18.05.2019
72. Filmfestspiele Cannes 2019

»Just a ghost movie«

Shining in Cannes Classics
Premieren-Plausch, Kubrick hätte es gefallen
(Foto: Sedat Aslan)

Kubricks Horror-Klassiker The Shining als 4K-Restaurierung in der Reihe Cannes Classics – ein Bericht von der Premiere

Von Sedat Aslan

Freitag Abend, 22:30 Uhr in Cannes – den hoch­ge­lobten Wett­be­werbs­bei­trag von Ken Loach ansehen, den neuen Nicolas Winding Refn, oder doch die restau­rierte 4K-Fassung von Stanley Kubricks The Shining? Schon absurd, was einem in Cannes für Optionen offen stehen. Vor allem aus zeit­li­chen Gründen fällt die Wahl auf den Horror-Klassiker, die denkbar beste Friday-Midnight-Show für ein solches Festival. Im Foyer liegen für jeden Zuschauer Replika des origi­nalen Pres­se­heftes von 1980 zum Mitnehmen aus, ein Hingucker in knall­gelbem Cover und Schmuck­s­tück für die Sammlung. Wie im Jahr zuvor bei der Neuauf­füh­rung von 2001 – Odyssee im Weltraum findet das Ganze im zweit­größten Saal des Festivals statt, der »Salle Debussy« ist mit etwa 1000 Leuten voll besetzt.

Festi­val­di­rektor Thierry Frémaux lobt die Bereit­schaft von Warner Bros., den Film zu restau­rieren und ruft Alfonso Cuarón als Präsen­tator zu ihm auf die Bühne. Ihn begleiten Leon Vitali, der lange Jahre an Kubricks Seite als dessen persön­li­cher Assistent arbeitete und mit in den Restau­ra­ti­ons­pro­zess einbe­zogen war, und Katherina Kubrick, die Stief­tochter des Meisters. Sie fragt, wer den Film noch nicht gesehen habe – einige Dutzend Hände schnellen hoch, die Zahl derer, die ihn nie auf der großen Leinwand gesehen haben, dürfte hingegen die Mehrheit des Publikums umfassen. Katherine Kubrick versucht die Novizen einzu­stimmen und gleich­zeitig zu beruhigen, nach dem Film würden sie den Saal unver­sehrt verlassen, »remember: it’s just a ghost movie«. Sie beteuert hörbar bewegt, es hätte ihren Vater stolz gemacht, dass Jahr­zehnte danach sich so viele Leute einge­funden hätten, um seinen Film zu sehen – um plötzlich recht energisch hinzu­zu­fügen, niemand solle den ganzen Verschwörungs­theo­rien Glauben schenken, »they are all shit«. Erst 2012 hatte Rodney Aschers Film Room 237 die durchs Internet wieder­auf­ge­wärmten vogel­wilden Thesen ja auch ins Kino gebracht. Alfonso Cuarón schließt ironisch daran an, als er bemerkt, dies sei natürlich ein Film über Völker­mord, über die gefälschte Mond­lan­dung, und wenn man ihn rückwärts abspiele, würden geheime Botschaften Kubricks sichtbar.

Dann gibt er eine Anekdote zum Besten, in der Kubricks Detail­liebe deutlich wird: In Barry Lyndon soll eine Figur, der mitt­ler­weile ein Bein amputiert wurde, im Bild sein. Als die üblichen Tricks, wie etwa das Bein abzu­binden, für Kubrick nicht befrie­di­gend aussehen, sucht das Team verzwei­felt ein Double, dem tatsäch­lich ein Bein fehlt. Als sie endlich jemand passenden gefunden zu haben glauben, präsen­tieren sie ihn Stanley. Der steht fassungslos vor dem Mann und sagt nur: »Wrong fucking leg«. Seit er diese Geschichte kennt, so Cuarón weiter, ist das für ihn und seine Crew der Code­be­griff dafür, wenn etwas am Set schief gelaufen ist. Direkt vor Film­be­ginn betont Leon Vitali, mutmaß­lich zum Ärger der letzten Film­ro­man­tiker, dass Kubrick das digitale Kino geliebt hätte, weil dort jede Kopie gleich gut ist und er immer sehr besorgt darum gewesen sei, dass eine schlechte Projek­tion seine ganze Arbeit hätte zunichte machen können. Dann geht endlich das Licht aus, Bild und Ton an.

Über den Film selbst braucht man natürlich nichts mehr zu schreiben, er ist mit The Exorcist einer der Wegbe­reiter des modernen Horror­films. Zur Restau­ra­tion ist fest­zu­halten, dass es sich um die 144-minütige US-Fassung handelt, die Kubrick später für den europäi­schen Markt um ganze 25 Minuten gekürzt hat. Dies ist sein einziger Film, von dem zwei auto­ri­sierte Fassungen im Umlauf sind (die retu­schierte US-Fassung von Eyes Wide Shut nicht mitge­rechnet). Der zwei­minü­tige Epilog fehlt hingegen immer noch, den er seiner­zeit nach der Welt­pre­miere und der Auslie­fe­rung aller Kopien per Dekret von den Film­vor­füh­rern direkt in den Kinos heraus­schneiden ließ.

Nun ist The Shining kein Film, der dringend restau­rie­rungs­be­dürftig gewirkt hätte, er war auch in allen Home-Video-Formaten stets in gutem Zustand reprä­sen­tiert. Durch die Abtastung direkt vom 35mm-Negativ sowie die 4K-Auflösung macht das knack­scharfe Bild nun einen taufri­schen und äußerst leben­digen Eindruck. Die Farb­kor­rektur ist behutsam und umsichtig, der Look der späten 70er/frühen 80er bleibt erhalten. Man hat zum Glück nie das Gefühl, einen neuen Film zu sehen, aber diesen Film neu sehen zu dürfen. Dazu tragen auch die gekürzten Szenen bei, die zumeist Dialog­szenen sind und dem Film im Vergleich zu der uns bekannten Fassung ein stärkeres narra­tives Fundament verleihen. In dieser Vorfüh­rung kommt zudem der Ton zu seinem vollen Recht, die unbe­hag­liche Sound­ku­lisse ist kris­tall­klar abge­mischt und fährt einem stel­len­weise regel­recht unter die Haut.

Als Jack am Ende mit der Axt in der Hand den kleinen Danny durchs verschneite Labyrinth jagt und seine Frau Wendy zeit­gleich von blut­ge­tränkten Schre­ckens­vi­sionen im Overlook Hotel heim­ge­sucht wird, kommen all diese Elemente zusammen und pressen einen ins Polster auf eine Weise, wie es vor dem Fernseher nie passiert, daneben schrecken die Leute aus den Sitzen. Am Ende gibt es lauten Jubel, vor dem Palais windet es, es treten Menschen in dunkler Abend­gar­de­robe mit gelben Shining-Heften unterm Arm zufrieden in die Nacht.