09.08.2018
71. Locarno Festival

Das Schicksal der Schick­sals­lo­sig­keit

Leo McCarey
Auch diese Art von Erleich­te­rung gehört zum Kino...

Ein deutscher Reigen, Frau­en­phan­ta­sien und Sehnsucht nach dem 20. Jahr­hun­dert beim Film­fes­tival von Locarno – Notizen aus Locarno, 2. Folge

Von Rüdiger Suchsland

Es ist Herbst, die braunen Blätter fallen schon, doch vorerst nur auf der Leinwand der Piazza Grande: August Zirner und Barbara Auer stehen im Zentrum des Ensem­blestücks Was uns nicht umbringt von der Deutschen Sandra Nettel­beck. Sie spielen ein Hamburger Ehepaar, das in aller Freund­schaft getrennte Wege geht, sich aber noch immer nahesteht und austauscht – zum Beispiel über die neuen Liebhaber. Sie hat unter 30 Jahre Jüngeren ein Studium begonnen und der Junior-Professor ist in sie verliebt. Er ist Psycho­ana­ly­tiker und kommt über all die leidenden Bestatter, Piloten mit Flugangst und ausge­zo­genen Bezie­hungs­ein­zel­teile, denen er Lebens­hilfe spendet, kaum dazu, sich selbst Gutes zu tun. Dann sind da noch die Kinder in der Puber­täts­krise, eine spröde Pinguin­pfle­gerin, ein zuge­lau­fener Hund und der totge­glaubte Vater, der pünktlich zum Sterben nach 30 Jahren aus dem Hades auftaucht.

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Man könnte sagen, Nettel­beck versuche in einer Art deutschem Short Cuts, die Welt oder jeden­falls ihre Gene­ra­tion der Fiftie­so­me­things in einen Reigen zu gießen. Die Leich­tig­keit Robert Altmans erreicht sie aber zu selten, zu ernst nimmt sie ihre Figuren, um deren Lächer­lich­keit in subver­siven Dialogen und Szenen heraus­zu­ar­beiten und trotzdem dann – wie Altman – in der humanen, ganz unzy­ni­schen Einsicht zu landen, dass wir eben alle lächer­lich sind, auf der Stelle treten, unsere Macken haben, Fehler wieder­holen und dass nur Narren sich ganz ernst nehmen. Barbara Auers Charakter kommt dem noch am nächsten. Die anderen Figuren müssen hier alle irgend­welche Probleme lösen, Dinge einsehen, Fehler korri­gieren, über ihren Schatten springen, reifer und weiser werden.

Neben dem heraus­ra­genden Ensemble sowie Michael Bertls Kamera ist die Stärke von Nettel­becks Film genau das Entge­gen­ge­setzte: Dass er unter­gründig vor allem Unsi­cher­heit ausstrahlt, das Wissen darum, dass es keine perfekten Lebens­re­geln und für vieles keine Lösung gibt. Man muss aber so ehrlich sein, zuzugeben, dass viele Figuren hier auch ein unter­grün­diger Narzissmus durch­zieht, eine Wehlei­dig­keit und Ich-Fixiert­heit, die nur unter bürger­li­chen Wohl­stands­ver­hält­nissen überhaupt möglich ist, und heute schon ein bisschen aus der Zeit gefallen wirkt. Statt den Luxus der Schick­sal­lo­sig­keit zu genießen, leiden diese Menschen unter einem diffusen Überdruss. Ob das jene »Ode an das Leben« ist, die die PR-Agentur des Films bejubelt? Etwas weniger Proble­ma­ti­sieren und Moral, etwa mehr frivoles Spiel hätten dem Film jeden­falls gut getan. Seine bitter­süße Mitte zwischen Humor und Melan­cholie findet Was uns nicht umbringt zwar immer wieder, verliert sie aber auch ebensooft – mit einer Tendenz zur Tristesse. Dem Beifall auf der Piazza taten solche Bedenken wenig Abbruch. Was uns nicht umbringt ist ein Film für das breite Publikum – und jene Kino­gänger, die sich mit den Prot­ago­nisten iden­ti­fi­zieren konnten.

