Cleopatra

Kureopatora

Japan 1970 · 112 min. · FSK: ab 12
Regie: Osamu Tezuka, Eiichi Yamamoto
Drehbuch: ,
Musik: Isao Tomita
Schnitt: Masashi Furukawa
Schwächster, konventionellster Teil der Trilogie

Bedrohte Weiblichkeit in der Pop- und Märchenkultur

Rapid Eye Movies bringt mit 'A Thousand and One Nights' und 'Cleopatra' samt der der Wieder­auf­füh­rung von 'Bella­donna of Sadness' nach fast 50 Jahren endlich die Animerama-Trilogie von Eiichi Yamamoto ungekürzt in unsere Kinos

Wo in Frank­reich die neusten Trick­film­pro­duk­tionen der Ghibli-Studios zumeist für volle Kassen sorgten, verloren Animes in Deutsch­land selbst bei Bundes­starts kaum ihren Nischen­platz. In den letzten zwei Jahren zeich­neten sich im Kinomarkt leichte Verän­de­rungen ab. Mit Platt­form­starts ausge­wählter Werke erregten Kazé samt den „Anime Nights“ und Pepper­mint Anime samt des „Akiba Pass Festival“ in mehreren Städten Aufmerk­sam­keit. Mit Einzel­vor­stel­lungen lassen sich teils hohe Einspiel­ergeb­nisse erzielen, wie das Teenager-Köper­tausch­drama Your Name bewies. Die zumeist jugend­li­chen Zuschauer ließen sich nicht einmal von der durchaus komplexen Erzähl­struktur abschre­cken.

Hierbei kann der einstige Vorreiter Rapid Eye Movies, einer der Förderer japa­ni­scher Anima­ti­ons­kunst, nicht mehr ganz mithalten. Immerhin bringt man mit A Thousand and One Nights und  Cleopatra samt der Wieder­auf­füh­rung von Bella­donna of Sadness der Mushi-Produc­tions nach fast 50 Jahren endlich die Animerama-Trilogie von Eiichi Yamamoto und Manga-Star­zeichner Osamu Tezuka ungekürzt in unsere Kinos. Ohne die Vorrei­ter­rolle dieser einst gefloppten eroti­schen Trick­reihe für Erwach­sene wäre ein verrückter Stilmix wie Mutafukaz aus dem „Akiba Pass Festival“-Programm heute vermut­lich undenkbar. In dieser fran­zö­sisch-japa­ni­schen Comi­c­ad­ap­tion fällt an einer Stelle der Ausdruck Hybrid. Tatsäch­lich erwiesen sich die Animerama-Filme in ihrer virtuosen Genre­kom­bi­na­tion als ihrer Zeit voraus. Ange­sichts der grafi­schen und inhalt­li­chen Expe­ri­mente erwies es sich als bedau­er­lich, dass das Expe­ri­ment nach dem dritten Film 1973 gestoppt wurde und sich Yamamotos Karriere lediglich im Fern­seh­sektor fort­setzte.

Yamamoto arbeitete mit Tezuka bereits bei der TV- und Kinoad­ap­tion seiner Manga-Hits „Astro Boy“ und „Kimba, der weiße Löwe“ zusammen. In ihrer Animer­anma-Trilogie ließen sie sich von keinerlei Konven­tionen beein­dru­cken, wobei besonders A Thousand and One Nights Cleopatra und Cleopatra eine strin­gente Handlung vermissen ließen. Neben­fi­guren verschwinden mitunter aus dem Blickfeld. Hand­lungs­fäden werden nur lose verknüpft, während der mäan­dernde Plot längst eine neue Richtung einschlägt.

Wie bei Bella­donna of Sadness erweist sich das Frau­en­bild hier als zwie­spältig. Einer­seits kreierten die Autoren besonders in A Thousand and One Nights selbst­be­wusste Frauen wie die mordende Räuber­tochter Madia oder die Sklavin Milliam, die dem mittel­losen Wasser­ver­käufer Aldin folgt. Ihre Reize setzten die Holden oft als Waffe ein. Ander­seits geraten die Ladies als „Damsel in Distress“ ständig in die Hände brutaler Männer, werden verfolgt, erpresst, miss­braucht, geschändet und ermordet. Im Vergleich dazu erweist sich die nach einem Schön­heits­ideal geformte Cleopatra stärker als Opfer, die sich ständig in ihre Ziele ihrer Intrigen verliebt, sie es Despot Cäsar oder Weichling Marcus Antonius.

