| USA/GB 2026 · 173 min. Regie: Christopher Nolan Drehbuch: Christopher Nolan Kamera: Hoyte van Hoytema Darsteller: Matt Damon, Tom Holland, Anne Hathaway, Zendaya, Lupita Nyong'o u.a. |
![]() |
|
| Irrungen, Wirrungen... | ||
| (Foto: Universal) | ||
»Ich habe in meinem Leben viel getan. Ich habe mich abgeplagt. Andere auch. Die sind alle tot.«
– James Joyce, nach der Übersetzung von Hans Wollschläger„Der längste Umweg ist der kürzeste nach Hause.“
– James Joyce, Ulysses, nach der Übersetzung von Hans Wollschläger
James Joyce wusste schon vor mehr als hundert Jahren, dass man mit einem der Urgesteine europäischer Literatur neue Wege beschreiten muss, will man sich kreativ mit ihm auseinandersetzen. Seine „Adaption“ von Homers Odyssee ist gerade deshalb Weltliteratur geworden, weil Joyce den antiken Stoff radikal in seine Gegenwart transponierte. Homer ist überall und zugleich nirgends. Seine Motive bilden ein unsichtbares Gerüst, werden gespiegelt, gebrochen, ironisiert und ins Alltägliche überführt. Aus dem listenreichen Krieger Odysseus wird der jüdisch-irische Anzeigenakquisiteur Leopold Bloom, aus der Irrfahrt über das Mittelmeer ein Tag in Dublin, aus dem Gemetzel unter den Freiern eine nächtliche Tasse Kakao in einer stillen Küche.
Es ist neu und doch alt, gelehrt und komisch, hochartifiziell und auf eine fast schmerzhafte Weise menschlich. Warum Christopher Nolan sich Homer angenommen hat, dürfte dagegen eines jener Rätsel bleiben, für deren Lösung selbst Odysseus seine gesamte Listenhaftigkeit aufbieten müsste, auch wenn die offensichtlichste Spur Nolans Manie sein dürfte, sich schon immer dem Thema der ewigen Heimkehr gewidmet zu haben, sei es in Memento, Inception, Interstellar oder Tenet. Doch was Joyce mit der Vorlage gemacht hat, macht Nolan gerade nicht: Er entdeckt in ihr weder eine neue Zeit noch neue Menschen, weder eine überraschende Form noch eine eigene Perspektive.
Seine Odyssee fügt den zahllosen Versuchen, Homers Epos literarisch oder filmisch nachzuerzählen, wenig hinzu; außer mehr Laufzeit, mehr Pathos, mehr Stars, mehr Änderungen am Ursprungstext und mehr Dezibel. Für ein westlich sozialisiertes Publikum ist das besonders ernüchternd, weil die Abenteuer des Odysseus ja zur kulturellen Grundausstattung gehören. Ein jeder hat die Irrungen und Wirrungen dieses ersten Blockbusterhelden der Literatur mit der Muttermilch aufgesogen: aus Kinderbüchern, als Schullektüre, über Hörbücher, Filme und dann und wann auch in den legendären Übersetzungen von Wolfgang Schadewaldt und Johann Heinrich Voß. Nolans brave Bebilderung erzeugt deshalb bald nur noch pflichtbewusstes Abnickgähnen: Ah, der Zyklop. Dann müssten jetzt die Sirenen kommen. Und tatsächlich: Da sind sie auch schon.
Das Erstaunliche ist nicht, dass Nolan die berühmten Stationen erzählt, sondern wie wenig er ihnen zutraut. Keine Episode darf für sich stehen, keine Figur eine Ambivalenz entwickeln, keine Situation sich allmählich entfalten. Alles wird angekündigt, erklärt, unterstrichen und anschließend musikalisch versiegelt. Nolans Dramaturgie funktioniert wie biederstes Stichwortkino. Sagt Telemachos mit bebender Stimme, er fühle, dass sein Vater noch lebe, folgt der Schnitt auf Odysseus, der einsam an einem Strand sitzt. Fällt das Wort Troja, befinden wir uns Sekunden später vor Troja. Sagt Odysseus neben der betörenden Kalypso nach sieben Jahren lustvoller Umnachtung: „Ich habe doch eine Frau, oder?“, da sehen wir bereits auch schon Penelope auftauchen.
