14.02.2019
69. Berlinale 2019

Angela und Denis haben einen Bären gesehen

Répertoire des villes disparues
Willkommene Publikums-Verstörung inmitten eines themenlastigen Wettbewerbs: Répertoire des villes disparues von Denis Côté
(Foto: Couzin Films)

Der Wettbewerb der Berlinale ist natürlich durchwachsen. Scherfig und Akin greifen in die Klamottenkiste, Côté und Schanelec setzen auf die poetologische Kraft der Andeutungen

Von Dunja Bialas

Dass die Berlinale mit Krank­heiten nicht zimper­lich ist, gehört zur Festival-Folklore. Auch mich hat es diesmal erwischt. Schnup­fen­ge­plagt sitze ich im größten Kran­ken­zimmer Deutsch­lands, dem Berlinale-Palast, um mich herum hustet und schnieft es. In meiner Ther­mos­kanne ACC und Ibuprofen. Dann gibt auch noch das Laptop seinen Geist auf, als hätte es sich von der allge­meinen Geschwächt­heit anstecken lassen, oder mir zumindest partout eine Zwangs­pause einräumen wollen. Am Montag gehen wir zum Computer-Doktor.

Denis Côté: Zombies und Levi­ta­tion

Durch alle Fieber­träume hindurch haben es die Filme viel­leicht etwas schwerer. Dennoch ist klar: Auch in seinem letzten Jahr war Dieter Kosslick nicht zimper­lich. Hat die alten bekannten Regie-Hasen einge­laden, deren unab­ding­li­ches Los es wohl ein für allemal ist, auf der Berlinale ihr Dasein zu fristen (und es nicht nach Cannes oder Venedig zu schaffen). Besonders hart trifft es Denis Côté. Seine Filme liefen zunächst auf dem Forum, vor ein paar Jahren hat er dann den Sprung in den Wett­be­werb geschafft. Mit Vic et Flo ont vu un ours (Vic und FLo haben einen Bären gesehen) gewann er immerhin 2013 den Alfred-Bauer-Preis, den Trost­preis für alle Filme­ma­cher, die aus der Reihe tanzen. Jetzt präsen­tierte er um 8 Uhr 30 der Presse sein neuestes Werk, Réper­toire des villes disparues, und kehrt damit nach einem Ausflug in die aufwen­dige Insze­nie­rung von Boris sans Béatrice (Berlinale 2016) zu alter Größe zurück.

Réper­toire des villes disparues ist kein Film, den man leichthin im Wett­be­werb erwarten würde. Côté hat in schmut­zigem 16mm gedreht, seine Geschichte, die wie er in seinem groß­ar­tigen Debüt Les états nordiques (2005, Gewinner des Goldenen Leoparden, Locarno) und Curling (2010, ebenfalls Locarno-Wett­be­werb) in Québec ansiedelt, ist grau in grau, der Himmel, die Häuser, sogar die Menschen. Überall liegt Schnee. Es ist kalt, eiskalt. In dieses trist-realis­ti­sche Setting pflanzt Côté einen Mystery-Thriller, ausgehend vom rätsel­haften Tod eines jungen Menschen, der mit seinem Auto gleich zu Beginn des Films brachial gegen einen Fels­bro­cken steuert. Kinder mit Masken, die wie ein antiker Chor in Film immer wieder­kehren und stumm das Geschehen kommen­tieren, durch ihre schiere Präsenz, werden auch hier zu stau­nenden Zeugen. Später ereignen sich weitere, äußerst merk­wür­dige Dinge. Zombies tauchen vor den Häusern auf. Sie alle waren früher mal die Bewohner des abge­le­genen, sich zunehmend entvöl­kernden Ortes. Später ereignet sich eine Levi­ta­tion: eine Jungfrau schwebt zwischen den Wind­tur­binen. Mit anderen Worten: Denis Côté hat in seinem jüngsten Werk überhaupt keine Scheu mehr, zu seinem jugend­li­chen Leicht-Sinn zurück­zu­kehren. Er insze­niert, was er und wie er will. Oder: Denis Côté meets Bruno Dumont, für alle, die die Mini-Serie »Petit Quinquin« des fran­zö­si­schen Regis­seurs gesehen haben, in dem ebenfalls Zombies und Levi­ta­tion keine unbe­deu­tende Rolle spielen.

Dabei ist der Film von Denis Côté keines­falls sinn­ent­leert, im Gegenteil. Aber anders als viele seiner Regie­kol­legen grundiert er zunächst eine absurd-phan­tas­ti­sche Insze­nie­rung, versetzt mit Horror-Elementen, vor deren Hinter­grund sich das ernst­hafte Thema der Land­flucht und des sich entvöl­kernden Québecer Hinter­lands abspielt. Eine will­kom­mene Publikums-Vers­törung inmitten eines themen­las­tigen Wett­be­werbs.

