05.09.2015
72. Filmfestspiele Venedig 2015

Das Narrativ im Konjunktiv

Fast Food aus Frankreich: Julie Delpy geht baden mit Lolo

Harte Themen, weiche Stile, Luxus­pro­bleme am Lido – Notizen aus Venedig, Folge 2

Von Rüdiger Suchsland

Es gehört zu denen schönsten Belas­tungen eines Film­kri­ti­kers: Wie erzählt man das hier alles bloß? Wie schafft man ein Gefühl dafür, was es heißt, in Venedig zu sitzen und Filme zu gucken, wie macht man klar, was einem da so im Kopf herum­schwirrt, was einem schwer­fällt, und was leicht, und wie man es eigent­lich schafft, während eines Film­fes­ti­vals so 100.000 bis 120.000 Zeichen, inklusive Leer­zei­chen in den Laptop geklopft zu haben, also etwa 10.000 Zeichen am Tag.

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Diese Schätzung ist noch konser­vativ. E-Mail rechne ich da gar nicht mit und auch nicht die eigent­li­chen Notizen. Die mache ich im Kino und gleich nach dem Film, um mir Details merken zu können. es sind Stich­worte, kurze Szenen­be­schrei­bungen, Sätze die mir auffallen, Beob­ach­tungen. Da die Notizen chro­no­lo­gisch sind (so schreibe ich sie auch ab), geben sie ein Gefühl dafür, wie ich den Film gesehen habe, und was für einen Film ich überhaupt gesehen habe. Der ist ja nicht notwendig mit dem eigent­li­chen identisch und noch nicht mal mit dem, wie ich selbst den Film am Ende finde.
Die Notizen in den Computer zu über­tragen, zwingt mich dazu, den Film im Geist noch mal durch­zu­gehen. Da fällt mir dann auch einiges auf, etwa was ich schon kurz nach dem Kino wieder vergessen habe.
Aus den Notizen wird dann der Text über den Film, manchmal wörtlich, manchmal völlig davon abwei­chend.

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Wie schafft man das also? Es geht damit los, dass wir, genau gesagt, eben gar nicht in Venedig sitzen, sondern auf dem Lido. Da ist mehr Ruhe, wobei dieses Wort nur relativ zu verstehen ist, da sind weniger Touristen. Das Festival findet in den alten, nur notdürftig und immer aufs Neue provi­so­risch reno­vierten Räumen des alten Casino und des Film­pa­lasts statt, die beide Anfang der 30er Jahre gebaut wurden, zur Zeit des italie­ni­schen Faschismus also. Genau diesen protzigen, monu­mental-martia­li­schen Eindruck machen die Gebäude auch, sie reprä­sen­tieren aber eben auch den alten Glanz eines vergan­genen Europa. Archi­tek­to­nisch gibt es eine Menge Schlech­teres als das hier.

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Vor allem am Anfang laufen sehr viele Filme, und als Beob­achter versucht man natürlich, gerade an diesen ersten Tagen vieles zu sehen: Einmal, um überhaupt rein­zu­kommen, ein Gefühl für das dies­jäh­rige Festival zu bekommen, und dann auch um einfach Schritt zu halten, nicht von Anfang an hinten dran zu sein.
Die Folge: man kommt zu wenig zum Schreiben. Und wenn man Zeit hätte, ist man zu müde, oder will halt auch mal mit Menschen reden. Man will auch als asozial gelten, weil man lieber schreibt. Man muss aber schreiben. Will es viel­leicht auch, um sich selbst klar zu machen, was man da jetzt gesehen hat.
Bitte nicht miss­ver­stehen: Es gibt keinen Grund zur Klage. Das sind alles Belas­tungen, die ich wahn­sinnig gern ertrage. Luxus­pro­bleme. Ich will hier nur einmal hinschreiben, was mir beim Arbeiten so durch den Kopf schwirrt.

