Hope

Hopeu

Südkorea 2026 · 158 min. · FSK: ab 16
Regie: Na Hong-jin
Drehbuch:
Kamera: Hong Kyung-pyo
Darsteller: Hwang Jung-min, Zo In-sung, Jung Hoyeon, Taylor Russell, Cameron Britton u.a.
Hope
Instinktiv, brutal und hemmungslos...
(Foto: Mubi/Studiocanal)

Visuelles Delirium

Auf der Achterbahn tags um halb eins: Mit seinem großartigen Hope erfindet Na Hong-jin nicht nur das Genre, sondern das Kino selbst neu

Plötzlich bricht die Wolken­decke auf, und über dem idyl­li­schen südko­rea­ni­schen Mittel­ge­birge ist ein riesiges Raum­schiff zu sehen. Brennend stürzt es vom Himmel und knallt wenige Sekunden später in einer riesigen Explosion in die Wald­land­schaft. Das sieht gerade deshalb auf der Kino­lein­wand so wirkungs­voll aus, weil es so beiläufig geschil­dert wird.

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Gigan­ti­sche Raum­schiffe sind nicht das einzige, mit dem dieser südko­rea­ni­sche Film in die Fußstapfen der Hollywood-Block­buster tritt – Außer­ir­di­sche und Monster bevölkern diesen Filme, der damit eine origi­nelle Variante jenes Kinos ist, für das Südkorea berühmt ist: Ein Film, der im selben Moment sehr kommer­ziell ist und trotzdem sehr »auteur«, also eine indi­vi­du­elle persön­liche Hand­schrift trägt.

Hope stammt vom 52-jährigen Na Hong-jin und ist schon von seiner Produk­ti­ons­ge­schichte her besonders inter­es­sant: Zwei Hollywood-Stars, die Schwedin Alicia Vikander und ihr Mann, der Brite Michael Fass­bender, haben sich als Co-Produ­zenten diesen Regisseur ausge­sucht. Das zeugt von genauerer Kenntnis oder guter Beratung, denn Na hong-jin war einer­seits 2008 mit The Chaser, 2010 mit The Yellow Sea und 2016 mit The Wailing, die beide, wie nun auch Hope, beim Festival in Cannes ihre Welt­pre­miere hatten, für drei der besten korea­ni­schen Filme jener Dekade verant­wort­lich gewesen. Ande­rer­seits blieb er doch im Vergleich zu seinen Lands­leuten Bong joon-ho (Parasite) und Park Chan-wook (Oldboy) relativ unbekannt. Das könnte sich jetzt ändern. Denn trotzdem die Spiel­länge des zu größeren Teilen in Rumänien gedrehten Films mit zwei Stunden 40 Minuten nahe an der Drei-Stunden-Marke liegt, ist Hope ein sehr, sehr kurz­wei­liger Film. Eine vorbe­halt­lose Vertei­di­gung des elemen­tarsten Vergnü­gens des Action- und Aben­teu­er­kinos. Der Film erzeugt Spannung, über­rascht, unterhält und hält den Zuschauer außer­or­dent­lich wirkungs­voll an seinen Sitz gefesselt.

Die Kamera des Films ist dazu der Schlüssel. Die Bilder wurden mit Hilfe des Kame­ra­manns Hong Kyung-pyo gestaltet – zu dessen Arbeiten Parasite und Burning gehörten.

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Alles spielt in und nahe einer kleinen, sehr provin­zi­ellen Hafen­stadt, die »Hope« heißt – es wird also auch mit der Doppel­deu­tig­keit des Titels gespielt. Die Stadt befindet sich in der Nähe der demi­li­ta­ri­sierten Zone, die das Land von Nordkorea trennt. Na Hong-jin verzichtet weit­ge­hend auf Einfüh­rungen oder voraus­ge­hende Erklärungen und wirft den Zuschauer mitten hinein in eine Jagd, bei der eine ländliche Gemein­schaft im Südkorea der achtziger Jahre von einem seltsamen Wesen heim­ge­sucht wird.

Sehr geschickt arbeitet der Film auch mit der Tatsache, dass die aller­meisten Menschen im Publikum wissen, in was sie hinein­ge­gangen sind: einen Mons­ter­film. Was der Film darum als Aller­erstes tut, ist, dass er uns dieses Monster 40 Minuten lang gar nicht zeigt!

Statt­dessen begegnet man zunächst einem Poli­zisten, dem eine Gruppe von Jägern auf dem Feld den Kadaver einer Kuh zeigt, die offenbar auf eine ziemlich grausige, gewalt­same Art zu Tode gekommen ist. Sie wurde zerfleischt. Die schweren Wunden stammen vermut­lich von Klauen oder Pranken, die man aller­dings keinem gewöhn­li­chen Tier zuordnen kann. Denn für einen Bären sind sie zu groß. Tiger kennt man nicht in dieser Gegend.
Kurz danach eska­lieren dann die Ereig­nisse: In der Ferne fallen Schüsse, noch weiter in der Ferne steigen Rauchsäulen auf, und schnell ist klar: In der Hafen­stadt gibt es offenbar irgendein ein riesen­großes Etwas, das sogar Häuser durch­bre­chen kann, Autos durch die Gegend schleu­dern, und offenbar riesen­hafte Kräfte hat. Dann sieht man auch die ersten Toten, und weitere Menschen, die besin­nungslos schreiend weglaufen.

