07.09.2015
72. Filmfestspiele Venedig 2015

Meditationen aus Paris...

Alexander Sokurows Francofonia ist für unseren Vendig-Korrespondenten keine Landung auf dem Hosenboden.

Die Barbaren und das Museum an sich – Notizen aus Venedig, Folge 3

Von Rüdiger Suchsland

»Alle Museen müssen auf den Untergang vorbe­reitet sein.«– Aus Fran­co­fonia

»Un garcon m'a dit: Tu es compli­quée!« – »Oui – et alors?« – Aus Les 3 Boutons

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»Als ob er wusste, was uns erwartet.« Alte Foto­gra­fien zeigen Tschechow und Tolstoi, zwei, die Anfang des 20. Jahr­hun­derts starben. Wir sehen Geri­caults »Floß der Medusa«, dann eine Schau­spie­lerin, kostü­miert mit Jako­bi­ner­mütze und Revo­lu­ti­ons­ko­karde. »Marianne, I am not in the mood of humor«, sagt der Regisseur. So geht der Film los.
Die gerade modischen Drohnen-Bilder zeigen Paris senkrecht von oben.
Dann folgt Archiv­ma­te­rial in sehr guter Qualität: Hitlers Fahrt durch Paris, mit Speer, mit Arno Breker. Wer war noch dabei? Dann der Regisseur in seinem Arbeits­zimmer, am Schreib­tisch. Man sieht Bücher. Etwas coffee­ta­ble­artig hindra­piert ein sehr großer fetter Band über Leonardo da Vinci. Dann eine Folge von Portraitbil­dern, vor allem aus der Spätre­nais­sance. Aus dem Off ein Lob der Portraitkunst, diese Indi­vi­dua­lität sei Europa, die Musel­manen würden keine Portraits kennen. Und so geht es weiter, hin und her, doch zunehmend verengt und konkre­ti­siert sich die Perspek­tive. Was ist das für ein Film?

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Ange­kün­digt wurde er irgend­wann mal als Doku­men­tar­film über den Louvre. Und er fügt sich irgendwie in die derzeitge Welle von »Muse­ums­filmen«, und ist doch unver­gleich­lich: Fran­co­fonia, der neue Film des Russen Alexander Sokurow, der hier vor ein paar Jahren mit Faust den Goldenen Löwen gewann, ist das bisher beste und in jedem Fall eigen­wil­ligste, inter­es­san­teste Kinostück im Mostra-Wett­be­werb. Dies ist kein Spielfilm, sondern ein doku­men­ta­ri­scher Essay. Vor allem Essay: Eigen­willig, verspielt, erratisch. Sokurow erzählt seinen Film selbst, er tritt hier auch selbst auf.
Der handelt ein wenig von Paris, etwas mehr von Frank­reich, er handelt auch von Deutsch­land und der deutschen Beziehung zu Frank­reich. Er dreht sich um den Umgang der Franzosen und der Deutschen mit der Kunst während des Zweiten Welt­kriegs. Er ist eine Medi­ta­tion über das Museum an sich. Und er erzählt die Geschichte zweier Männer.

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Graf Wolff-Metter­nich war Gene­ral­kon­ser­vator des Rhein­lands und hat als solcher bereits 1939 alle Kunst­werke des Kölner Doms vor dem kommenden Krieg »gesichert«. Der Krieg lag in der Luft. »Alle Museen müssen auf den Untergang vorbe­reitet sein«, sagt Sokurow. Mit Beginn der deutschen Besatzung in Frank­reich wurde Wolff-Metter­nich Leiter der Abteilung »Kunst­schutz« in Paris. Als solcher traf er bald den Direktor des Louvre, Jacques Jaujard.
Sokurow erzählt von der schwie­rigen Annähe­rung beider Männer, und von einer Kommu­ni­ka­tion, zu der auch das gemein­same Beschweigen gehörte, eine unaus­ge­spro­chene Über­ein­kunft zwischen beiden, die es möglich machte, die Kunst­werke des Louvre weit­ge­hend vor den Raubzügen der Nazi-Führung zu schützen. Die es Jaujard auch ermög­lichte, Kunst­werke im Stillen aus Paris heraus und an sicherere Ort zu bringen.
Das wird erzählt, und auch wieder nicht, denn vieles bleibt auf der Andeu­tungs­ebene. Sokurow erzählt auch anderes: Dass die Deutschen im Zweiten Weltkrieg den Louvre verschonten, die Hermitage in Leningrad aber bombar­dierten. Dass sie sich auch in Paris oft aufführten wie die Barbaren in Rom. Er zieht auch ein paar mehr als frag­wür­dige Vergleiche, wie den zwischen Napoleon und Hitler. Indem er den Satz Napoleons über Preußen zitiert: Preußen sei »ein Staat der es nicht verdient zu exis­tieren.« Davon abgesehen, dass ich dieses Zitat auf die Schnelle nirgendwo finden konnte, und davon abgesehen, dass den Satz wohl auch viele Bayern und Rhein­länder und Südwest­deut­sche heute noch unter­schreiben würden oder früher unter­schrieben hätten, ist Napoleons Verhalten ja an keiner Stelle mit Hitlers Vernich­tungs­kriegen gleich­zu­setzen.
Was auch an anderen stellen klar wird, ist, dass Sokurow ein Fan deutscher Kultur und alles Deutschen ist, dass er erstaun­lich viel Nachsicht mit Nazi­deutsch­land an den Tag legt. Darüber wird beim Filmstart noch zu disku­tieren sein.