So bewegt sich der Film von Erinnerung zu Erinnerung, von Demonstration zu Demonstration, von Pathos-Peak zu Pathos-Peak. Die Montage schafft keine produktiven Verbindungen, sondern illustriert Sätze. Sie behandelt das Publikum, als besäße es weder ein Gedächtnis noch die Fähigkeit, einen Gedanken über zwei Einstellungen hinweg festzuhalten.
Matt Damon spielt Odysseus dabei mit jener schweren, leicht erschöpften Körperlichkeit, die ihn für die Rolle des gealterten Kriegers durchaus qualifiziert und die er etwas humorvoller auch schon auf seiner Odyssee als Marsianer gegeben hat. Tom Holland gibt seinem Telemachos eine glaubhafte Mischung aus jugendlich-naiver Unsicherheit und aufgestautem Trotz. Anne Hathaway stattet Penelope mit Würde und kontrollierter Trauer aus, Zendaya erscheint als Athene von geisterhafter Inluencer-Kühle. Robert Pattinson spielt den Freier Antinoos mit schneidend-wilder Arroganz, Charlize Theron die schon erwähnte Kalypso mit gebieterischer Zärtlichkeit.
So viele große Namen und tatsächlich: Sie alle machen ihre Sache gut. Doch immer wieder wirken sie wie Darsteller, die in viel zu große mythologische Gewänder gesteckt wurden. Die Stoffmengen sind kostbar, die Schnitte und Close-Ups monumental, aber die Menschen versacken darin. Selbst ein Ensemble mit Damon, Holland, Hathaway, Zendaya, Nyong’o, Pattinson, Theron, Jon Bernthal oder Benny Safdie kann keine Figuren erzeugen, wenn das Drehbuch ihnen kaum mehr zugesteht als Funktion, Haltung und ein oder zwei bedeutungsschwere Sätze. Die Stars werden nicht zu Charakteren, sondern zu Orientierungspunkten in einer überfüllten antiken Schaubude.
Das passt zu einem Regisseur, der zunehmend als philosophierender Technokrat denn als Erzähler erscheint. Nolan liebt Systeme, Rätsel, physikalische Versuchsanordnungen und die Vorstellung, dass Komplexität bereits durch Verschachtelung entsteht. In seinen frühen Filmen konnte diese Neigung noch eine eigentümliche, pseudo-wissenschaftliche Spannung erzeugen. In Memento führte die rückwärtslaufende Struktur unmittelbar in das beschädigte Bewusstsein seiner Hauptfigur. Dort war die Form tatsächlich Erkenntnismittel. Später wurde aus der formalen Strenge zunehmend eine gigantische Maschine, die unablässig ihre eigene Bedeutung behaupten muss, übrigens auch in Nolans letztem Film Oppenheimer.
In Die Odyssee ist davon vor allem das Maschinenhafte übrig geblieben. Der Stoff selbst ist linear, bekannt und episodisch. Nolan reagiert darauf nicht durch eine neue Perspektive, sondern durch Verdichtung. Drei Stunden lang wird das Epos derart vollgestopft, dass für keine seiner Episoden genügend Zeit bleibt, ein eigenes emotionales Gewicht zu tarieren. Kaum hat man einen Ort betreten, muss man ihn schon wieder verlassen. Kaum ist eine Figur erschienen, wird sie von der nächsten Attraktion verdrängt. Der Film berichtet von Verlusten, Verführungen und Traumata, aber er macht sie nicht erfahrbar, emotional nicht spürbar.
Die Kämpfe mit Riesen, Monstern und Zauberinnen wirken dabei wie der etwas verzweifelte Versuch, die Antike in einen Marvel-Film zu überführen. Selbst eine platte Zombie-Sequenz wird noch in den Parcours eingefügt, als müsse jedes verfügbare Genre kurz bedient werden. Doch gerade im Spektakel zeigt sich dann auch, wie wenig Nolan ein genuiner Actionregisseur ist. Seine Bilder sind groß, seine Bewegungen schwer, seine Arrangements kostspielig, aber nur selten dynamisch. Dem von Bill Irwin verkörperten Polyphem haftet eine tricktechnische Grobheit an, die weniger an archaische Bildkraft als an überholte Stummfilmillusionen erinnert. Man sieht nicht den mythischen Körper, sondern die karge Konstruktion eines Effekts.
