Die Odyssee

The Odyssey

USA/GB 2026 · 173 min.
Regie: Christopher Nolan
Drehbuch:
Kamera: Hoyte van Hoytema
Darsteller: Matt Damon, Tom Holland, Anne Hathaway, Zendaya, Lupita Nyong'o u.a.
Die Odyssee
Irrungen, Wirrungen...
(Foto: Universal)

Drei Stunden bis Ithaka

Christopher Nolan verwandelt Homers fluide, vieldeutige „Odyssee“ in ein starres Monument aus Männlichkeitspathos, Stichwortdramaturgie und akustischer Überwältigung

»Ich habe in meinem Leben viel getan. Ich habe mich abgeplagt. Andere auch. Die sind alle tot.«
– James Joyce, nach der Über­set­zung von Hans Woll­schläger

„Der längste Umweg ist der kürzeste nach Hause.“
– James Joyce, Ulysses, nach der Über­set­zung von Hans Woll­schläger

James Joyce wusste schon vor mehr als hundert Jahren, dass man mit einem der Urge­steine europäi­scher Literatur neue Wege beschreiten muss, will man sich kreativ mit ihm ausein­an­der­setzen. Seine „Adaption“ von Homers Odyssee ist gerade deshalb Welt­li­te­ratur geworden, weil Joyce den antiken Stoff radikal in seine Gegenwart trans­po­nierte. Homer ist überall und zugleich nirgends. Seine Motive bilden ein unsicht­bares Gerüst, werden gespie­gelt, gebrochen, ironi­siert und ins Alltäg­liche überführt. Aus dem listen­rei­chen Krieger Odysseus wird der jüdisch-irische Anzei­gen­ak­qui­si­teur Leopold Bloom, aus der Irrfahrt über das Mittel­meer ein Tag in Dublin, aus dem Gemetzel unter den Freiern eine nächt­liche Tasse Kakao in einer stillen Küche.

Es ist neu und doch alt, gelehrt und komisch, hoch­ar­ti­fi­ziell und auf eine fast schmerz­hafte Weise mensch­lich. Warum Chris­to­pher Nolan sich Homer ange­nommen hat, dürfte dagegen eines jener Rätsel bleiben, für deren Lösung selbst Odysseus seine gesamte Listen­haf­tig­keit aufbieten müsste, auch wenn die offen­sicht­lichste Spur Nolans Manie sein dürfte, sich schon immer dem Thema der ewigen Heimkehr gewidmet zu haben, sei es in Memento, Inception, Inter­stellar oder Tenet. Doch was Joyce mit der Vorlage gemacht hat, macht Nolan gerade nicht: Er entdeckt in ihr weder eine neue Zeit noch neue Menschen, weder eine über­ra­schende Form noch eine eigene Perspek­tive.

Seine Odyssee fügt den zahllosen Versuchen, Homers Epos lite­ra­risch oder filmisch nach­zu­er­zählen, wenig hinzu; außer mehr Laufzeit, mehr Pathos, mehr Stars, mehr Ände­rungen am Ursprungs­text und mehr Dezibel. Für ein westlich sozia­li­siertes Publikum ist das besonders ernüch­ternd, weil die Abenteuer des Odysseus ja zur kultu­rellen Grund­aus­stat­tung gehören. Ein jeder hat die Irrungen und Wirrungen dieses ersten Block­bus­ter­helden der Literatur mit der Mutter­milch aufge­sogen: aus Kinder­büchern, als Schul­lek­türe, über Hörbücher, Filme und dann und wann auch in den legen­dären Über­set­zungen von Wolfgang Scha­de­waldt und Johann Heinrich Voß. Nolans brave Bebil­de­rung erzeugt deshalb bald nur noch pflicht­be­wusstes Abnick­gähnen: Ah, der Zyklop. Dann müssten jetzt die Sirenen kommen. Und tatsäch­lich: Da sind sie auch schon.

