31.08.2017
74. Filmfestspiele von Venedig

»I can not take it anymore.«

Lemkes Making Judith
Hilfe, ich habe meine Kollegen geschrumpft! Der lustige Eröffnungsfilm von Venedig, Alexander Paynes Downsizing

Kleiner Mann ganz groß? Von La La zu Leisu­re­land, aber Nico rettet den Eröff­nungs-Tag – Notizen aus Venedig, Folge 3

Von Rüdiger Suchsland

»The world needs assholes – otherwise: where does the shit come out?«aus Down­si­zing

Labor­ratten zu Barock­musik – mit so einem Eingangs­bild macht man sich beim Kunst­pu­blikum schon mal beliebt. In Alexander Paynes Venedig-Eröff­nungs­film Down­si­zing forschen norwe­gi­sche Wissen­schaftler an irgend­etwas von sich hin, auf einmal das »Heureka! Es hat geklappt!!« Im Zeit­raffer wird klar, was: Eine Technik zur Verklei­ne­rung von Lebewesen, also auch Menschen. Das wäre umwelt­freund­lich, und so wird diese Technik, um die Ressourcen der Erde zu schonen, unter den Menschen beworben. Mit einem unschätz­baren Vorteil: Verklei­nert wird alles, der Verbrauch, die Kosten – wenn die Menschen kleiner sind, brauchen sie nur noch 80 Dollar, um sich zwei Monate lang zu ernähren –, das einzige, was nicht schrumpft, ist das Bankkonto. Das ist unter kleinen Verhält­nissen aber viel mehr wert. Darum sind die down­ge­sizten Menschen plötzlich alle in ihrer Welt reich.

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Das ist die Prämisse für einen Film, der sich bis zum Schluss nicht entscheiden kann, ob er einfach eine weitere, typisch-Paynesche-Loser­komödie sein will, oder doch ein ernster Beitrag zur Weltlage, die vor dem Klima­wandel warnt und uns einmal mehr die Übel des Kapi­ta­lismus vor Augen führt. Down­si­zing ist zum Teil ganz lustig, aber ohne Über­ra­schungen und im Stil träge und behäbig. Es über­wiegen Senti­men­ta­lität, Kitsch und jener Huma­ni­ta­rismus gegen den sich nicht das Geringte sagen lässt, außer dass er komplett vorher­sehbar und lang­weilig ist.

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Die von Matt Damon gespielte Haupt­figur Paul Safranek ist der Klein­ge­blie­bene unter den Karrie­risten, der Loser seiner Schul­klasse. Darum ist das Down­si­zing seine Chance. Nach einer unan­ge­nehmen Prozedur, die mit der Angst vorm Ausge­setzt­sein ebenso spielt, wie mit Gaskammer-Metaphern, landet er in der Siedlung Leisu­re­land. Dort leben die Geschrumpften in einem ideal­ty­pi­schen Suburbia, in dem es scheinbar weder Krimi­na­lität noch Not gibt. Dummer­weise ist seine Frau in letzter Sekunde noch abge­sprungen. Darum ist er jetzt auch depri­mierter Single. Auf andere Gedanken bringt ihn sein von Christoph Waltz gespielter serbi­scher Nachbar und dessen von Udo Kier gespielter Freund.
Paul erlebt seine erste Drogen­party, und versteht am nächsten Morgen auch, dass Leisu­re­land nicht weniger eine Klas­sen­ge­sell­schaft mit Schat­tenö­ko­nomie, Slums und Armen ist, als die Welt der »big people«. Bald hat er mit der viet­na­me­si­schen Putzfrau und Ex-Dissi­dentin eine neue Liebe gefunden, da droht ihm auch neues Ungemach: Methan tritt in der Antarktis aus, beschleu­nigt den Klima­wandel und die norwe­gi­sche Däumlings-Gemein­schaft will sich in eine Art Arche Noah unter der Erde flüchten.
Die Arroganz und der Narzissmus, dass man die Welt retten muss, wird zwar ironisch gebrochen, aber vom Regisseur auch wieder halb ernst genommen.
Einer­seits lästert der sympa­thi­sche Zyniker des Christoph Waltz: »Its like a cult. They will kill each other and extin­guish each other long before...« Ande­rer­seits sympa­thi­siert Paul stark mit dem Idea­lismus der Gruppe.

