»Ich bin sicher, Kino überlebt mich« |
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| Scheut eigentlich das Sonnenlicht: Rainer Stefan, Leiter des Fantasy Film Fest | ||
| (Foto: Fantasy Film Fest) | ||
Heutzutage ist das Fantasy Filmfest eine erfolgreiche, deutschlandweit durch sieben Städte tourende Leistungsschau des Genrekinos. Zur 40. Ausgabe – die am 2.9. in Berlin startete und eine Woche später München erreicht – erinnert sich Rainer Stefan, der das FFF mit Schorsch Müller gründete und heute noch leitet, an die deutlich handgemachteren Anfänge.
Das Gespräch führte Thomas Willmann
artechock: Wo kam ursprünglich die Idee her, ein solches Festival ins Leben zu rufen?
Rainer Stefan: Seit ich dreizehn, vierzehn Jahre alt war, habe ich in der Schule einen Filmclub organisiert mit 16mm-Kopien. Ich habe die Filme ausgeliehen und dann auch in Altenheimen gezeigt. Ich wollte einfach Kino machen – und habe dann auch angefangen, Filmkopien zu sammeln. Damals bin ich dann immer nach London geflogen. Da gab’s »Movie Jumbles«, so hieß das, wo man Filmkopien – meistens alte, gebrauchte 16mm
– kaufen konnte. Jedenfalls hab ich das Zeug gesammelt, unter anderem auch Filmkopien der Val Lewton-Filme, die damals in Deutschland weitgehend unbekannt waren. The Seventh Victim und so weiter.
Dann hab ich bei Kinos gejobbt. Und irgendwann hab ich zwei Jungs aus Hamburg getroffen, die hatten in Hamburg das Alabama Kino. Denen hab ich erzählt, was ich in der Sammlung habe. Das waren hundertfünfzig bis zweihundert Filmkopien, überwiegend
Klassiker. Dann haben die gesagt: »Wir haben da ein Kino...« Und daraufhin hatten wir die Idee: Okay, wir zeigen die Filme mal im Kino und bauen ein Event drum rum. Das nannten wir Fantasy Filmfest.
Wenn du auf unserer Website auf »Archiv« klickst...
artechock: Ja, da war ich schon. Da gibt es die Programmhefte aller Ausgaben bis zurück zur ersten!
Rainer Stefan: Genau. Im ersten Jahr lief The Seventh Victim. Und im zweiten Jahr haben wir dann sogar als Poster ein Standbild daraus genommen.
Also, jedenfalls: Das war zuerst die Idee. Wir haben uns in München getroffen. Im Arri Kino. Die Jungs aus Hamburg haben gesagt okay, sie stellen ihr Kino zur Verfügung. Das Alabama war so ein alternatives Kino. Und in Hamburg gab’s die Markthalle. Das war eine
Konzerthalle für zweieinhalbtausend Leute. Die haben wir für Samstag gemietet und haben da Nosferatu gezeigt.
Enno Patalas hatte im Münchner Filmmuseum Nosferatu restauriert und viragiert. Da gab’s eine neue 35mm Kopie. Die hat mir der Enno geliehen, und wir haben die in
Hamburg in der Markthalle gezeigt mit Pianist – und danach hatten wir drei lokale Punkbands, und dazwischen haben wir The Texas Chainsaw Massacre 2 gezeigt. An dem Samstag war ausverkauft, die ganze Veranstaltung war fünf Tage lang und ein ziemlicher Erfolg. Dann haben wir das im nächsten Jahr noch mal gemacht. Und dann hatte ich die Idee, das auch in München zu machen. Das
war im Cinema von Dr. Buchwald.
Und dann haben wir es auch gleich noch auf Berlin und Köln ausgedehnt, und letztlich auf sieben Städte. So ist das entstanden. Diese Filmkopien waren eigentlich der Auslöser – dass ich diese Filme hatte. Ich bin so ein Val Lewton-Fan...!
artechock: Ja, die Filme, die er produziert hat, sind toll!
Rainer Stefan: Und die dann mal im Kino zu zeigen, als die Sachen hierzulande nicht auf Video verfügbar waren, war im Grunde der Startschuss. Sowie eben die Nosferatu-Fassung von Enno Patalas.
artechock: Damit hast du schon meine nächsten Fragen beantwortet. Nämlich: Warum zuerst Hamburg? Obwohl du ja Münchner warst damals, oder?
Rainer Stefan: Ja, ich bin Nürnberger und hab da schon lange in München gearbeitet und gelebt. Hamburg war eben zuerst, weil die einfach das Kino hatten und auch von der Stadt gefördert waren. Und auch so ein bisschen alternatives, wildes Programm machen wollten.