Das Erstaun­liche ist nicht, dass Nolan die berühmten Stationen erzählt, sondern wie wenig er ihnen zutraut. Keine Episode darf für sich stehen, keine Figur eine Ambi­va­lenz entwi­ckeln, keine Situation sich allmäh­lich entfalten. Alles wird angekün­digt, erklärt, unter­stri­chen und anschließend musi­ka­lisch versie­gelt. Nolans Drama­turgie funk­tio­niert wie biederstes Stich­wort­kino. Sagt Tele­ma­chos mit bebender Stimme, er fühle, dass sein Vater noch lebe, folgt der Schnitt auf Odysseus, der einsam an einem Strand sitzt. Fällt das Wort Troja, befinden wir uns Sekunden später vor Troja. Sagt Odysseus neben der betö­renden Kalypso nach sieben Jahren lust­voller Umnach­tung: „Ich habe doch eine Frau, oder?“, da sehen wir bereits auch schon Penelope auftau­chen.

So bewegt sich der Film von Erin­ne­rung zu Erin­ne­rung, von Demons­tra­tion zu Demons­tra­tion, von Pathos-Peak zu Pathos-Peak. Die Montage schafft keine produk­tiven Verbin­dungen, sondern illus­triert Sätze. Sie behandelt das Publikum, als besäße es weder ein Gedächtnis noch die Fähigkeit, einen Gedanken über zwei Einstel­lungen hinweg fest­zu­halten.

Matt Damon spielt Odysseus dabei mit jener schweren, leicht erschöpften Körper­lich­keit, die ihn für die Rolle des geal­terten Kriegers durchaus quali­fi­ziert und die er etwas humor­voller auch schon auf seiner Odyssee als Marsianer gegeben hat. Tom Holland gibt seinem Tele­ma­chos eine glaub­hafte Mischung aus jugend­lich-naiver Unsi­cher­heit und aufge­stautem Trotz. Anne Hathaway stattet Penelope mit Würde und kontrol­lierter Trauer aus, Zendaya erscheint als Athene von geis­ter­hafter Inluencer-Kühle. Robert Pattinson spielt den Freier Antinoos mit schnei­dend-wilder Arroganz, Charlize Theron die schon erwähnte Kalypso mit gebie­te­ri­scher Zärt­lich­keit.

So viele große Namen und tatsäch­lich: Sie alle machen ihre Sache gut. Doch immer wieder wirken sie wie Darsteller, die in viel zu große mytho­lo­gi­sche Gewänder gesteckt wurden. Die Stoff­mengen sind kostbar, die Schnitte und Close-Ups monu­mental, aber die Menschen versacken darin. Selbst ein Ensemble mit Damon, Holland, Hathaway, Zendaya, Nyong’o, Pattinson, Theron, Jon Bernthal oder Benny Safdie kann keine Figuren erzeugen, wenn das Drehbuch ihnen kaum mehr zugesteht als Funktion, Haltung und ein oder zwei bedeu­tungs­schwere Sätze. Die Stars werden nicht zu Charak­teren, sondern zu Orien­tie­rungs­punkten in einer über­füllten antiken Schaubude.

Das passt zu einem Regisseur, der zunehmend als philo­so­phie­render Tech­no­krat denn als Erzähler erscheint. Nolan liebt Systeme, Rätsel, physi­ka­li­sche Versuchs­an­ord­nungen und die Vorstel­lung, dass Komple­xität bereits durch Verschach­te­lung entsteht. In seinen frühen Filmen konnte diese Neigung noch eine eigen­tüm­liche, pseudo-wissen­schaft­liche Spannung erzeugen. In Memento führte die rück­wärts­lau­fende Struktur unmit­telbar in das beschä­digte Bewusst­sein seiner Haupt­figur. Dort war die Form tatsäch­lich Erkennt­nis­mittel. Später wurde aus der formalen Strenge zunehmend eine gigan­ti­sche Maschine, die unab­lässig ihre eigene Bedeutung behaupten muss, übrigens auch in Nolans letztem Film Oppen­heimer.

