26.01.2020
41. Filmfestival Max Ophüls Preis

Die Freiheit zum Schweinefleisch

Jijan
Exzellent inszeniert: JIJAN
(Foto: Max Ophüls Preis)

Auch in seinen Film­spra­chen lotet der Film­nach­wuchs beim Festival Max-Ophüls-Preis die Abgründe unserer Gegenwart aus

Von Rüdiger Suchsland

»Im deutschen Film werden Juden meistens nur in Schwarz­weiß gezeigt. Sie schlagen selten zurück. Aber so ein Film ist das hier nicht.« Und dann schlägt immerhin Dimitri zurück. Dies ist tatsäch­lich ein bunter wilder und selbst­iro­ni­scher Cocktail von einem Film – heiteres, sehr phan­ta­sie­rei­ches Kino gegen Rassismus, Anti­se­mi­tismus, dumme Lehrer und die Ahnungs­lo­sig­keit der Mehr­heits­deut­schen. Ihnen rät der Film: »Gucken Sie nach vorn und bewäl­tigen Sie die Gegenwart.«
In einem nur sekun­den­langen abgrün­digen Ausschnitt einer Karne­vals­show von 1973 sieht man, wie sich seiner­zeit noch deutsche Karne­va­listen zum »Sieg Heil!«-Schreien hinreißen ließen. Und auch die neuen Nazis kommen vor: Alexander Gauland hat einen Auftritt. Aber mit Nazis hat der ja nichts zu tun.

Aufklä­rung im Stil des guten Propa­gan­da­kinos in der Tradition von Frank Capra und Charlie Chaplin. »Mazel Tov Cocktail« von Arkadij Khaet und Mickey Paatzsch gewann am Samstag beim Festival Max-Ophüls-Preis in Saar­brü­cken den Publi­kums­preis für den schönsten mittel­langen Film. Er solle »doch nicht die Hand beißen, die ihn füttert« – mit solchen und ähnlichen Sprüchen hatten zuvor soge­nannte »Dozenten« an der Ludwigs­burger Film­hoch­schule noch versucht, dem Film­stu­denten den Film auszu­reden.
Auch die Film­för­de­rung bekommt ihr Fett ab.

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Nicht nur das Zimmer ist eng, auch der Blick hinaus in die weite Welt wird direkt gegenüber des Fensters wieder durch eine hässliche Aller­welts­fas­sade verdeckt. Diese Fassade ist fast alles, was das junge türkisch-kurdische Paar Hayat und Harun von Berlin zu sehen bekommt.
Die dffb-Studentin Süheyla Schwenk erzählt in ihrem ersten Spielfilm Jiyan von solchen Fenstern und Türen, die scheinbar den Raum erweitern, ihnen tatsäch­lich aber auf die eine oder andere Weise verschlossen bleiben, und die Enge daher umso fühlbarer machen: In einem Zimmer hausen sie, von den Verwandten wie den Behörden mehr geduldet als will­kommen. Sie führen ein Leben unter dem Radar. Nur eine Bratwurst, für gläubige Moslems wegen des Schwei­ne­fleischs ein Tabu, wird zum kleinen und einzigen Stück Freiheit, das sich Hayat und Harun in Deutsch­land nehmen.
Mehr und mehr aber gibt es in der Enge dieses Kammer­spiels – der ganze Film spielt in einer Drei­zim­mer­woh­nung – auch Raum für Verständnis und zwischen­mensch­liche Gesten. Schwenk ist ein konzen­trierter Film geglückt, der vom kleinen Glück und von großem Unglück erzählt, von Intimität und schei­ternder Flucht aus Kriegs­ge­bieten. Gerade in seiner Reduktion und Nüch­tern­heit öffnet dieser huma­nis­ti­sche, exzellent insze­nierte Film den Blick auf die alltä­g­liche Bruta­lität hinter den Nach­rich­ten­mel­dungen – ein Juwel im Wett­be­werb um den Max-Ophüls-Preis, wo Jiyan, der als »Dritt­jah­res­ar­beit« noch nicht mal ein Hochschul-Abschluss­film ist, am Samstag den Preis der Ökume­ni­schen Jury gewann.