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Man ist gerade in diesem Anfangs­zu­stand, wenn man noch keine »Altlasten« der letzten Tage abzu­tragen hat, ganz im Hier und Jetzt, ganz ange­wiesen auf das, was die Program­mie­rung des Festival einem vorsetzt. Und auf den Zufall des eigenen Geschmacks und der Erzäh­lungen der Anderen.

Venedig ist auch deshalb ein tolles Festival, weil es so entspannt ist. Man kann jeden Film irgendwie sehen. Die Neben­reihen sind nicht unbedingt die schwächeren Reihen. Man kann da Meis­ter­werke ebenso entdecken, wie im Wett­be­werb absolute Desaster erleben. In den Orrizonti findet man oft die gewag­teren, inno­va­ti­veren Filme. Ande­rer­seits ist der Wett­be­werb auch nicht so, dass man dort jeden Film sehen muss. Man kann es sich nie genau ausrechnen in Venedig – das Festival riskiert ziemlich viel.

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In Venedig ist es so – oder es fällt mir mehr auf –, dass im Gegensatz zu Cannes die Filme oft zu Paarungen program­miert werden. Auch so kommt Ordnung ins Chaos, und es bildet sich allmäh­lich das heraus, was man heute gern als »Narrativ« bezeichnet, also die Erzählung eines Festivals, eines Jahrgangs, bestimmte Themen, Tendenzen, Geschmä­cker und Schwer­punkte, die sich über einzelne Filme hinweg über­lappen.

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Paris, freilich auf ganz unter­schied­liche Weise, steht gleich zweimal am Donnerstag im Fokus, denn sowohl Alexander Sokourovs Fran­co­fonia, für mich an den ersten zwei Tagen der beste Wett­be­werbs­bei­trag, als auch Julie Delpys Komödie Lolo insze­nieren ausgiebig die fran­zö­si­sche Haupt­stadt – wenn auch natur­gemäß äußerst unter­schied­lich.

Auch geht es zweimal um unbe­kannte Seiten von Boston, und jeweils im gewissem Sinn um den »Boston Globe«. In Thomas McCarthys Film Spotlight steht die Zeitung und ihre Arbeit fast völlig im Zentrum, in Black Mass ist sie es immerhin, die mit einem Artikel den Stein derart massiv ins Rollen brachte, der zur Aufklä­rung eines der größten Krimi­nal­fälle und Poli­zei­skan­dale in der jüngeren Geschichte der Stadt führte. Der Stil der Filme ist dagegen je härter die Story, um so mehr anschmiegsam, konsu­mierbar, weich. Schlechte Musik, zudem massiv einge­setzt, und cleane Ästhe­tiken sind andere auffal­lende Gemein­sam­keiten der ersten Tage.

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Auch wird schnell deutlich, dass es in ganz vielen Filmen erstmal um ernste, irgendwie politisch wichtige und moralisch empörende »Themen« geht: Kinder leiden gleich zweimal, als Kinder­sol­daten in Cary Fukunagas Beasts of No Nation und in Spotlight, denn von der Zeitung recher­chiert wird da massen­hafter Kindes­miss­brauch in der Katho­li­schen Kirche Bostons. Um Kran­ken­kassen. Um Kran­ken­ver­sor­gung in Rodrigo Plas Un Monstruo de mil cabezas. Klingt so erzählt wahn­sinnig lasng­weilig, finde ich, aber bestimmte Redak­tionen lieben dies, so wie andere nur etwas über »Stars« hören wollen, weil diese »Themen« angeblich »politisch« sind, und dadurch Relevanz über das Kino hinaus verspre­chen.

Dieses so verstan­dene »Poli­ti­sche« eines Films gehört für mich zu den frag­wür­digsten Kate­go­rien unserer Wahr­neh­mung des Kinos. Denn manche Filme werden schon durch durch die Regionen aus denen sie kommen, und durch die voll­kommen anderen Lebens­welten, die sie zeigen, poli­ti­siert. Diese Regionen sind krisen­hafter, leben im sozialen oder ökono­mi­schen Ausnah­me­zu­stand, oder einem Normal­zu­stand der uns Wohl­stands­men­schen extrem erscheint – das muss ja schon an und für sich politisch sein. Das gilt für Filme aus Latein­ame­rika oder auch für türkische Filme.
Natürlich liegt es tatsäch­lich eher an den Betrach­tern, was man da »politisch« nennt, und was man aus Filmen als politisch heraus­liest, oder in sie politisch hinein­liest.

