29.03.2019
Cinema Moralia – Folge 192

Mehr »Beach Bum« in den Köpfen!

Die Blechtrommel
Sein bekanntester Film wird jetzt wieder in Potsdam gezeigt: Schlöndorffs Die Blechtrommel

Beim nächsten Mal bitte Komödien: Über Lachen, Engagement und Kritik. Und vor allem über Volker Schlöndorff zum 80. – Cinema Moralia, Tagebuch eines Kinogängers, 192. Folge

Von Rüdiger Suchsland

»Man entfremdet sich noch die wenigen Freunde, die man hat: indem man genau die Eindrücke wieder­gibt, so man von ihrer Werke einen empfing.«
Alfred Kerr

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Alfred Kerr war kein Schlechter. Sondern ein Vorbild. Er war zwar Thea­ter­kri­ti­kern, aber von ihm kann man auch lernen, was gute Film­kritik bedeutet: genaues Hinsehen, Offenheit, dann aber auch Entschie­den­heit im Urteil, Klarheit in der Sprache.
Und keine Kompro­misse, keine Verpflich­tungen Freunden und Bekannten und Mächtigen und Auftrag­ge­bern gegenüber. Wer nicht bereit ist, sich Feinde zu machen und Freunde zu verlieren, ist kein guter Kritiker.

Heute nennt man gerne zu Klas­si­kern gewordene Kritiker wie Kerr oder Karl Kraus als Vorbilder. Gut so. Aber wo werden sie tatsäch­lich zum Vorbild genommen? Wer hätte heute ihren Mut, ihre Unab­hän­gig­keit. Film­kritik ist aber nicht Film­wis­sen­schaft, nicht Philo­logie.
Sondern unter anderem Unter­schei­dungs­ver­mögen, nicht zuletzt das, was Genau­ig­keit ange­bracht ist, und wann man mal ungenau sein muss.

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Unsere heutigen Arbeits­be­din­gungen unter­liegen der Zensur. Da könnten wir jetzt etwas zum europäi­schen Urhe­ber­recht schreiben, zur Enteig­nung der Autoren und Ausbeu­tung durch das soge­nannte »Leis­tungs­schutz­recht«, das alles Schützt, aber nicht die Urheber.
Das haben zu wenige begriffen, darum haben zuviele (angeblich) »Kreative« die Propa­ganda der selbst­er­nannten Urhe­ber­schützer geschluckt. Ein weiterer Sieg der Alten über die Jungen, der Vergan­gen­heit über die Zukunft. Wie der Brexit, wie die absurde Abschaf­fung der Zeit­um­stel­lung. Folgen wird es trotzdem kaum haben, denn Grenzen gibt es im WWW nicht mehr.

Aber Zensur gibt es auch tagtäg­lich und ganz analog. Überall wird gestri­chen, und geändert, und redigiert, selten zum Besseren und zual­ler­erst in den eigenen Köpfen.
Gefragt ist aber das Gegenteil: Mut und Exzeß, ein bisschen Hedo­nismus, aber auch Hedo­nismus des Verstandes.
Mit anderen Worten: Mehr Beach Bum in den Köpfen!

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Wo bleibt das Positive? Kunst und Kunst­werke brauchen keine Schonung. Keine Lüge. Biss ist nötig, Schärfe, Klarheit, und manchmal Bosheit – des Blicks.

Jener rela­ti­vie­rende Chor, wie er hier­zu­lande Mode ist, ist doch nur das verbrämte Interesse, keinen zu mächtig werden zu lassen.

»Polemik heißt, ein Buch in wenigen seiner Sätze vernichten. Je weniger man es studierte, desto besser. Nur wer vernichten kann, kann kriti­sieren.« Das schrieb Walter Benjamin. Heute wird er sehr geschätzt. Ein Guter, ein Meister. Doch längst schon tot.

