| USA/J 2025 · 110 min. · FSK: ab 0 Regie: Hikari Drehbuch: Hikari, Stephen Blahut Kamera: Takuro Ishizaka Darsteller: Brendan Fraser, Takehiro Hira, Mari Yamamoto, Shannon Gorman, Akira Emoto u.a. |
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| Von der gespielten Rolle zum gelebten Menschen... | ||
| (Foto: Disney) | ||
Rental Family ist einer dieser Filme, der zunächst weniger über sein Narrativ als seine Andeutungen funktioniert. Einer, der sich tastend vorarbeitet, über Umwege, Assoziationen, kleine Verschiebungen. Vielleicht auch, weil man als westlicher Zuschauer inzwischen reflexhaft misstrauisch geworden ist, sobald Japan zum Schauplatz einer Konfrontation westlicher und östlicher Konzepte wird. Zu viele Filme der letzten Jahre haben das Land zur Projektionsfläche gemacht: folkloristisch überhöht, ästhetisch ausgehöhlt, emotional leer. Unweigerlich denkt man an Perfect Days von Wim Wenders oder an Madame Sidonie in Japan von Élise Girard – Filme, die Japan eher instrumentalisiert als befragt haben.
Doch Rental Family schlägt einen anderen Ton an. Das mag allein schon daran liegen, dass er weniger einer filmtouristischen Eskapade wie bei Wenders oder Girard geschuldet ist, sondern mit der in Amerika lebenden Japanerin Mitsuyo Miyazaki (Künstlername Hikari) eine Regisseurin im Boot sitzt, die wie etwa Lee Isaac Chung (Minari – Wo wir Wurzeln schlagen) oder Sean Wang (Dìdi) mit transkulturellen Themenkomplexen wie Migration, Heimat und Wahlheimat durch ihre eigene Herkunft vertraut sind. Hikari folgt Phillip Vandarpleog, einem gescheiterten US-Schauspieler in Tokio, der seinen Lebensunterhalt als Teil einer sogenannten Leihfamilie verdient. Er ist buchbar als Ehemann, Vater, Sohn, Bruder – als jede erdenkliche soziale Rolle, die im realen Leben fehlt oder zu fehlen scheint. Was zunächst wie eine clevere Prämisse klingt, entwickelt sich bald zu einer stillen, beinahe zärtlichen Untersuchung darüber, was Nähe eigentlich bedeutet, wenn sie käuflich ist – und was von ihr übrig bleibt, wenn sie es nicht mehr ist.
Dass der Film funktioniert, liegt auch an Brendan Fraser, der wie fast immer, ob nun dick wie in The Whale oder souverän wie in Killers of the Flower Moon im Kern der Fraser ist, der er in allen Filmen ist und mit einer Mischung aus notorischer Lässigkeit, Melancholie, Empathie und leiser Selbstironie den Film mühelos trägt. Seine Präsenz und auch die Rolle erinnert unweigerlich an den österreichischen Film Pfau – Bin ich echt? von Bernhard Wenger, in dem Albrecht Schuch einen Mann spielt, der ebenfalls beruflich Identitäten imitiert. Doch während Wenger die Versuchsanordnung kaum verlässt und eher theoretisch bleibt, gelingt es der Regisseurin Hikari, ihren Film stärker zu erden. Rental Family interessiert sich weniger für das Konzept als für dessen Folgen: für das Alltägliche, für die stillen Gefahren der permanenten Rollenübernahme, für das langsame Verschwimmen von Spiel und Ernst.
Phillips Klienten – ein schüchterner Mittdreißiger, der einen besten Freund zum Videospielen braucht, eine alleinerziehende Mutter, die glaubt, ohne Vaterfigur keinen Platz für ihre Tochter an einer Privatschule zu bekommen, oder der alte Schauspieler Kikuo Hasegawa, der ein Interview als Vermächtnis für seine Tochter inszeniert – sind keine Karikaturen. Sie bleiben Skizzen, keine Frage, aber respektvolle, gut gezeichnete Skizze. Der Film fragt beharrlich: Was ist Wahrheit? Und ist die Lüge manchmal die bessere Wahrheit – gerade in Beziehungen? Diese Frage wird für Phillip existenziell, als durch eines der hier erwähnten Szenarios Philips eigenes, wirkliches Leben plötzlich ins Zentrum rückt und sich die Frage nach Wahrheit und Lüge immer dringlicher stellt.
Klar ist dabei nur eines: Alle Beziehungen sind endlich. Rental Family verhandelt diese Endlichkeit mit leiser Komik und einer fast therapeutischen Geduld. Problematisch wird der Film nur dort, wo er sich selbst nicht mehr traut. Die Vater-Tochter-Ebene ist etwas zu deutlich ausgestellt, die Musik zu insistierend, zu erklärend und aufgesetzt. Gerade im Finale wird die Katharsis fast überdeutlich ausgestellt und kippt stellenweise ins Kitschige – ein Kirschblüten-Geständnis, das weniger schmerzt als vorgesehen. Wo Pfau – Bin ich echt? mit einem schroffen, ehrlichen Geständnis endet, wählt Rental Family den weicheren Weg.
Das ist zu viel Schmalz, keine Frage. Aber es ist ein Schmalz, der berührt. Weil der Film zuvor genügend Vertrauen aufgebaut hat. Weil er seine Figuren ernst nimmt. Und weil er – trotz aller Schwächen – nicht so tut, als ließe sich Einsamkeit einfach auflösen. Rental Family bleibt ein Film der leisen Übergänge: von der Performance zur Begegnung, von der Rolle zum Menschen. Und das ist, bei aller Kritik, mehr, als viele andere Japan-Filme der letzten Jahre von sich behaupten können.