Noch deutlicher wird dies bei der Rückkehr nach Ithaka. Das abschließende Gemetzel könnte der physische und moralische Kulminationspunkt des Films sein. Stattdessen entsteht eine bleierne Abfolge von Tötungen, bei der man sich unwillkürlich wünscht, Ridley Scott hätte die Inszenierung übernommen oder noch besser: Quentin Tarantino, dessen Kill Bill: The Whole Bloody Affair gezeigt hat, wie präzise Rhythmus, Raum, Körper und Gewalt choreografiert werden können. Bei Nolan prallen Figuren aufeinander, fallen Körper zu Boden, dröhnt die Musik. Das Ereignis wird groß behauptet, ohne je wirklich Gestalt anzunehmen.
Noch schmerzhafter ist der Vergleich mit Uberto Pasolinis Rückkehr nach Ithaka mit Ralph Fiennes als Odysseus und Juliette Binoche als Penelope, der erst letztes Jahr in den deutschen Kinos lief und der im Grunde nur jene letzte Stunde erzählt, für die Nolan ein gewaltiges mythologisches Vorprogramm benötigt. Pasolini konzentrierte sich auf den gealterten, beschädigten Heimkehrer, auf einen Körper, der den Krieg überlebt hat, aber nicht mehr in die Ordnung passt, in die er zurückkehren soll. Dort werden Heimkehr, Gewalt und Wiedererkennung zu existenziellen Fragen. Nolans Film ist dagegen in nahezu jedem Segment gröber, lauter und vor allem gedanklich ärmer.
Natürlich wird jede Szene – wie schon in Oppenheimer – von Ludwig Göranssons pompösen Score grundiert, das vorhersagt oder einsargt, was die ohnehin überflüssigen Dialoge bereits fett ausbuchstabiert haben. Göransson verzichtet zwar bewusst auf das klassische Sandalenfilm-Orchester und arbeitet mit Bronzegongs, Synthesizern, Lyra und Aulos. Das klingt theoretisch nach einer interessanten archäologischen Versuchsanordnung, doch praktisch wird auch diese instrumentale Gradwanderung dem alten Nolan-Prinzip unterworfen: Klang soll nicht begleiten, sondern überwältigen. Ein Freund war von der Lautstärke derart überwältigt, dass er während der Vorstellung auf seinem Telefon einen Dezibelmesser installierte. Die Anzeige erreichte 95 Dezibel, also zumindest kurzfristig einen Bereich, der sonst schweren Maschinenparks eigen ist. Das passt zu Nolans fast schon zwanghafter Vorstellung von Kino als physischem Angriff. Die Leinwand soll nicht überzeugen, sondern bezwingen und überwältigen; der Ton soll den Körper besetzen und durchdringen.
Doch Überwältigung ist noch keine Wirkung. Je nachdrücklicher der Film seine Bedeutung verkündet, desto weniger ist sie zu spüren. Das Narrativ überwältigt nicht, weil es sich trotz seiner Länge nicht die nötige Zeit nimmt. Die Musik überwältigt nicht, weil sie keine Kontraste, weil sie das Leise nicht kennt. Und die Bilder – als erster Blockbuster vollständig mit neu konstruierten 70-mm-IMAX-Filmkameras gedreht – überwältigen nicht, weil sie ständig nur auf eins, nämlich Monumentalität fixiert sind. Weil alles wichtig ist, ist bald nichts mehr wichtig.
Auch Zendayas Athene, die sich Odysseus immer wieder wie eine als Gespenst verkleidete Influencerin nähert, um mit ihm ein weiteres Kapitel seines Hiob-Parcours abzuschließen, wirkt wie ein alter Schuh, den man aus Ehrfurcht vor seiner mythologischen Herkunft noch einmal trägt. Athene ist keine intellektuelle Gegenkraft und keine göttliche Strategin, die eine andere Perspektive in den Film einführen könnte. Sie fungiert vor allem als metaphysische Personalberaterin eines Mannes, dessen Leiden in immer neuen Tableaus beglaubigt werden muss.
