10.01.2019
Cinema Moralia – Folge 187

Filme, die die Welt nicht braucht

Robert
Mein Bruder heißt Robert und ist ein Idiot wurde leider nicht für den Deutschen Filmpreis nominiert
(Foto: W-Film)

Das deutsche Kino zwischen Irre­le­vanz und Harm­lo­sig­keit – Cinema Moralia, Tagebuch eines Kino­ge­hers, 187. Folge

Von Rüdiger Suchsland

»Alcohol, hashish, prussic acid, strych­nine are weak dilutions. The surest poison is time.«
Emerson: Society and Solitude

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Sie werden jetzt wieder sagen, dass sei doch alles waaaahn­sinnig demo­kra­tisch. Und manche werden uns sogar versuchen, weis­zu­ma­chen, 100 Dinge habe doch auch etwas mit Film­kultur zu tun, und sei natürlich einer der besten Filme des Jahres 2018. Und andere werden wieder umständ­lich und juris­tisch voll­kommen korrekt erklären, dass Bille August mit Eleanor & Colette einen durch und durch deutschen Film gedreht hat, und einen guten obendrein.
Aber es hilft nichts. Die Veröf­fent­li­chung der Vorauswahl zum deutschen Filmpreis bietet wieder einmal ein Panop­tikum der Mittel­mäßig­keit und künst­le­ri­schen Bedeu­tungs­lo­sig­keit, dass es zum Himmel schreit.
Dass Ulrich Köhlers In My Room gut genug war für Cannes, aber nicht gut genug für die deutsche Film­aka­demie, dass Mein Bruder heißt Robert und ist ein Idiot nicht eine einzige Nomi­nie­rung bekommt – in der Vorauswahl, Leute!!! –, auch nicht für Kamera, auch nicht für die groß­ar­tige Julia Zange, dass Lomo – The Language of Many Others auf der Liste fehlt, das beweist wie so manche andere Entschei­dung hier, dass es mit der Film­aka­demie nach nunmehr 15 Jahren Verschlimm­bes­se­rung des Bundes­film­preises nichts mehr werden kann, und dass die auch hier zustän­dige Kultur­staats­mi­nis­terin Monika Grütters ihr hoffent­lich bald die Verwal­tung des Film­preises entzieht, so wie Dieter Kosslick die Erbpacht auf die Berlinale.
Diver­sität wird gern gefordert. Es gibt aber auch eine ästhe­ti­sche Diver­sität.
Der deutsche Film according to deutsche Film­aka­demie ist ein Biotop der Harm­lo­sig­keit und Irre­le­vanz. Wahn­sinnig demo­kra­tisch eben. Aber vor allem wahn­sinnig. Und so demo­kra­tisch halt, wie es ist, dass die AfD in den Parla­menten sitzt.
Auch durch so etwas wächst das Unbehagen in der Demo­kratie.

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Es liegt auch Insti­tu­tionen wie der soge­nannten Film­aka­demie, die alles ist, aber bestimmt nicht akade­misch, dass Film auch im Kultur­mi­nis­te­rium immer noch nicht als Kulturgut für voll genommen wird. Wie anders ist es zu erklären, dass gestern vom BKM wieder mal eine Jury für die Villa Massimo, also ein Künst­ler­sti­pen­dium in Rom benannt wurde, und das Kino als einzige Kunst fehlt?
Archi­tektur, Literatur, »Bildende« Kunst und Musik finden wir, aber keinen Film.

