13.09.2018
Cinema Moralia – Folge 181

Der Roman­tiker der Film­kritik

Der Mann, der die Frauen liebte
Unter der Regie von Helmut Merker startete 1978 der »Filmtip« – zu François Truffauts Der Mann, der die Frauen liebte...

Erin­ne­rungen an Helmut Merker, den Roman­tiker der Film­kritik und: Grütters fordert Mindest­lohn für Kreative – Cinema Moralia, Tagebuch eines Kino­ge­hers, 181. Folge

Von Rüdiger Suchsland

»In die hyste­ri­sche Quoten­jagd passen weder ein kriti­sches Bewußt­sein noch ästhe­ti­sche Queru­lanten. ... Die Macht des Wortes zeigt sich anderswo als in Zuschau­er­for­schungen, Markt­an­teils­quo­ten­un­ter­su­chungen, Akzep­tan­züber­le­gungen. Für die Film­kritik hat zu gelten, was William Shawn, der frühere Chef­re­dak­teur des 'New Yorker' formu­liert hat: 'Wir publi­zieren nicht für Leser. Wir denken nie 'Wird das irgend jemandem gefallen oder wird das von wenigen oder von vielen Leuten gelesen?' Wir versuchen, das zu drucken, was uns selbst inter­es­siert, worüber wir etwas lernen wollen, was wir amüsant finden. Ich weiß nicht, wer unsere Leser sind und will es auch nicht wissen. Wir denken, wir erweisen den Lesern den größten Respekt, wenn wir nicht versuchen, zwischen ihnen und uns zu unter­scheiden.«
Helmut Merker, 1942-2018, im Jahr 2007

Den Film­kri­tiker Helmut Merker, der am 3. September, zu schnell und früh gestorben ist, habe ich nicht wirklich gekannt. Er war schon am Ende seines Berufs­le­bens, als meins begann, er hatte einen ganz anderen Stil, auch des Umgangs. Aber man lief sich über den Weg, hatte gemein­same Freunde und Bekannte. Früh gekannt habe ich den Namen. Den Filmtip erst spät, weil man den dort, wo ich aufwuchs, nicht empfangen konnte.
Beein­druckt hat mich immer, dass Helmut Merker wohl der einzige Redakteur war, der gleich­zeitig für Radio und Fernsehen arbeitete. Beim WDR hatte er zwei halbe Stellen, eine beim Radio und die beim Fernsehen, wo er am Schluss auch Einkäufer war.
Einmal haben wir zusam­men­ge­wohnt, in Venedig, gemeinsam mit Josef Schnelle und Rainer Gansera, sehr vergan­gene Zeiten – erst recht, wenn man mit ihm zusammen wohnte, wirkte er nicht wie einer, der das Leben genießen wollte, obwohl er das viel­leicht doch mehr tat, als es den Anschein machte.
Darüber dass er Fan von Arminia Bielefeld war, schreiben jetzt alle; dass er aber im WDR auch den »FC Basis«, die WDR-Mitar­beiter-Mann­schaft, gegründet hatte und lange Jahre betreute, habe ich noch nirgendwo gelesen. Er mochte Fußball, darüber konnte man immerhin reden, und hatte in seiner Char­lot­ten­burger Altbau­woh­nung – die WDR-Pensionen für seine Gene­ra­tion sind noch sehr gut – ein Zimmer, in dem nichts anderes stand, als ein Billard­tisch. Ohne Löcher, Karam­bo­lage, das kann man auch mit sich selbst spielen.
Beim Zusam­men­wohnen in Venedig luden wir an einem Abend alle Freunde und Bekannten zum Spaghetti-Essen und Wein­trinken in den Garten, den unsere damalige Unter­kunft hatte. Fast alle waren da, nur Helmut Merker nicht. Zuerst war er im Kino, dann blickte er nur kurz durchs Fenster seinen eulen­haften Blick, nahm sich ein trockenes Brötchen vom Morgen und ging schlafen. Zwei Stunden später polterte es plötzlich. Es war viel­leicht 11 Uhr abends, und Helmut konnte nicht schlafen; es war ihm zu laut. Anstatt nun einen von uns darum zu bitten, dass es etwas leiser würde, hatte Helmut Merker seine Schuhe laut gegen die geschlos­sene Tür geworfen und irgend­etwas Unver­s­tänd­li­ches gebrüllt. Ein unfass­barer Moment, diese Kommu­ni­ka­tion durch Kommu­ni­ka­ti­ons­lo­sig­keit.
So wie ich bei Rainer Gansera immer an jene Pasolini- und Bazin-Bücher denken werde, die er auf Reisen mit hat, aber auch daran, wie er mir einmal die letzten Ziga­retten gemopst hat, weil er eine Nacht durch­schreiben musste, so werde ich bei Helmut Merker immer daran denken, wie in Venedig die Schuhe gegen die Tür flogen.