Darin liegt dann auch das eigentliche Problem: Nolan reduziert die Odyssee auf die Selbstprüfung eines außergewöhnlichen Mannes. Sein Odysseus leidet, kämpft, widersteht, fällt, steht wieder auf und wird – ganz die gute alte Heldenreise – schließlich durch Gewalt erneut zum Herrn seines Hauses. Das Männlichkeitsbild, das hier reproduziert wird, gehört weniger in eine moderne Homer-Lektüre als in jene Erlösungsfantasien, in denen ein beschädigter Mann durch Prüfung, Opfer und gerechte Härte zu sich selbst zurückfindet.
Dabei wäre Homers Odyssee für die Gegenwart außerordentlich anschlussfähig. Schon die „Atmosphäre“ dort unterscheidet sich von der großen Kriegssaga der Ilias, in der Ehre, Ruhm und gekränkter Stolz dominieren. Die Geschichte des Heimkehrers ist beweglicher, witziger und fragiler. Der aristokratische Kriegerheld stößt darin an die Grenzen seiner alten Rolle. Mobilität ist eines der zentralen Themen: Waren und Menschen fahren über das Mittelmeer, Fremde begegnen einander, Gastfreundschaft wird zur Überlebensfrage. Wer ist vertrauenswürdig? Wer hält Verträge ein? Wie verständigt man sich mit Menschen, deren Regeln man nicht kennt? Und Odysseus überlebt nicht nur, weil er stark ist, sondern weil er sich anpassen, täuschen, erzählen und verschiedene Identitäten annehmen kann. Auch Penelope wartet keineswegs nur passiv. Sie ist ebenso erfindungsreich und denkt etwas anderes, als ihre schmeichelnden Botschaften an die Freier vermuten lassen.
Adorno und Horkheimer sahen in Odysseus bekanntlich eine frühe Symbolfigur instrumenteller Vernunft: einen Menschen, der Natur, Mythos und schließlich auch sich selbst beherrschen muss, um zu überleben. Darin liegt dann auch bereits die ganze Ambivalenz europäischer Zivilisation: ihre befreiende Rationalität ebenso wie ihre Gewalt. Nolan hätte hier einen ganz anderen Film über Handel, Migration, Identität, Manipulation oder die Dialektik des Fortschritts finden können. Er hätte danach fragen können, was Heimkehr in einer Welt bedeutet, in der weder der Heimkehrer noch die Heimat dieselben geblieben sind.
Stattdessen begnügt er sich mit dem Heroenkult einer vergangenen Epoche. Joyce verwandelte Odysseus in Leopold Bloom, einen verletzlichen, alltäglichen Mann, der nicht durch das Töten der Freier, sondern durch Aufmerksamkeit, Nachdenklichkeit und eine Tasse Kakao zum modernen Helden wird. Nolan verwandelt Odysseus wieder zurück: in ein Monument, das vor allem deshalb bedeutsam sein soll, weil es drei Stunden lang von seiner eigenen Bedeutsamkeit beschallt wird.
Nach dieser dreistündigen Irrfahrt ist man deshalb eigentlich nur für eines dankbar: wieder im heimischen Hafen angekommen zu sein. Denn wer möchte diesen Männlichkeitspathos, diesen Sündenerlösungsballast und diese Vorstellung von Größe in sein eigenes Leben mitnehmen? Schon Nolans vorletzter Film Tenet war auf beängstigend ähnliche Weise ein Film, der Komplexität behauptete und Leere produzierte. Die Odyssee tut nun dasselbe mit einem Stoff, der seit Jahrtausenden gerade eines bewiesen hat, nämlich wie wandlungsfähig er ist.
Was bleibt, ist natürlich, was immer bleibt: Ein Mann, der am Ende nach Hause findet. Das Kino geht in diesem Fall jedoch völlig leer aus, es bleibt auf dem Irrweg, einer Odyssee ohne Wiederkehr.