Lone Scherfig: Das Märchen vom Aschen­puttel

Allein mit dem Eröff­nungs­film hatte sich dieser bereits ins Aus gekickt. Ein durch und durch schlechter Film war Lone Scherfigs The Kindness of Strangers und eine Ohrfeige ins Gesicht aller Frauen, die domestic violence, also häusliche Gewalt, einmal selbst erfahren haben. Die dänische Regis­seurin lässt ihre Prot­ago­nistin mit den beiden Söhnen vor ihrem gewalt­tä­tigen Ehemann (ein Polizist!) nach New York (Manhattan!) fliehen. Dort klaut sie sich durchs Leben (schickes Kleid, schicke Schuhe, schicke Hand­ta­sche), und plündert die Büffets der Reichen. Bald wollen ihre Kinder nur noch Kaviar zum Frühstück. Zum Glück lernt sie einen charis­ma­ti­schen Koch kennen, der sie bei sich wohnen lässt. Er ist ein ehema­liger, natürlich unschuldig verknackter Gefäng­nis­in­sasse, hat eine Ader für alle Gestrau­chelten und erkennt die Unge­rech­tig­keit der Welt. Wie alle Figuren in diesem Aschen­puttel-Märchen. Überall herrscht Nächs­ten­liebe, aller­dings wird sie auf einer dem Realismus komplett abge­wandten Seite insze­niert. Geld, Kaviar und die Liebe fliegen hier wie gebratene Täubchen in den Mund, man muss ihn nur weit genug zum Staunen aufsperren. Das macht die ansonsten wunder­volle Zoe Kazan auch brav und schleppt ihre Kinder durch Manhattan, das sogar eine Suppen­küche hat. Alles geht gut aus, das einzige, was sich Lone Scherfig verkneift, ist die finale Zusam­men­füh­rung des Traum­paares (Tahar Rahim spielt den Koch mit Verfüh­rungs­künsten). Aber immerhin kauft sie ihm eine Badehose als Danke­schön für die wunder­bare Zeit und in Hinblick auf future projects.

Was ist, wenn Schau­spieler nun wirklich nichts dafür können, wenn sie in einem durch und durch schlechten Film mitspielen? Können sie ihn noch retten? Wohl kaum. Zumindest aber ist, bis auf den aufge­sperrten Staune-Mund, gutes Schau­spiel am Werk.

Nimmt man den Eröff­nungs­film als Statement für weib­li­ches Filme­ma­chen und die berühmt-berüch­tigte Themen­las­tig­keit des Berlinale-Wett­be­werbs, dann hat dieser auf allen Ebenen versagt. Lone Scherfig, die schon so tolle Filme wie Italie­nisch für Anfänger gemacht hat und überhaupt aus dem dänischen Dogma hervorkam, lässt hier den Kontakt zum Leben vermissen. Will sie uns von der Univer­sa­lität sozialer Misere erzählen, indem sie ein billiges Aschen­put­tel­mär­chen daraus macht? Zumindest sind die Haare auch nach mona­te­langer Obdach­lo­sig­keit immer schön onduliert. Chapeau. Frauen müssen auch nicht arbeiten oder sich einen Job suchen, große Augen und ein eben­sol­cher Mund genügen, um sich durchs Leben zu schnorren. Will­kommen im 21. Jahr­hun­dert.