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Von allem etwas – das passt auch zu den Film­fest­spielen am Tessiner Lago Maggiore als Ganzem: In der ersten Liga der europäi­schen Film­fes­ti­vals ist Locarno zwar das kleinste in seiner Bedeutung, quan­ti­tativ aber mit über 300 inter­na­tio­nalen Filmen und zwei Wett­be­werben das zweit­größte aller Festivals. Und auch das wohl Belieb­teste, weil inhalt­lich Unum­strit­tenste. Locarno ist ein Pop-Event mit seinen bis zu 9000 Zuschauern bei den allabend­li­chen Frei­luft­vor­stel­lungen auf der mittel­al­ter­li­chen Piazza Grande mit der größten Außen-Leinwand Europas, aber auch Profi­t­reff, bei dem allerlei Welt­pre­mieren gefeiert werden und auf dem kleinen, aber feinen Indus­trie­markt Filme verkauft und neue Projekte gehandelt werden.

Nicht zuletzt aber ist Locarno mit seiner pracht­vollen Lage, der male­ri­schen Altstadt­ku­lisse und den mondänen Nach­bar­orten Ronco und Ascona seit dem 19. Jahr­hun­dert ein teures Rent­ner­pa­ra­dies und Fluchtort der europäi­schen Boheme. Vor hundert Jahren starb hier die wilde Gräfin Fanny zu Reventlow, in den Jahr­zehnten zuvor die Königin der Schwa­binger Künst­ler­szene, zur gleichen Zeit suchten die Abtrün­nigen der Wiener Psycho­ana­lyse um den Anar­chisten Otto Gross, den briti­schen Dichter D.H.Lawrence (»Fanny Hill«) und die berühmt-berüch­tigten Richt­hofen-Schwes­tern Else und Frida am Monte Veritá mit Nackt­tänzen in der Natur den »neuen Menschen«, in den Jahr­zehnten danach hatten Künstler und Holly­wood­größen wie Erich Maria Remarque, Paulette Goddard, Robert Siodmak und Douglas Sirk hier ihren letzten Wohnsitz.

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Der Glanz dieses 20. Jahr­hun­derts wirkt bis heute nach. Und so lud man sich zum Auftakt des Festivals erstmal den Allround-Denker Peter Sloter­dijk und den rumä­ni­schen Regisseur Andrej Ujica ein, um über die Frage »Was geschah im 20.Jahr­hun­dert mit den Bildern?« zu disku­tieren. Da noch nicht mal diese Frage so richtig gestellt wurde, fielen auch die Antworten mager aus – immerhin kullerten zusam­men­hanglos einige kluge Sätze vom Tisch der Meis­ter­denker (»Das Sein selbst ist ausge­stattet mit der Fähigkeit zu Bild­pro­duk­tion« oder »Die Bilder lügen wie nie zuvor seit Platon« behaup­tete zum Beispiel Sloter­dijk, der sowieso, wie man es von ihm kennt, in jeden fünften seiner Sätze ein altgrie­chi­sches Zitat einflocht, und immer mal wieder ein spontanes »Wie bei Ovid« oder »schon Homer erkannte ja« unter seinem Seelöwen­bart hervor­stieß), ansonsten lief alles auf die Behaup­tung hinaus, dass Bilder einst die Zeit aufhielten, Kino­bilder sie aber darstellen, was nur dann keine banale Erkenntnis ist, wenn man Kino als Fort­set­zung der Malerei mit anderen Mitteln versteht, und nicht als eigenes Medium, das wie Musik und Theater immer schon in Bewegung ist.

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Sloter­dijk könnte gut einen Gast­auf­tritt haben in Was uns nicht umbringt, denn auch er leidet ja unter der Schick­sal­lo­sig­keit, darunter, dass er weder ein Platon ist, noch einen pelo­pon­ne­si­schen Krieg analy­sieren kann, lässt es sich aber an der Tafel des letzten Menschen gutgehen.

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Die Hardware zu all dieser Gedan­ken­soft­ware ist das Stand­ort­mar­ke­ting. Denn dieses Festival, einst geboren in den goldenen Jahren des europäi­schen Auto­ren­kinos, ist heute vor allem Attrak­tion und Werbe­träger der lokalen Touris­mus­behörde, deren inzwi­schen 73-jähriger Chef Marco Solari in Perso­nal­union auch – honi soit qui mal y pense – der Präsident des Film­fes­ti­vals ist. »Früher sagte man mir, Personen sind nicht wichtig, wichtig sind die Struk­turen«, sagte Solari in diesen Tagen. »In meinem langen Berufs­leben habe ich gelernt: Personen sind das einzige, was wichtig ist, Struk­turen sind völlig egal.«
Unter Solari wechseln alle paar Jahre die künst­le­ri­schen Direk­toren, dieser häufige Wechsel bedeutet Unsi­cher­heit und gele­gent­liche Zick­zack­kurse, er tut dem Festival aber auch gut, denn er hält eine Insti­tu­tion frisch, die sich selbst als »Ort der Jugend und der Neuent­de­ckungen« beschreibt.

