22.05.2005
58. Filmfestspiele Cannes 2005

»Love is really a question of timing«

You can never leave this film
Topfavorit 2046

»Love is really a question of timing«

Wong Turn, 6. Folge

Von Rüdiger Suchsland

»Love is really a question of timing.« Es gibt immer den einen Punkt, da schlägt ein Festival um: Die Wirk­lich­keit beginnt einen einzu­holen, und es wird allmäh­lich leerer. Die Ersten reisen ab. Der eigene Blick aufs Meer wird inten­siver, man tankt letzte Eindrücke. Doch diesmal hielt die Spannung bis zum Ende an – eine nahezu perfekte Drama­turgie, wenn auch unfrei­willig: Langsam, aber ständig steigerte sich der Wett­be­werb bei den 57. Film­fest­spielen. Dann brach Mitte der Woche das Chaos aus: Plötzlich wurde die morgend­liche Pres­se­vor­füh­rung des größten Favoriten von allen, 2046, vom Hongkong-Regisseur Wong Kar-wai abgesagt. Fast fürchtete man, der Film werde gar nicht laufen, offenbar war man nicht recht­zeitig fertig geworden. Doch dann lief der Film am Donners­tag­abend fast als letzter eines sehr starken Wett­be­werbs-Programms. Der erste Eindruck ist über­wäl­ti­gend – und das vier­jäh­rige Warten auf den Film hat sich gelohnt.

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Merk­wür­dige Atmo­sphären im Saal. Wie man sie nur auf einem Film­fes­tival erleben kann. Eine Drei­vier­tel­stunde vorher, viel früher, als sonst, hatte man sich in der Schlange einge­reiht. Obwohl die Akkre­di­tie­rung »rosa Badge« ja nicht schlecht ist. Aber hier will man auf Nummer sicher gehen. Wie viele. Gerade noch recht­zeitig, wäre ich zehn Minuten später gekommen, wäre es zu spät gewesen. 2046 wollen alle sehen. Im Saal dann überaus konzen­trierte Stimmung. Stille. Ein bisschen wie vor dem Gottes­dienst.
Und dann gleich aufre­gendes Kino, von der ersten Szene an: Anima­ti­ons­bilder einer futu­ris­ti­schen Großstadt, sehr abstrakt, Metro­polis ohne Expres­sio­nismus, Blade Runner ohne Punk. Die Liebenden Nehmen Den Zug hatte hier in Cannes vor Jahren einmal ein Film geheißen. Und auch diesmal fährt ein Zug ab. Er heißt 2046 und führt ins Reich der Erin­ne­rungen – auch jener an die Zukunft, an den rasenden Still­stand der Melan­cholie, an dem die Geschichte zuende ist, aber das Denken noch lange nicht. Der Erzähler beginnt aus dem Off, und der Sog beginnt...

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2046 ist der paradoxe Fall eines SF, der in der Vergan­gen­heit spielt. In Singapur 1966 sind Tony Leung und Gong Li, spielen ein Karten­spiel: »If you win, I come with you...« Natürlich verliert er und später erfahren wir, dass sie eine nahezu perfekte, profes­sio­nelle Spielerin ist. »I've never seen her since.« Dann befindet man sich für den Rest des Films über die meiste Zeit in Hongkong, Ende der Sechziger, immer wieder unter­bro­chen von Ausflügen in Zukunft oder Vergan­gen­heit. Wieder ein Film, in dem Amnesie eine zentrale Rolle spielt. Und wir lernen, dass auch Maschinen vergessen können. Eine Vorhölle der Erin­ne­rung: Opern­musik, Neonlicht, Chine­sinnen, die Japanisch lernen, ein Voyeur, Iden­ti­täts­krisen, die Leere des Cyber­space, das Immer­gleiche, die Melan­cholie, die Wieder­ho­lung...