In Die Odyssee ist davon vor allem das Maschi­nen­hafte übrig geblieben. Der Stoff selbst ist linear, bekannt und episo­disch. Nolan reagiert darauf nicht durch eine neue Perspek­tive, sondern durch Verdich­tung. Drei Stunden lang wird das Epos derart voll­ge­stopft, dass für keine seiner Episoden genügend Zeit bleibt, ein eigenes emotio­nales Gewicht zu tarieren. Kaum hat man einen Ort betreten, muss man ihn schon wieder verlassen. Kaum ist eine Figur erschienen, wird sie von der nächsten Attrak­tion verdrängt. Der Film berichtet von Verlusten, Verfüh­rungen und Traumata, aber er macht sie nicht erfahrbar, emotional nicht spürbar.

Die Kämpfe mit Riesen, Monstern und Zaube­rinnen wirken dabei wie der etwas verzwei­felte Versuch, die Antike in einen Marvel-Film zu über­führen. Selbst eine platte Zombie-Sequenz wird noch in den Parcours eingefügt, als müsse jedes verfüg­bare Genre kurz bedient werden. Doch gerade im Spektakel zeigt sich dann auch, wie wenig Nolan ein genuiner Action­re­gis­seur ist. Seine Bilder sind groß, seine Bewe­gungen schwer, seine Arran­ge­ments kost­spielig, aber nur selten dynamisch. Dem von Bill Irwin verkör­perten Polyphem haftet eine trick­tech­ni­sche Grobheit an, die weniger an archai­sche Bildkraft als an überholte Stumm­film­il­lu­sionen erinnert. Man sieht nicht den mythi­schen Körper, sondern die karge Konstruk­tion eines Effekts.

Noch deut­li­cher wird dies bei der Rückkehr nach Ithaka. Das abschließende Gemetzel könnte der physische und mora­li­sche Kulmi­na­ti­ons­punkt des Films sein. Statt­dessen entsteht eine bleierne Abfolge von Tötungen, bei der man sich unwill­kür­lich wünscht, Ridley Scott hätte die Insze­nie­rung über­nommen oder noch besser: Quentin Tarantino, dessen Kill Bill: The Whole Bloody Affair gezeigt hat, wie präzise Rhythmus, Raum, Körper und Gewalt choreo­gra­fiert werden können. Bei Nolan prallen Figuren aufein­ander, fallen Körper zu Boden, dröhnt die Musik. Das Ereignis wird groß behauptet, ohne je wirklich Gestalt anzu­nehmen.

Noch schmerz­hafter ist der Vergleich mit Uberto Pasolinis Rückkehr nach Ithaka mit Ralph Fiennes als Odysseus und Juliette Binoche als Penelope, der erst letztes Jahr in den deutschen Kinos lief und der im Grunde nur jene letzte Stunde erzählt, für die Nolan ein gewal­tiges mytho­lo­gi­sches Vorpro­gramm benötigt. Pasolini konzen­trierte sich auf den geal­terten, beschä­digten Heim­kehrer, auf einen Körper, der den Krieg überlebt hat, aber nicht mehr in die Ordnung passt, in die er zurück­kehren soll. Dort werden Heimkehr, Gewalt und Wieder­erken­nung zu exis­ten­zi­ellen Fragen. Nolans Film ist dagegen in nahezu jedem Segment gröber, lauter und vor allem gedank­lich ärmer.

Natürlich wird jede Szene – wie schon in Oppen­heimer – von Ludwig Görans­sons pompösen Score grundiert, das vorher­sagt oder einsargt, was die ohnehin über­flüs­sigen Dialoge bereits fett ausbuch­sta­biert haben. Göransson verzichtet zwar bewusst auf das klas­si­sche Sanda­len­film-Orchester und arbeitet mit Bron­ze­gongs, Synthe­si­zern, Lyra und Aulos. Das klingt theo­re­tisch nach einer inter­es­santen archäo­lo­gi­schen Versuchs­an­ord­nung, doch praktisch wird auch diese instru­men­tale Grad­wan­de­rung dem alten Nolan-Prinzip unter­worfen: Klang soll nicht begleiten, sondern über­wäl­tigen. Ein Freund war von der Laut­stärke derart über­wäl­tigt, dass er während der Vorstel­lung auf seinem Telefon einen Dezi­bel­messer instal­lierte. Die Anzeige erreichte 95 Dezibel, also zumindest kurz­fristig einen Bereich, der sonst schweren Maschi­nen­parks eigen ist. Das passt zu Nolans fast schon zwang­hafter Vorstel­lung von Kino als physi­schem Angriff. Die Leinwand soll nicht über­zeugen, sondern bezwingen und über­wäl­tigen; der Ton soll den Körper besetzen und durch­dringen.

