23.01.2020
21 films

Filmkunst Hollywood

Martin Scorses Irishman
»Auf jugendlich getrimmte Hobbits.« (Foto: Netflix)

Ein Kommentar

Von Dominik Graf (Regisseur, München)

Mehr oder weniger die üblichen Verdäch­tigen. Das scheint enttäu­schend. Aber die Filme sind es aus meiner Sicht gar nicht. Man hätte die letzten 30 Minuten von Genie-Regis­seurin Bigelows Zero Dark Thirty natürlich hier anführen können, die Tötung Bin Ladens in hoch­in­ter­es­sant gestal­teter Dunkel­heit, der Tote dann nur sichtbar auf einem Handy­screen… aber der Vorlauf im Film dazu, die Jagd, schien mir etwas zu mecha­nisch in der Erzählung zu sein. Nix Vergleich­bares mit The Hurt Locker (2008) jeden­falls. Also:

Martin Scorsese, The Wolf of Wall Street, 2013

Erstaunen und Begeis­te­rung über Scorseses Ener­gie­leis­tung, mit 71 Jahren mal wieder eine neue Branche von Dreckskerlen ausfindig gemacht und zu einem Mythos hoch­sti­li­siert zu haben. Komisch, tragisch, alles was ihr wollt. Auch sein nach­fol­gendes strenges grausames japa­ni­sches Missio­nars­drama Silence von 2016 würde jeder Jahr­zehn­te­liste Ehre erweisen. Nun scheint ihn aller­dings in The Irishman der Digi­ta­li­sie­rungs­rausch in eine Sackgasse gepeitscht zu haben. Der Anblick von Pesci und de Niro als auf jugend­lich getrimmte Hobbits, als im Visual-Effects-Wahn mutierte Defa-Märchen­zwerge – das ist dann doch wirklich ein wenig depi­ri­mie­rend für so einen Master of the Universe.

Chris­to­pher Nolan, Inter­stellar, 2014

Nolan ist in meinen Augen eigent­lich ein kine­ma­to­gra­phi­scher Laut­spre­cher. Auch so einer dieser Konzept-Zombies. Inception – pures Grauen. Und dann aber: Inter­stellar gehört, finde ich, doch in die Top 21 des Jahr­zehnts, weil die Archaik der erzäh­le­ri­schen Grund­si­tua­tion, Vater-Tochter, dem ganzen – diesmal aber auch echt beein­dru­ckenden – Bilder-SciFi-Brim­bo­rium wider­steht. Und viel­leicht auch, weil Hans Zimmer mal wieder was wirklich Neues einfiel.

Tom Mc Carthy, Spotlight, 2015

Old-School-Enthül­lungs­film um Pädo­philie in der katho­li­schen Kirche der USA. Grandios geduldig, dezent, mit sehr viel Liebe zu Details. Die fabel­haften Schau­spieler der fleißigen Bostoner Jour­na­lis­ten­clique treiben beinahe jeden Moment der Recherche zu einem kleinen szeni­schen Höhepunkt. Der Weg ist das Ziel, das macht den Film groß, nicht sein Ender­gebnis. Höhepunkt des Films ist der Moment, als einer der recher­chie­renden Jour­na­listen jene Ausgabe des Golden Globe, in dem endlich die Enthül­lungen zu lesen sind, vor eine kleine katho­li­sche Einrich­tung ganz in seiner Nähe legt, die über die Dauer des Films verschlossen war. Niemand hat ihm dort je die Tür geöffnet. Ein immer unheim­li­cher werdender Ort. Nun ist quasi der Bann gebrochen. Mehr braucht es zum Ende nicht, keine trium­phie­renden Montagen, nur die Wärme­spende dieser Geste.

Quentin Tarantino, The Hateful 8, 2015

Bester Tarantino seit Jackie Brown, glaube ich. Spannung wird mal wieder drama­tur­gisch in Zeitlupe gedehnt, jaja, aber diesmal ist es ein wirklich packendes Agatha-Christie-artiges Western-Kammer­spiel im Schnee, erinnernd an die frühen US-Fern­seh­spiele der 1950er und 60er von Peckinpah oder Fran­ken­heimer. Bizarr, ultrab­rutal, vertrackt. Aller­dings Morricone ausge­rechnet für diese Musik den Oscar zu geben, das wäre nur dann okay gewesen, wenn er vorher bereits etwa zwölf Oscars für all die vielen Sensa­tions-Scores seiner Karriere gewonnen hätte. Ich sage nur The Mission. .....Jetzt wirkte der Preis eher wie ein Trost­pflaster für viele erlittene Academy-Fehl­ur­teile.

Whit Stillman, Love & Friendship, 2016

»Benjamin Portal ist hier. Ist das nicht reizend? Ich weiß zwar nicht genau, warum, aber der zweite Satz folgte dem ersten so selbst­ver­ständ­lich, dass ich nicht umhin konnte, ihn hinzu­schreiben.« Die herrliche Jane Austen! – Whit Stillman, der Regisseur mit dem sympa­thischsten Lächeln, ist natürlich das Gegenteil eines Holly­woo­dia­ners, seine Karriere zeigt ihn als klas­si­schen Inde­pen­dent Man, seine Finan­zie­rungen sind manchmal aben­teu­er­lich. Aber seine Dezenz und sein Humor sind einzig­artig und täten dem indus­tri­ellen ameri­ka­ni­schen Kino als Medizin viel öfter gut, als Stillman sie zeigen darf. Nichts gegen den schönen Sinn und Sinn­lich­keit von Ang Lee und gegen all die anderen Perü­cken­jagden Austen'scher Verfil­mungen durch Downton-Abbey-artige englische Bauwerke – aber Stillman besteht in seiner Verfil­mung des relativ unbe­kannten Brief­ro­mans »Lady Susan« halt auf filmi­schem Stil, auf gutem Geschmack, auf Klas­si­zismus, hat keine aufge­setzten Moder­nismen nötig, um irgendein imaginäres größeres Jung­men­schen-Publikum für intel­li­gente Kostüm­filme anlocken zu wollen. Er vertraut auf seine Ironie, seinen Witz und die wirklich anrüh­rende Tragik der Vorlage, die im Titel eine der bösar­tigsten Austen-Figuren (gespielt von Kate Beck­in­sale) trägt. Spitz­zün­gig­keit der Dialoge, Spitz­fin­dig­keit ebenso wie Tölpe­lig­keit der Charak­tere in die Stillman'sche haus­ge­machte Mixtur aus Spott und Mitgefühl getunkt. Um nochmal den alten Rohmer-Spruch zu bemühen: die »Farbe« von Stillmans Dialogen »trocknet« sozusagen garan­tiert nie.

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