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2046 ist die atem­be­rau­bende Geschichte einer unmög­li­chen Liebe, auf frag­men­ta­ri­sche Weise erzählt in losen, asso­zia­tiven, aber nuan­cierten Bildern, die sich gemeinsam mit der genauen Farb­dra­ma­turgie (Grün- und Gelbtöne domi­nieren), Dialog- und Gedan­ken­fetzen und Musik durch ausge­klü­gelte Montage zu einem dichten und genau ryth­mi­sierten atmo­sphäri­schen Teppich fügen, wie er im gegen­wär­tigen Kino ohne Beispiel ist. Der Film streift die Terrains des Unbe­wußten wie des Unver­s­tänd­li­chen, Nicht-Kommu­ni­zier­baren.
Angelehnt ist dies alles an Wongs letzten Film In the Mood for Love. Doch die Struktur von 2046 ist ohne Frage ungleich kompli­zierter, gewis­ser­maßen eine Rückkehr zu der Erzähl­weise von Chungking Express. Ließ sich Wong damals hinein­fallen in das Chaos der Metropole, ist es nun ein innerer Raum, das Chaos aus Erin­ne­rungen und Wunsch­träumen. Auch wer sich davon viel­leicht über­for­dert fühlt, alles für eine akade­mi­sche Kopf­ge­burt hält oder das einfach nicht mag, wird sich dem unmit­tel­baren sinn­li­chen Eindruck, der Dynamik und der kompo­si­to­ri­schen Meis­ter­schaft des Films nur schwer entziehen können.

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Im Zentrum steht Chow, Jour­na­list und Autor von populären Stories, eine Art Philip K. Dick im spät­sech­ziger-Hongkong und zugleich ein Liebes­de­tektiv: Aufklärer, Flaneur und distan­zierter Beob­achter – und das alter ego seines Regis­seurs. »Men like me have nothing, but free time.« Gespielt wird er in all seiner Charme-umman­telten, kühlen Tristesse von Tony Leung, der bereits in In the Mood for Love die Haupt­rolle spielte. Chow ist ein naher Verwandter jener damaligen Figur. Sie lebt wieder im Hongkong der 60er und hat eine unglück­liche Liebe hinter sich. Nun schläft Chow zwar mit vielen Frauen, doch Gefühle läßt er nicht zu, auch dann nicht, als ihm die wahre Liebe in Gestalt von Bai Ling (Zhang Ziyi) begegnet. Am Ende steht die Erkenntnis: »Love is really a question of timing.« Um diese Kernstory und ihre Vor- und Rück­blenden herum, hat Wong mehrere andere Episoden gelegt, die den Haupt­strang unter­bre­chen, umgeben, fort­führen. Man weiß nicht genau, ob es sich bei alldem nur um jene Geschichten handelt, die der Autor schreibt, oder um seine Phan­ta­sien und Tagträume, oder auch um Paral­lel­welten. Denn 2046 ist zugleich auch das Jahr, in dem eine dieser Stories spielt: Ein Mensch verliebt sich in einen Cyborg. Vor allem aber bezeichet der Filmtitel einen Zustand des melan­cho­li­schen Still­stands, einen Ort, aus dem, wie es heißt, noch keiner heraus­ge­kommen sei. »You can never leave 2046. You can only hope, it is leaving you some day. Nobody has ever come back, except me.«

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2046 ist eine komplexe Passage durch Zeiten und Ideen, Phan­ta­sien und Realität – die Geschichte Hongkongs scheint in kurzen Dokuszenen auf –, ein Roman der Erin­ne­rung und Emotionen. Wenig berüh­ren­deres war in den letzten Jahren im Kino zu sehen als der letzte der vielen Abschiede zwischen Tony Leung und Zhang Ziyi. Das reine Unglück. Und die ewige Frage: »Why can’t it be like it was before?« Vor allem aber – und dies ist gewiß nicht allein ein erster Eindruck – ist dies die Verdich­tung aller Werke Wong Kar-wais, ein meis­ter­haft gemachter Film, der sich ganz auf sein Medium verläßt: Bilder, die immer einen Mehrwert haben, eine Aussage, die sich nicht allein in Worte fassen läßt, sondern in Gefühle – ein großer Preis­fa­vorit.

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Eine merk­wür­dige Verwandt­schaft verbindet 2046 mit dem Anime Innocence von Mamoru Oshii, der als Ghost in the Shell 2 annon­ciert ist, und gleich­falls im Wett­be­werb läuft. Ein Zeichen­trick-Autoren­film, dessen Tiefe wie im Fall von 2046 beim ersten Sehen kaum zu erfassen ist – zu gebannt ist man von der Gesamt­vi­sion und dem sinn­li­chen Eindruck, den sie hinter­läßt. Die Psycho­ana­lyse eines Androiden wird zum Ausgangs­punkt einer ästhe­ti­schen Grund­satz­re­fle­xion: Vor allem die Literatur des 17. und 18. Jahr­hun­derts – das Werk Descartes', Villiers d’Isle-Adams »L’Eve future«, Miltons »Paradise Lost«, de la Mettries »L’Homme machine« und Kleists »Über das Mario­net­ten­theater« – steht im Zentrum der hoch­ge­bil­deten, stel­len­weise schwer­blü­tigen, dann wieder doch poetisch leichten Medi­ta­tion. Und wie in 2046 sind die Last der Erin­ne­rung und die Gefahr des Verges­sens, ist die Zukunft der Gefühle in Zeiten der Apoka­lypse das beherr­schende Thema.

