durch­schnitt­li­chen und absolut inhal­tis­ti­schen Film Fahren­heit 9/11 – einfach nur, weil der Golfkrieg und der »Krieg gegen den Terror« (oder für den Terror, wie schon damals absehbar war) auf seinem Höhepunkt war, und weil 2004 das Jahr war, in dem George W. Bush zur Wieder­wahl antrat. Es war todtraurig! Bush hat natürlich auch die Wahl gewonnen, weil Wähler nicht auf Film­re­gis­seure oder Festi­val­jurys hören, wem sie die Stimme geben sollen. Das begreifen aber Jurys nicht, sondern fühlen sich, wie Heiko Maas sich wahr­schein­lich als deutscher Außen­mi­nister fühlt.
Daraus kann man lernen: Die auf dem Papier beste Jury kann schlechter oder sogar hunds­mi­se­rable Entschei­dungen treffen. Und umgekehrt – denn in diesem Jahr ist das Glas ja immer halbvoll – kann eine auf dem Papier schlechte Jury auch zu tollen Entschei­dungen kommen.

(to be continued)

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