Rental Family

USA/J 2025 · 110 min. · FSK: ab 0
Regie: Hikari
Drehbuch: ,
Kamera: Takuro Ishizaka
Darsteller: Brendan Fraser, Takehiro Hira, Mari Yamamoto, Shannon Gorman, Akira Emoto u.a.
Rental Family
Von der gespielten Rolle zum gelebten Menschen...
(Foto: Disney)

Die bessere Wahrheit

Zwischen Performance und Bedürfnis erkundet Hikari, wie Rollen zu Beziehungen werden können – und wo sie unweigerlich scheitern. Ein leiser, berührender Film über Wahrheit, Lüge und die Sehnsucht nach Verbindlichkeit

Rental Family ist einer dieser Filme, der zunächst weniger über sein Narrativ als seine Andeu­tungen funk­tio­niert. Einer, der sich tastend vorar­beitet, über Umwege, Asso­zia­tionen, kleine Verschie­bungen. Viel­leicht auch, weil man als west­li­cher Zuschauer inzwi­schen reflex­haft miss­trau­isch geworden ist, sobald Japan zum Schau­platz einer Konfron­ta­tion west­li­cher und östlicher Konzepte wird. Zu viele Filme der letzten Jahre haben das Land zur Projek­ti­ons­fläche gemacht: folk­lo­ris­tisch überhöht, ästhe­tisch ausgehöhlt, emotional leer. Unwei­ger­lich denkt man an Perfect Days von Wim Wenders oder an Madame Sidonie in Japan von Élise Girard – Filme, die Japan eher instru­men­ta­li­siert als befragt haben.

Doch Rental Family schlägt einen anderen Ton an. Das mag allein schon daran liegen, dass er weniger einer film­tou­ris­ti­schen Eskapade wie bei Wenders oder Girard geschuldet ist, sondern mit der in Amerika lebenden Japanerin Mitsuyo Miyazaki (Künst­ler­name Hikari) eine Regis­seurin im Boot sitzt, die wie etwa Lee Isaac Chung (Minari – Wo wir Wurzeln schlagen) oder Sean Wang (Dìdi) mit trans­kul­tu­rellen Themen­kom­plexen wie Migration, Heimat und Wahl­heimat durch ihre eigene Herkunft vertraut sind. Hikari folgt Phillip Vandar­pleog, einem geschei­terten US-Schau­spieler in Tokio, der seinen Lebens­un­ter­halt als Teil einer soge­nannten Leih­fa­milie verdient. Er ist buchbar als Ehemann, Vater, Sohn, Bruder – als jede erdenk­liche soziale Rolle, die im realen Leben fehlt oder zu fehlen scheint. Was zunächst wie eine clevere Prämisse klingt, entwi­ckelt sich bald zu einer stillen, beinahe zärt­li­chen Unter­su­chung darüber, was Nähe eigent­lich bedeutet, wenn sie käuflich ist – und was von ihr übrig bleibt, wenn sie es nicht mehr ist.

Dass der Film funk­tio­niert, liegt auch an Brendan Fraser, der wie fast immer, ob nun dick wie in The Whale oder souverän wie in Killers of the Flower Moon im Kern der Fraser ist, der er in allen Filmen ist und mit einer Mischung aus noto­ri­scher Lässig­keit, Melan­cholie, Empathie und leiser Selbst­ironie den Film mühelos trägt. Seine Präsenz und auch die Rolle erinnert unwei­ger­lich an den öster­rei­chi­schen Film Pfau – Bin ich echt? von Bernhard Wenger, in dem Albrecht Schuch einen Mann spielt, der ebenfalls beruflich Iden­ti­täten imitiert. Doch während Wenger die Versuchs­an­ord­nung kaum verlässt und eher theo­re­tisch bleibt, gelingt es der Regis­seurin Hikari, ihren Film stärker zu erden. Rental Family inter­es­siert sich weniger für das Konzept als für dessen Folgen: für das Alltäg­liche, für die stillen Gefahren der perma­nenten Rollenü­ber­nahme, für das langsame Verschwimmen von Spiel und Ernst.

Phillips Klienten – ein schüch­terner Mitt­dreißiger, der einen besten Freund zum Video­spielen braucht, eine allein­er­zie­hende Mutter, die glaubt, ohne Vater­figur keinen Platz für ihre Tochter an einer Privat­schule zu bekommen, oder der alte Schau­spieler Kikuo Hasegawa, der ein Interview als Vermächtnis für seine Tochter insze­niert – sind keine Kari­ka­turen. Sie bleiben Skizzen, keine Frage, aber respekt­volle, gut gezeich­nete Skizze. Der Film fragt beharr­lich: Was ist Wahrheit? Und ist die Lüge manchmal die bessere Wahrheit – gerade in Bezie­hungen? Diese Frage wird für Phillip exis­ten­ziell, als durch eines der hier erwähnten Szenarios Philips eigenes, wirk­li­ches Leben plötzlich ins Zentrum rückt und sich die Frage nach Wahrheit und Lüge immer dring­li­cher stellt.

Klar ist dabei nur eines: Alle Bezie­hungen sind endlich. Rental Family verhan­delt diese Endlich­keit mit leiser Komik und einer fast thera­peu­ti­schen Geduld. Proble­ma­tisch wird der Film nur dort, wo er sich selbst nicht mehr traut. Die Vater-Tochter-Ebene ist etwas zu deutlich ausge­stellt, die Musik zu insis­tie­rend, zu erklärend und aufge­setzt. Gerade im Finale wird die Katharsis fast über­deut­lich ausge­stellt und kippt stel­len­weise ins Kitschige – ein Kirsch­blüten-Geständnis, das weniger schmerzt als vorge­sehen. Wo Pfau – Bin ich echt? mit einem schroffen, ehrlichen Geständnis endet, wählt Rental Family den weicheren Weg.

Das ist zu viel Schmalz, keine Frage. Aber es ist ein Schmalz, der berührt. Weil der Film zuvor genügend Vertrauen aufgebaut hat. Weil er seine Figuren ernst nimmt. Und weil er – trotz aller Schwächen – nicht so tut, als ließe sich Einsam­keit einfach auflösen. Rental Family bleibt ein Film der leisen Übergänge: von der Perfor­mance zur Begegnung, von der Rolle zum Menschen. Und das ist, bei aller Kritik, mehr, als viele andere Japan-Filme der letzten Jahre von sich behaupten können.