Doch Über­wäl­ti­gung ist noch keine Wirkung. Je nach­drück­li­cher der Film seine Bedeutung verkündet, desto weniger ist sie zu spüren. Das Narrativ über­wäl­tigt nicht, weil es sich trotz seiner Länge nicht die nötige Zeit nimmt. Die Musik über­wäl­tigt nicht, weil sie keine Kontraste, weil sie das Leise nicht kennt. Und die Bilder – als erster Block­buster volls­tändig mit neu konstru­ierten 70-mm-IMAX-Film­ka­meras gedreht – über­wäl­tigen nicht, weil sie ständig nur auf eins, nämlich Monu­men­ta­lität fixiert sind. Weil alles wichtig ist, ist bald nichts mehr wichtig.

Auch Zendayas Athene, die sich Odysseus immer wieder wie eine als Gespenst verklei­dete Influen­cerin nähert, um mit ihm ein weiteres Kapitel seines Hiob-Parcours abzu­schließen, wirkt wie ein alter Schuh, den man aus Ehrfurcht vor seiner mytho­lo­gi­schen Herkunft noch einmal trägt. Athene ist keine intel­lek­tu­elle Gegen­kraft und keine göttliche Strategin, die eine andere Perspek­tive in den Film einführen könnte. Sie fungiert vor allem als meta­phy­si­sche Perso­nal­be­ra­terin eines Mannes, dessen Leiden in immer neuen Tableaus beglau­bigt werden muss.

Darin liegt dann auch das eigent­liche Problem: Nolan reduziert die Odyssee auf die Selbst­prü­fung eines außer­ge­wöhn­li­chen Mannes. Sein Odysseus leidet, kämpft, wider­steht, fällt, steht wieder auf und wird – ganz die gute alte Helden­reise – schließ­lich durch Gewalt erneut zum Herrn seines Hauses. Das Männ­lich­keits­bild, das hier repro­du­ziert wird, gehört weniger in eine moderne Homer-Lektüre als in jene Erlö­sungs­fan­ta­sien, in denen ein beschä­digter Mann durch Prüfung, Opfer und gerechte Härte zu sich selbst zurück­findet.

Dabei wäre Homers Odyssee für die Gegenwart außer­or­dent­lich anschluss­fähig. Schon die „Atmo­sphäre“ dort unter­scheidet sich von der großen Kriegs­saga der Ilias, in der Ehre, Ruhm und gekränkter Stolz domi­nieren. Die Geschichte des Heim­keh­rers ist beweg­li­cher, witziger und fragiler. Der aris­to­kra­ti­sche Krie­ger­held stößt darin an die Grenzen seiner alten Rolle. Mobilität ist eines der zentralen Themen: Waren und Menschen fahren über das Mittel­meer, Fremde begegnen einander, Gast­freund­schaft wird zur Über­le­bens­frage. Wer ist vertrau­ens­würdig? Wer hält Verträge ein? Wie vers­tän­digt man sich mit Menschen, deren Regeln man nicht kennt? Und Odysseus überlebt nicht nur, weil er stark ist, sondern weil er sich anpassen, täuschen, erzählen und verschie­dene Iden­ti­täten annehmen kann. Auch Penelope wartet keines­wegs nur passiv. Sie ist ebenso erfin­dungs­reich und denkt etwas anderes, als ihre schmei­chelnden Botschaften an die Freier vermuten lassen.