Ich hatte damals aber auch schon Kontakt zum Filmverleih Warner, weil da drei meiner Freunde gearbeitet haben. Und Warner hat uns als Premiere das Little Shop of Horrors-Remake gegeben. Das siehst du auch in dem Programmheft.
artechock: Genau, da habt ihr ein Double Feature zusammen mit dem Original gemacht.
Rainer Stefan: Und wir hatten neu noch einen heute völlig vergessenen Film, Trick or Treat mit Ozzy Osbourne. Den haben wir dann zwischen den Klassikern auch noch reingehauen. Die Mischung war schon wild. [Lacht]
artechock: Ja, als ich mir jetzt nochmal die alten Jahrgänge durchgeschaut habe, dachte ich mir auch: »Wow, das war schon ein tolles Programm damals!«
Rainer Stefan: Das hätte auch im Werkstattkino sein können. Da hab ich ja auch einen Teil meiner cineastischen Bildung her. Du wahrscheinlich auch...
artechock: Ja. Wobei mein allererstes Werkstattkino-Erlebnis war, dass ich vor verschlossenen Türen stand. Weil der Staatsanwalt Maniac mitgenommen hatte...
Rainer Stefan: Genau. Drum haben wir unsere Filmdosen in dieser Zeit, ’89 im Cinema, auch falsch beschriftet mit alternativen Titeln. Weil da kam auch die Staatsanwaltschaft und hat gesucht – den Film aber nicht gefunden. Der war nicht da, weil der hieß halt anders bei uns. [Lachen]
artechock: Ich wusste nicht, dass ihr da auch wirklich Probleme hattet.
Rainer Stefan: Ja. Hatten wir alle. Das war ja das Spannende.
artechock: Das Fantasy Filmfest war damals oft die einzige Chance, die Sachen einmal uncut zu sehen, bevor sie in Deutschland für lange Zeit zensiert oder indiziert waren. Man musste bei euch halt nur schon 18 sein, um reinzukommen...
Rainer Stefan: Ja – es passiert mir immer wieder, dass ich heute Leute treffe, die mir sagen: »Weißt du, wie ich dich damals gehasst habe, dass du mich nicht reingelassen hast?« [Lacht]
Ich hab richtig Schuldgefühle, zu wie vielen Menschen ich damals dann Nein sagen musste – obwohl ich genau wusste, ich war selber so und wollte mit 16 in den Filmpalast...
artechock: Ich nehme an, ihr habt von dem anfänglich eher retrospektiven Ansatz dann zu aktuellen Genrefilmen gewechselt, weil deine Sammlung irgendwann nicht mehr genug Material hergegeben hat...?
Rainer Stefan: Na ja, auch weil die Zeit sich verändert hat. Im zweiten Jahr, ’88, haben uns die Verleiher schon ganz anders unterstützt. Da war dann Prince of Darkness dabei, und von Rob Reiner The Princess Bride als Premieren. Damit haben wir natürlich viel mehr Leute gezogen.
Aber die Kombi aus
Klassikern und neuen Filmen haben wir relativ lange gemacht – bis dann wirklich DVD und Blu-ray das gekillt haben. Wir haben teilweise im Cinema noch 16mm-Kopien von mir gezeigt, wie Frankenstein Meets the Wolf Man. Das Cinema hatte ja noch einen stationären 16mm-Projektor. Wir haben auch ein, zwei Jahre parallel im Filmmuseum gespielt.
Ich weiß auch noch, wir haben
Filme der Hammer Studios gezeigt, mit einer Retro des Drehubuchautoren Jimmy Sangster...
artechock: Von damals hab ich noch die signierte Jimmy Sangster-Autobiografie im Regal!
Rainer Stefan: »Do You Want It Good Or Do You Want It Tuesday«! Ich bin ja so ein Hammer-Filme-Fan! Ich hab damals Roy Skeggs in London angerufen – der hat damals bei Hammer die Geschäftsführung gemacht – und der hat mir seine 35mm-Kopien geschickt – Dracula: Prince Of Darkness, Taste Of Fear... – und den Kontakt zu Jimmy gegeben.
Da hab ich Jimmy angerufen. Und er hat
gesagt: »Ach, komm doch zu mir nach Hause zum Essen.« Dann bin ich nach London geflogen und war bei Jimmy Sangster zum Abendessen in seiner Wohnung mit seiner Frau. So kam der Deal zustande, dass er dann nach München kam.
Das war echt einer der Höhepunkte.
Und da warst du schon als Zuschauer dabei?
artechock: Ja, ich bin seit ’89 dabei, wo es zum ersten Mal in München war, im Cinema.
Rainer Stefan: Wo meine Mama noch lebte – die hat die Ticket-Reservierungen im Kino gemacht. [lacht] Friedhof der Kuscheltiere war der Eröffnungsfilm.
artechock: Ich war auch da, als Clive Barker zu Gast war.
