25.11.2021

»So ein Museum ist ein Spiegel der Gesellschaft«

Handy-Foto im Museum: In den Uffizien
Handy-Foto im Museum: In den Uffizien
(Foto: Piffl Medien GmbH)

Die Regisseurin Corinna Belz über ihren neuen Film »In den Uffizien«, Selfies im Museum und das Ideal eines emanzipierten Betrachters

Die »Uffizien«, das sind ganz wörtlich »Büros«. Aber schon in der Spätre­nais­sance wurde dieser Gebäu­de­kom­plex zu einer Gemäl­de­ga­lerie und -sammlung und damit zum ersten öffent­li­chen Museum der Welt.
Die Kölner Doku­men­tar­film­re­gis­seurin Corinna Belz hat diesen jetzt ins Zentrum ihres neuen Films gedreht: In den Uffizien entstand als Gemein­schafts­ar­beit mit Enrique Sánchez Lansch. Es ist ein seltener Einblick in den Maschi­nen­raum eines Museums, ein Film mit einma­ligen wunder­baren Innen­an­sichten geworden, der zugleich den Blick öffnet für das Originäre und Neue der Renais­sance.
Corinna Belz, die Philo­so­phie und Kunst­ge­schichte studierte, hat seit 1992 über 20 Filme als Regis­seurin gedreht, in weiteren trat sie als Darstel­lerin auf oder war für die Montage verant­wort­lich. Bekannt wurde sie in den letzten Jahren vor allem mit Gerhard Richter – Painting (2010) für den sie 2011 den Bundes­film­preis gewann, und mit Peter Handke – Bin im Wald. Kann sein, dass ich mich verspäte (2016).

Das Gespräch führte Rüdiger Suchsland

artechock: Du hast mit einem Co-Regisseur gedreht. Wie kam es zu dieser Zusam­men­ar­beit?

Belz: Ich hatte dieses Thema schon lange im Kopf, und hatte zugleich Lust, mit jemandem zusammen zu arbeiten: In dem Sinne, dass man während des Drehens Schwer­punkte sucht, und überhaupt stärker in einen Dialog kommt – was man ja manchmal, wenn man alleine arbeitet ein bisschen vermisst. Ich habe Enrique Sánchez Lansch auf einer Veran­stal­tung kennen­ge­lernt, und wir sind dann ins Gespräch gekommen.

artechock: Ihr zeigt viel: Die Zuschauer lernen die ganze Maschi­nerie der Uffizien kennen, und bekommen einige seltene Einblicke.
Manchmal konzen­triert ihr Euch ganz auf die dortigen Bilder, auch in Ausschnitten. Diese Passagen sind wie kleine Clips, poetisch und philo­so­phisch, manchmal auch angeregt durch das, was davor oder danach gesagt wird. Ihr leitet das schon ganz zu Anfang ein, indem ihr darauf hinweist, dass »ein neues Bild vom Menschen« In der Renais­sance begründet und in den Uffizien in gewissen Sinn propa­giert wurde. Was hast du vorher für ein Verhältnis zu den Uffizien und der Renais­sance-Malerei gehabt?

Belz: Ich hatte vorher das Verhältnis eines Besuchers. Ich war das erste Mal mit 17 mit der Schul­klasse in Florenz. Später habe ich Kunst­ge­schichte studiert und da ist es ganz selbst­ver­ständ­lich, dass man sich mit der Renais­sance ausein­an­der­setzt.
Die Idee der Renais­sance ist ja, dass das Menschen­bild indi­vi­dua­li­siert wird. Das ist das, was in der Renais­sance entdeckt wurde. Die Künstler fingen an, ihre Bilder zu signieren, die ersten kunst­ge­schicht­li­chen Schriften entstanden in Buchform, Vasari hat die Idee des Künstlers als Schöpfer begründet. Die Säle der Uffizien sind ja chro­no­lo­gisch aufgebaut. Und so werden die Darge­stellten immer indi­vi­du­eller, von Giotto bis hin zu Botti­celli, oder Cara­vaggio. Deren Gesichter haben oft etwas sehr Gegen­wär­tiges und ähneln manchmal auf ganz verblüf­fende Weise den Zuschauern, die ihnen gegenüber stehen.

artechock: Was war die Renais­sance? Ein neues Menschen­ideal, oder die Hinwen­dung zum Realismus, die Entde­ckung auch der häss­li­chen Seite des Menschen?