Fatih Akin: Stupendes Nummern­theater

Mit Spannung, größter, wurde Fatih Akins neuestes Werk erwartet. Der goldene Handschuh, eine mit dem Autor einver­nehm­liche Verfil­mung des gleich­na­migen Romans von Heinz Strunk (er hat selbst einen kleinen Auftritt in der berühmt-berüch­tigten St.-Pauli-Kneipe, die das Zentrum alles Abschaums ist). Der Film erwies sich als Mischung aus Kurio­si­täten-Kabinett, »Jack the Ripper« und brutaler Groteske. Auffällig leider auch hier die Unauf­rich­tig­keit und Doppel­bö­dig­keit der Insze­nie­rung. Akin lässt die Chance verstrei­chen, ein abscheu­li­ches Sitten­ge­mälde zu zeichnen, von den Herun­ter­ge­kom­menen, Aussor­tierten, Alko­hol­kranken im Hamburg der 1970er Jahre, die nach dem Krieg einfach nicht mehr auf die Füße kommen. KZ-Waisen und Huren der Nach­kriegs­zeit sind sie in Strunks faszi­nie­rend abstoßenden Roman, bei Akin sind sie Figuren aus Pappmaché, die mit Grusel-Ingre­di­en­zien ausge­stattet sind. Alle Frauen sind hässlich, alt und unge­wa­schen (außer einer), Honka, der Frau­en­mörder, um den es hier geht, ist ober­häss­lich und oberdumm. Die Maske, so wird in der Film-Bericht­erstat­tung immer wieder betont, hat volle Arbeit geleistet und aus dem schmucken, jungen Jonas Dassler ein entstelltes Monster gemacht. Hässlich ist hier auch böse. Wo Strunk seinen Roman viel­schichtig anlegt und den frau­en­mor­denden Honka zunächst einmal als sensible Iden­ti­fi­ka­ti­ons­figur zeigt, die verzwei­felt versucht, ein bürger­li­ches Leben ohne Alkohol, aber mit Arbeit und später viel­leicht auch einer Frau zu führen, ist bei Akin von Anfang an nur der abstoßende Frau­en­mörder sichtbar. Verur­teilt wird hier ohne Liebe. Es folgt ein ziemlich stupendes Nummern­theater, das sich zwischen dem »Goldenen Handschuh« und der Wohnung von Honka abspielt, mit den immer gleichen Zutaten: Korn und Zorn. Und blutige Teile von Frau­en­lei­chen: Ober­schenkel, Rümpfe. Alles ist auf Schock insze­niert, Akin wollte die Gewalt unbedingt vor der Kamera sich abspielen lassen. Auf der Pres­se­kon­fe­renz brüstet er sich damit, er hätte seinen Figuren ihre Würde zurück­ge­geben. Bei all den ober­fläch­li­chen Schau­ef­fekten ist das kaum zu glauben.

Auch wenn Heinz Strunk diesem Film sein Placet gegeben hat, sollte man lieber das Buch lesen, falls man wirklich an einem Honka und seiner mörde­ri­schen Seele inter­es­siert ist. Aber darf man das? Muss in Deutsch­land nicht alles Abgrün­dige zur Schen­kel­klopfer-Groteske werden, um rezi­pierbar zu sein?

Angela Schanelec: unpsy­cho­lo­gi­sches Psycho­gramm

Keine ist weiter entfernt von der Groteske als Angela Schanelec. Sie ist mit Ich war zuhause, aber... ebenfalls im Wett­be­werb zu sehen, spröde wie eh und je. Der frag­men­ta­ri­sche, nicht zu Ende geführte Satz enthält bereits die ganze Poeto­logie ihrer Studie einer Mutter, die nicht mehr kann. Schanelec zeigt sich in ihrer Insze­nie­rung extremer als noch in Der traum­hafte Weg. Während dort noch die verhalten auser­zählte Geschichte Rätsel aufgab, welchen Weg die Regis­seurin eigent­lich einschlagen wollte, scheint sie ihn hier gefunden zu haben. Kleinste Andeu­tungen an eine Geschichte, Vorge­schichte, genügen ihr, um den Seelen­zu­stand einer Frau zu zeichnen, der sich allein in den beob­acht­baren Hand­lungen mani­fes­tiert. Diese sind allesamt schön banal. Ein Fahrrad wird gebraucht gekauft, und mühsam wieder zurück­ge­geben, weil es ein klarer Fehlkauf war. Die Lehrer­kon­fe­renz entscheidet über den Verbleib des Sohnes an der Schule, der längere Zeit von zu Hause wegge­laufen war. Er ist schmutzig, verletzt. Die Mutter (Maren Eggert) ist eine Mischung aus Raben­mutter und Mutter­tier. Sie kreuzt unver­mutet bei den Lehrern auf, kämpft für ihren Sohn. Dann wieder platzt ihr wegen eines Nichts der Kragen, und sie schmeißt ihre Kinder aus der Wohnung. All diese Inkon­sis­tenzen ihrer Hand­lungen, die Heftig­keit und Grobheit ihrer Gesten, fügen sich zu dem unpsy­cho­lo­gi­schen Psycho­gramm einer Frau in der Krise. Das alles ist ebenfalls fern eines Abbil­dungs­rea­lismus insze­niert, aber offeriert viel Wahr­haf­tig­keit, die direkt unter die Haut geht. Und auch hier gilt, wie bei Denis Côté: Meilen­weit entfernt vom Themen­film entfaltet sich durch die Kunst, durch pure Andeu­tungen zu erzählen, eine kraft­volle Geschichte, die ganz und gar in die Tiefe geht. Es ist klar, wem wir die Daumen für den Bären drücken.