07.02.2018
IFFR 2019

Die tiefen Poren der Bürgerlichkeit

Dana LInssen Jan Pieter Ekker
Eins von zwölf Gesichtern

Rotterdam expe­ri­mental: Tsai Ming-liang zeigt in Rotterdam den Portrait-Film Your Face

Von Dunja Bialas

Gesichter sehen dich an. Der chine­sisch-malay­ische Regisseur Tsai Ming-Liang lebt in Taiwan und hat in seinem neuesten Werk Your Face Menschen ins Gesicht geblickt, die dem Mittel­stand entstammen. Gut situiert zeigen sich auch die älteren bis stein­alten Damen mit einer dicken Schicht Make-up, viel Lippen­stift in keines­falls billig wirkendem Farbton, sorg­fältig frisiert, Halskette. Bis dahin, wo das Bild reicht: sind sie tiptop. Die Männer, ebenfalls älteren Datums, teilweise auch richtig alt mit nur noch verein­zelten, vom Kopf abste­henden Haaren, verraten ebenfalls einen guten gesell­schaft­li­chen Stand. Zahnloses Mundwerk, wie in Wang Bings Dead Souls, in dem er über zwölf Stunden lang Menschen portrai­tierte, die dem Umer­zie­hungs­lager entkommen waren, sind hier nicht zu sehen. Taiwan hat eine andere Vergan­gen­heit und eine andere Gegenwart.

Tsai hat außerdem ein anderes Anliegen: er möchte, dass wir in den Gesich­tern lesen, uns eigene Geschichten zu ihnen erfinden. Die Fragmente ergänzen. Speku­la­tion ist will­kommen, und viel­leicht liegt man ja auch daneben. Teilweise wirken die Portrai­tierten wie dem Turbo-Kapi­ta­lismus Verfal­lene. »Mich inter­es­siert Geld«, sagt eine erfolg­reiche Geschäfts­frau unver­blümt auf die Frage, was sie im Leben so umtreibe. Wortreich erzählt sie vom Erwerb mate­ri­eller Status­sym­bole, und wie sie die Karrie­re­leiter erklommen hat. Irgend­wann kommt jedoch eine andere Tonalität in ihre Erzählung hinein, und Nach­denk­lich­keit. Sie erzählt vom Tod ihrer Tochter, von der Trauer. Es zeigt sich eine uner­war­tete mensch­liche Seite. Ihr Gesicht ist am Anfang sehr kontrol­liert, irgend­wann kippt das. Aber immer rettet sie sich in ein Lachen, in ein Lächeln. Sie wird von der Seite gezeigt, offenbar ihre Scho­ko­la­den­seite, die sie Tsai angeboten hat. Wer weiß?

Nicht jedes Portrait, das Tsai in seinem knapp 80 Minuten langen Film reiht, gibt Aufschluss auf die Prot­ago­nisten. Bisweilen bleiben sie auch ganz und gar verborgen, sprechen nicht. Das Bild ist dann stumm, es wird ohne ihre Worte tatsäch­lich nahezu unmöglich, in den Gesich­tern zu lesen, viel­leicht auch, weil uns Taiwan zu fern ist. Sie blicken in die Kamera. Sind nervös, unsicher, suchend. Ein verle­genes Lachen. Einmal ist einer einge­schlafen und schnarcht.

Die meisten sind alt, sehr alt. Tsai verzichtet ganz auf biogra­phi­sche Angaben. Während bei Wang das ergrei­fende Schicksal der Menschen im Zentrum steht, schweigt sich Tsai aus. Einer der zwölf Portrai­tierten, das muss man wissen, ist Schau­spieler und Tsai-Muse Lee Kang-sheng, den er als wieder­keh­rende Figur in fast all seinen Spiel­filmen auftau­chen ließ.

Tsai, der als Schlüs­sel­figur des taiwa­ne­si­schen Kinos gilt, bewegt sich nun seit einiger Zeit in der Kunstwelt. 1994 hatte er mit seinem erst zweiten Film, Vive l'amour, den Goldenen Löwen gewonnen. Der fran­zö­si­sche Titel ist kein Zufall, sein Film­schaffen wurde deutlich von der Nouvelle Vague geprägt. Sein großes Vorbild war Truffaut mit dem wieder­keh­renden Jean-Pierre Léaud, was Tsai mit Schau­spieler Lee aufgriff. 2013 verab­schie­dete er sich von der Filmwelt mit einem Bild, dass wie ein Manifest eines Neuauf­bruchs wirken durfte: Die obdach­losen Figuren seines sozi­al­kri­ti­schen Stray Dogs standen in einem Hoch­haus­rohbau und starrten eine viertel Stunde lang auf eine ganz und gar schwarze Wand, auf die es weiße Farbe hinab­reg­nete. Eine unver­gessen intensive Szene, die scheinbar das Kino anhielt.

Ein Jahr später, Tsai war gerade Jury­prä­si­dent des FID Marseille, drehte er Journey to the West, wo er einen buddhis­ti­schen Mönch in Zeit­lu­pen­tempo barfuß die dreckige Phöni­zer­stadt durch­queren ließ. Er rief die »Art of Slow Cinema« aus, weitere Walker-Filme folgten. Diese neue Filmkunst, die fürs Kino nur noch begrenzt kompa­tibel ist, zielt system­kri­tisch immer auch auf den Westen und den Kapi­ta­lismus, in den sich Taiwan ebenso einglie­dert. Your Face meint so auch im Titel den Betrachter: es ist ebenso unser Gesicht, das sich in den Reigen einglie­dern könnte.

Leider gerät dies nicht voll­kommen über­zeu­gend, was sicher­lich der abstoßenden Digi­taläs­t­hetik und Ausleuch­tung geschuldet ist (die Tsai gleich­wohl sehr sorg­fältig vorge­nommen hat, wie Berichte verraten). Unter milli­me­ter­di­cker Make-up- oder Crème-Schicht glänzen die Gesichter fleisch­farben in die Kamera, die Tünche verwehrt, was das eigent­liche Thema des Films ist: in den Gesich­tern zu lesen. Oder will Tsai uns sagen: Ihr Menschen seid nicht schön anzu­schauen? Eine Portrai­tierte hat eine schwarz­glän­zende Warze direkt über der Oberlippe. Ein schwarzes Haar ragt hervor. Gleich­zeitig lacht sie verlegen in die Kamera, zeigt sich des Mediums bewusst, eine aufge­klärte, moderne Frau. Alle haben tiefe Hautporen, sogar die jungen. Faszi­na­tion und Abstoßung paaren sich, wenn der Blick auf diese Anti-Ästhetik trifft. Die Frage am Ende bleibt offen: War es Unacht­sam­keit (bei Tsai kaum denkbar)? War es ein Statement? Liegt hier der tiefere Sinn verborgen? Allemal aber ein formal konse­quenter Film, der trotz aller mani­fes­tierter Ober­fläche plötzlich auch rätsel­haft wird.

»There is some light / There is a story / Your face tells the passage of time / and places you have journeyed«, singt am Ende der Japaner Sakamoto Ryuichi. Die erste Musik, die bei Tsai Ming-liang seit zwanzig Jahren erklingt.

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