| F/USA 2025 · 146 min. · FSK: ab 12 Regie: Olivier Assayas Drehbuch: Olivier Assayas, Emmanuel Carrère Kamera: Yorick Le Saux Darsteller: Paul Dano, Jude Law, Alicia Vikander, Tom Sturridge, Jeffrey Wright u.a. |
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| Zwischen Macht und Ohnmacht... | ||
| (Foto: Constantin) | ||
Writing this, I’m reminded that until I was quite old I too adhered to the romantic cult of madness. I got over it, thank God. Experience has taught me that this particular form of romanticism is pure stupidity, and that madness is the saddest, most dismal thing on earth.
– Emmanuel Carrère, Limonov: The Outrageous Adventures of the Radical Soviet Poet Who Became a Bum in New York, a Sensation in France, and a Political Antihero in Russia
Es beginnt nicht mit Macht. Es beginnt mit einem Vakuum. Mit einem Land, das sich selbst nicht mehr versteht, und mit Männern, die glauben, genau darin ihre Chance zu erkennen. Der Magier im Kreml von Olivier Assayas ist kein Film über Wladimir Putin im engeren Sinne. Es ist ein Film über die Erfindung von Macht und über jene, die glauben, sie kontrollieren zu können, bis sie selbst Teil ihrer Illusion werden.
Assayas, der schon in Carlos gezeigt hat, wie politische Biografien zu fiebrigen Zeitporträts werden können, nähert sich in der Magier im Kreml allerdings einem deutlich diffuseren Stoff. Gemeinsam mit Emmanuel Carrère – dessen Blick auf Figuren wie Eduard Limonow immer auch ein Blick in moralische Abgründe ist – hat er ein Drehbuch entwickelt, das weniger erzählt als umkreist. Wahrheit ist hier nie stabil, sondern ein Effekt von Inszenierung.
Im Zentrum steht Wadim Baranow, gespielt von Paul Dano, ein Mann, der aus dem postsowjetischen Chaos heraus nicht einfach Karriere macht, sondern eine Bühne baut, auf der die Realität selbst zur Show wird. Dass Baranow unverkennbar an Wladislaw Surkow erinnert, der bis heute in Russland lebt, ist kein Zufall. Er ist der „Magier“, der glaubt, Narrative kontrollieren zu können, bis sie beginnen, sich zu verselbständigen.
Jude Law als Putin ist dabei eine der großen Überraschungen des Films. Nicht, weil er imitiert, sondern weil er eine Leerstelle spielt, eine Projektionsfläche. Sein Putin ist weniger Figur als Funktion: sie ist eine so subtile wie plumpe Verdichtung von Macht, die sich aus der Schwäche anderer speist. Damit wird die bekannte Ikonografie von Macht klug unterlaufen und stattdessen gezeigt, wie sehr Macht von denen abhängt, die sie ermöglichen.
Dass der Film auf dem Roman von Giuliano da Empoli basiert, ist spürbar, allerdings nicht als bloße Adaption, sondern als intellektuelles Gerüst. Die Idee vom „Zaren“ und seinem „Rasputin“ ist hier nicht historisches Zitat, sondern Diagnose: Kein Despot regiert allein. Immer gibt es jene, die ihn erfinden, fördern, legitimieren. Und die sich dabei täuschen. Denn irgendwann kippt das Verhältnis. Der Instrumentalisierte entwickelt Eigenmacht; der Strippenzieher wird zum Statisten seiner eigenen Inszenierung.
Assayas Adaption ist am stärksten, wenn er genau diese Verschiebungen zeigt: die feinen, fast unsichtbaren Momente, in denen Kontrolle in Kontrollverlust umschlägt. Wenn Baranow erkennt, dass sein System nicht nur manipuliert, sondern sich selbst reproduziert; dass Wahrheit und Lüge nicht mehr zu unterscheiden sind, weil beides Teil derselben Dramaturgie geworden ist.