Es wird dunkel im Kinosaal. Langsam ertönt die Musik von Ludwig Göransson. Wo einst die Muse in Homers Werk angerufen wurde, beginnt Christopher Nolan sein Leinwandepos mit einem Barden, besetzt mit dem Rapper Travis Scott, der uns ankündigt, von den Heldentaten des Odysseus zu berichten. Nachdem dieser durch eine List die Stadt Troja zu Fall gebracht hat, verschwindet er auf dem Rückweg in die Heimat Ithaka, verdammt dazu, sich mit den Göttern zu messen. Während sich über die Jahre immer mehr Männer an seinem Hof versammeln, um seine Frau Penelope zu einer Hochzeit zu bewegen, begibt sich sein Sohn Telemach verzweifelt auf die Suche nach seinem Vater.
Vorab sorgte der Film für reichlich Kontroversen und Gesprächsstoff. Neben dem Rapper Travis Scott als Barden wurde die Besetzung der Schwarzen Lupita Nyong’o als Helena eifrig diskutiert. Auch das Gerücht, der Transgender-Schauspieler Elliot Page würde den Halbgott Achilles spielen, wurde heftig diskutiert. Während letzteres sich als eine von vielen im Internet geborenen Fake News herausstellte, gibt Christopher Nolan in seinem Film die Antwort für alle Kritiker, die den Film vorab bereits als woke Propaganda abtaten: Wir befinden uns in einem Heldenepos der Antike. Es geht um Pathos, um den Kampf mit den Göttern und um eine Geschichte, die sich wie eine eskapistische Fantasie auf der Leinwand ausbreitet. In einem antiken Epos dieser Größenordnung existieren keine Besetzungsnormen oder Grenzen. Genau hier, so Nolans Odyssee, vermischen sich antike Vortragskultur und modernes Actionkino.
Das Actionkino schien für lange Jahre fest in der Hand der Sequels und der CGI-dominierten Fließbandproduktionen zu sein. Mit ihnen nimmt es Nolan auf, wenn an echten Sets mit den fantastischen Bilder seines Kameramanns (Hoyte van Hoytema) Monumentalität erzeugt. Das in der untergehenden Sonne Ithaka entsteigt traumhaft dem Bild, die Griechen pferchen sich eng aneinander im Trojanischen Pferd. Das funktioniert auch ohne Effekte eindrucksvoll.
Im illustren Ensemble sticht Matt Damon heraus, dem man seine Rolle vollends abnimmt. Er spielt den von PTSD geplagten Kriegshelden Odysseus in der Ambivalenz zwischen Trauma und Kriegsherr, und entpuppt sich zwischenzeitlich als Protagonist einer Doppelgängergeschichte. Ist Odysseus allein mit seinen Gedanken, nagen die von ihm begangenen Kriegstaten an ihm. Kommt es jedoch zu einer Auseinandersetzung, so bricht der Krieger in ihm aus – um im stillen Moment wieder zu verzweifeln. Bei Kalypso auf der Insel Ogygia wird ihm für Jahre sein Gedächtnis genommen – und damit aber auch der Schmerz. Mit seinen Erinnerungen kehrt schließlich dann auch die innere Verwundung zurück, die er überwinden muss, bevor er seine Heimkehr antreten kann. An der Figur des Odysseus erkennt man die Nolans Dekonstruktion eines antiken Helden am stärksten. Es ist einer, der seine Ruhmeshymnen verschmäht und sich selbst als Kriegsverbrecher sieht. Parallelen zur Gegenwärtigen Debattenkultur lassen sich unschwer feststellen, in der der Begriff des Kriegsverbrechers oftmals leichtfertig mit dem des Helden vertauscht wird, wenn es denn das Narrativ verlangt.