Belz: In der Antike ist mit den Mythen schon die hässliche, gewalt­tä­tige Seite des Menschen sogar im Gött­li­chen reprä­sen­tiert. Natürlich auch in der Bibel. Insofern ist in der Renais­sance beides gegen­wärtig. Der Rückgriff auf die Antike und ihren Bild­fundus hat die Renais­sance und Florenz zur Blüte gebracht. Und natürlich das Geld der Medici. Die Erfindung des Gold­florin, also des einheit­li­chen Geld­stan­dards mit seinem Tausch­wert hat den ganzen Waren­handel auf eine neue Ebene gebracht. Die Zünfte waren auch Auftrag­geber für Künstler und haben neben der Kirche aus der Kunst überhaupt erst ein Riesen­busi­ness gemacht.

artechock: Ihr zeigt ja auch, dass die Uffizien eine gewisse Art von Bühne für Propa­ganda und Selbst­dar­stel­lung waren. Wie ist das heute? Für was sind die Uffizien heute eine Bühne? Wir sehen bei euch zum Beispiel Szenen, in denen reiche Geldgeber vom Direktor einer Exklu­siv­füh­rung bekommen.

Belz: In gewissem Sinne sind die Uffizien für jeden eine Bühne, der dort eintritt. Es ist ja ein Phänomen, dass die Besucher sich selber vor den Bildern foto­gra­fieren – natürlich haben sie einen anderen Status, als Geldgeber, oder Künstler die dort ausstellen.
So ein Museum ist ein Spiegel der Gesell­schaft, und kein egali­täres utopi­sches Wunder­land. Das ist auch das Wunder­bare an Museen, dass alle gesell­schaft­li­chen Brüche sich darin und an den Bildern ablesen lassen.

artechock: Einmal sagt der Haus­meister der Uffizien, man müsse eigent­lich vier bis fünf Tage in den Uffizien verbringen, er mokiert sich über dieje­nigen die da sehr schnell durch­heizen. Kann man das heute noch, sich tagelang Zeit nehmen für einen Besuch?

Belz: Natürlich kann man die Uffizien so besuchen. Das ist eine Frage des eigenen Zeit­ma­nage­ments. Wenn ich zwei Wochen Urlaub habe, kann ich statt nach Mallorca oder auf die Malediven zu fliegen, mich auch zwei Wochen In Florenz in eine Pension einmieten, und jeden Tag ins Museum gehen. Und natürlich wird man das dann auch anders erfahren und erleben. Denn dieses Museum ist eine Über­for­de­rung, die man mit einem Mal gar nicht erfassen kann.
Man kann schon sagen, dass eigent­lich alle Mitar­beiter dort Spezia­listen sind. Während sie da arbeiten schauen sie immer noch die Bilder an.

artechock: Wie habt ihr gedreht? Wie lange hat das gedauert und wie war das überhaupt möglich?

Belz: Wir sind ungefähr elf Mal dorthin gefahren. Beim ersten drei Block waren wir drei Wochen da, Dabei haben sich gewisse Themen ergeben, die wir danach dann weiter verfolgt haben. Dies war von der Logistik her ungeheuer kompli­ziert, weil das Museum unter Umständen viel spontaner plant, als man denken würde.
Es war eine der größten Schwie­rig­keiten, wirklich in dem Moment da zu sein, indem etwas passierte. Insgesamt hatten wir glaube ich 50 Drehtage – was eine Menge ist. Wir haben auch vieles gedreht, was wir dann in den Film nicht inte­grieren konnten.
Gerade in einem Museum ist ein gewisser Atem so wichtig – denn das ist ja das, womit man in ein Museum gehen sollte oder könnte. Und das ist es ja, was das Museum vor anderen Angeboten auszeichnet. Ich denke manchmal, wenn der Flaneur oder die Passante irgendwo überlebt hat, dann ist es im Museum.
Ich mag die Idee, dass man im Museum nicht in ein drama­tur­gi­sches Konzept gezwungen ist, sondern selber bestimmt, wo man stehen bleibt.
Im Film ist das natürlich nicht möglich. Diese Faszi­na­tion des Einzel­bildes, und das Ideal eines eman­zi­pierten Betrach­ters, der seine Aufmerk­sam­keit selber einteilt, und dem Bild schenkt, solange er gerne möchte, das existiert in den anderen Unter­hal­tungs­an­ge­boten nicht. In der Unter­hal­tungs­in­dus­trie geht es meistens darum, die Zuschauer zu fesseln. Das Museum ist sozusagen eine Entfess­lungs­künst­lerin.

artechock: Einer breiteren Öffent­lich­keit bekannt geworden bist Du mit Deinen Portraits über Gerhard Richter und über Peter Handke. Wer waren diesmal Deine Prot­ago­nisten?

Belz: Die Bilder sind eigent­lich die Haupt­fi­guren, weil der ganze perso­nelle Aufwand und auch das Gebäude den Bildern ein Zuhause gibt. Was uns die Mitar­beiter erzählt haben: dass sie oft das Gefühl haben, die Bilder schauen sie an.
Natürlich ist es ein Riesen-Unter­schied, weil man beim Porträt eines Museums seinen Fokus erst finden muss. So ist der Film auch erzählt: Vieles passiert gleich­zeitig. Deswegen hat der Film so eine episo­dische Struktur.