30.01.2020
41. Filmfestival Max Ophüls Preis

Einstürzende Altbauten

Neubau
Preisträger »Neubau« – missglückter Dokumentarfilm? (Foto: Max Ophüls Preis)

Das 41.Festival Max-Ophüls-Preis belegt: Im deutschen Film­system herrschen zu viele alte Selbst­ver­ständ­lich­keiten und die zynische Vernunft

Von Rüdiger Suchsland

»Lange Auto­fahrten durch alle­en­ge­säumte Straßen zwischen nordöst­li­chen Feldern... Wenn die Leute zuhause sind, wird gebügelt, es wird Heu ausge­hoben, in der Freizeit badet man im See, und die Haupt­figur, ein junger Mann, der keine Eltern mehr hat, muss sich um seine Groß­mutter kümmern, die nicht mehr lange leben wird; er will aber auch sein eigenes Leben haben – so weit eine kleine unschein­bare Geschichte über die alltä­g­li­chen Leiden des Durch­schnitts­men­schen in der Durch­schnitts­pro­vinz, so weit das Übliche eines sozi­al­rea­lis­ti­schen Spiel­films, der große Anleihen bei doku­men­ta­ri­schen Formaten nimmt. Aber was ist über­ra­schend und besonders an »Neubau«? Was soll diesen Film so ungemein über die anderen 15 Beiträge im Spiel­film­wett­be­werb beim Festival Max-Ophüls-Preis in Saar­brü­cken heraus­heben, dass er gleich zwei von drei Haupt­preisen gewinnen müsste?

Die Antwort: Nichts. Nichts außer der Tatsache, dass die Haupt­figur ein Transmann ist, und die Oma lesbisch, dass überhaupt dieser Film bevölkert ist von allerlei Menschen, die man im Kino meist nur in der Großstadt sieht.

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Regisseur Johannes Maria Schmitt und sein künst­le­ri­scher Partner und Haupt­dar­steller Tucké Royale sprechen in diesem Zusam­men­hang von »Neuer Selbst­ver­ständ­lich­keit« – das ist dann aber para­do­xer­weise gerade ein Indiz dafür, dass etwas offenbar selbst für die Macher so wenig selbst­ver­ständ­lich ist, dass sie dies durch derartige Etiketten über­tün­chen müssen.

Trotz einer deut­li­chen Übermacht der Regis­seu­rinnen im Wett­be­werb gewann mit diesem Film nach vier Jahren mal wieder ein Mann den Max-Ophüls-Preis: Neubau gefiel der komplett mit Berlinern und mehr­heit­lich mit Frauen besetzten Jury vermut­lich auch deshalb, weil er in der tiefsten bran­den­bur­gi­schen Provinz mehr als einen Hauch des Lebens von Berlin Mitte findet, und in der Gegend spielt, in der die Berliner Kunst­szene gerade die letzten leer­ste­henden Häuser aufkauft, um dort Woche­n­end­re­si­denzen einzu­richten und politisch-korrekte Nahrungs­mittel anzu­pflanzen.
Ansonsten wirkt Neubau, als sei dem Regisseur ein Doku­men­tar­film miss­glückt, und er habe darum eine Semi­nar­ar­beit aus den »Cultural Studies« verfilmt.

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Am Morgen nach der Preis­ver­lei­hung blieb vor allem die Erkenntnis, dass sich nach den beiden letzten, sehr verdienten Siegern Land­rau­schen und Das melan­cho­li­sche Mädchen offenbar allmäh­lich ein Standard-Muster der Saar­brü­cker Preis­träger heraus­bildet: Alle drei Sieger­filme ähneln sich: Intel­li­gente Farcen über den Crash von Hipster-Welten mit dem wahren Leben. Für die allzu betonte Origi­na­lität von Neubau waren aber gleich zwei Preise zumindest einer zuviel.

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Das Festival Max-Ophüls-Preis in Saar­brü­cken hat sich längst etabliert – auch im 41. Jahr ist es das wich­tigste Film­fes­tival für den deutsch­spra­chigen Film­nach­wuchs.

Prägend für die Atmo­s­phäre sind junge Filme­ma­cher und entspre­chend lange Nächte. Die Filme sind selten perfekt, dafür aber oft riskant und unge­wöhn­lich.

Zugleich gibt es einen bemer­kens­werten Kontrast zwischen einzelnen sehr guten, und vielen passablen Filmen und ihren sympa­thi­schen Machern, zu dem gene­rellen Grau­schleier der Melan­cholie, der sich wie Mehltau über die Gespräche und Vorfüh­rungen deutscher Filme senkt.

Auch die jüngsten Jung­filmer wissen inzwi­schen, dass zu Opti­mismus kein Anlass besteht, dass wenige von ihnen zweite und dritte Filme machen werden.

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Denn abseits von Saar­brü­cken halten die Funk­ti­onäre des deutschen Film-Systems Reden, in denen sie das Mantra wieder­holen, es gebe viel zu viele deutsche Filme – als sei nicht das Haupt­pro­blem das Zuwenig: Zu wenig gute Filme; zu wenig Kinos und Abspiel­plätze; zu wenig Sende­plätze im Fernsehen, weil die Kultur­po­litik die Sender hier nicht in die Pflicht nimmt; zu wenig Geld, weil die Förderung hier­zu­lande nur ein Drittel der Summen zur Verfügung stellt, die in Frank­reich und Groß­bri­tan­nien ausge­geben werden; und schließ­lich zu wenig Publikum, weil wegen all der anderen genannten Gründe so etwas wie Film­kultur nur als Unkultur existiert.

Im deutschen Film­system herrscht die zynische Vernunft – und solange das sich nicht ändert, ist der deutsche Film kein Neubau, sondern ein sanie­rungs­be­dürf­tiger Altbau.

(to be continued)

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