Rainer Stefan: Wo der Film zu spät ankam, glaub ich. Nightbreed. Ja, die Anfänge in München waren wild.
artechock: Mal war das Cinema ja auch mehr oder minder Baustelle...
Rainer Stefan: Ja. Sammy Balkas hat da Deko gemacht. Das war ein Maskenbildner für Jörg Buttgereit. Das Cinema war Baustelle – und wir haben das auf die Weise kaschiert.
artechock: Aber wo wir grade so in Nostalgie schwelgen: Was ist heute besser denn je? Was würdest du nicht mehr missen wollen?
Rainer Stefan: In unserer Hochphase haben wir 70 Filme gezeigt in sieben Städten, und meine Freunde mussten nachts mit Transportern zwischen den Städten fahren, teilweise von München nach Hamburg, um die 35mm-Kopien zu transportieren. Und zwischendurch in Frankfurt ausladen und einladen, und das Ganze wieder zurück. Dieser Filmtransport, das war der Albtraum! Diese ganzen Logistiklisten, welcher Film wann in welcher Stadt von welchem der zwei Lkws ausgeladen werden muss und in welches Kino gebracht... Das war Chaos. Es war echt unglaublich, dass das funktioniert hat. Das kann ich mir gar nicht mehr vorstellen.
artechock: Das glaube ich dir, dass ihr euch das nicht zurückwünscht...!
Rainer Stefan: Und wir haben auch immer asiatische Sachen gezeigt – die waren dann immer in zwei Kartons, weil die hatten Zehn-Minuten-Akte. Nicht wie wir 600 Meter pro Rolle, sondern 300 Meter Analogfilm-Akte.
Und dann wurde doch mal was falsch ausgeladen. Da musste wieder einer von uns schnell im PKW von Hamburg nach Frankfurt fahren. Und dann kam die Kopie eine halbe Stunde zu spät an. Und das Publikum musste warten...
[lacht]
artechock: Aber dass das Ganze mal so ein großes, bundesweites Festival mit so vielen Spielstätten wird, das war anfangs nie der Plan?
Rainer Stefan: Nee, das Festival war eigentlich eine Schnapsidee nur für einmal. Dann blieb ich hängen, so wie wir alle irgendwie bei Kinomachen hängengeblieben sind. Mein Traum war immer, ein eigenes Kino zu haben, so wie das Cinema.
artechock: Und habt ihr je versucht, öffentliche Förderung zu bekommen?
Rainer Stefan: In München am Anfang, im ersten oder im zweiten Jahr, haben wir, ich glaub zwei oder dreimal 10.000 DM bekommen vom Kulturreferat. Das wurde dann aber wieder eingestellt. Die 10.000 waren damals auch nicht viel Geld. Denn die meisten Filmkopien mussten wir kaufen, oder selber ziehen lassen – wir brauchten die Kopien ja für drei Wochen. Was zum Beispiel in Frankreich ungefähr 3.000 bis 4.000 DM waren. Und sie untertiteln lassen in Englisch oder Deutsch. Das heisst, die Kosten für einen Film waren oft schon 5.000 DM. Mit den 10.000 DM, die wir bekommen haben am Anfang, konnte man zwei Filme finanzieren – von siebzig. Wir hatten teilweise ein Budget von 200.000, 300.000 nur für Filmkopien bei einem Festival.
artechock: Wahnsinn...
Rainer Stefan: Dass das rein auf Eintrittsbasis nicht finanzierbar war, kannst du selber ausrechnen. Aber in Hamburg hatten wir damals Astra Flensburger. Die haben uns unterstützt mit sehr viel Geld. Also viel, viel mehr als das Kulturreferat. Und dann hatten wir Marlboro, ProSieben und so, die mit richtig großen Beträgen rein sind und das ein bisschen abgesichert haben.
Anfangs war es immer kurz vor der Totalpleite, aber meistens
blieb doch was hängen. Irgendwann wars finanziell auf sicherem Boden, aber es hat schon ungefähr acht Jahre gedauert. Am Anfang musste ich immer in Clubs arbeiten am Wochenende, um meine Miete zu bezahlen.
artechock: Wie hat sich das Festival sonst verändert über die Jahrzehnte?
Rainer Stefan: Also in Berlin knallt unser Festival. Wir haben im Zoo Palast, im großen Saal 1, für den diesjährigen Eröffnungsfilm Leviticus in vier Stunden 500 Tickets verkauft. In Berlin haben wir’s relativ leicht. Da mobilisieren wir auch beim Abschlussfilm 800 Leute und haben auch eine wahnsinnige Präsenz über die
Kulturplakatierung hier.