Dennoch ist Der Magier im Kreml kein pessimistischer, kein nihilistischer Film. Dafür ist er zu klar, hat er viel eher etwas von der kristallklaren, gnadenlosen Hellsicht von Hans Christian Andersens Schneeönigin. Er zeigt, dass der Traum von einem freien Russland nicht nur von oben zerstört wurde, sondern auch von unten; von einer Gesellschaft, in der Freiheit selbst zum Skandal wurde, zur Überforderung, zum Anlass für einen neuen autoritären Reflex, der dem Wahnsinn der Freiheit endlich ein Ende setzen sollte. In einem der bittersten Momente des Films wird das Volk zum eigentlichen Diktator, zum Resonanzraum für jene Macht, die es zugleich beklagt.
Formal bleibt Assayas dabei kontrolliert und kühl. Die Bilder vermeiden Pathos, sie setzen stattdessen auf eine stetige Verdichtung von Atmosphäre. Dass alle Schauspieler Englisch sprechen (eine der unausweichlichen Produktionsbedingungen, mehr in unserem Interview mit Olivier Assayas), hätte leicht zur Künstlichkeit führen und aufgesetzt wirken können, funktioniert hier aber dann sehr gut als bewusste Distanzierung, denn diese Geschichte ist nun einmal nicht nur russisch, sondern sie ist universell lesbar.
Nicht alles, was hier erzählt wird, trägt jedoch über die volle Laufzeit. Mit 154 Minuten ist der Film immer wieder spürbar zu lang, einige Dialoge wiederholen, was längst sichtbar geworden ist. Hier hätte eine Straffung gutgetan. Nicht um die Komplexität zu reduzieren, sondern um ihre Wirkung zu schärfen.
Trotzdem ist Der Magier im Kreml ein bemerkenswert präziser, kluger Film. Einer, der Politik nicht als Abfolge von Ereignissen versteht, sondern als ästhetisches System. Als Spiel. Als letzten Spaß, wie es einmal heißt. Und genau darin liegt seine beunruhigende Wahrheit. Denn was Assayas Ende zeigt, ist vielleicht das Unangenehmste, das Perfideste und das Hoffnungsloseste, was sich angesichts unserer gegenwärtigen weltweiten politischen Dissonanzen überhaupt sagen lässt: Macht kommt nicht nur von oben, sondern sie entsteht aus einem Zusammenspiel von Sehnsüchten, Projektionen und Erzählungen, die auch zur Folgen haben, dass diejenigen, die glauben, sie zu kontrollieren, oft nur ihre ersten Opfer sind.
»Wolves are no beasts. They are the guardians of the forrest.«
– aus: »Le Mage du Kremlin«»Stalin was not popular despite the killings. He was popular because of the killings.«
– aus: »Le Mage du Kremlin«
Es ist ein Parforceritt durch die russische Geschichte, ein genialer Coup. Denn Olivier Assayas' Film Le mage du Kremlin, der im letzten Sommer im Wettbewerb der Filmfestspiele von Venedig Premiere hatte, erzählt gleichzeitig vom Russland der letzten 35 Jahre, wie von unser Gegenwart, und wie diese wurde, was sie heute ist.
Der Film ist überzeugend und zwingend, gerade auch in seiner Kritik an westlichen Narrativen. In der Weise, in der er uns den
Spiegel vorhält.
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Was uns Putins Aufstieg alles über uns selbst verrät. Basierend auf dem gleichnamigen, offenbar ziemlich interessanten Roman des italienischen Schriftstellers und zeitweiligen Politkberaters Giuliano da Empoli (deutsch bei Beck: »Der Magier im Kreml«) und damit lose auch auf der realen Biographie des 1964 geborenen Wladislaw Surkow, des ehemaligen Chefideologen des Kreml, zudem mit Drehbuchbeteiligung von Emmanuel Carriere – des Autors jenes
atemberaubenden »Limonow«-Romans, der 2024 vom Exilrussen Kiril Serebrennikov verfilmt wurde – bietet der Film eine schlüssige Innenansicht der russischen Macht und Politszene ohne einfache Erklärungen, ohne Küchenpsychologie und vor allem ohne jene billige Polemik der bekannten »Russlandexperten« unserer Medien, die oft mehr Meinungs- und Parteipolitik spiegeln, als Forschungsergebnisse. Assayas – der Regisseur von (u.a.) Carlos und Die Wolken von Sils Maria – zeigt stattdessen lieber Ereignisse und die Medien- und PR-Diskurse um sie herum. Und zwar als Medien- und PR-Diskurse, nicht als Aussagen über Fakten. Überhaupt die »Fakten«...