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Hope kommt also sofort zur Sache. Ohne die Figuren auf konven­tio­nelle Weise vorstellen zu müssen, lässt der Film uns sie durch ihre Hand­lungen und ihre Reak­tionen auf die Gefahr kennen­lernen – in einem wilden Strudel aus Verfol­gungs­jagden mit dem Auto, zu Fuß und sogar zu Pferd, durch Straßen, über Land­straßen und durch Wälder, aus Konfron­ta­tionen und Gewalt­aus­brüchen, die sich dank eines außer­ge­wöhn­li­chen Aufwands an tech­ni­schen und produk­tio­nellen Mitteln anein­an­der­reihen.

Der besagte Polizist Seok, verkör­pert von Hwang Jung-min, ist die eine der beiden Haupt­fi­guren des Films, zusammen mit seiner Kollegin Yim. Sie wird vom korea­ni­schen Megastar Jung Ho-yeon gespielt. Diese Yim ist eine typische Thriller-Slasher-Filmfigur: jung, gutaus­se­hend, smart und cool kann sie intuitiv und versiert mit allen möglichen Formen von Waffen umgehen. Sie schafft es dann tatsäch­lich, dieses zunächst unver­wundbar schei­nende Wesen doch so schwer zu treffen, dass es einen Unter­schenkel verliert. Als typisches Film­monster ist es aber so leicht nicht tot zu kriegen.

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Kurz zuvor haben wir das erste Mal ein Stück von diesem Monster gesehen, bald den ganzen Körper: Unglaub­lich kräftig, unglaub­lich schnell hat es zwar eine menschenähn­liche Figur, ist aber viel größer und von grün-brauner Hautfarbe. Sein Gebiss ähnelt dem eines Piranhas. Es hat eine Hand, die eher wie eine Vogel­kralle aussieht und riesen­groß ist, so groß, dass sie einen ganzen Menschen­kopf umfasst und abreißen kann. Es hat zottelige lange schwarze Haare, ist auch ziemlich schmutzig – ohne Frage eine künst­liche Zusam­men­set­zung von verschie­denen unserer Urängste: Horror, Schrecken, Ekel, Schmutz, Nacktheit.

Jetzt wo die Poli­zistin dieses Monster verwundet, ihm den Unter­schenkel abge­schossen hat, ändern sich die Verhält­nisse abrupt: Jetzt jagt das Monster nicht mehr die Menschen, sondern umgekehrt wird es selbst gejagt. In dieser Umkehrung kann man durchaus auch einen Kommentar auf die korea­ni­sche Gesell­schaft sehen, auf ihre Gewalt­be­reit­schaft, ihre Mili­ta­ri­sie­rung und überhaupt grund­sätz­lich auf die unter­grün­dige Gewalt aller modernen Gesell­schaften. Die Poli­zisten selbst haben einen gnaden­losen Jagdtrieb, agieren instinktiv, brutal und hemmungslos; sie werden ange­sichts des Monsters selbst monströs, sind brutal, kennen nichts, weil sie das Monster erledigen wollen. Zu Recht in der Hand­lungs­logik dieses Films. Es gibt hier selten einen Moment des Mitleids mit dem Monster, wie man das aus anderen Filmen kennt.
Es ist auch erkennbar, dass hier viele korea­ni­sche Bürger Waffen besitzen oder sehr schnell auch an schwere Waffen heran­kommen. Gewalt ist überall.

Es folgt eine unun­ter­bro­chene Verfol­gungs­jagd voller Kolla­te­ral­schäden an Menschen und Material. Dann wird das Monster tatsäch­lich zur Strecke gebracht. Es wird aber eher zufällig, nicht absichts­voll getötet, indem es die beiden Poli­zisten auf eine Straßen­kreu­zung jagen, auf der ein sehr schwerer Tank­last­wagen auf dieses Monster aufprallt.

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Danach geht Hope aber weiter, und alles geht noch mal von vorne los, denn im Wald gibt es mehr als ein Monster. So nimmt der Film die allmäh­liche Wendung weg vom Mons­ter­film hin zu einem Science-Fiction-Fantasy-Film. Was nämlich passiert, das ist, dass diese Monster uns zunehmend sympa­thisch werden: aus reinen Mord­ma­schinen werden sie Wesen, für die man Vers­tändnis aufbringen kann.