In München tun wir uns viel schwerer, seit wir aus dem Cinema weg sind. Obwohl das City ein tolles Kino ist! Aber da ist vom Stammpublikum her die Zielgruppe anders. Aber auch da läuft’s dieses Jahr super gut.
Wir machen ja im Moment auch wirklich viel mit Hochschulen. Und es hat sich verändert durch Streaming. Als Streaming kam, Netflix und Co., dachten wir: Das ist unser Untergang. Aber so war’s dann gar nicht. Wir haben inzwischen auch ein paarmal mit Netflix zusammengearbeitet.
Wir dachten zigmal schon: Das ist das Ende des Fantasy Filmfests. Aber es kommen junge Leute nach. Von den alten Stammleuten seh ich immer noch ein paar, die haben seit dreißig Jahren
eine Dauerkarte. Da sind auch in München einige ganz tolle Menschen dabei.
Aber Kino ist im Moment jung. Kino boomt – und irgendwie haben wir diese Mischung aus verrückten Filmen und hohem Risiko. Letztes Jahr mit Good Boy, jetzt mit Leviticus – ein Film, der
hierzulande keinen Verleih gefunden hatte. Jetzt wird er nach Deutschland verkauft, weil er bei uns so viel Tickets verkauft hat.
Ins Risiko zu gehen hat sich immer ausgezahlt. Nicht nur auf Nummer-sicher-Filme setzen, sondern immer auch schauen, dass wir kleine Independent-Sachen finden, die keiner auf dem Schirm hat.
artechock: In euren Programmen ist ja zum Beispiel auch Quentin Dupieux Stammgast...
Rainer Stefan: Ja, sein erster Film Rubber war schon unser Abschlussfilm. Mit dem besten Prolog der Filmgeschichte...
artechock: »No reason.«
Rainer Stefan: »No reason.« [Lachen] Das ist auch toll, dass wir bei Dupieux immer mit derselben Firma zu tun haben – und die geben uns auch alles, weil sie wissen, dass wir von Anfang an dabei waren. Wir sind ganz gut darin, Kontakte zu pflegen, und dass sich daraus wirklich Freundschaften entwickeln.
artechock: Wenn bei euch der neue Dupieux läuft, muss ich auch immer schon Leuten im Freundeskreis Bescheid sagen, die mit Genrekino oder Horror wenig am Hut haben...
Rainer Stefan: Der am schnellsten volle Dupieux, den wir je hatten, war der Salvador Dalí-Film. [DAAAAAALÍ!] Den wir genau in dem Jahr hatten, wo in Berlin eine große Dalí-Ausstellung war. [Lachen]
Nur mit ein paar Splatterfilmen lockst du heut keinen mehr hinter dem Ofen vor. Aber schon Anfang der ’90er hatten wir in München als Abschlussfilm z.B. den Pilotfilm von Twin Peaks. Den hatten wir direkt vom Produzenten bekommen. Wir haben den Genrebegriff schon immer sehr weit gefasst.
artechock: Ja – ich hab damals z.B. auch The Reflecting Skin dank euch entdeckt. Immer noch eine bleibende Erinnerung.
Rainer Stefan: Das war auch ein toller Film! Der Regisseur, Philip Ridley, war eigentlich ein Kinderbuchautor. Reflecting Skin hab ich neulich wieder gekuckt. Den mag ich immer noch.
artechock: Zum Abschluss der notorische Blick in die Zukunft: Was glaubst du, oder möchtest du, das noch kommt?
Rainer Stefan: Man kann nichts voraussagen. Aber 40 Jahre Fantasy Filmfest geben einem die Gelassenheit, dass Kino weitergehen wird.
Ich hab da früher oft gezweifelt. Als Blu-ray kam und ich mein Heimkino einbaute, dachte ich: »Wer braucht noch das Kino?« Als Streaming kam, dachte ich: »Das ist unser Ende.«
Meine größte Angst hatte ich nach einer Trade Show in München im Mathäser, wo irgendein 3-D-Developer aus Hollywood sagte: »In
Zukunft wird der Content für Entertainment nur noch 30 Minuten dauern und das konventionelle Feature-Film-Konzept mit eineinhalb, zwei Stunden wird sterben.« Das war so vor 15 Jahren. Da dachte ich: »Oh Gott, wenn schon Hollywood das sagt...!«
Jetzt glaube ich: Es geht weiter – und es geht spannend weiter. Filme in der Art, wie wir sie jetzt kennen, mit 90 und 120 Minuten, wird’s weiter geben. Die werden eher zu lang als zu kurz! [lacht]
Aber eigentlich bin ich
gespannt, was kommt. Auch wenn das zwischendurch mal nicht so war, sage ich jetzt: Ich bin sicher, Kino überlebt mich.
Das ist ein gutes Ende, oder?
artechock: Das ist ein super Ende! Das wird möglicherweise sogar die Überschrift...