Natürlich kommt Die Odyssee nicht ohne stoffliche Anpassungen aus. Zu groß und zu verschachtelt ist Homers Klassiker erzählt. Man muss unweigerlich an die Ausführungen des deutschen Literaturwissenschaftlers Erich Auerbach zum Homerischen Erzählstil denken, wenn früh im Film der Ursprung von Odysseus’ Narbe gezeigt wird, die später im Finale eine zentrale Rolle einnehmen wird. Die Zwischenerzählung, die bei Auerbach das retardierende Moment herausnimmt, wird bei Nolan an den Anfang des Films gestellt. So bleibt der Spannungsmoment erhalten, während der Kontext dem Zuschauer zugänglich bleibt. Im Sinne des Kinos sind solche Anpassungen nicht nur verständlich, sondern klug umgesetzt. Dies gilt auch für die Entscheidung, die Figuren ein in Diktion und Wortwahl modernes Englisch sprechen zu lassen. So wurde »Die Odyssey« sprachlich von der zeitgenössischen Vortragskultur geprägt, was die Modernisierung im Umkehrschluss näher an das Original bringt.
Nolans eigener Stil-Vorliebe kommt es zugute, dass die Vorlage selbst mit den Zeitebenen spielt. Mal ist es die Erzählung von Menelaos (Jon Bernthal) über die Eroberung Trojas, um die es geht, dann folgen wir den zurückkehrenden Bruchstücken von Odysseus’ Erinnerung auf Ogygia, mit denen wir weitere Episoden der Irrfahrt erleben. Ohnehin ist die Zeit der größte Antagonist der Narration. Odysseus kämpft verzweifelt gegen sie an und verliert sie zwischenzeitlich gänzlich im Rausch der Lotusblüten, die Kalypso ihm verabreicht. Penelope (Anne Hathaway) versucht indes, sie zu kontrollieren, in dem sie die Nähte ihres Webteppichs immer wieder auftrennt, um nicht einen der Freier heiraten zu müssen.
So segelt der Film in die Kinos hinein, begleitet von künstlich erzeugten Internet-Kontroversen und einem hochgerechneten Einspielergebnis, das Richtung Milliarden gehen könnte. Die Hoffnung besteht, dass sich im Meer der Blockbuster-Werke wie dieses weiter durchsetzen können. Und um das Homerische Werk selbst nochmal zu Wort kommen zu lassen: »Elender, hab ich doch nimmer mit Wort oder Tat dich beleidigt!« Man soll das Werk zunächst betrachten, bevor man es in den Hades hinabschickt.
Es ist endlich so weit: Der wohl meisterwartete Film des Jahres ist da. Star-Regisseur Christopher Nolan bringt diesmal mit 250 Millionen Dollar Budget und einer reinen Star-Besetzung erstmals ausschließlich auf IMAX-Kameras gedrehtes Material auf die Leinwand. Die dabei herausgekommenen knappen drei Stunden Film mit Matt Damon in der Hauptrolle sind, wie von der treuen Fangemeinde erhofft und von den Trailern angekündigt, absolut episch – und das nicht nur wegen des antiken Stoffes, der mit der Odyssee verfilmt wurde.
Bereits lange vor dem Kinostart waren die Gemüter im Internet erhitzt, auf den sozialen Netzwerken entbrannten wilde Diskussionen über die Besetzung, vermeintlich historisch inkorrekte Kostüme und die Drehorte, ohne, dass auch nur eine fertige Minute des Films bereits veröffentlicht oder geleaked gewesen wäre (die Details fasst mein Kollege Chris Schmuck in seiner Kritik zusammen). War das Problem etwa, dass viele die Odyssee, wenn vielleicht auch nicht im Original, so aber doch zumindest ihre Inhalte teils seit ihren Schultagen kennen und dementsprechend ihre eigenen Vorstellungen mitbringen? Eine der Leistungen von Die Odyssee ist es jedoch, dass auch bei anders gestalteten persönlichen Vorstellungen ein in sich stimmiges Epos erzählt wird, dessen gewaltige Geschichte gebührend auf die Leinwand übertragen wird; vorwiegend dunkel, voll von dröhnenden Wassermassen, unterbrochen von düster-hellen Rückblenden auf ein Troja, das in Flammen steht und in dem die metzelnden Krieger all ihre Menschlichkeit verloren haben. Ein ruhiger Hafen voll friedlichem, warmem Licht ist lediglich die Insel der Kalypso, auf der der Held sieben Jahre lang seinen Irrfahrten entkommt.