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So wird Down­si­zing im letzten Drittel fast zum ernsten Ideen­drama: Tatsäch­lich redet der Film nicht darum herum, dass es den Betei­ligten beim Down­si­zing auch nicht darum geht, etwas für die Erde zu tun, sondern darum, mehr konsu­mieren zu können. Um Gier, die in der realen Größe nicht mehr zu befrie­digen ist. Es geht um Kapi­ta­lismus, auch der Schrumpf-Firma, die Geld verdienen will.
Aller­dings ist dies ein Ideen­drama, das für die Mensch­lich­keit der Armen und die Mensch­lich­keit im Kleinen plädiert, und im Kern, so könnte man sagen, eine zutiefst anti-utopische Botschaft formu­liert, für das kleine Glück. »Schuster bleib bei deinen Leisten.« Drogen und Partys aber werden der üblichen Kritik des Hedo­nismus unter­worfen.
So läuft dies auf eine Bieder­keits­moral hinaus, wie man sie auch in den Salons von Berlin-Mitte finden kann: Kapi­ta­lismus ist böse, Hedo­nismus ist sehr böse, Klima­wandel ist ganz böse.

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Da wüsste man doch gern, wie Nico über so einen Film geschimpft hätte. Nico, das ist natürlich Christa Paeffgen, Model, Gele­gen­heits­schau­spie­lerin (unter anderem in Fellinis La Dolce Vita in Warhols The Chelsea Girls und in mehreren Werken ihres Lebens­ge­fährten Phillippe Garrel), und vor allem Sängerin und Musik­vor­rei­terin. Man vergisst immer wieder die charis­ma­ti­sche Wirkung dieser sehr beson­deren, auch sehr besonders deutschen Frau und ihrer Stimme.
Das ist Susanna Nicchia­rellis Spielfilm Nico, 1988 über die letzten Lebens­jahre Nicos hoch anzu­rechnen. Sie macht die Faszi­na­tion dieser Person spürbar, und teilt unsere Obses­sionen: Nicos Musik ist ganz über­wäl­ti­gend, toll und ungeheuer, sie öffnet einen Abgrund, in eine tiefe deutsche Mythen­land­schaft, ebenso wie die Stimme, die Tiefe dieser Stimme, ebenso wie der erste Satz des Films, »Das ist Berlin, mein Schatz, es brennt.« Eine zentrale Verbin­dung zieht für die Person Nico wie für ihre Wahr­neh­mung.
Trine Dyrholm, die Nico hier spielen soll, sieht nicht mal ein Viertel so gut und nicht mal zehn Prozent so rätsel­haft aus wie Nico. Und sie spielt sie auch zu forciert, zu muffelig, wo Nico in den 80ern nur ein alter Indianer war. Für mich gehen manche Dinge im Kino nicht. Und das hier geht nicht. Ein paar Origi­nal­bilder, Super-8, machen die Differenz unüber­brückbar.
Wenn Trine dann noch à la Nico singt, geht es gar nicht, dann ist sie im aller­besten Fall eine Schwester von Hildegard Knef.
Das hat nichts damit zu tun, ob Dyrholm das gut macht, ob sie gut singt. Nico hat viel­leicht gar nicht gut gesungen, sondern toll. Und Trine Dyrholm ist nicht toll. Sie wird nur langsam zu einer europäi­schen Meryl Streep.

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Auch die Senti­men­ta­li­sie­rung auf die arme Mutter und ihre verkorkste Sohn-Beziehung nutzt dem Film nicht. Ari, der vom Vater zeit­le­bens verleug­nete Sohn Alain Delons ist ein armer Junge. Aber an der Mutter ist doch vieles wichtiger und inter­es­santer, als dieses Verhältnis.
Das macht der Film immerhin deutlich, und lässt uns Freiraum, selbst zu werten.
Wer sich Nico annähren, mehr von ihr wissen will, dem empfehle ich den viel viel besseren Film Nico Icon von Susanne Ofte­ringer. Auf YouTube steht er in mäßiger Qualität. Aber er bietet trotzdem so viel mehr Nico.

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Wir wollen uns dieser Figur annähern, aber können wir sie verstehen? Ich glaube nicht. Nibe­lun­gen­land...

(to be continued)

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