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Was auf eine andere Weise politisch ist, das sind die Stile. Man kann gerade auf solchen Film­fes­ti­vals auch immer insofern politisch gemachtes Kino sehen, als unsere Stil­emp­fin­dungen und Geschmä­cker irritiert und heraus­ge­for­dert werden. Dass unserer Main­stream­blick, den wir ja alle haben – wir sind so forma­tiert übers Fernsehen und über den konven­tio­nellen Film, dass wir bestimmte Sachen erstmal erwarten, dass wir einen Film daraufhin sehr schnell deco­dieren, dass wir wissen: Dies ist der Böse, dies ist der Gute, mit dem wir bangen sollen –, dass dieser Blick heraus­ge­for­dert werden kann und wird, ist gerade das Reizvolle von Film­fes­ti­vals. Sie zeigen uns: Kino ist so viel mehr, als nur dieses eine Schema. Es gibt ganz andere Schemata, und es gibt natürlich auch Filme, die völlig ohne Erzähl- und Bild-Schemata arbeiten oder die es gar schaffen, dem Betrachter ihr eigenes Betrach­tungs­schema vermit­teln.

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All dies sind mögliche Formen, dieses Festival zu struk­tu­rieren und zu erzählen: Es gibt auch ein mögliches ökono­mi­sches Narrativ: Am Donners­tag­abend gehe ich mit meinem italie­ni­schen Kriti­ker­freund Ugo noch ein letztes Bier trinken, in einer Strandbar. Dort kommen wir mit einem jungen Mann ins Gespräch, der schon ein paar Drinks im Kopf hat. Er kommt von hier und erzählt, er habe ein paar Jahre bei der Mostra gear­beitet. An einem Pizza­stand. 400 Euro habe er verdient, an den zehn Tagen Festival. »Am Tag?« fragen wir, und ahnen, dass das auch wieder nicht sein kann. Nein, an den zehn Tagen. Zusammen. Also 40 Euro am Tag. Das sei ganz gut gewesen, sonst verdiene er hier weniger. Kaum zu glauben, an diesem Ort, der noch teurer ist als Cannes. Man darf nicht denken, dass hier alle von den Touristen und dem Festival profi­tieren.

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Worauf ich mich denn freue, werde ich auch ein paar Mal gefragt. Auch dies ist eine mögliche Form, ein Film­fes­tival zu erzählen. Wahr­heits­gemäß nenne ich neben den vielen Filmen aus Latein­ame­rika und den vier­ein­halb türki­schen Filmen (der Doku­men­tar­film über Orhan Pamuk hat einen briti­schen Regisseur) auch den neuen Film des Italie­ners Marco Belloc­chio. Belloc­chio steht für brisantes, politisch enga­giertes, stilis­tisch oft extremes und gewagtes Kino. Dann der neue Film von Amos Gitai, einem israe­li­schen Regisseur, den ich eigent­lich immer blöd fand. Man hört nichts Gutes über diesen Film, aber da er von der Ermordung des israe­li­schen Minis­ter­prä­si­denten Rabin vor 20 Jahren handelt und von den Folgen dieser Tat erwarte ich mir doch Polit-Kino (s.o.) im besten Sinn: Ein Blick in die poli­ti­schen Einge­weide der israe­li­schen Gesell­schaft.
Schließ­lich: Jerzy Skoli­mowski, jener großar­tige polnische Regisseur der Filme macht, die alles sind nur nicht jenes heilige getragene Kino, das wir sonst so oft aus Osteuropa zu sehen bekommen.

(to be continued)

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