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Jüngster Abgang ist Carlo Chatrian, der seit 2012 amtierte, und im Frühjahr 2019 als Nach­folger von Dieter Kosslick die Leitung der Berlinale antritt. So lässt es sich nicht vermeiden, das dies­jäh­rige Programm auch ein bisschen im Licht der Berlinale und als Vorschein auf zukünf­tige Verän­de­rungen zu analy­sieren.
Zugleich scheint es, als würde Chatrian in seinem letzten Locarno-Jahr sehr bewusst alle derar­tigen Erwar­tungen geschickt unter­laufen: So betonte der 46-jährige bei der Vorstel­lung des Programms, dass die Wett­be­werbs­filme in seiner Abschieds­saison vor allem persön­liche Geschichten erzählen würden, die großen Konflikte unserer Gegenwart dagegen in den Hinter­grund rücken – das klingt wie ein Gegen­ent­wurf zu der auf das poli­ti­sche Profil ihres Programms immer sehr bedachten Berlinale. Auch in einer anderen Hinsicht erscheint das dies­jäh­rige Locarno-Programm als Anti-Berlinale: Entgegen aller Forde­rungen poli­ti­scher Korrekt­heit stammen von den 15 Filmen im Wett­be­werb nur drei von einer Frau, und auch im popu­lä­reren Rahmen­pro­gramm der Piazza Grande finden sich unter den 18 Filmen nur vier Filme­ma­che­rinnen. Da hilft es auch wenig, dass betont wird, viele Geschichten der Filme erzählten von Frauen oder kreisten um weibliche Haupt­fi­guren.

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Dafür zeigte man Jane Campions Film In the Cut – Wenn Liebe tötet, in dem Meg Ryan die Rolle ihres Lebens spielt – in diesem Film über eine Frau und über Verhält­nisse, die sich nicht in Opfer und Täter unter­teilen lassen, ist die Regis­seurin allen Me-Too-Verein­fa­chungen weit voraus und zeigt sich als wahre Femi­nistin: Denn Kino darf Phan­ta­sien nicht zensieren, es soll Männer­phan­ta­sien zeigen, es sollte aller­dings, wie in diesem Fall, auch Frau­en­phan­ta­sien genauso allen Platz der Welt bieten.

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Diver­sität propa­giert das Festival noch in anderer Hinsicht: Gleich drei schwarze Haupt­fi­guren sah man an den ersten Tagen auf der Piazza, in zwei Fällen führten auch Schwarze Regie. Hinzu kommt das Wagnis, mit dem argen­ti­ni­schen Beitrag La flor von Mariano Llinás, einen Film im Wett­be­werb zu zeigen, der fast 14 Stunden dauert. Aber wo, wenn nicht auf einem Film­fes­tival ist der Ort für solche Heraus­for­de­rungen?
Eine weitere Antwort, die Locarno in diesem Jahr auf die gras­sie­renden gesell­schaft­li­chen Nervo­sitäten und poli­ti­schen Krisen gibt, lautet: Lachen. So lief die so alberne wie subver­sive komö­di­an­ti­sche Fern­seh­serie »Coincoin and the Extra Humans« des fran­zö­si­schen Auto­ren­fil­mers Bruno Dumont, in der ein Jugend­li­cher zum fana­ti­schen Natio­na­listen wird und Außer­ir­di­schen begegnet. Und die dies­jäh­rige Retro­spek­tive ist Leo McCarey gewidmet, einem heute fast voll­kommen verges­senen Regiestar des klas­si­schen Hollywood der 1920er bis 1950er-Jahre. Berühmt wurde er nicht nur mit Stan Laurel und Oliver Hardy, sondern auch mit Cary Grant-Komödien. Auch diese Art von Erleich­te­rung gehört zum Kino.

(to be continued)

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