Die Handlung ist hinlänglich bekannt: Nach dem Ende des Trojanischen Krieges brechen die griechischen Kriegsschiffe zurück in ihre Heimat auf, die sie seit zehn Jahren nicht mehr gesehen haben. Odysseus braucht weitere zehn Jahre für den Heimweg nach Ithaka, da er den Meeresgott Poseidon entzürnt und dieser eine sichere, zeitnahe Heimkehr verhindert. Die zeitlichen Ebenen werden im Film verwoben: Odysseus wird von Kalypso liebkost und umsorgt, sein Sohn Telemach (Tom Holland) begibt sich trotz Widerrede seiner Mutter Penelope (Anne Hathaway) auf die Suche nach irgendeiner Spur seines Vaters, sie wiederum trotzt den Freiern, die sich in ihrem Palast eingenistet haben.
Mit Penelope sieht man gleich zu Anfang, dass die Figuren keinerlei Tiefe beraubt wurden; im Gegenteil, sie scheinen teils einen komplexeren Charakter zu haben, als man es im ersten Moment erwarten würde. Sie sitzt nicht taten- und hilflos herum und wartet auf ihren potentiell nie heimkehrenden Gatten; sie ist nach außen hin eine verantwortungsvolle Königin, die stets ihre Haltung wahrt, ihrem Sohn gegenüber wird sie aber auch laut und emotional, wenn es um ihren Mann oder das Königreich Ithaka und damit ihre Macht geht – in Odysseus‘ Abwesenheit ist schließlich sie die Königin. Persönliche und machtbedingte Interessen stoßen bei ihr aufeinander und tragen so dazu bei, dass nicht aller Fokus rein auf dem irrfahrenden Helden liegt.
Auch diesem wird eine charakterliche Tiefe gegeben, indem der Fokus nicht nur auf den heldenhaft-positiven Aspekten liegt. Matt Damons Odysseus ist zunehmend geplagt von seiner Irrfahrt, vom schrittweisen Verlust seiner Männer, von seinen Erinnerungen an den Trojanischen Krieg. Allerdings kommt diese Dimension leider nur lückenhaft und fast zusammenhangslos zum Vorschein, wodurch diese Seite des Helden fast nebensächlich erscheint, während gleichzeitig der Eindruck entsteht, es wäre einer der wichtigsten Punkte des Films.
Odysseus‘ Prüfung durch die Götter ist hart. Während eines der Plakate des Films die Aufschrift „Trotze den Göttern“ trägt, so ist dieser Grundsatz jedoch nur bedingt gültig. Keine Frage, Odysseus möchte sich ihnen durchaus widersetzen, indem er seine Heimfahrt fortführt, wohlwissend, dass sich Poseidon gegen ihn gerichtet hat. Gleichzeitig vertraut er Athene (Zendaya), der Göttin des Krieges, ihm den Weg weisen und ihn zu beraten. Hier sei nicht zu viel verraten, aber Athene ist mit Abstand die Figur, die dem Film als Ganzes am meisten Dimension gibt – trotz vergleichsweiser, handlungsbedingter geringer Leinwandzeit.
Einmal den Göttern zu trotzen ist jedoch genug, wie Odysseus schmerzhaft erfahren muss. Es ist die menschliche Hybris, sich allem Gegebenen widersetzen zu können, die das Unheil bringt: Den Trojanischen Krieg, dessen gleichermaßen listiges wie brutales Ende und mit ihm das Ende einer ganzen Zivilisation, eine nicht enden wollende, tödliche Irrfahrt. Ludwig Göranssons Musik zieht das Publikum mit in die visuell eindrucksvollen Wasserstrudel und schifffressenden Wellen, in die Unwetter, die Kämpfe mit Riesen und Zyklopen, in die Begegnungen mit der Zauberin Circe, mit den Sirenen.
Vor allem am Anfang wünscht man sich zwar weniger Dialog sowie mehr für sich sprechende Bilder; manchmal hat man den Eindruck, der Film würde nicht alles schaffen, was er sich vorgenommen hatte, gerade in gesellschaftskritischer Hinsicht. Doch das Endprodukt ist das, was man erwartet hatte: Ein großer, kinematographisch gefilmter Blockbuster, der das Wort „episch“ auf allen Ebenen versucht zu erreichen. Die Odyssee ist ein lohnenswertes Helmepos.