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Wenn ich ihm auf einem Festival begegnete, fragte er nach bestimmten Filmen, und nach Zahlen, genau gesagt nach der Zahl der Filme, die ich bisher gesehen hatte. Er lag da immer vor mir, selbst in den Jahren und Festivals, in denen ich pro Tag über vier Filme schaffte, was heute im Schnitt kaum noch vorkommt. Er schmet­terte einem dann eine »38« oder »47« hin, volley, direkt vor den Latz. Tennis­spieler war Merker auch.
Manches habe ich nicht verstanden: Zum Beispiel, warum es ihm so wichtig war, nach Ende der WDR-Zeit plötzlich in Zeitungen zu schreiben, kleine, schöne Texte, klar, womit er aber auch anderen Autoren, die noch nicht in Pension waren, die poten­ti­ellen Aufträge wegnahm. Warum ein Mann von seinem Wissen und Können nicht versuchte, weiter Filme zu machen, oder ein Buch zu schreiben. Warum er einen Radio­be­richt produ­zierte, der nie gesendet wurde, um eine Festi­va­lak­kre­di­tie­rung zu bekommen, oder sich aus dem gleichen Grund bei manchen Festivals als Einkäufer ausgab. Das hätte man auch anders haben können, und so ist meine Erin­ne­rung an Helmut Merker auch die an einen ziemlich schrul­ligen, mir sehr fremden Mann, einen altge­wor­denen Nerd, der gele­gent­lich sehr zufrieden wirkte und verschmitzt lächelte, manchmal aber auch dieses Traurige ausstrahlte, das Menschen und Dinge haben, die aus der Zeit gefallen sind.
Was sehr für Helmut Merker einnimmt, sind die vielen Kollegen, die jetzt Nachrufe schreiben, ist der wehmütige, ehrlich traurige Ton dieser Nachrufe, und seine Todes­an­zeige. Diese Anzeige ist – und das ist für Todes­an­zeigen wirklich unge­wöhn­lich – im Cine­ma­scope-Format gedruckt. Denn er liebte dieses Format. Dies durch seine Freunde durch­ge­setzt zu haben, spricht sehr für Helmut Merker, es zeigt, wie produktiv seine Sturheit und Schrul­lig­keit auch in anderen Fällen sein konnte.
Und Kleist hat er gemocht. Auf der Anzeige steht ein Zitat aus dem Essay übers Mario­net­ten­theater. Auch das passt ziemlich gut.

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Einen Nachruf kann ich hier darum nicht schreiben, das kann Josef Schnelle viel besser, der mit Merker befreundet war. Einen sehr schönen Nachruf hat auch Peter Körte in der FAS geschrieben, aber den kann man im Netz leider nur gegen Bezahlung lesen.
Viel­leicht sollte man besser einen der wich­tigsten Texte lesen, die Merker selbst geschrieben hat, 2007 für das Jahrbuch des Verbands der Film­kritik. Darin präsen­tiert er in gewohnter kreativer Sper­rig­keit am Ende seines Berufs­le­bens die Prin­zi­pien seiner Arbeit: »Verstehen als sinn­li­ches Vergnügen. Der WDR-Filmtip als Oppo­si­tion gegen die große Kompli­zen­schaft der Quoten­jäger«.
Darin geht er auch seinen ehema­ligen WDR-Kollegen Günther Rohrbach scharf an – Polemik der Branche gegen miss­lie­bige Kritiker als »Argu­men­ta­tion der Mächtigen« – was den Ange­grif­fenen nicht hinderte, und das spricht für Rohrbach, seinen Namen trotzdem unter die Trau­er­an­zeige zu setzen.