Adorno und Hork­heimer sahen in Odysseus bekannt­lich eine frühe Symbol­figur instru­men­teller Vernunft: einen Menschen, der Natur, Mythos und schließ­lich auch sich selbst beherr­schen muss, um zu überleben. Darin liegt dann auch bereits die ganze Ambi­va­lenz europäi­scher Zivi­li­sa­tion: ihre befrei­ende Ratio­na­lität ebenso wie ihre Gewalt. Nolan hätte hier einen ganz anderen Film über Handel, Migration, Identität, Mani­pu­la­tion oder die Dialektik des Fort­schritts finden können. Er hätte danach fragen können, was Heimkehr in einer Welt bedeutet, in der weder der Heim­kehrer noch die Heimat dieselben geblieben sind.

Statt­dessen begnügt er sich mit dem Hero­en­kult einer vergan­genen Epoche. Joyce verwan­delte Odysseus in Leopold Bloom, einen verletz­li­chen, alltäg­li­chen Mann, der nicht durch das Töten der Freier, sondern durch Aufmerk­sam­keit, Nach­denk­lich­keit und eine Tasse Kakao zum modernen Helden wird. Nolan verwan­delt Odysseus wieder zurück: in ein Monument, das vor allem deshalb bedeutsam sein soll, weil es drei Stunden lang von seiner eigenen Bedeut­sam­keit beschallt wird.

Nach dieser dreis­tün­digen Irrfahrt ist man deshalb eigent­lich nur für eines dankbar: wieder im heimi­schen Hafen ange­kommen zu sein. Denn wer möchte diesen Männ­lich­keits­pa­thos, diesen Sünde­ner­lö­sungs­bal­last und diese Vorstel­lung von Größe in sein eigenes Leben mitnehmen? Schon Nolans vorletzter Film Tenet war auf beängs­ti­gend ähnliche Weise ein Film, der Komple­xität behaup­tete und Leere produ­zierte. Die Odyssee tut nun dasselbe mit einem Stoff, der seit Jahr­tau­senden gerade eines bewiesen hat, nämlich wie wand­lungs­fähig er ist.

Was bleibt, ist natürlich, was immer bleibt: Ein Mann, der am Ende nach Hause findet. Das Kino geht in diesem Fall jedoch völlig leer aus, es bleibt auf dem Irrweg, einer Odyssee ohne Wieder­kehr.

Sage mir, Muse, die Taten des vielgewanderten Mannes

Christopher Nolan wagt sich in seinem neuen Film an einen der ältesten Stoffe der Literaturgeschichte – gelingt ihm das?

Es wird dunkel im Kinosaal. Langsam ertönt die Musik von Ludwig Göransson. Wo einst die Muse in Homers Werk angerufen wurde, beginnt Chris­to­pher Nolan sein Lein­wan­d­epos mit einem Barden, besetzt mit dem Rapper Travis Scott, der uns ankündigt, von den Helden­taten des Odysseus zu berichten. Nachdem dieser durch eine List die Stadt Troja zu Fall gebracht hat, verschwindet er auf dem Rückweg in die Heimat Ithaka, verdammt dazu, sich mit den Göttern zu messen. Während sich über die Jahre immer mehr Männer an seinem Hof versam­meln, um seine Frau Penelope zu einer Hochzeit zu bewegen, begibt sich sein Sohn Telemach verzwei­felt auf die Suche nach seinem Vater.

Vorab sorgte der Film für reichlich Kontro­versen und Gesprächs­stoff. Neben dem Rapper Travis Scott als Barden wurde die Besetzung der Schwarzen Lupita Nyong’o als Helena eifrig disku­tiert. Auch das Gerücht, der Trans­gender-Schau­spieler Elliot Page würde den Halbgott Achilles spielen, wurde heftig disku­tiert. Während letzteres sich als eine von vielen im Internet geborenen Fake News heraus­stellte, gibt Chris­to­pher Nolan in seinem Film die Antwort für alle Kritiker, die den Film vorab bereits als woke Propa­ganda abtaten: Wir befinden uns in einem Helden­epos der Antike. Es geht um Pathos, um den Kampf mit den Göttern und um eine Geschichte, die sich wie eine eska­pis­ti­sche Fantasie auf der Leinwand ausbreitet. In einem antiken Epos dieser Größen­ord­nung exis­tieren keine Beset­zungs­normen oder Grenzen. Genau hier, so Nolans Odyssee, vermi­schen sich antike Vortrags­kultur und modernes Action­kino.