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In der FAS vom 06.01.2019 hat Peter Körte einen hoch­in­ter­es­santen Text geschrieben. Darin geht er auf viele wichtige Fragen der deutschen Film­fi­nan­zie­rung ein. Das wich­tigste aber: Er bringt Zahlen. Denn Zahlen lügen nicht – man muss sie aber lesen können. Körtes Zahlen – es sind die der FFA – wider­legen die Mythen der Film­för­de­rung. Denn blickt man auf das Verhältnis von Förder­gel­dern und Kino­be­such wird klar, dass vor allem teuer geför­derte Filme – Werk ohne Autor, Drei Zinnen oder der auch von der FFA mit 5,6 Millionen Euro durch­ge­füt­terte Action­s­chrott Renegades – Mission of Honor vergleichs­weise kein Geld einspielen.
Was klar ist: Kultu­relle Förderung gibt es nicht. Wirt­schaft­liche kaum. Was sich Film­för­de­rung nennt, ist dümmste Subven­tion für die mittelstän­di­sche Betriebe einer unwirt­schaft­li­chen Branche – für filmische Stein­kohle, Butter­berge und Milchseen. Filme die die Welt nicht braucht.
Dazu Körte: »Was man aus diesen Resul­taten schließen kann? In erster Linie, dass offenbar in den Förder­gre­mien Leute sitzen, die glauben wollen, was Produ­zenten ihnen erzählen, angeb­li­ches kommer­zi­elles Potential beim Nennwert nehmen und übersehen, dass da zum Beispiel ein Drehbuch vorliegt, bei dem sich solche Ambi­tionen bei genauerer Betrach­tung als Hirn­ge­spinste erweisen würden. Was leider dauernd vorkommt und nichts mit einer Haltung zu tun hat, die von der künst­le­ri­schen Qualität eines Projekts überzeugt ist und es genau deshalb subven­tio­niert – auch wenn die kommer­zi­ellen Aussichten limitiert sind. ... In anderen Branchen würden solche noto­ri­schen Fehlein­schät­zungen, ... dazu führen, dass Leute von ihren Aufgaben entbunden werden. Aber die deutsche Film­branche (wenn­gleich nicht nur sie) ist halt ein bisschen anders als die anderen.«

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Viel­leicht gewinnt Florian Henckel von Donners­marck ja den deutschen Filmpreis. Den Golden Globe schon mal nicht.
Aber was ist eigent­lich gerade los in Hollywood? Die »Golden Globes«, die am Wochen­ende verliehen wurden, und die Oscars, die es in ein paar Wochen geben wird, sind dafür keines­wegs ein verläss­li­ches Barometer, sondern eher die Ausnahme.
Sie sind selbst eine Werbe­ver­an­stal­tung der Film­branche, die einen schönen Schein erzeugen will, um von der Realität abzu­lenken. Denn da feiert eine Branche sich selbst, da tut sie so, als hätte sich nichts geändert seit den goldenen Zeiten von Ava Gardner, Marilyn Monroe, James Stewart und James Dean.
Da gibt es ein Amerika ohne Trump und Rassismus, und Filme ohne Super­helden und digital erzeugte alter­na­tive Fakten, ein Amerika, das Frauen nicht nur gleich­stellt, sondern zur Zeit sogar bevorzugt, das der Waffen­lobby Wider­stand leistet, die tatsäch­lich nicht zuletzt viele Holly­wood­filme als gespon­serte Werbe­clips für ihre neuesten Produkte benutzt.
Aber bei den Oscars und Golden Globes gewinnen nie die Groß­kon­zerne, und die Comic­ver­fil­mungen bekommen besten­falls mal einen Trost­preis für visuelles Design oder Tonmi­schung und oft noch nicht mal das.