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Im Stil ist Fran­co­fonia manie­riert, wie alles von Sokurow, und daher ist das auch nicht als Kritik gemeint, es ist einfach Sokurows Stil. Toll, wie subjektiv und mäandernd und einfach dem eigenen Interesse folgend hier erzählt wird. Großartig ist, was er mit der Kunst des Louvre macht: Er erweckt die Kunst zum Leben, vor allem die der Antike. Plötzlich sieht alles sehr plastisch aus, frisch, lebendig und nahe. Die jahr­tau­sen­de­alten Steine bekommen Gegen­wär­tig­keit.
Wenn Sokurow uns die Kunst­werke der Assyer zeigt, so ist dies kein zufäl­liger Verweis. Der Verweis hat vielmehr die poli­ti­sche Pointe, das zu vertei­digen, was heute als »Raubkunst« gern diskre­di­tiert wird: Die Louvre-Raumkunst-Werke der Assyrer könnten eines Tages die einzigen sein, die vor den Zers­tö­rungen der ISIS bewahrt worden sind. Sokurow sagt damit, dass Kunst keine spezi­fi­sche Heimat hat, nicht »nach Hause« zu einem bestimmten Volk und Boden gehört. Kunst gehört der ganzen Welt und sollte in alle Länder zerstreut aufbe­wahrt werden.

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Eine weitere poli­ti­sche Pointe: Sokurow, dessen Freund­schaft zu Putin ein offenes Geheimnis ist, inte­griert Russland in die europäi­sche Kultur. Aus der er zugleich das Mosle­mi­sche, Isla­mi­sche tilgt.
Er meditiert über die mensch­liche Suche nach Wahrheit, und über Univer­sal­ge­lehrte wie den Louvre-Erbauer Pierre Lescot, der – »hört her, ihr zeit­genös­si­schen Archi­tekten!« – gleich­zeitig Mathe­ma­tiker, Maler, Priester und Architekt gewesen sei.
Sokurow hält Europa den Spiegel seiner Verluste vor.

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Humor gibt es wenig. Immerhin: In einem imaginären Gespräch mit Wolff-Metter­nich fragt Sokurow diesen: »Surprised, that Germany lost the war? When did it ever won?«

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Was wohl die Franzosen darüber denken? denke ich schon während des Films. Denn eigent­lich hat Sokurow den Film gemacht, den die Franzosen hätten machen sollen. Eine Hohelied auf ihre Kultur. Aber auch ein Film über Kolla­bo­ra­tion und die feinen mora­li­schen Niemands­länder zwischen Kolla­bo­ra­tion, Mitläu­fertum und Wider­stand.
Jaujards Geschichte jeden­falls ist voll­kommen vergessen worden.

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Etwas ganz anderes, aber auch ein Paris-Film, ist Lolo, der inzwi­schen fünfte Spielfilm von Julie Delpy, die längst auch Regis­seurin ist und hier in Perso­nal­union Haupt­dar­stel­lerin, Dreh­buch­au­torin, Produ­zentin und eben Regis­seurin. Die leich­teren, viel­leicht auch unter­hal­ten­deren Filme laufen in den Neben­reihen, und diese Beschrei­bung trifft auf Lolo zu. Ein sehr fran­zö­si­scher Film, der auch zur neuen Welle der Albern­heits­komö­dien aus Frank­reich passt. Am Ende reiner Boulevard, bei der viele Türen knallend zuge­schlagen oder aufge­rissen werden. Und bei jeder zweiten Tür, die aufge­rissen wird, steht irgendwer dahinter. Auch der deutsche Modezar Karl Lagerfeld spielt eine über­ra­schende Neben­rolle – sich selbst.
Es geht um eine Pari­sierin aus der Mode­branche, die sich in einen Provinzler verliebt. Als der nach Paris kommt, und die Beziehung ernst wird, muss er sich auch mit ihrem fast erwach­senen Sohn arran­gieren, dem titel­ge­benden Lolo.
Diese leichte, sehr musi­ka­li­sche und ausnahms­weise einmal mit guter Musik unter­malte Unter­hal­tung kann man zwar gut angucken, und Delpy hat in jeder Hinsicht viel Mut, auch viel Selbst­ironie. Aber am Ende bleibt nicht viel übrig von diesem Film-Fast-Food.

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Besser und viel inter­es­santer waren die beiden Kurzfilme, die Lolo voran­gingen: Von Alicia Rohr­wa­cher und von Angès Varda, die beide als Nummern #9 und #10 der Miu Miu – Women's Tales die die Neben­s­ek­tion »Giornate degli Autori« eröff­neten – im Auftrag eines feinen Labels für Damen­un­ter­wä­sche, das seit Jahren weibliche Filme­ma­cher mit besonders exqui­siten Kurz­filmen – keinen Werbe­clips – beauf­tragt. Rohr­wa­cher, Italie­nerin mit deutschen Wurzeln, gewann mit Land der Wunder in Cannes eine Silberne Palme für die beste Regie. Jetzt hast sie mit De Djess einen 14 minütigen, überaus origi­nellen und lustigen Film gedreht – leichtes, aber gleich­wohl hoch­äs­t­he­ti­sches Kino. Auch noch im Festi­val­hotel Excelsior gedreht, ideal also für Venedig. Man kann den Film bereits auf YouTube angucken und nachdem man das getan hat, sich ja mal ganz im Ernst die Frage stellen: Warum sind Filme eigent­lich nicht viel öfter so? Rätsel­haft, anstren­gend, verspielt und schön.

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Es folgte Les 3 Boutons, »die drei Knöpfe« von Agnès Varda, Altmeis­terin der Nouvelle Vague. Auch der ist sehr sehr schön, auch der hüpfte nach der Premiere gleich ins Netz. Das Manifest eines jungen Mädchens und der Mode – für Unab­hän­gig­keit und Freiheit. Typisch Varda.

(to be continued)

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