Das Action­kino schien für lange Jahre fest in der Hand der Sequels und der CGI-domi­nierten Fließ­band­pro­duk­tionen zu sein. Mit ihnen nimmt es Nolan auf, wenn an echten Sets mit den fantas­ti­schen Bilder seines Kame­ra­manns (Hoyte van Hoytema) Monu­men­ta­lität erzeugt. Das in der unter­ge­henden Sonne Ithaka entsteigt traumhaft dem Bild, die Griechen pferchen sich eng anein­ander im Troja­ni­schen Pferd. Das funk­tio­niert auch ohne Effekte eindrucks­voll.

Im illustren Ensemble sticht Matt Damon heraus, dem man seine Rolle vollends abnimmt. Er spielt den von PTSD geplagten Kriegs­helden Odysseus in der Ambi­va­lenz zwischen Trauma und Kriegs­herr, und entpuppt sich zwischen­zeit­lich als Prot­ago­nist einer Doppel­gän­ger­ge­schichte. Ist Odysseus allein mit seinen Gedanken, nagen die von ihm began­genen Kriegs­taten an ihm. Kommt es jedoch zu einer Ausein­an­der­set­zung, so bricht der Krieger in ihm aus – um im stillen Moment wieder zu verzwei­feln. Bei Kalypso auf der Insel Ogygia wird ihm für Jahre sein Gedächtnis genommen – und damit aber auch der Schmerz. Mit seinen Erin­ne­rungen kehrt schließ­lich dann auch die innere Verwun­dung zurück, die er über­winden muss, bevor er seine Heimkehr antreten kann. An der Figur des Odysseus erkennt man die Nolans Dekon­struk­tion eines antiken Helden am stärksten. Es ist einer, der seine Ruhmes­hymnen verschmäht und sich selbst als Kriegs­ver­bre­cher sieht. Paral­lelen zur Gegen­wär­tigen Debat­ten­kultur lassen sich unschwer fest­stellen, in der der Begriff des Kriegs­ver­bre­chers oftmals leicht­fertig mit dem des Helden vertauscht wird, wenn es denn das Narrativ verlangt.

Natürlich kommt Die Odyssee nicht ohne stoff­liche Anpas­sungen aus. Zu groß und zu verschach­telt ist Homers Klassiker erzählt. Man muss unwei­ger­lich an die Ausfüh­rungen des deutschen Lite­ra­tur­wis­sen­schaft­lers Erich Auerbach zum Home­ri­schen Erzähl­stil denken, wenn früh im Film der Ursprung von Odysseus’ Narbe gezeigt wird, die später im Finale eine zentrale Rolle einnehmen wird. Die Zwischen­er­zäh­lung, die bei Auerbach das retar­die­rende Moment heraus­nimmt, wird bei Nolan an den Anfang des Films gestellt. So bleibt der Span­nungs­mo­ment erhalten, während der Kontext dem Zuschauer zugäng­lich bleibt. Im Sinne des Kinos sind solche Anpas­sungen nicht nur vers­tänd­lich, sondern klug umgesetzt. Dies gilt auch für die Entschei­dung, die Figuren ein in Diktion und Wortwahl modernes Englisch sprechen zu lassen. So wurde »Die Odyssey« sprach­lich von der zeit­genös­si­schen Vortrags­kultur geprägt, was die Moder­ni­sie­rung im Umkehr­schluss näher an das Original bringt.