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Diese beiden sind die letzten von sechs asia­ti­schen Filmen im Wett­be­werb. Fast alle waren über­durch­schnitt­lich stark, und jeder einzig­artig in seiner Atmo­sphäre. Leider außer Konkur­renz liefen weitere Meis­ter­werke: Etwa House of Flying Daggers von Zhang Yimou. Wieder spielt Zhang Ziyi die Haupt­rolle, sie ist die neue Große des chine­si­schen Kinos, neben Maggie Cheung und Gong Lee, die beide in Neben­rollen in 2046 zu sehen sind. Nach Hero hat Zhang Yimou seinen zweiten Martial-Arts gedreht, wieder große Oper und reines Kino, aber boden­s­tän­diger, als das abstrakte Farb­spek­takel in Hero, dominiert von den satten Farben des Herbst­waldes. Es ist atem­be­rau­bend, wie sich dieser Regisseur zur Zeit neu erfindet, seinen Stil ändert, nicht einfach einen Zhang-Yimou-Film an den nächsten reiht, sondern lieber manche Fans vor den Kopf stößt. Auch das Festival erfindet sich neu: Während Johnnie To in Berlin immer nur ins Forum durfte, läuft sein neuester Film Breaking News nun hier im Wett­be­werb. Eine über­fäl­lige Aner­ken­nung. Schade, dass dazu der Berlinale der Mut fehlte – die Grenzen zwischen Genre und Kunst werden in all diesen Filmen einge­ebnet. Breaking News ist eine komplexe Studie über Macht und Medien im Stil eines Hongkong-Gangs­ter­films, Kino als Kinese, massive und doch flüchtig leichte Bewegung von Materie durch den Raum. Wenn 2046 an ein Jazz­kon­zert in einem verrauchten Keller mit einer hübschen Damen­toi­lette erinnert, dann ist BREAKING NEWS ein brilliant choreo­gra­phiertes Ballett mit ange­schlos­sener Garküche: denn gekocht wird hier viel und gut. Ein Höhepunkt des Films ist jene Szene, in der die zwei Gangster gemeinsam mit ihren Geiseln ein Mehr-Gänge-Menü zube­reiten und essen, und den ganzen Vorgang live ins Fernsehen über­tragen.

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Wer all das gesehen hat, kann dem asia­ti­schen Kino rettungslos verfallen. Es sind Filme, die durch den Bauch und das Herz direkt in den Kopf gehen, die nicht belehrend sind, aber intel­lek­tuell und ihre Zuschauer nie unter­schätzen oder für dumm verkaufen wollen, die auf Bilder und Bewegung setzen, nicht auf viele Worte. Genuß pur.

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Keine Frage, dass man hier, wenn es mit rechten Dingen und Juryboss Tarantino zugeht, den Sieger suchen muss. Neben 2046 hat nach wie vor Old Boy viele Chancen, beide Filme sind auf unter­schied­liche Weise sehr kontro­vers. Erinnern sollte man noch einmal an den Japaner Nobody Knows von Hirokazu Kore-eda. Ein Film, der nachwirkt. Man erlebt, wie vier Kinder mitten in der modernen Welt verwil­dern, auch hier zurück­ge­worfen werden in den Natur­zu­stand. Vielen Kollegen ging der Film nicht weit genug. Es heißt er sei brav hieß es, und zu lang. Letzteres kann man noch durch­gehen lassen, aber zu brav ist der Film nicht. Und nach einer Woche fühlt er sich plötzlich über­ra­schend stark an, bleibt bestehen, während andere Filme längst im Gedächtnis verdampft sind.
Aber geht es auch mit rechten Dingen zu? Am Ende erfüllt sich noch die Horror­vor­stel­lung einer Preis­ver­gabe an Motor­cycle Diaries, Kusturica und Tony Gatlifs einfach nur schreck­li­chen Zigeuner-Fidel-Romantik-Schrott Exiles. Käme es so, müssten wir folgern: Kill Quentin! Aber wir vertrauen, darauf, dass auch eine Jury einmal Wong Kar-wais resi­gnierte Einsicht umdrehen kann: »Love is really a question of timing.«