The Substance

Frankreich/USA/GB 2024 · 140 min.
Regie: Coralie Fargeat
Drehbuch:
Kamera: Benjamin Kracun
Darsteller: Demi Moore, Margaret Qualley, Dennis Quaid, Gore Abrams, Hugo Diego Garcia u.a.
Die Häutung
(Foto: Filmfest München / Mubi)
41. Filmfest München 2024

Körper-Zerstörer

Coralie Fargeat nimmt sich in The Substance erneut des B-Films an und remixt ihn mit modernen Gesten und Problemstellungen

Bereits ihr 2017 erschie­nener Debütfilm Revenge beschäf­tigte sich mit sehr körper­li­chen Themen, war eine Neu- und Umdeutung des Rape-and-Revenge-Subgenres. Es erscheint nur konse­quent, dass sich Fargeat nun dem Body-Horror widmet, jenem Genre, das den Körper als Thema schon im Namen hat.
Die Hochphase dieser Spielart des Films war wohl in den Acht­zi­ger­jahren erreicht, David Cronen­berg als Pionier ist hier zu nennen. Dennoch war der Body-Horror nie ganz aus dem Kino verschwunden, tauchte immer wieder auf, und ist nicht zuletzt dank dem Cannes-Gewinner 2021 Titane derzeit wieder besonders en vogue.

Der Vergleich mit Julia Ducournaus Titane drängt sich ohnehin förmlich auf – beide Filme spielen mit einer femi­nis­ti­schen Sicht bzw. Dekon­struk­tion, beide liefen und gewannen in Cannes, Titane die Goldene Palme, The Substance den Preis für das beste Drehbuch – und dient als guter Ausgangs­punkt für diesen doch recht seltsamen Film.
Während Titane nämlich seine Vorbilder eher benutzte, um darauf aufzu­bauen, sich von ihnen abzu­kap­seln und eine neue Arte des (Genre-)Kinos anzu­streben, trägt The Substance seine Idole offen auf der Brust: Mal wird der bekannte Shining-Teppich zitiert, mal die Farb­ge­bungen und Perspek­tiven des Giallo-Films, an anderer Stelle wird De Palmas Carrie refe­ren­ziert.
Fargeat begreift ihren Film – so der Eindruck – als nichts funda­mental Neues, eher als ein Wieder­auf­nehmen eines nischigen Genres, als Zele­bra­tion des Horror­films. Anders als Ducournau geht es ihr nicht um eine subtile Neuü­ber­tra­gung in zeit­genös­si­sche Gefilde, in ein Spiel mit Gegenwart und Vergan­gen­heit.
The Substance ist ein offen­sicht­li­cher Film, der seine Metaphern förmlich in die Kamera schreit, der keine Zweifel darüber aufkommen lässt, was der Kern seiner Geschichte ist: Die alternde Schau­spie­lerin Elisabeth Sparkle verliert ihre Anstel­lung als Star einer Fitness­show, mit 50 ist man zu alt für den Job, das will niemand mehr sehen. Als ihre Nach­fol­gerin gesucht wird, greift Elisabeth (gespielt von Demi Moore) zur titel­ge­benden »Substanz«: Sie spaltet sich buchs­täb­lich in zwei Hälften, aus ihr erwächst die jüngere Sue (Margaret Qualley), die zum neuen Star der Show wird. Diesem Dualismus zu Trotz bilden beide Versionen eine Frau, »Entität«, wie es in der Gebrauchs­an­wei­sung der Substanz heißt, sie teilen sich die Lebens­zeit. So muss alle sieben Tage gewech­selt werden, ohne Ausnahmen.

Diese Regeln werden – natürlich – gebrochen, es entsteht ein wiederum buchs­täb­lich schi­zo­phrener Wett­streit der beiden rund um die Themen Schönheit, Ruhm, Eleganz und die allge­meine Nutzung der Lebens­zeit.
Formal wird dies auf eine inter­es­sante Art unmodern darge­stellt: Zwar sind die Themen aktuell, das Design des Films wirkt aber nicht daran inter­es­siert, zeit­genös­sisch zu erscheinen: Aerobic-Sport-Shows sind sicher­lich nicht mehr angesagt, die Kostüme (gerade jene von Sue) wirken eher wie eine über­zeich­nete Rückkehr in die 2010er-Jahre. Sie sind schmerz­haft sexua­li­siert, spielen mit billigen Stoffen und Symbo­liken: Alles muss glitzern oder scheinen; Latex, Falsch­gold und Plastik in Neon-Farben sind die vorherr­schenden Mate­ria­lien. Das ergibt einen inter­es­santen Gegensatz, der Film ist zu gleichen Teilen erotisch wie billig, hat immense Freude daran, Körper zu insze­nieren, ihnen zu huldigen, macht dabei aber immer wieder deutlich, wie dünn die Grenze zwischen Erotik und stumpfer Sexua­li­sie­rung ist. Gerade Qualley brilliert in diesem Kontext, spielt das (scheinbar) naive Starlet grandios.

Überhaupt ist »billig« ein passender Begriff für den gesamten Film, dies aber nicht unbedingt im schlechten Sinne. The Substance fühlt sich größer an als er ist, zeichnet ein umfas­sendes Bild von Hollywood/ dem Show­busi­ness, spielt aber zum aller­größten Teil in den immer gleichen geschlos­senen Räumen: Elisa­beths Apartment und das Fern­seh­studio.
Beide Orte sind offen­sicht­lich durch­de­signt, wirken dennoch seltsam leer.
Die Bild­ge­stal­tung passt sich daran an, die Werbe-Clip-Ästhetik schwankt immer wieder zwischen gelun­genen Ästhe­ti­sie­rungen und blassen, künst­li­chen Bildern; etwa den trashigen Über­blen­dungen oder den Video-Art-Einblen­dungen.
Auch das passt zum B-Film, das Igno­rieren eines hohen Detail­grads, das Verwei­gern einer reali­täts­nahen Nach­bil­dung von Lebens­welten. Es ist ein Auskommen mit den zur Verfügung stehenden Mitteln, immer wieder aufge­bro­chen durch Stand-Out-Szenen. In diesem Fall sind es die Horror- und Gewalt­szenen, die hand­werk­lich perfekt gestaltet sind. In diesem Momenten findet der Film wirklich zu sich, die Defor­ma­tionen sind ernsthaft ekel­er­re­gend und brutal, weit entfernt von einem sterilen Design-Zitat vergan­gener Genre-Tage. Statt­dessen scheint sich Fargeat neben eben jenen posi­tio­nieren zu wollen, gerade der oben erwähnte (junge) De Palma erscheint wie ein geistiges Vorbild. Mit ihm teilt sie sich den betu­li­chen Aufbau eines Plots, der dann immer wieder ins Absurde abrutscht, bis er völlig entgleist.

Anders als jener verwei­gert Fargeat dem Publikum jedoch, ihren Film als 90- oder 100-minütiges Spektakel wahr­zu­nehmen. The Substance hat eine ausla­dende Laufzeit von 140 Minuten, verbindet seine grund­sätz­lich simplen und schnellen Themen mit dem Hang zur großen Geste.
Gerade im zeit­li­chen Kontext wirkt das inter­es­sant: Die Etablie­rung Qualleys als next big thing, der Einsatz von Demi Moore und natürlich die große Cannes-Premiere – alles im Rahmen eines billigen, dreckigen Horror­films.
Ob darin nun der große Kommentar zu unserer Zeit steckt, sei einmal dahin­ge­stellt. Faszi­nie­rend ist es allemal.