Nolans eigener Stil-Vorliebe kommt es zugute, dass die Vorlage selbst mit den Zeit­ebenen spielt. Mal ist es die Erzählung von Menelaos (Jon Bernthal) über die Eroberung Trojas, um die es geht, dann folgen wir den zurück­keh­renden Bruchs­tü­cken von Odysseus’ Erin­ne­rung auf Ogygia, mit denen wir weitere Episoden der Irrfahrt erleben. Ohnehin ist die Zeit der größte Anta­go­nist der Narration. Odysseus kämpft verzwei­felt gegen sie an und verliert sie zwischen­zeit­lich gänzlich im Rausch der Lotus­blüten, die Kalypso ihm verab­reicht. Penelope (Anne Hathaway) versucht indes, sie zu kontrol­lieren, in dem sie die Nähte ihres Webtep­pichs immer wieder auftrennt, um nicht einen der Freier heiraten zu müssen.

So segelt der Film in die Kinos hinein, begleitet von künstlich erzeugten Internet-Kontro­versen und einem hoch­ge­rech­neten Einspiel­ergebnis, das Richtung Milli­arden gehen könnte. Die Hoffnung besteht, dass sich im Meer der Block­buster-Werke wie dieses weiter durch­setzen können. Und um das Home­ri­sche Werk selbst nochmal zu Wort kommen zu lassen: »Elender, hab ich doch nimmer mit Wort oder Tat dich beleidigt!« Man soll das Werk zunächst betrachten, bevor man es in den Hades hinab­schickt.

„Siehe, ich selber war einst ein glücklicher Mann“

Der Sommer ist in vollem Gange – was gibt es da Besseres als einen klimatisierten Kinosaal und fast drei Stunden lang viel kaltes Wasser? Christopher Nolans heiß erwartete Adaption von Homers »Odyssee« bietet aber mehr als nur Abkühlung

Es ist endlich so weit: Der wohl meis­ter­war­tete Film des Jahres ist da. Star-Regisseur Chris­to­pher Nolan bringt diesmal mit 250 Millionen Dollar Budget und einer reinen Star-Besetzung erstmals ausschließ­lich auf IMAX-Kameras gedrehtes Material auf die Leinwand. Die dabei heraus­ge­kom­menen knappen drei Stunden Film mit Matt Damon in der Haupt­rolle sind, wie von der treuen Fange­meinde erhofft und von den Trailern angekün­digt, absolut episch – und das nicht nur wegen des antiken Stoffes, der mit der Odyssee verfilmt wurde.

Bereits lange vor dem Kinostart waren die Gemüter im Internet erhitzt, auf den sozialen Netz­werken entbrannten wilde Diskus­sionen über die Besetzung, vermeint­lich histo­risch inkor­rekte Kostüme und die Drehorte, ohne, dass auch nur eine fertige Minute des Films bereits veröf­fent­licht oder geleaked gewesen wäre (die Details fasst mein Kollege Chris Schmuck in seiner Kritik zusammen). War das Problem etwa, dass viele die Odyssee, wenn viel­leicht auch nicht im Original, so aber doch zumindest ihre Inhalte teils seit ihren Schul­tagen kennen und dementspre­chend ihre eigenen Vorstel­lungen mitbringen? Eine der Leis­tungen von Die Odyssee ist es jedoch, dass auch bei anders gestal­teten persön­li­chen Vorstel­lungen ein in sich stimmiges Epos erzählt wird, dessen gewaltige Geschichte gebührend auf die Leinwand über­tragen wird; vorwie­gend dunkel, voll von dröh­nenden Wasser­massen, unter­bro­chen von düster-hellen Rück­blenden auf ein Troja, das in Flammen steht und in dem die metzelnden Krieger all ihre Mensch­lich­keit verloren haben. Ein ruhiger Hafen voll fried­li­chem, warmem Licht ist lediglich die Insel der Kalypso, auf der der Held sieben Jahre lang seinen Irrfahrten entkommt.

Die Handlung ist hinläng­lich bekannt: Nach dem Ende des Troja­ni­schen Krieges brechen die grie­chi­schen Kriegs­schiffe zurück in ihre Heimat auf, die sie seit zehn Jahren nicht mehr gesehen haben. Odysseus braucht weitere zehn Jahre für den Heimweg nach Ithaka, da er den Meeres­gott Poseidon entzürnt und dieser eine sichere, zeitnahe Heimkehr verhin­dert. Die zeit­li­chen Ebenen werden im Film verwoben: Odysseus wird von Kalypso liebkost und umsorgt, sein Sohn Telemach (Tom Holland) begibt sich trotz Widerrede seiner Mutter Penelope (Anne Hathaway) auf die Suche nach irgend­einer Spur seines Vaters, sie wiederum trotzt den Freiern, die sich in ihrem Palast einge­nistet haben.