Film­kritik, heißt es aber darin vor allem, »kann von einer Szene den Blick aufs Ganze öffnen, aus einem einzelnen Bild aus der Naht­stelle zwischen Traumwelt und Wirk­lich­keit auf Mythos, Phan­ta­sien und Fiktionen des Kinos schließen; sie zeigt, wie Insze­nie­rungs­künste und hand­werk­liche Fähig­keiten funk­tio­nieren, um Emotion und Faszi­na­tion herzu­stellen. Denn höhere Erkenntnis und tieferes Vers­tändnis der filmi­schen Mittel sollen das intel­lek­tu­elle, ästhe­ti­sche und sinnliche Vergnügen ja nicht mindern, sondern im Gegenteil erhöhen.
Der roman­ti­schen Theorie zufolge stellt das Kunstwerk Fragen, und die Kritik kann da nicht mit objek­tiven Antworten kommen, sondern soll eine subjek­tive Haltung dazu entwi­ckeln. Dazu gehört also kein fertiges Urteil, sondern die gründ­liche Ausein­an­der­set­zung, der genaue Blick, die Reflexion und die Fähigkeit zur sprach­li­chen und bild­li­chen Umsetzung.
Im Sinne der Gebrüder Schlegel kommt der Kritik die ehren­volle Aufgabe zu, in den Geist eines Kunst­werks einzu­dringen, ihn anderen zu vermit­teln und so deren Phantasie zu befruchten, ... Dies scheint mir eine gute Basis für Film­kritik im Fernsehen zu sein.«
Einfach großartig! Man muss sich Helmut Merker als Roman­tiker der Film­kritik vorstellen.

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Die digitale Demenz ist zu einem Massen­phä­nomen geworden. Die Folge: Deutsche Schulen debat­tieren über ein gene­relles Handy­verbot auch in der Pause. Und es wird kommen, früher oder später! Und an Univer­sitäten gibt es die ersten Vorle­sungen und Seminare mit obli­ga­to­ri­scher »No screen policy«, damit die lieben Studenten das Zuhören und das Gedanken-folgen üben können. Das sollte man bei Film­fes­ti­vals auch einführen.

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Schon sind wir beim Urhe­ber­recht. Über­ra­schen­der­weise forderte Kultur­staats­mi­nis­terin Monika Grütters gestern einen Mindest­lohn für Künstler und Kreative. Gut so, Frau Minis­terin!

Oder wie soll man es verstehen, wenn die gemein­same Deutsch-Fran­zö­si­sche Erklärung mit dem Grütters-Zitat über­schrieben ist: »Künst­le­rinnen, Künstler und Kreative müssen von ihrer Leistung leben können«? Mit dem EU-Urhe­ber­recht, um das es in der Erklärung auch geht, hat das »leben können« nämlich wenig zu tun.
Es ist schön, dass sich die Minis­terin »für eine bessere Position der Urheber gegenüber digitalen Platt­formen stark gemacht« hat. Etwas nach Nebel­wer­ferei klingt dann der Satz »Künst­le­rinnen, Künstler und Kreative müssen von ihrer Leistung auch in einer komplexen digitalen Wirk­lich­keit leben können«. Denn können sie denn bisher davon leben? Es ist richtig, freilich auch selbst­ver­s­tänd­lich, dass sich die Minis­terin für unsere kultu­relle und jour­na­lis­ti­sche Vielfalt einsetzt, für die Unab­hän­gig­keit der Presse und für Medi­en­plu­ra­lismus.
Nicht mehr richtig ist aber, Kultur und Krea­ti­vität immer nur als »Kultur- und Krea­tiv­wirt­schaft« zu beschreiben. Nicht um Standorte geht es hier, sondern um Freiheit und Freiräume, die von allen Zwängen, auch wirt­schaft­li­chen, befreit wurden.
Deswegen ist es falsch und wider­sprüch­lich, dass sich Grütters für ein Leis­tungs­schutz­recht für Pres­se­ver­leger einsetzt. Denn »Leis­tungs­schutz­recht« ist nur der Deck­mantel dafür, dass diverse Pres­se­ver­lage – die eben keine Urheber im Sinne des Gesetzes sind, deswegen brauchen sie ja das Leis­tungs­schutz­recht – ihren Autoren – den tatsäch­li­chen Urhebern – irgend­welche Verträge zur Unter­schrift vorlegen, mit denen sie die Rechte zur Verwer­tung ihrer Texte abgeben. Natürlich »frei­willig«. De facto müssen sie unter­schreiben und de jure bleibt davon das Urhe­ber­recht unberührt. De facto können Verlage mit den Texten der Autoren handeln, ohne diese zu vergüten.
Das geplante euro­pa­weite Leis­tungs­schutz­recht für Pres­se­ver­leger birgt Risiken für freies Wissen und dessen Austausch im Netz.
Die CDU zeigt sich damit wieder einmal als eine in Fragen der Digi­tal­po­litik naive Partei und als einsei­tige Vertre­terin der Konzern­in­ter­essen. Mit Urhe­ber­schutz hat all das nichts zu tun. Das EU-Parlament hat diese Reform des Urhe­ber­rechts zum Schlech­teren nun heute verab­schiedet. Ausge­stalten werden es der Rat der Europäi­schen Union, die Europäi­sche Kommis­sion und das Europäi­sche Parlament. Es wird also noch dauern, aber man sollte beginnen, den Wider­stand gegen das Leis­tungs­schutz­recht zu orga­ni­sieren.