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»Alles muss mit Leiden­schaft gemacht werden, und allen wird vorge­gau­kelt, dass das Leben sinn­voller und erfüllter werden könnte, wenn man seine Leiden­schaft lebt. Aber letzten Endes geht es wieder nur darum, den Menschen etwas zu verkaufen. Lebe deine Leiden­schaft! Verwirk­liche dich! Das ist völliger Humbug.
Erstens hält es nicht jeder aus, seine Leiden­schaft zu leben. Zweitens ist überhaupt gar nicht alles leiden­schaft­lich behaftet. Drittens exis­tieren viel­leicht gar nicht bei jedem solche Leiden­schaften und können also auch nicht einfach aus der Luft gegriffen werden. Und am wich­tigsten ist doch, dass es gar keinen zwin­genden Hinweis, geschweige denn einen Grund gibt, dass dadurch, dass man seine Leiden­schaft lebt, sich irgend­etwas verbes­sert. Nur weil man nicht leiden­schaft­lich brennt für seinen Beruf, fehlt einem nicht auto­ma­tisch etwas. Das ist Mumpitz!«
Christoph Waltz, Berliner Zeitung, 20.02.2019

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In Deutsch­land wird Volker Schlön­dorff immer noch unter Wert wahr­ge­nommen. Es stimmt, er ist überaus undeutsch im Vergleich zu seinen Gene­ra­ti­ons­ge­nossen, weder ein Regie-Berserker wie Fass­binder und Herzog, denen auf dem Ticket des Genia­li­schen alles erlaubt war/ist, aber auch kein scharfer Intel­lek­tu­eller wie Kluge, dem Schlön­dorff trotzdem näher steht, als den genannten Roman­ti­kern. Neben Kluge war Schlön­dorff auch die treibende Kraft bei Deutsch­land im Herbst (1978), der doch wohl immer noch der beste Film des »Neuen Deutschen Kinos« ist.

Jeden­falls kann man gar nicht genug betonen, dass Schlön­dorff weit mehr ist, als nur der »Hand­werker« zu dem er leicht verächt­lich, auch zu seiner größten Zeit und auch von denen, die es besser wissen konnten, wie Peter Buchka, herun­ter­ge­stutzt wurde. Schlön­dorff ist ein Kino-Künstler.

Wahr­schein­lich hat keiner mehr Skrupel gehabt als er. Und keiner, außer Kluge, hat sich ernst­hafter mit der deutschen Geschichte ausein­an­der­ge­setzt als er. Und mit Literatur. Robert Musil, Heinrich Böll, Max Frisch, Arthur Miller und Marcel Proust lieferten unter anderen die Vorlagen für die Filme dieses politisch enga­gierten Filme­ma­cher am Puls der Zeit.

Man merkt es ihm nicht an, aber an diesem Sonntag wird er achtzig – wir gratu­lieren von Herzen!

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Um den Jubilar ange­messen zu würdigen, gibt es bereits in der Nacht von Freitag auf Samstag (und dann als Wieder­ho­lung in der darauf­fol­genden Nacht) im Deutsch­land­funk einen dreis­tün­digen Feature-Essay von Josef Schnelle mit vielen Inter­view­pas­sagen und Film­aus­schnitten. Schnelle hat Schlön­dorffs Weg über die letzten Jahr­zehnte begleitet – ein unum­strit­tener Experte zum Thema.
Beson­deres Augenmerk richtet sein Beitrag auf Schlön­dorffs frühe Jahre in Frank­reich, wo er zur Schule ging, und dann Assistent nicht nur bei »Nouvelle Vague«-Regis­seuren wie Jacques Rivette wurde, sondern auch bei Louis Malle und Jean-Pierre Melville.