Vor allem aber zeigt der Franzose, was Putins Aufstieg alles
möglicherweise über uns selbst verrät. Assayas Film handelt von den Schwächen einer Demokratie, in der Populismus und Demagogie Oberhand gewinnen, die die Bürgerrechte und Kultur an den Markt und den Meistbietenden verkauft, und die die Minderheiten nicht schützt.
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»Vertikale Demokratie«. Limonov hat selbst einen kurzen Auftritt im Film, der ihn den schönen Satz sagen lässt: »Das Individuum ist nicht das Problem. Die US-Kultur ist es.«
Später heißt es dann, Russland müsse »ein Ort werden, an dem die Menschen ihrer Wut auf die Welt frönen und dem Zar gegenüber loyal sind.«
Paul Dano spielt den an Surkow angelehnten Vadim Baranov, jenen »Kreml-Flüsterer« und »neuen Rasputin«, einen hochgebildeten Intellektuellen und Fan des Antistalinisten Jewgeni Samjatin, der auf den Trümmern des Jelzin-Ausverkaufs und des neoliberalen Raubtierkapitalismus der wilden 90er Jahre »das Unerwartete erwartbar« macht, eine »vertikale Demokratie« errichtet, und der dazu seinen Mitarbeitern einbläut: »Stop Making Up Stories. Start Inventing Realities« und damit fast alles vorwegnimmt, was den auch den Populismus der westlichen Demokratien heute prägt.
Diese Demokratien kommen in Assayas Film insgesamt nicht sonderlich gut weg. Der Regisseur von Die wilde Zeit gönnt sich das Vergnügen, seinen Figuren in den 90ern in Dialogform zu prognostizieren, dass der Kommunismus über 70 Jahre lang unter anderem auch ein Bewahrer der bürgerlichen Ästhetik, Kultur und Poesie war, und dass der westliche Neoliberalismus genau diese
Bürgerlichkeit zerstören werde – so wie dies tatsächlich nicht nur in Russland, sondern seit den 90er Jahren auch in westlichen Gesellschaften unter dem Mantel von Digitalisierung und Publikumsfreundlichkeit längst tagtägliche Erfahrung ist.
Baranov mag so wirken, wie ein russischer Forrest Gump, er ist das aber gerade nicht, sondern vielmehr ein cooler Medienstrippenzieher, den Alicia Vikander als seine der Gegenkultur zugewandte Frau noch menschlicher
macht.
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Nicht Angst und Diktatur – wie das »System Putin« funktioniert. Ausgerechnet Jude Law, in den späten 90ern, den Jahren von Putins Aufstieg einst der schöne junge Mann des Weltkinos (Gattaca, Der talentierte Mr. Ripley) spielt Putin selbst, mit blond gefärbten
dünnen Haaren, gedrungen, den bekannten Gesten des Präsidenten. Sein Portrait eines realen vermeintlichen Monsters zieht einen in Bann.
Doch der Putin dieses Films ist ein Mann, der auf einer gewisse Weise den ganzen zweieinhalbstündigen Film über ungreifbar bleibt: Ein Nichts, ein leeres Zentrum in der Mitte des Films. Wir verstehen nicht, was ihn antreibt, warum er das tut was er tut und was er letztendlich will, außer an der Macht bleiben und nicht getötet oder verbannt zu
werden, wie so viele russische Herrscher in den Jahrhunderten vor ihm. Aber das zu verstehen ist auch nicht die Absicht des Films, der um etwas anderes kreist, und darum wäre es falsch, dies Verständnis einzuklagen.
