21.12.2017

»Das Wort liegt im Auge – daran glaube ich«

Philippe Lioret
Philippe Lioret (© temperclayfilm)

Philippe Lioret über die Entste­hung seines neuen Films Die kana­di­sche Reise, warum es sein persön­lichster Film ist, neue Projekte und Kino, das man fühlen kann

Das Gespräch führte Ludwig Sporrer

Philippe Lioret wurde 1955 in Paris, Frank­reich geboren. 1993 drehte er seinen ersten Spielfilm Tombés du ciel mit Jean Rochefort und Marisa Paredes in den Haupt­rollen, für den er beim Festival Inter­na­tional de Cine de Donostia-San Sebastian den Preis für die Beste Regie gewann. Nach einigen Werbe­filmen folgten 1997 Tenue correcte exigée, 2000 Made­moi­selle und 2004 Die Frau des Leucht­turm­wär­ters mit Sandrine Bonnaire. 2006 wurde Lioret für Keine Sorge, mir geht's gut (Je vais bien, ne t'en fais pas) mit dem Étoile d'Or als »bester Dreh­buch­autor« ausge­zeichnet. Welcome, der 2009 auf der Berlinale seine Welt­pre­miere feierte und sich mit der schwie­rigen Situation illegaler Immi­granten in Calais ausein­an­der­setzt, erregte großes Aufsehen und wurde u.a. mit dem Preis der Ökume­ni­schen Jury auf der Berlinale und dem Lux Filmpreis des Europäi­sches Parla­ments ausge­zeichnet. 2014 erhielt Lioret die Auszei­chung Officier de l'ordre des Arts et des Lettres des fran­zö­si­schen Kultur­mi­nis­te­riums verliehen.

Artechock: Die kana­di­sche Reise ist Ihr achter Film und basiert lose auf dem Roman Si ce livre pouvait me rappro­cher de toi von Jean-Paul Dubois. Können Sie mir erzählen, wie Sie den Roman für Ihren Film adaptiert haben?

Philippe Lioret: Das ist eine lange Geschichte, die vor über zehn Jahren begann, als ich den Roman zum ersten Mal gelesen habe. Die Geschichte hat mir sehr gut gefallen. Da lag etwas in der Luft, das ich sehr liebte. Aber ich glaubte nicht, dass ich aus der Geschichte einen Film machen könnte, denn es gab weder ein Drama, noch gab es wirkliche Charak­tere, und es war mir auch nicht persön­lich genug. Deswegen sagte ich erstmal nein und drehte zwei andere Filme [Welcome, All Our Desires].

Der Roman beschäf­tigte Sie aber weiterhin?

Ja, mit der Zeit kam mir die Idee, meine eigene Geschichte zu erzählen. Ich wollte sie aber nicht direkt erzählen, ich wollte meine eigene Geschichte hinter etwas verste­cken. Deswegen habe ich die Geschichte nach Kanada verlegt. Durch meine Tante, die in Québec lebte, war ich in meiner Kindheit oft in Kanada. Ich liebe dieses Land; durch seine schiere Größe, seine atem­be­rau­bende Natur ist es ein eigener Hand­lungs­träger, ein Amerika, das mir durch die fran­zö­si­sche Sprache und Kultur sehr nah ist, aber durch das Ameri­ka­ni­sche gleich­zeitig fremd ist.

Beim erneuten Lesen des Romans wurde mir bewusst, dass ich die Struktur des Buches verwenden kann, um mit ihr meine eigene Geschichte zu erzählen. Ich kaufte die Film­rechte an dem Buch und schrieb dann eine andere Geschichte. Ohne das Buch hätte ich den Film aber nicht drehen können. Es war ein merk­wür­diger Gedan­ken­pro­zess. Es war für mich nicht anders möglich. Als Jean-Paul [Dubois] das Drehbuch gelesen hatte, sagte er lachend zu mir, »gut, mach den Film, ich schreibe das Buch danach, von meinem Roman ist ja nichts mehr da«.

Québec gab mir auch die Möglich­keit mit drei Schau­spie­lern zusam­men­zu­ar­beiten, die ich sehr verehre. Gabriel Arcand ist der beste Schau­spieler, mit dem ich je zusam­men­ge­ar­beitet habe. Das ist zwar nicht sehr nett gegenüber den anderen Schau­spie­lern, aber er hat ein wirklich beein­dru­ckendes Charisma. Denn bevor du ein guter Schau­spieler werden kannst, musst du erst eine richtige Persön­lich­keit entwi­ckeln. Catherine De Léansie hat alles, was man von einer Frau erwarten kann, sie besitzt eine äußere wie innere Schönheit und ist gleich­zeitig eine Frau zum Pfer­de­stehlen. Und Marie-Thérèse Fortin, die Mutter, hat eine unglaub­liche Raffi­nesse in ihrem Spiel.

Alle drei verändern sich beim Drehen nicht. Du sprichst mit ihnen und dann drehst du [imitiert die Bewegung einer Film­klappe] und sie bleiben unver­än­dert. Sie sind alle in ihrer Rolle und gleich­zeitig immer sie selbst. Wenn ich könnte, würde ich alle meine Filme nur noch mit den Dreien machen, aber dann müsste ich auf Grund ihres Akzents alle meine Filme in Kanada drehen.