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Wer wissen will, was wirklich los ist in Hollywood, der sollte sich die Mühe machen, einmal über die Liste der ameri­ka­ni­schen Titel zu schauen, die im vergan­genen Jahr in Deutsch­land ange­laufen sind. Es sind viele knapp 200 – von insgesamt 684 Film­starts 2019. Auf der Liste des letzten Jahres werden Tendenzen der Vorjahre für alle unüber­sehbar.
Denn was gab es denn aus Hollywood? Natürlich: Super­helden im doppelten Dutzend. Manchmal treten sie kohor­ten­weise in einem einzigen Film auf, die heißen dann Avengers oder Guardians of the Galaxy, manchmal bekommen sie ihren eigenen Super­hel­den­film. Aber jenseits all dieser Comic-Verfil­mungen, die vor allem auf zwei Konzerne und ihre Fantasy-Universen zurück­gehen, gibt es kaum noch klas­si­sche Action, ohne Super­helden, dafür mit Menschen: Die eine glor­reiche Ausnahme war ein einsamer Tom-Cruise-Block­buster, Mission: Impos­sible – Fallout von Chris­to­pher McQuarrie – genau­ge­nommen auch der die neueste Folge einer Franchise, denn es ist die sechste Kino­fort­set­zung der Fern­seh­serie »Mission Impos­sible«.
Aber dann? Wo sind die Bruce-Willis-, Stallone- und Schwar­zen­egger-Filme von heute? Wo sind die Psycho­thriller, die klas­si­schen Poli­zei­filme?
Diese Stoffe sind aus dem Kino ausge­bür­gert worden, und ins Format der Fernseh-Serien emigriert, die heute per Streaming oder DVD konsu­miert werden: Meis­ter­werke wie True Detective oder Sharp Objects wären früher im Kino gelaufen.
Die einzige klas­si­sche Genre­tra­di­tion, die sich erhalten hat, ist das Biopic, die Film­bio­gra­phie in der ein bekannter Darsteller eine bekannte Persön­lich­keit aus Kunst- oder Poli­tik­ge­schichte möglichst passgenau verkör­pert. Vor Weih­nachten war es Bohemian Rhapsody über Queen, letzte Woche war es Keira Knightley als Colette, in ein paar Tagen wird es Christian Bale als Dick Cheyney sein.
Dieses Biopic spielt unserem gegen­wär­tigen Bedürfnis in die Hände, alles zu perso­na­li­sieren, und uns Geschichte nur indi­vi­dua­li­siert, als Treiben großer Männer und neuer­dings ein paar großer Frauen vorstellen zu können.
Aber sonst? Wo sind die subver­siven Komödien für Erwach­sene? Würden Lubitsch und Billy Wilder heute Serien drehen? Natürlich gab es einzelne bemer­kens­werte Filme. Aber gibt es noch einen zweiten Three Bill­boards Outside Ebbing, Missouri?
Und tatsäch­lich auch einen echten neuen Trend: Nein, nicht der leuchte Anstieg soge­nannter Frau­en­filme im Gefolge der »#Me-Too«-Proteste, sondern die Selbst­er­mäch­ti­gung der ameri­ka­ni­schen Schwarzen:
Ein paar neue Filme­ma­cher waren hier bemer­kens­wert, das Comeback des großen Spike Lee mit seinem zornig-ironi­schen BlacKkKlansman war dafür unent­behr­lich,
am aller­wich­tigsten aber war ein anderer Film: Black Panther – der erste Film mit einem schwarzen Super­helden, der sich eindeutig an ein welt­weites Main­stream­pu­blikum richtet.
Filmisch war das zwar keine Offen­ba­rung, aber immerhin der Blick in eine diversere, abwechs­lungs­rei­chere Kino-Zukunft.
Ansonsten aber: Noch nie liefen die neuen Filme von Woody Allen oder Ridley Scott und selbst Steven Spiel­bergs derart unsichtbar und folgenlos im deutschen Kino.

Zur Zeit bricht zwischen Block­bus­ter­geld­ma­schinen, ein paar Agitprop-Dokus im Michael-Moore-Stil, bedeu­tungs­hei­schendem Wellness-Arthouse-Main­stream eine ganze Autoren­film­tra­di­tion ersatzlos weg.

Die zuneh­mende Macht der börsen­ge­trie­benen privaten Strea­ming­dienste verstärkt noch die Forma­tie­rung, die immer schon ein Teil der Film­in­dus­trie war.

Dies alles sei ohne Wertung einfach konsta­tiert, um unseren Blick für die Verhält­nisse zu schärfen – viel­leicht mit leichtem Bedauern eines Nost­al­gi­kers, der immer noch überzeugt ist, dass man auf der Leinwand mehr sieht und inten­si­vere Erfah­rungen macht als auf dem Flach­bild­schirm, vom Smart­phone ganz zu schweigen.

Hollywood verändert sich? Und es verändert uns.

(to be continued)