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»We're stuck with this cretinous little kid, just when Europe has enough troubles of its own.«
Roger Ebert, 1980

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Schlön­dorff zu Ehren zeigt das Film­mu­seum Potsdam (im Rahmen der RBB-Film­lounge) am Frei­tag­abend seinen berühm­testen Film: Die Blech­trommel von 1979, nach dem Roman von Günter Grass, mit dem Schlön­dorff seiner­zeit auch die Goldene Palme von Cannes und dann den Oscar gewann, den ersten Oscar für einen deutschen Regisseur nach dem Zweiten Weltkrieg. Der Film läuft als »Director’s Cut«, von Schlön­dorff selbst um gut 20 Minuten erweitert, die seiner­zeit heraus­ge­schnitten werden mussten. Am Sams­tag­abend läuft der Film dann im RBB.
Ich finde nicht, dass Die Blech­trommel Schlön­dorffs bester Film ist. Das ist eher Der Fangschuß (mit Marga­rethe von Trotta und Jutta Brückner gemacht, der Der junge Törless oder Die verlorene Ehre der Katharina Blum (in Co-Regie mit Marga­rethe von Trotta). Dafür steht mir auch Grass viel zu fern, dafür ist mir zuviel Kinder­per­spek­tive und magischer Realismus und auch (Grass'sche) Verlo­gen­heit in diesem Film. Aber es ist sein wich­tigster. Eine Art Schluss­stein des Neuen Deutschen Films, der Punkt, auf den alles zulief und nach dem es dann auch bald vorbei war mit der Herr­lich­keit.
Nicht Fass­binder, nicht Herzog, schon gar nicht Wenders haben ihn gemacht, sondern eben Schlön­dorff.)

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»Ich weiß, mit wievielen Kompro­missen wir uns überhaupt eine Arbeits­mög­lich­keit und einen Film in Deutsch­land erkaufen mußten, wie wir uns dabei aufge­rieben haben und immer kleiner wurden. Wer von uns hat sich je die künst­le­ri­sche Unbe­dingt­heit leisten können, die am Theater gang und gäbe ist und den Stadt­käm­me­rern wohlige Entset­zens­schauer über den Rücken jagt?
Wer von uns hat sich überhaupt künst­le­risch entwi­ckeln können? Wir sind dem Reali­täts­prinzip bis zur Prosti­tu­tion unter­worfen, in unserer Persön­lich­keit ange­griffen und entfremdet wie die Händler. Wir haben die Macht der bürger­li­chen Kunst unter­schätzt – und sie ist um so größer, als sie sich sogar die progres­sivsten Elemente einver­leiben kann. Es ist der blanke Neid über die Arbeits­be­din­gungen der Theater, über die Konti­nuität der Ensembles vor allem, der mich zum Berserker werden läßt. Egal, wie gut die Blech­trommel wird – ich stelle mir vor, was man daraus hätte machen können, wenn ein homogenes Ensemble ein halbes oder ganzes Jahr daran gear­beitet hätte. Fehler, die nach zwei Wochen Arbeit mit einem Schau­spieler offen­sicht­lich waren, sind nicht mehr zu korri­gieren. Versuche in Farbe und Bild, Proben in Material und Dimension der Deko­ra­tion sind ausge­schlossen.
Als das Team sich endlich einge­ar­beitet hatte, wurde es aufgelöst. Beim nächsten Film muß alles wieder neu ange­fangen werden.
aus dem ›Tagebuch einer Verfil­mung‹, zitiert nach SZ, 22.04.1979«

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Schnelle hat Schlön­dorff unter anderem gefragt,m warum er es nie geschafft hat, eine Komödie zu drehen, obwohl doch Billy Wilder (über den Schlön­dorff übrigens einen tollen dreis­tün­digen Doku­men­tar­film gedreht hat) sein erklärtes Vorbild ist.
Schlön­dorffs Antwort: »Ja, und warum keine Komödie. Als ich mein aller­erstes Interview geben konnte, damals für die Süddeut­sche Zeitung beim Start von Der junge Törless hab ich gesagt: Ja eigent­lich möchte ich Filme machen wie Billy Wilder. Da kannte ich den noch gar nicht und ich hab immer wieder Ansätze gemacht Die Moral der Ruth Halbfass oder Über­nach­tung in Tirol. Gott sei Dank verges­sene Filme, Ansätze zur Komödie und es ist mir nicht gelungen. Das ist das große Bedauern. Also beim nächsten Mal: Film­re­gis­seur? Ja! Aber bitte Komödien. Lachen.«

(to be continued)