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Künftig sollen Inter­net­platt­formen verpflichtet werden, Kultur- und Medien­schaf­fenden oder auch anderen Urhebern Vergü­tungen zu zahlen, wenn sie deren Werke zum Hochladen anbieten. Die Telekom oder Provider sind damit nicht gemeint, obwohl sie nur damit Geld verdienen, dass Dritte Inhalte produ­zieren.
Und was tut die Minis­terin dafür, dass die eigent­li­chen Auftrag­geber den Urhebern gerechte Honorare zahlen, also solche, von denen man leben kann?

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Langsam läuft sich der Berlinale-Apparat warm, zur aller­letzten Kosslick-Berlinale. Ob Dieter Kosslick zuhause wohl so etwas wie eine Trophäen­wand hat, wo er zwischen den ganzen Hirsch­ge­weihen, Elefan­ten­köpfen und Bären­fellen auch alle Preise aufstellt, die er selber bekommt? Bald braucht er jeden­falls dafür ein eigenes Zimmer. Denn auf seiner Abschieds­tournee als Berlinale-Chef wird Kosslick mit diversen Preisen behängt. Manche sind die klas­si­schen »Deathbed«-Awards, andere wirken wie eigens für den Noch-Berlinale-Direktor geschaffen. Zum Beispiel der »Force-of-Nature Filmma­king Award« des Sam Spiegel Inter­na­tional Film Lab in Jerusalem. Oder den First Steps Ehren­preis. Oder, oder...

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In eigener Sache:

Morgen, Donners­tag­abend, 13. September, um 19 Uhr eröffnet das Film­mu­seum Bendestorf im Umland von Hamburg in Koope­ra­tion mit der Kunst­stätte Bossard seine Reihe »Film und Kunst« mit einer Vorfüh­rung meines Films Hitlers Hollywood
Hoch­ak­tuell geht es um Kino im Zeitalter der Propa­ganda, darum, wie Filme, ihre Mythen und Erzäh­lungen wirken, ihre offenen Lügen und ihre versteckten Wahr­heiten.
Der Eintritt ist frei; um eine Spende wird gebeten.

Die Vorfüh­rungen finden im Film­mu­seum Bendestorf (Am Schie­ren­berg 2) statt. Eine Anmeldung ist nicht erfor­der­lich.

http://film-bendestorf.de/termine/

(to be continued)

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Unter dem Titel »Cinema Moralia« sind hier in loser Folge Notizen zum Kino zu finden, aktuelle Beob­ach­tungen, Kurz­kri­tiken, Klatsch und Film­po­litik, sowie Hinweise. Eine Art Tagebuch eines Kino­ge­hers.