Es geht auch dann einfach weiter und weiter und weiter in verschie­denen Settings mit immer neuen aufre­genden Bildern und kleinen Plot­wen­dungen, vielen Auto­ver­fol­gungs­jagden und schnellen Auto­fahrten, viel Geballer, es wird aller­dings dann auch irgend­wann etwas redundant.
Doch was Hope funk­tio­nieren lässt, ist nicht allein die spek­ta­kuläre Wirkung dieser Sequenzen, sondern vor allem die geradezu verblüf­fende Präzision, mit der sie konstru­iert sind. Na Hong-jins Insze­nie­rung ermög­licht es dem Zuschauer jederzeit, den Raum und die Position der Figuren innerhalb dieses Raumes zu erfassen; der Schnitt erzeugt Geschwin­dig­keit, ohne in hektische Über­s­tür­zung abzu­gleiten, und sowohl die Filmmusik als auch der Einsatz von Geräu­schen tragen dazu bei, den Zuschauer in eine narrative Maschine hinein­zu­ziehen, die sich mit Höchst­ge­schwin­dig­keit vorwärts­be­wegt. Die große Leistung des Films liegt genau in dieser frene­ti­schen und nahezu uner­schöpf­li­chen Bewegung. Das Gefühl von Geschwin­dig­keit, Wucht und Chaos ist mit außer­ge­wöhn­li­cher Präzision choreo­gra­fiert.

Doch es wäre wiederum voreilig, den Film darauf zu redu­zieren. Regisseur Na Hong-jin spielt unab­lässig mit den Infor­ma­tionen und den Erwar­tungen des Zuschauers und zwingt ihn dazu, sich im Verlauf des Gesche­hens eine Erklärung für das Gesehene zusam­men­zu­bauen, nur um diese anschließend wieder infrage zu stellen. Jede neue Infor­ma­tion kann die Bedeutung des zuvor Gesehenen verändern, und was eben noch offen­sicht­lich schien, ist wenige Minuten später längst nicht mehr eindeutig.

So werden dann schließ­lich fast alle Monster bis auf zwei zur Strecke gebracht. Diese zwei Alien-Figuren töten aber nicht mehr, sondern sie stehen dann irgend­wann einfach auf einer Land­straße herum und führen einen Dialog, wie wir ihn aus einem Super­helden-Block­buster kennen: Pathe­tisch und sinnleer. Mit diesen letzten kurzen Szenen wandelt sich Hope noch einmal – zu einem großen Science-Fiction-Fantasy-Epos mit Kaisern, Prinzen und Figuren, die entschlossen sind, das Schicksal der Mensch­heit in die Hand zu nehmen.

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Wenn man berück­sich­tigt, dass bereits an einer Fort­set­zung gear­beitet wird – alles deutet außerdem darauf hin, dass Hope als Beginn einer möglichen Trilogie konzi­piert wurde, ein Universum, das Na Hong-jin offenbar in immer maßlosere und apoka­lyp­ti­schere Terri­to­rien ausdehnen will –, sollte man nicht ausschließen, dass Na Hong-jin uns erneut aus dem Konzept bringt und uns dazu zwingt, einen großen Teil dessen, was wir jetzt verstanden zu haben glauben, neu zu inter­pre­tieren. Viel­leicht ist dieses groß­ar­tige Action-Spektakel tatsäch­lich genau das, wonach es aussieht. Viel­leicht aber sind die Verfol­gungs­jagden, die Schüsse, die Gewalt und der Humor lediglich der Ausgangs­punkt eines weitaus komple­xeren und thema­tisch ambi­tio­nier­teren Projekts. Wie auch immer die künftige Fort­set­zung aussehen mag: Hope besitzt seinen eigenen Wert und erreicht etwas, das ausge­spro­chen schwierig ist – 160 Minuten lang Spannung, Interesse und Vergnügen aufrecht­zu­er­halten, indem Verfol­gungs­jagden, Gewalt, Spannung, Drama und einige gut plat­zierte humo­ris­ti­sche Momente mitein­ander vermischt werden.

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In einem Moment, in dem das US-ameri­ka­ni­sche Action­kino in erschöpften Formeln und Fran­chises gefangen zu sein scheint, die sich nicht mehr neu erfinden können, erscheint Hope damit wie der Versuch, alles nieder­zu­reißen: ein Film, der das Action­kino bis an die äußerste Grenze von Exzess und visuellem Delirium voran­treibt.

Es gab bei der Premiere in Cannes Zuschauer, die fanden, dass der Film sich in Wieder­ho­lungen und in einer Anhäufung von Action und Plot-Twists verliert, die schließ­lich den Appetit des Zuschauers abstumpfen. Die anderen, zu denen auch der Autor gehört, vertei­digen einen Film, dessen Übermaß an allem – an Action, regres­sivem Humor, manchmal grob ausge­ar­bei­teten VFX – inte­graler Bestand­teil dessen ist, was der Regisseur zu erreichen oder wieder­zu­finden versucht: die Unschuld und die Ursprünge des Kinos. Und das in beispiel­loser Inten­sität.

Na Hong-jin erfindet nicht nur das Genre, sondern das Kino selbst neu – indem er es an seine Ursprünge zurück­führt: Ins Universum von Georges Méliès; Kino als Spektakel, als Zirkus und Achter­bahn­fahrt.