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Zumindest der Blick aus dem Fenster ist schöner in Sunburned. Die Berliner Regis­seurin Carolina Hellsgard – sie studierte an der UdK bei Thomas Arslan – kombi­niert ähnlich wie Schwenk eigene Kind­heits­er­fah­rungen mit einem frischen Blick auf scheinbar Bekanntes und erzählt von zwei Paral­lel­welten: Tourismus und Flucht. Eine Mutter macht mit ihren zwei Töchtern Urlaub in einer spani­schen Betten­burg. Während die Mutter und die ältere Tochter bald dem Charme der Strand­ca­sa­novas verfallen, driftet die Jüngere, Claire, zunächst verloren durch die Gegend. Hellsgard erkundet die Teenager­welten zwischen Discos mit bunten Mixge­tränken, Perfor­mance-Tänzen à la Spring Breakers und Lügen, Träumen und Lange­weile. Dann lernt das »little girl lost« einen gleich­alt­rigen Strand­ver­käufer kennen, der es aus Afrika nach Spanien geschafft hat, nun aber ähnlich verloren Träume träumt, die sich nicht erfüllen. Beide freunden sich an, könnten ein Paar werden, doch am Ende überwiegt die Erfahrung, dass hier zwei Welten sich nicht berühren können, und dass, wer der Sonne zu nahe kommt, sich verbrennt.
Ebenfalls an der UdK bei Arslan studiert Frédéric Jaeger, bislang als Film­kri­tiker bekannt: Aufklä­rung für Hönow heißt Jaegers Kurzfilm, in dem er ebenso clever wie witzig und über­ra­schend von den Abgründen des Filme­ma­chens erzählt – an nur einem Drehtag entstand diese facet­ten­reiche Selbst­re­fle­xion.

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Mecha­nismen der Annähe­rung stehen im Zentrum des schweizer-öster­rei­chi­schen Lovecut, eines der anspruchs­vollsten Filme dieses Jahrgangs. Johanna Liethe und Illiana Estanol porträ­tieren in drei Episoden Praktiken der Intimität unter Teenagern: Chats, Insta­gram­kom­mu­ni­ka­tion, Porno­konsum. In privaten Perspek­tiven handelt dieser kluge, gele­gent­lich auch lustige Film vom Umgang der Gesell­schaft mit Liebe und Sexua­lität – für diesen Film gab es verdien­ter­maßen den Dreh­buch­preis.

Liebe und Sex, vor allem aber der Alltag junger Frauen im Iran stehen auch im Zentrum von Domino, dem aller­besten Film im dies­jäh­rigen Saar­brü­cken-Jahr, der aber nur in einer Neben­sek­tion lief, weil er bereits woanders Premiere hatte: Laleh Barzegar hat ihren Abschluss an der Kölner KHM gemacht und erzählt voller Leich­tig­keit, mit Anleihen an die melan­cho­li­sche Heiter­keit der Filme Rohmers, von einer jungen Frau, die gegen die Zumu­tungen von Familie, Gesell­schaft und Tradition ihre Freiheit sucht und vertei­digt. Ein bezau­berndes Debüt!

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Trotz einer deut­li­chen Übermacht der Regis­seu­rinnen im Wett­be­werb (12:5) gewann dann ein Mann den Max-Ophüls-Preis: Johannes Maria Schmitts Neubau gefiel der Jury wohl auch deshalb, weil er in der tiefsten bran­den­bur­gi­schen Provinz mehr als einen Hauch des Lebens von Berlin Mitte entdeckt, und der Film sich in geschicktem Selbst­mar­ke­ting auch noch Girlanden mit der Formel »Neue Selbst­ver­ständ­lich­keit« umbindet. Bei der Preis­ver­lei­hung wurde gar ein Manifest zu dieser Formel verlesen. Dazu bei nächster Gele­gen­heit mehr.
Fest­stellen kann man aber, dass sich nach den beiden letzten Siegern Land­rau­schen und Das melan­cho­li­sche Mädchen offenbar allmäh­lich ein Standard-Muster des Saar­brü­cker Preis­träger heraus­bildet: Alle drei Sieger­filme sind intel­li­gente Farcen über den Crash von Hipster-Welten mit dem wahren (Provinz-)Leben. Für die allzu betonte Origi­na­lität von Neubau waren aber gleich zwei Preise zumindest einer zuviel.

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Ein ganz großar­tiger Preis­trä­ger­film ist dafür Regeln am Band bei hoher Geschwin­dig­keit von Yulia Lokshina, der überaus verdient den Doku­men­tar­film­wett­be­werb gewann. Ein Film, der nicht nur Mitleid mit Tieren hat, sondern zunächst einmal mit den Menschen. In exzel­lenten Bildern und genau kompo­nierter Drama­turgie einer langsamen Stei­ge­rung zeigt Lokshina einige Szenen aus dem Leben der Menschen von Rheda-Wieden­brück. Man sieht west­fä­li­sche Schwei­ne­fleisch­fa­briken und begegnet der schlechten Behand­lung der Menschen, oft osteu­ro­päi­sche Migranten, die dort arbeiten – mitten in Deutsch­land glaubt man plötzlich die Dritte Welt zu sehen. Man muss kein Moslem sein, um sich hiervor zu ekeln.

(to be continued)

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