Cleopatra (Kureo­patra), in Deutsch­land einst um die über­flüs­sige Science Fiction-Rahmen­hand­lung gekürzt als „Cleo und die tollen Römer“ gestartet, erweist sich ohnehin als schwächster, konven­tio­nellster Teil der Trilogie. Viel­leicht mag es am stärkeren Einfluss von Tezuka als Co-Regisseur gelegen haben, der bei A Thousand and One Nights nur als Produzent und Co-Autor beteiligt war und bei dem düsteren Bella­donna of Sadness nicht mehr mitwirkte. Die Animation schwankt stets zwischen realis­ti­schen Charak­teren und cartoon­ar­tigen Knol­len­nasen-Männchen, die an Bruno Bozzettos redu­zierten Stil erinnern. Dessen sati­ri­scher Humor erreicht stete Anachro­nismen, der durch albernen Slapstick aufge­weicht wird, bei dem die Charak­tere dem Zuschauer schon einmal direkt die Zunge heraus strecken.

Stärker glänzen die makaberen Parabeln um Begierde, Verfüh­rung, Macht, Intrige und Tod durch stete Verweise und Zitate. Gerade die heute harmlos anmu­tenden eroti­schen Einlagen nutzen das Medium für surreale Bild­kom­po­si­tionen, um explizite Einstel­lungen zu umgehen. Cleopatra glänzt immerhin als Spiel mit dem Medium Film wie Zeitlupen-Replays bei Kampf­ein­lagen oder dem Kino­format bei verscho­benem Bild­strich, kunst­ge­schicht­li­chen Exkursen, Comic-Inter­mezzi mit Sprech­blasen, Selbst­zi­tate wie Cameo-Auftritte von Astro Boy und Co. oder Cäsar Tod als bizarre Kabuki-Thea­ter­ein­lage.

Mitunter ermüdend durch seine Überlänge wirkt A Thousand and One Nights, der Aladins Abenteuer mit weiteren Märchen­mo­tiven wie Ali Babas Räuber­höhle, der Zauber­lampe in der Funktion eines spre­chenden Schiffs oder Sindbads Kämpfe gegen den Greif und andere Monstren verknüpft. Wie bei Bella­donna finden sich Einflüsse der Pop Art auf den grafi­schen Stil oder redu­zierte, expres­sio­nis­ti­sche Ingre­di­en­zien wie Schat­ten­spiele, mono­chrome, symbol­hafte Farb­ge­bungen oder Sche­ren­schnitt-Figuren bei Cleopatra. A Thousand and One Nights schwankt zwischen modernen psyche­de­li­schen Rocksongs oder einen wuchtigen klas­si­schen Orches­ter­s­core, was den parodis­ti­schen Anstrich unter­streicht.

Wo sich Yamamoto und Tetzuka noch aus Kosten­gründen mit verfrem­deten Spiel­film­bil­dern, etwa bei der halb­her­zigen  Cleopatra-Rahmen­hand­lung aushelfen mussten, kann man heute auf CGI-Einsatz bauen. Davon macht Mutafukaz nach einem Comic von Guillaume „Run“ Renard reichlich Gebrauch, ohne die Story zu über­la­gern. Seinen wilden Ritt durch die Stile zwischen Hiphop-, Ghetto-, Popkultur, mexi­ka­ni­sche Lucha­dores-Tradition, Paranoia-Horror oder frühe US-Cartoons darf man als direkten Nach­fahren der Animerama-Reihe betrachten, was gleichsam den schwarzen Humor betrifft. Die rasante Kopro­duk­tion soll im Herbst 2018 ebenso einen Platt­form­start erhalten wie „Mary und die Blume der Hexen“ des neu gegrün­deten Ponoc-Studios.

In der Tradition des Ghibli-Studios, das sich entgegen früherer Ankün­di­gungen doch nicht ganz aus dem Film­ge­schäft zurück­ziehen wird, verbindet Hiromasa Yone­ba­ya­shis dritte Regie­ar­beit japa­ni­sche und europäi­sche Märchen­mo­tive. Viele vertraute Elemente des bedeu­tenden Trick­film­stu­dios finden sich in dieser Kinder­buch­ad­ap­tion wie ein in eine fremde Umgebung verpflanztes neugie­riges Mädchen, Freund­schaft, eine Öko-Botschaft, der hand­lungs­tra­gende Einsatz der Elemente Erde, Feuer, Wasser und Luft oder das Auftreten mecha­ni­scher, bedroh­li­cher Wesen. Selbst wenn das letzte Quäntchen Genia­lität eines Isao Takahata oder Hayao Miyazaki noch fehlt, erscheint der Fort­be­stand der tradi­tio­nellen japa­ni­schen Anima­ti­ons­technik gewähr­leistet. Mit Mind Game-Regisseur Masaski Yuasa, der zwei aktuelle Arbeiten für Teenager vorlegt („Lu Over the Wall“, „Night is Short, Walk On Girl“), steht ein weiteres viel­spre­chendes Talent am Start. Er versteht es, grafisch und inhalt­lich neue Wege zu bestreiten, ohne die Trick­ge­schichte verleugnen zu wollen.

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