Wir verstehen stattdessen nämlich anderes, Dinge, die wichtiger und unangenehmer für uns sind.
Was wir hier sehen, ist, wie das »System Putin« funktioniert, und warum. Denn alle Erklärungen, die einfach nur mit den Worten »Angst«, »Einschüchterung« oder gar »Diktatur« arbeiten, sind zu einfach, und bestätigen nur allzu bequeme westliche Selbstbilder, nach denen wir in unseren Wohlstandsdemokratien sowieso in der besten aller Welten leben. Darüber wäre allemal zu diskutieren. Aber Assayas' Film zeigt, wo diese wohlpolierten, warm temperierten, mit allerlei blinden
Flecken ausgestatteten Selbstbilder nicht greifen; er zeigt, dass Russland vor allem anders ist, als der Westen: »Wenn man im Westen Politiker verhaftet, finden es alle richtig, wenn es aber Geschäftsleute trifft, empören sich alle«, sagt einmal die Hauptfigur, »in Russland ist es genau umgekehrt.«
Liegt der Unterschied zwischen den USA und Russland vielleicht doch nur darin, dass in Moskau die Willkür der Macht regiert, in Washington die Willkür des Kapitals?
Das System Putin funktioniert, folgt man diesem Film, weil die Mehrheit der Russen Ordnung will und Sicherheit, weil die neue Freiheit der 90er einen Ausverkauf der Macht und des Reichtums Russlands bedeutete.
Die (neuen) Medien sind heute die einzigen funktionierenden Institutionen. Sie orchestrieren die Demokratiesimulation. Einmal erklärt Baranow seinen Mitarbeitern, dass das russische Volk im Fernsehen seinen eigenen Klischees begegnen wolle: der aufstiegsgeilen
Prostituierten, dem alten Mütterchen, dem besoffenen Vater, dem rebellischen Jugendlichen.
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Doppelmoral des Westens. Hinzu kommt die Doppelmoral: Unfaire Wahlen in Russland sind dem Westen ein Beweis dafür, dass die Demokratie nicht lupenrein sei, unfaire Wahlen in der Ukraine interessieren niemanden. Die Besetzung der Jahrhunderte zu Russland gehörenden Krim ist »ein Bruch des Völkerrechts«, die Besetzung des Irak dagegen ein von der UNO unterstützter, für Frieden und Freiheit notwendiger »Regime Change«
Assayas lässt seine Figuren in Dialogduellen reden, argumentieren und gegeneinander antreten. Was sie sich gegenseitig sagen und verschweigen, mündet in unsere Gegenwart eines universalen Nihilismus: Wer hat recht? Und warum? Wann lügt Putin? Und wer lügt über ihn? Was hätte man tun können, als Jelzin ersetzt werden musste?
So ist dies ein Film, über den man tagelang debattieren kann.
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Eine gut argumentierende und inszenierte Kritik am Westen. Es ist insgesamt eine wunderbare, schlüssige, gut argumentierende und inszenierte Kritik am Westen und seinen Selbstbildern, die der Film genüsslich und süffisant ausbreitet, und die die Hauptursache für die verhaltene Aufnahme durch die angloamerikanische und deutsche Presse bei der Premiere in Venedig sein dürften. Eine Ausnahme machte seinerzeit der Spiegel, dessen Autor den Film zu Recht als »Sensation« und das »Ereignis dieses Festivaljahrgangs« lobte, als den »bisher klügsten und politisch relevantesten Wettbewerbsfilm von Venedig«.
Der Film ist überzeugend und zwingend, gerade auch in seiner Kritik an westlichen Narrativen. In der Weise, in der er uns den Spiegel vorhält.
Dies ist das »Kino der neuen Realität«, das im vergangenen Jahr von Festivaldirektoren wie dem Venedig-Chef Alberto Barbera ausgerufen wurde. Es ist nur nicht die Realität, die der woken Festivalblase passt.