Mit Penelope sieht man gleich zu Anfang, dass die Figuren keinerlei Tiefe beraubt wurden; im Gegenteil, sie scheinen teils einen komple­xeren Charakter zu haben, als man es im ersten Moment erwarten würde. Sie sitzt nicht taten- und hilflos herum und wartet auf ihren poten­tiell nie heim­keh­renden Gatten; sie ist nach außen hin eine verant­wor­tungs­volle Königin, die stets ihre Haltung wahrt, ihrem Sohn gegenüber wird sie aber auch laut und emotional, wenn es um ihren Mann oder das König­reich Ithaka und damit ihre Macht geht – in Odysseus‘ Abwe­sen­heit ist schließ­lich sie die Königin. Persön­liche und macht­be­dingte Inter­essen stoßen bei ihr aufein­ander und tragen so dazu bei, dass nicht aller Fokus rein auf dem irrfah­renden Helden liegt.

Auch diesem wird eine charak­ter­liche Tiefe gegeben, indem der Fokus nicht nur auf den helden­haft-positiven Aspekten liegt. Matt Damons Odysseus ist zunehmend geplagt von seiner Irrfahrt, vom schritt­weisen Verlust seiner Männer, von seinen Erin­ne­rungen an den Troja­ni­schen Krieg. Aller­dings kommt diese Dimension leider nur lücken­haft und fast zusam­men­hangslos zum Vorschein, wodurch diese Seite des Helden fast neben­säch­lich erscheint, während gleich­zeitig der Eindruck entsteht, es wäre einer der wich­tigsten Punkte des Films.

Odysseus‘ Prüfung durch die Götter ist hart. Während eines der Plakate des Films die Aufschrift „Trotze den Göttern“ trägt, so ist dieser Grundsatz jedoch nur bedingt gültig. Keine Frage, Odysseus möchte sich ihnen durchaus wider­setzen, indem er seine Heimfahrt fortführt, wohl­wis­send, dass sich Poseidon gegen ihn gerichtet hat. Gleich­zeitig vertraut er Athene (Zendaya), der Göttin des Krieges, ihm den Weg weisen und ihn zu beraten. Hier sei nicht zu viel verraten, aber Athene ist mit Abstand die Figur, die dem Film als Ganzes am meisten Dimension gibt – trotz vergleichs­weiser, hand­lungs­be­dingter geringer Lein­wand­zeit.

Einmal den Göttern zu trotzen ist jedoch genug, wie Odysseus schmerz­haft erfahren muss. Es ist die mensch­liche Hybris, sich allem Gegebenen wider­setzen zu können, die das Unheil bringt: Den Troja­ni­schen Krieg, dessen glei­cher­maßen listiges wie brutales Ende und mit ihm das Ende einer ganzen Zivi­li­sa­tion, eine nicht enden wollende, tödliche Irrfahrt. Ludwig Görans­sons Musik zieht das Publikum mit in die visuell eindrucks­vollen Wasser­strudel und schiff­fres­senden Wellen, in die Unwetter, die Kämpfe mit Riesen und Zyklopen, in die Begeg­nungen mit der Zauberin Circe, mit den Sirenen.

Vor allem am Anfang wünscht man sich zwar weniger Dialog sowie mehr für sich spre­chende Bilder; manchmal hat man den Eindruck, der Film würde nicht alles schaffen, was er sich vorge­nommen hatte, gerade in gesell­schafts­kri­ti­scher Hinsicht. Doch das Endpro­dukt ist das, was man erwartet hatte: Ein großer, kine­ma­to­gra­phisch gefilmter Block­buster, der das Wort „episch“ auf allen Ebenen versucht zu erreichen. Die Odyssee ist ein lohnens­wertes Helmepos.