In Ihren Filmen spielen väter­liche Figuren häufig eine wichtige Rolle. Warum beschäf­tigt Sie dieses Thema so?

Dieses Thema beschäf­tigt uns alle. Jeder hat einen Vater. Im Jüdischen gibt es eine Redensart, die Mutter ist sicher, der Vater viel­leicht. Und es ist wirklich meine Geschichte, die Geschichte meines Vaters. Wer ist mein Vater? Ist dieser Kerl mein Vater oder ist es der? Es war eine wichtige Frage für mich. Es ist merk­würdig. Ich war mir sicher, ich bin allein in der Welt. Aber in jeder Vorfüh­rung des Films sagten mir Menschen, das ist ihre Geschichte. Und ja, Die kana­di­sche Reise ist mein persön­lichster Film.

Das spürt man… und es berührt…

Ja, wenn man persön­liche Filme macht, kann man alle berühren. In meinen Filmen, besonders in diesem, wollte ich nicht mani­pu­lieren. Ich wollte, dass das Publikum im Film ist und nicht einfach nur vor der Leinwand. Das ist harte Arbeit. Wenn man arbeitet und das Publikum diese Arbeit spürt, ist es nicht gut. Man muss sehr intensiv arbeiten, damit das Publikum diese Arbeit nicht bemerkt. Denn für mich ist diese Art von Film ein Geschenk an den Zuschauer. Man muss den Film fühlen, wenn man aber die Arbeit des Dreh­buch­au­tors, des Regis­seurs und der Schau­spieler sieht, dann ist es wie ein Geschenk, auf dem das Preis­schild noch klebt. Ein Film sollte natürlich sein. Okay, es ist Fiktion und okay, es ist nicht die Wahrheit. Trotzdem würde ich mir so sehr wünschen, dass die Menschen sich in die Geschichte einfühlen können, als wäre es ihre eigene Geschichte. Ich bin mir sicher, dass beim Filme­ma­chen das Iden­ti­fi­zieren an erster Stelle steht. Wenn man sich nicht iden­ti­fi­zieren kann, ist es kein Film. Das ist im Theater und in der Literatur anders. Wenn ich es schaffe, dass sich die Zuschauer nur zehn Minuten in die Figur versetzen können, bin ich glücklich.

Ähnlich wie in Keine Sorge, mir geht's gut enträt­selt sich der Film erst ganz zum Schluss. Während des Films bleibt vieles unaus­ge­spro­chen, dafür wird viel über Gesten und Blicke ausge­tauscht. Es gibt so eine schwei­gende Bered­sam­keit.

Ich mag es, wenn die Zuschauer sich nicht passiv im Kino verhalten, sie sollen auch beob­achten und Fragen stellen. Das ist Teil einer notwen­digen Reflexion. In den letzten Jahr­zehnten hat das Fernsehen eine neue Art des Filme­ma­chens etabliert. Den Dreh­buch­au­toren wird gesagt, die Zuschauer müssen die Geschichte auch während des Abspülens des Geschirrs verstehen können. Im Kino sitzt das Publikum in einem dunklen Raum und hat deine gesamte Aufmerk­sam­keit. Wenn du es dann die ganze Zeit an der Hand nimmst, ihm alles zu jeder Zeit ins Ohr flüsterst, verliert das Kino etwas Wesent­li­ches. Der Zuschauer muss seinen Anteil an der Geschichte haben. Das Wort liegt im Auge, hat Brel in Les marquises gesagt. Daran glaube ich.

Die kana­di­sche Reise ist trotz der durch­gängig unter­schwel­ligen Spannung ein fein­fühlig insze­niertes Fami­li­en­drama der leisen Töne. Der myste­riöse Tod des Vaters, seine verschwun­dene Leiche und die vielen Fami­li­en­ge­heim­nisse könnten genauso gut der Plot eines Krimis sein. Was können wir von Ihren zukünf­tigen Filmen erwarten?

Ich erzähle gerne Fami­li­en­ge­schichten. Momentan plane ich zwei Filme, zum einem einen sehr großen Film, der auf einer wahren Geschichte basiert, die in der Zeit des Eiffel­turm­baus spielt. Es ist die Geschichte eines jungen irischen Arbeiters, der aus Chicago nach Paris gekommen ist, um mit vielen anderen Arbeitern den Eiffel­turm zu bauen und der Tochter eines Mannes, der das Grund­s­tück, auf dem der Eiffel­turm errichtet werden soll, gekauft hat, um den Bau zu verhin­dern. Ich möchte diesen Film unbedingt machen, aber er ist sehr schwer zu finan­zieren, da er sehr teuer ist. Das andere Projekt ist ein kleiner Film und erzählt die Geschichte von Romeo und Julia im heutigen Frank­reich, nur dass die Capulets und die Montagues zu verschie­denen Pariser Commu­nities gehören, zur arabi­schen und zur fran­zö­si­schen Bevöl­ke­rungs­gruppe.

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